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SPIELFELD
21.06.2019

"Wir sind maximal ambitioniert"

Dr. Peter Görlich und Frank Briel bilden das Geschäftsführer-Duo der TSG Hoffenheim. Gemeinsam haben sie den Klub in den vergangenen Jahren sportlich und wirtschaftlich zu immer neuen Höhen geführt. SPIELFELD gaben beide nun das erste gemeinsame Interview – und sprachen über den Aufstieg des Klubs, die veränderte Erwartungshaltung und die neue Spielzeit mit Chefcoach Alfred Schreuder.

Wie enttäuscht waren Sie, als am 18. Mai die Bundesliga-Saison mit dem 2:4 in Mainz als Neunter abgeschlossen wurde?

Peter Görlich: "Wenn man die realistische Möglichkeit hatte, die Europa League zu erreichen, dann hadert man schon etwas. Das ist ja auch normal. Aber die Welt ist nicht untergegangen. Wir haben mit Beginn der neuen Saison die Möglichkeit, wieder etwas Außergewöhnliches zu leisten. Und das treibt uns an. Man kann nicht immer auf der Sonnenseite stehen. Wir haben eigentlich eine sehr attraktive Saison gespielt, aber mehrere Male nicht das Ergebnis gebracht, das wir verdient gehabt hätten. Man muss daraus lernen und sich fragen: Was und wie ist das passiert? Wo können wir uns verbessern? Für mich ist der neunte Platz mehr ein Ansporn, dass wir nicht nochmal so kurz vor dem Ziel scheitern."

Zu dieser Saison gehört nicht nur der 34. Spieltag, sondern auch der erstmalige Auftritt in der Champions League.

Frank Briel: "Es war für den ganzen Klub eine herausragende Erfahrung. Ich bin, ganz unabhängig vom Sportlichen, stolz darauf, wie wir uns als Klub präsentiert haben, nicht nur als Veranstalter bei den offiziellen Terminen. Wir konnten internationale Kontakte knüpfen und Partnerschaften begründen. Auch in der Wahrnehmung der UEFA und unserer Gegner konnten wir das Bewusstsein gegenüber der TSG Hoffenheim schärfen. Das ist etwas, das abseits des Rasens passiert, aber für die Entwicklung unseres Vereins auch ein Zertifikat darstellt. Alle Leute, die daran mitgewirkt haben, haben einen überragenden Job gemacht."

Görlich: "Wenn man international spielt, hört sich das schillernd an, aber intern bedeutet das eine wahnsinnige Herausforderung. Man steht vor den Fragen, wie werden die Abläufe optimal organisiert? Wie lässt sich die höhere Belastung steuern? Da haben sicherlich die etablierten Klubs Vorteile uns gegenüber. Wir sind in die Saison gestartet, aber haben sofort mitgeteilt, dass der sportlich Verantwortliche sich nach diesem Jahr verabschiedet. Das zu managen war – bei einer zugleich gestiegenen Erwartungshaltung – nicht einfach für den Trainer, aber auch nicht einfach für uns als Klub. Das ist uns ganz gut gelungen. Deswegen empfindet man den neunten Platz danach zwar als enttäuschend. Aber wir wissen einerseits, was wir geleistet haben und andererseits, dass wir das Potenzial besitzen, um uns zu verbessern."

Die TSG hat in den vergangenen drei Spielzeiten eine Entwicklung genommen, die zuvor nicht einmal in Ansätzen zu erkennen war. Nach dem Fast-Abstieg 2016 folgte Europa League, Champions League und in dieser Spielzeit nun das Verpassen des Europacups erst am letzten Spieltag. Dietmar Hopp hat zuletzt kundgetan, ein Platz zwischen sechs und neun wäre die grundsätzliche Zielmarke. Ab wann sind Sie zufrieden?

Briel: "Der Rahmen hat sich ja nie geändert. Das sollte man sich immer bewusst machen. Damit wird die Leistung der vergangenen drei Jahre auch in ein viel helleres Licht gerückt. Wir sind nach wie vor mit dem gleichen Set-Up unterwegs und verorten uns eigentlich in einer Region zwischen sieben und zehn – mit Blick auf Stadion, Umsatzgröße und Einzugsgebiet. Wir sind hier in einer dezentralisierten, ländlichen Struktur angesiedelt, nicht in einer Großstadt. Wir sind noch immer relativ jung in der Bundesliga, auch wenn es jetzt die zwölfte Saison sein wird. Wir sind uns als Unternehmensleitung im Klaren darüber, wo unsere Heimat ist. Wer uns vor der Saison gesagt hätte, wir landen zwischen Platz sechs und neun, dem hätten wir gesagt: Okay, das passt schon, das ist im Rahmen."

