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SPIELFELD
23.09.2019

Rudy: „Wir wollen hier sesshaft werden"

Sebastian Rudy ist zurück. Nach jeweils einer Spielzeit beim FC Schalke 04 und dem FC Bayern München läuft der Mittelfeldspieler in dieser Saison wieder im TSG-Trikot auf. Gegen den VfL Wolfsburg könnte er zum 200. Mal in der Bundesliga für die TSG Hoffenheim auflaufen. SPIELFELD hat den 29-Jährigen zuvor in sein Wohnzimmer eingeladen – die PreZero Arena in Sinsheim. „Ich bin wirklich froh, wieder hier zu sein“, sagt er auf der Südtribüne. Und später hoch oben unter dem Dach: „Ich war noch nie hier oben. Hier hat man einen herausragenden Blick, das ist eine großartige Erfahrung.“

Wie gefällt es Dir hier oben, direkt unter dem Dach mit dem Blick auf Dein fußballerisches Wohnzimmer?

„Es ist beeindruckend. Die Arena ist ein kleines Schmuckstück. Man hat von hier eine ganz andere Perspektive. Auf dem Platz ist alles flach. Räume zu erkennen, ist viel schwieriger als von hier oben. Aus dieser Perspektive ist es eindeutig, wo der Ball hingespielt werden muss – die Zuschauer haben den perfekten Überblick.“

Kannst Du es nun verstehen, dass bei manchen Aktionen der Spieler ein Raunen durchs Publikum geht?

„Ja klar, auf dem Feld versteht man es manchmal nicht, aber wie ich jetzt merke, sehen es die Zuschauer manchmal wohl doch besser.“ (lacht)

„Die PreZero ist meine sportliche Heimat“

Welche Bedeutung hat die Arena in Sinsheim für Dich?

„Sie ist meine sportliche Heimat geworden, ich habe in keinem anderen Stadion so viele Spiele bestritten. Ich war sieben Jahre bei der TSG und gehe jetzt in die achte Saison im Hoffenheimer Trikot. Rund um die Arena herrscht eine familiäre Atmosphäre, man kennt viele Fans vom Sehen und es ist einfach angenehm und persönlich hier. Ich freue mich jedes Mal, hier zu spielen.“

Du hast zwei Jahre kein Heimspiel mehr in Sinsheim absolviert, hast aber für den FC Bayern und Schalke 04 hier auf dem Platz gestanden. Hat sich die Stimmung seit Deinem Abgang verändert?

„Mir ist es als Gast sofort aufgefallen, dass es intensiver und lauter geworden ist. Das liegt sicher auch an den jüngsten Erfolgen, aber auch am generellen Wachstum des Vereins. Man merkt es auf dem Rasen, auch beim Auswärtsspiel in Frankfurt waren viele Fans dabei, die Stimmung gemacht haben. Diese Entwicklung ist sicher noch nicht zu Ende.“

„Ich hatte sieben großartige Jahre hier"

In den beiden einzigen Jahren, in denen die TSG international gespielt hat, warst Du nicht dabei. Ist das rückblickend schade für Dich?

„Ich hatte sieben großartige Jahre hier. Der Europapokal war immer ein Ziel und ich hätte gern mit der TSG dort gespielt. Doch nach einigen schwierigen Jahren habe ich den Verein verlassen, als wir uns für die Champions-League-Playoffs qualifiziert haben. Das war ein guter Abschied, auch wenn ich die beiden Spiele gern noch für die TSG bestritten hätte. Aber es war dann auch einfach an der Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren und andere Erfahrungen zu machen. Nun bin ich glücklich, wieder hier zu sein und versuche mich genau da einzufügen, wo ich damals aufgehört habe. Ich habe noch mehr Erfahrung und werde diese weitergeben, um der Mannschaft zu helfen. Ich werde alles dafür tun, auch mit der TSG nochmal international zu spielen. Die bisherigen Hoffenheimer Europapokalspiele habe ich ja meist nur zu Hause geschaut und vor dem Fernseher mitgefiebert.“

Du wurdest bei der Saisoneröffnung gegen Sevilla und auch beim Heim-Debüt gegen Bremen sehr herzlich begrüßt und es gab viel Applaus. Berührt diese Zuneigung einen erfahrenen Fußball-Profi?

