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SPIELFELD
18.05.2020

Wie funktioniert Spielanalyse?

Die Zeiten, in denen der Trainerstab eines Bundesligisten aus zwei oder maximal drei Personen bestand, sind längst vorbei. Der Fußball wird mehr und mehr verwissenschaftlicht, Experten werden in die Trainerstäbe eingegliedert. Bei der TSG Hoffenheim hat die Spielanalyse, früher auch als Videoanalyse bekannt, einen enorm hohen Stellenwert. Timo Gross (29), Co-Trainer Spielanalyse der TSG, erklärt in SPIELFELD anhand eines Wochenplans die Arbeit seines Teams.

Einen Tag nach dem Spieltag

Am Morgen nach dem Spiel steht die Abteilung Spielanalyse, zu der auch Niklas Mayer (28), Yannic Hess (27) und Philipp Lussi (26) gehören, im Blickpunkt. Timo Gross und sein Team haben das am Vortag aufgenommene Videomaterial des Spiels bis zum Trainingsbeginn bereits ausgewertet. Die finalen Clips bespricht Gross gemeinsam mit Cheftrainer Alfred Schreuder. Im großen Videoraum in Zuzenhausen werden taktische und individuelle Auffälligkeiten sowie perfekte Umsetzungen anhand der Videos der Spielanalysten besprochen. „Durch die Videosequenzen haben wir die Möglichkeit, wichtige Szenen zeitnah nach dem Spiel aufzuzeigen und zu verbessern. So können wir den Spielern die relevanten Botschaften des Spiels mitgeben.“ Jedoch gilt es abzuwägen: „Welchen Fokus setze ich? Welche Botschaft will der Cheftrainer der Mannschaft in die kommende Trainingswoche mitgeben? Lässt sich die Nachbesprechung bereits mit dem kommenden Gegner verbinden?“

Zwei Tage nach dem Spieltag

Da das Team Spielanalyse stets das gesamte Wochenende im Einsatz ist, bedeutet der meist trainingsfreie Montag auch für Timo Gross und sein Team: abschalten und erholen. „Fußballspiele gucke ich mir auch an den freien Tagen gern an. Und um ehrlich zu sein, liegt auch am freien Tag der Woche der Blick auf dem kommenden Gegner, wenn auch reduzierter“, sagt Gross.

Vier Tage vor dem Spieltag

Zurück auf dem Trainingsplatz wird vier Tage vor dem nächsten Spiel der Blick nach vorn gerichtet. Der nächste Gegner wird analysiert. Für die Erstellung des jeweiligen Matchplans von Alfred Schreuder sind die Angaben des Spielanalysten wichtig. Gross schaut vergangene Spiele des Gegners – in der Bundesliga, gegen die TSG oder gegen Teams, die einen ähnlichen Stil spielen. „Alfred Schreuder und ich besprechen den Gegner und tauschen unsere Eindrücke aus, um uns ein genaues Bild zu verschaffen. Einstudierte Spielzüge, bevorzugte Angriffsseiten, defensive Anfälligkeiten – darauf basierend werden Trainingsinhalte und der Matchplan ausgerichtet.“

Drei Tage vor dem Spieltag

Hochbetrieb in der Abteilung Spielanalyse. Gegnerbesprechung mit dem übrigen Trainerstab und die Matchplan-Anfertigung sind ein fortlaufender Prozess. Das Trainerteam berät sich, sucht in den Videoaufzeichnungen nach Stärken und Schwächen des Gegners sowie Lösungsmöglichkeiten. Timo Gross und sein Team stürzen sich zudem in die Detailarbeit: Verhaltensmuster einzelner Spieler werden erstellt und in Video-Clips zusammengeschnitten, um die TSG-Profis mit Individual-Analysen der Gegenspieler zu versorgen. „Extrem viele Daten der Spieler sind mittlerweile abrufbar. Unsere Arbeit geht aber weit über Attribute wie ‚kopfballstark‘ oder ‚schnell‘ hinaus. Darüber hinaus können wir durch die Videosequenzen leichter und besser Lösungswege aufzeigen sowie Tipps für das jeweilige Spiel und den Gegenspieler geben“, sagt Gross – und weiter: „Es sind von uns gefilterte Hinweise, die sich per Video leichter abspeichern lassen. Vor allem für junge und unerfahrene Spieler sind die Hilfen sehr wichtig.“ Die TSG-Profis bekommen durch Technik des Software-Partners SAP Videos und Informationen, die sie sich zu Hause anschauen und mit denen sie sich auch nach den Einheiten in Zuzenhausen auf das Spiel vorbereiten können.