"Wir sind maximal ambitioniert"

Sie haben gesagt, dass die Welt nicht untergeht, aber im Umfeld, bei den Fans, nehmen wir schon Unzufriedenheit wahr. Wie gehen Sie mit der gesteigerten Erwartungshaltung um?

Briel: "Wir sind maximal ambitioniert, haben aber, um es mal in der Formel-1-Sprache zu sagen, ein Set-Up, das uns nach allen objektiven Kriterien nicht auf das Siegerpodest fahren lässt. Nur wenn es mal rund läuft, die Strategie richtig war, die Boxen-Crew alles optimal gemacht hat und auch der Rennverlauf gut war, können wir vorn dabei sein, aber ansonsten gibt es unser Motor her, dass wir uns zwischen Platz fünf bis neun bewegen. Das ist die Innenperspektive und objektive Herangehensweise, auch wenn wir einen großen Ehrgeiz haben. Aber die Fan-Seele können wir nicht bestimmen. Natürlich hat die Teilnahme an Europa League und Champions League eine gewisse Erwartungshaltung erzeugt. Das wäre ein Novum, wenn die Fans jetzt sagen würden: ,Hauptsache, wir sind überhaupt noch in der Liga geblieben.‘ Unser Job ist es auch, das zu erklären. Wir wollen nach Europa, aber haben mindestens neun Mitbewerber, die das gleiche Ziel haben, sieben davon können sogar wesentlich mehr wirtschaftliche Mittel für dieses Ziel einsetzen."

Sie haben mit den Transfers von Kerem Demirbay und Nico Schulz hohe Einnahmen erzielt. Da sagt Volkes Fan-Seele: Jetzt muss die TSG mal kräftig investieren, einen Top-Star holen. Wie gehen Sie damit um?

Briel: "Sie kennen unser Credo. Wir brauchen die Transferüberschüsse, um uns auf unserem Niveau weiter zu entwickeln. Die TSG ist kein Klub, der den großen Schuss macht. Dass wir in einen Spieler 20 oder 30 Millionen investieren, können und wollen wir uns heute und in den nächsten Jahren nicht vorstellen."

Görlich: "Wir bauen auf den internen Transfermarkt, also auch auf die Spieler, die wir selbst in der Akademie entwickeln. Dafür müssen wir inhaltlich besser sein als andere. Und wir verpflichten Potenzialspieler, die bei uns den nächsten Schritt machen sollen und so ihren Marktwert signifikant steigern. Allein die Ablösesumme für Kerem Demirbay zeigt, dass die TSG dafür steht, Spieler so weiter zu entwickeln, dass sie für vermeintlich größere oder wohlhabendere Klubs interessant werden. Für bestimmte Spieler, wie jetzt für Ihlas Bebou, zahlen wir auch mal eine etwas höhere Ablösesumme. Aber es wird immer ein vernünftiges Limit für diesen Klub geben."

Briel: "Wir haben uns in der häufig zitierten Nahrungskette der Bundesliga sicher nach vorn gearbeitet. Es ist Fluch und Segen des Erfolgs, dass deine Spieler dann auch attraktiver für andere, noch größere Klubs werden."

"Wir müssen einen intelligenten Weg gehen"

Und prägende Akteure früher oder später abgeworben und von der TSG ersetzt werden müssen.

Briel: „Aber deshalb dürfen wir auch nicht spinnen oder verrückt werden. Das ist eine Frage der Authentizität, unseres TSG-Weges. Das Geld, das wir einnehmen, werden wir nie im gleichen Maß wieder investieren, sondern müssen da einen intelligenteren Weg gehen, einen mit mehr Fantasie. Der ist natürlich auch etwas risikobehafteter.“

Julian Nagelsmann verlässt die TSG nach dreieinhalb Jahren als ein Cheftrainer, der den Klub sicher auch geprägt hat. Inwieweit rechnen Sie jetzt mit einem Umbruch, der mit Alfred Schreuder verbunden ist?