„Es gab an dem Tag ganz unterschiedliche Reaktionen, die mich alle sehr gefreut haben. Der Applaus im Stadion, aber auch die Gespräche bei der Autogrammstunde: Viele Menschen haben gesagt, dass sie sich sehr freuen, dass ich wieder da bin. Das ist einfach schön zu hören und macht Mut. Ich habe auch viele Fans wiedererkannt. Es ist eine Besonderheit der TSG, dass man sich hier kennt. Das schätze ich sehr.“

Wie war das Gefühl, als Du zum ersten Mal wieder in Zuzenhausen vorgefahren bist?

„Es war einfach vertraut. Ich habe viel Vorfreude gespürt: Wieder in die Kabine zu gehen und auf dem Platz zu laufen, die Mitarbeiter zu sehen. Und als ich da war, fühlte es sich an, als sei ich nie weg gewesen. Der Kader hat sich innerhalb von zwei Jahren natürlich etwas verändert, aber viele aus dem Funktionsteam, Physios und Ärzte sind noch da. Ihre Gesichter und die Menschen auf der Geschäftsstelle wieder zu sehen, war sehr, sehr schön.“

Wie verlief der Einstand bei der Mannschaft?

„Die Jungs haben mich super aufgenommen, die meisten kannte ich ja auch schon. Ich wollte eigentlich einen ausgeben, aber das hatten die anderen Neuzugänge schon und es passte dann zeitlich nicht mehr. Darum bin ich auch drumherum gekommen, ein Lied vor der Mannschaft zu singen. Aber ich werde im Winter-Trainingslager alles nachholen.“

Welchen Song hättest Du gesungen?

„Bei Bayern und Schalke habe ich ‚I Believe I Can Fly‘ vorgetragen. Stimmlich hatte ich da ein paar Schwächen, (lacht) aber die Performance war jedes Mal okay. Es gibt auch Videos, die sind aber glücklicherweise unter Verschluss. In Hoffenheim hätte ich aber ein anderes Lied gesungen, aber das wird ja eine Überraschung und wird noch nicht verraten.“

„Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein“

War Hoffenheim die schönste Zeit in Deiner Karriere?

„Einhundertprozentig. Die sieben Jahre hier waren etwas ganz Besonderes für mich. Das werde ich nie vergessen. Darum freue ich mich auch sehr, wieder hier zu sein. Es war eine aktive Entscheidung von mir zurückzukommen. Der Verein und die Region sind mir ans Herz gewachsen. Ich habe viele Freunde, die Menschen hier sind sehr liebenswert, es passt einfach. Auch das Bemühen der TSG hat mir sehr gutgetan. Da gab es für mich keine zwei Meinungen, wo ich meine Karriere fortsetzen möchte.“

Die TSG besitzt eine Kauf-Klausel. Würdest Du gern langfristig hier bleiben und sogar Deine Karriere hier beenden?

„Ich möchte definitiv länger hier bleiben und kann mir sehr gut vorstellen, meine Karriere bei der TSG zu beenden. Über das Karriereende mache ich mir aber noch nicht so viele Gedanken. Ich bin ja erst 29 und möchte noch so lange spielen, wie ich mich gut fühle und keine Schmerzen habe. Ich will noch lange hier bleiben und alles dafür tun. Meine Frau und ich möchten mit unserem Sohn hier sesshaft werden. Wir haben mittlerweile ein schönes Haus gefunden und suchen nach einem Grundstück für die Zukunft.“

Alfred Schreuder ist ebenfalls mit seiner Familie in den Kraichgau gezogen. Mit ihm hast Du schon zusammengearbeitet, als er noch Assistenztrainer in Hoffenheim war. Wie verläuft Eure Zusammenarbeit? 

„Alfred kennt mich gut und weiß genau, was meine Stärken sind. Er hat mich in den persönlichen Gesprächen direkt überzeugt: wie er spielen will, was er machen will, was er von mir erwartet. Ich sehe meine Stärken in seinen Erwartungen und freue mich, hier, unter ihm als Cheftrainer, zu spielen. Er arbeitet sehr akribisch, und legt uns sehr genau nahe, was er sehen will. Schon damals als Co-Trainer hat er viel mit den Spielern gesprochen, an vielen Details gearbeitet und Hilfestellungen gegeben. Er ist ein sehr positiver Mensch und tut der TSG gut.“

„Habe viele wichtigen Erfahrungen gesammelt"

Als Spieler des FC Bayern hast Du in der Champions League gespielt, Dir zudem den Traum der WM-Teilnahme erfüllt und bist Meister geworden. Wie fällt Dein Fazit der Zeit in München aus?