Zwei Tage vor dem Spieltag

Das Spiel rückt näher, der Matchplan steht – Zeit für die Detailarbeit. Nun wird in den Mannschaftssitzungen der nächste Gegner besprochen, auf dem Platz an der Umsetzung gefeilt. Timo Gross und das Trainerteam verfolgen das Geschehen genau, unterbrechen, lassen Übungen und Spielzüge wiederholen. Beim Spiel Elf-gegen-Elf steht er mit einer Kamera und seiner technischen Ausrüstung auf dem Podest, das sich seitlich am Trainingsplatz auf der Höhe der Mittellinie über der großen Videoleinwand befindet, und analysiert das Training: Gross filmt, beobachtet mit bester Sicht die Umsetzung der gewünschten taktischen Ideen – und liefert in Sekundenschnelle das Video.

„Wenn Alfred unterbricht, kann ich die gewünschte Szene sofort auf die Videoleinwand werfen. Dort kann sie gezeigt und besprochen werden. Dieses direkte Feedback ist für den Spieler ideal, da er es zeitnah und nicht erst nach dem Training erfährt.“ Parallel dazu bereiten sich Gross und sein Team auch schon immer auf den übernächsten Gegner vor. „Um frühzeitig alle Informationen von unseren Gegnern beisammen zu haben, analysieren wir immer zwei Teams überlappend – die Gegnerbeobachtung kann nicht erst zu Beginn der jeweiligen Woche gestartet werden.“

Einen Tag vor dem Spieltag

Analyse-Schwerpunkt ist immer noch das Spiel Elf-gegen-Elf. Der Fokus richtet sich aber nun zudem auf die Individualanalyse der eigenen Spieler: Wie gut setzt jeder TSG-Profi die speziellen Vorgaben um. Welcher Spieler auf einer umkämpften Position kommt mit den Anforderungen besser zurecht? „Das Aufsaugen einer Information ist für den Spieler entscheidend, es geht darum, später auf dem Platz intuitiv zu reagieren: Denkt er zu lange nach, kann es schon zu spät sein.“ Ein neuer Punkt im Wochenplan: Standardsituationen. Auch hier wird der Gegner genauestens untersucht: Welcher Schütze schießt welche Standards, wie werden Eckbälle ausgeführt, wie bewegen sich die Spieler in Angriff und Verteidigung? Auch in diesem Punkt werden die Spieler und der übrige Trainerstab mit Videos, Daten und Auffälligkeiten versorgt.

Spieltag

Timo Gross sitzt während der Heimspiele mit seinem Mitarbeiter Niklas Mayer hoch oben unterm Dach der PreZero Arena und auswärts auf den ausgewiesenen Video-Plätzen. „Wir sind das Team, das sämtliche TSG-Spiele und die Live-Analysen begleitet.“ Das Duo achtet auf die Umsetzung der in der Woche besprochenen Details und untersucht den Auftritt des Gegners nach diesen Kriterien: Spielt die Mannschaft wie erwartet? Worauf muss die TSG besonders achten? Und wo kann sie selbst dem Gegner gefährlich werden? Gross ist per Headset mit der Trainerbank verbunden und kommuniziert während des Spiels mit Co-Trainer Dick Schreuder. Eindrücke aus der Vogelperspektive werden weitergegeben und besprochen.

Zudem schneidet er während der ersten Hälfte Spielszenen zusammen, die er Alfred Schreuder und auch den Spielern in der Halbzeitpause auf einem Bildschirm in der Kabine zeigt. „Bei der Live-Analyse geht es darum, dem Trainerteam möglichst schnell alle relevanten Auskünfte zu geben und gemeinsam besprochene Inhalte im nächsten Schritt den Spielern zu zeigen: Welche Räume kann ich nutzen, wie gehen wir gegen wiederkehrende Gefahrensituationen vor? Diese Fragen können so beantwortet werden.“ Eine große Verantwortung, die aufzeigt, warum die Videoanalysten nun dem Trainerstab zugeordnet werden und Timo Gross offiziell als Co-Trainer fungiert. Der Dank geht aber vor allem an seine Mitarbeiter: „Nur wenn alle Rädchen optimal ineinandergreifen, kann die ideale Unterstützung für Trainer und Spieler gegeben werden. Darum bin ich sehr froh über die Arbeit meines Analyse-Teams. Im Trainerteam haben wir einen super Mix aus Humor und Fokussierung, welcher meine Arbeit im Bundesligaalltag intensiv und hoch interessant macht.“

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