Görlich: "Wir hatten drei erfolgreiche Jahre, die Fußstapfen sind relativ groß. Aber Alfred bringt seinen eigenen Stil hier rein, wird nicht etwas kopieren oder gar imitieren. Er soll seine eigenen Spuren setzen. Wir bekommen einen Typus Trainer, der eine andere Außendarstellung hat und eine andere Kommunikation nach innen hier reinbringen wird. Ich finde, der Begriff Umbruch ist viel zu angstbehaftet. Jede Saison bringt doch einen Umbruch, weil es Veränderungen im Kader und bei den Mitarbeitern gibt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Alfred Schreuder auch ein erfolgreiches Kapitel schreiben kann."

Briel: "Die Uhren werden am 29. Juni zum Trainingsauftakt bei uns wieder auf null gestellt. Dennoch bleibt es unser Anspruch, dieses Niveau zu stabilisieren. Wir sind ambitioniert und wollen maximalen Erfolg. Alfred Schreuder wird und will sicherlich keine so schillernde Persönlichkeit darstellen, wie es Julian war. Er ist einfach anders. Aber mit ihm kommt keiner von außen, der komplett andere Ideen hat und damit bricht, was wir aufgebaut haben. Er war ja daran beteiligt, was hier geschaffen wurde. Durch seinen Typus und sein Alter läuft er sicherlich nicht in Gefahr, dass es heißt, er ist der neue Nagelsmann."

Görlich: "Extrovertiert ist er mit Sicherheit nicht." (lächelt)

Briel: "Und wir werden auch weniger Fahrzeugmodelle auf unserem Hof haben." (lacht)

Julian Nagelsmann hat zuletzt im SPIELFELD-Interview gesagt, dass nach seinem Weggang auch die Menschen gefordert sind, die sich ihm zuliebe zurückgehalten haben, sprich die Geschäftsführer und Alexander Rosen. Das seien die Personen, die stärker das Gesicht der TSG werden könnten.

Briel: "Julian war jemand, der die Bühne auch selbst bestellt hat. Seine Omnipräsenz, diese Rampensau-Mentalität tat uns auch gut, vom Image her, von der Polarisierung. Aber wir werden in der Klubführung jetzt keine Termine wahrnehmen, nur um ein vermeintliches Vakuum zu kompensieren. Der Klub bekommt ein anderes Gesicht, und zwar insgesamt. Wenn ich dem Gebäude einen neuen Anstrich verpasse nach einer gewissen Zeit, gibt es eine neue Farbe, Atmosphäre und Wirkung. Dennoch soll das Haus wohnlich sein."

Görlich: "Es ist ja die Frage, ob man eine Nische besetzen oder einen Raum definieren will. Sicherlich hat Julian Nagelsmann einen Raum für sich definiert."

War es manchmal vielleicht auch anstrengend für Sie?

Görlich: "Ich glaube schon, dass die sehr gute Performance, die Julian Nagelsmann hier bringen konnte, auch systemgeprägt ist. Man muss sich darauf einlassen und wissen, was man hat. Das ist immer so. Eine Person funktioniert und dann ist es unsere Aufgabe, sie an der ein oder anderen Stelle zu unterstützen, regulativ oder auffordernd zu agieren. Und das ist am Ende die Aufgabe vom Management."

Sie sagen, Julian Nagelsmann hat den Raum definiert. Die Frage ist, ob die TSG Hoffenheim eigentlich lieber eine Nische bedienen will.

Görlich: "Das schwingt ja immer so ein wenig mit bei der TSG, dass man sich kleiner macht, als man ist. Aber wir sind kein Klub, der eine Nische besetzt, sondern wir definieren an der ein oder anderen Stelle schon einen Raum. Wir sind nach wie vor ein Ausbildungsverein, der eigene Spieler an den Profikader heranführt. Dass wir gute Arbeit leisten, Dinge anders interpretieren und im Tagesgeschäft anders umsetzen als andere Klubs, hat schon viel mit Raum definieren zu tun. So werden wir mittlerweile auch im internationalen Wettbewerb gesehen und stehen für das ein oder andere Attribut."

Briel: "Als ein Klub, der in einer der besten Ligen der Welt sehr konkurrenzfähig und auch international auftritt, befindet man sich grundsätzlich nicht in einer Nische. Es geht darum, wie kriegen wir die zusätzlichen PS rausgekitzelt, dass eine Mannschaft neue, anspruchsvolle Ziele umsetzen kann. Das ist uns in den vergangenen Jahren gelungen. Ob es uns wieder gelingen wird, können wir nicht garantieren, aber wir stellen uns der Herausforderung. Jeden Tag."

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