„Für mich war das ein sehr positives Jahr. Ich habe viel gelernt, viel mitgenommen und ja auch gerade am Anfang sehr viele Spiele bestritten. Bei den Bayern erhält man einen anderen Blick auf die Bundesliga und spielt mit Weltstars zusammen. Da hat jeder eine außergewöhnliche Qualität, die den jeweiligen Spieler einzigartig machen. Ich will diese Erfahrung nicht missen und würde die Entscheidung, nach München zu wechseln, wieder genauso treffen: Ich habe viele wichtige Erfahrungen gesammelt und bin dadurch auch besser geworden.“

Hast Du im Nachhinein mit dem Trainerwechsel von Carlos Ancelotti, bei dem Du Stammspieler warst, zu Jupp Heynckes gehadert?

„Es lief zu Beginn sehr gut, doch im Fußball geht es oft sehr schnell – auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht mit einem Trainerwechsel gerechnet habe. Es lief aber auch danach nicht schlecht. Ich habe die Veränderung angenommen und versucht, das Beste daraus zu machen. Jeder will natürlich spielen und somit ist auch jeder frustriert, wenn er nicht dabei ist. Aber damit wuchs auch der Ansporn, mich zu verbessern und noch mehr aus mir herauszuholen, um besser zu spielen als die anderen. Das war mein Ziel und so habe ich im Training gearbeitet.“

Du hast Deinen ersten Meistertitel in der Bundesliga geholt. Ist die Freude darüber groß, wenn er so früh schon feststeht?

„Auf jeden Fall. Das ist die Krönung, das dürfen nicht viele Spieler erleben. Ich schon, und darüber bin ich sehr glücklich. Die Emotionen bei der Feier sind auch absolut echt. Ich habe mich unglaublich gefreut, aber das gilt für die ganze Mannschaft – auch für die Spieler, die den zweiten oder sogar achten Titel geholt haben. Natürlich war die Feier nicht so ausgelassen, da wir die Meisterschaft früh geholt haben, uns aber noch auf die Champions League konzentrieren mussten. Dann haben wir vor der geplanten Feier zu Hause gegen Stuttgart verloren, das war natürlich ein kleiner Stimmungskiller. Eine Party direkt nach dem Titelgewinn in Augsburg wäre sicher besser für die Stimmung gewesen.“

Mit dem WM-Titel hat es nicht funktioniert, Du hast Dir den Traum der Turnier-Teilnahme aber erfüllt.

„Ich hatte die vorherigen beiden Turniere knapp verpasst, da war es schon eine Genugtuung, bei der WM in Russland dabei zu sein. Leider ist es dann für die Mannschaft nicht gut gelaufen und ich persönlich hatte ziemlich Pech, dass ich mir als Stammspieler im zweiten Spiel die Nase gebrochen habe und nach 25 Minuten ausgewechselt werden musste. Das war sehr bitter, so habe ich das zweite Gruppenspiel gegen Schweden verpasst. Einen Tag später wäre meine Maske fertig und ich wäre wohl bereit gewesen. Aber dennoch bin ich froh, dabei gewesen zu sein und diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Das werde ich nie vergessen.“

„Habe die DFB-Auswahl noch im Kopf"

Momentan spielst Du bei der Nationalmannschaft keine Rolle, es gab zudem einen Umbruch. Ist das Thema für Dich abgehakt?

„Ich habe die DFB-Auswahl immer noch im Kopf. Aber ich weiß natürlich, dass ich bei der TSG nun konstant sehr stark spielen muss, um mich wieder in den Fokus zu spielen. Aber ich werde alles geben, um wieder auf mich aufmerksam zu machen. Wieder für die Nationalmannschaft zu spielen, ist eines meiner Ziele.“

Wie kann man sich einen vorläufigen Abschied vorstellen? Fliegt man da aus einer WhatsApp-Gruppe?

„Es gibt pro Lehrgang und Turnier eine neue Whats-App-Gruppe. Man muss also nicht plötzlich lesen: Joachim Löw hat Dich entfernt.“ (lacht)

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