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11.12.2019

Pascal Groß: Mit den „Möwen“ in der Weltklasse

Von Sommer 2007 bis Januar 2011 spielte Pascal Groß (28) für die TSG Hoffenheim, wurde zunächst Deutscher U17-Meister, debütierte ein Jahr später bei den Profis und gewann mit der U19 den DFB-Pokal. Heute steht der gebürtige Mannheimer in der Premier League bei Brighton & Hove Albion unter Vertrag und gehört bei den „Seagulls“ zu den Leistungsträgern. Im Interview mit achtzehn99.de spricht Groß über seine TSG-Zeit, über die stärkste Liga der Welt und über seine Zukunftspläne.

Zusammen mit sechs weiteren Talenten des VfL Neckarau, die allesamt von seinem Vater Stephan trainiert wurden, wechselte Groß als U17-Spieler zur TSG. Sein Bundesliga-Debüt feierte er im zarten Alter von 17 Jahren, als er am 2. Mai 2009 beim Auswärtsspiel der TSG in Wolfsburg eingewechselt wurde. Anschließend etablierte sich Groß als Zweitliga-Spieler, zunächst beim Karlsruher SC, ab 2012 dann beim FC Ingolstadt, wo seine Karriere richtig Fahrt aufnahm. Als wertvollster Spieler der Saison 2014/15 führte er den FCI als Meister in die Bundesliga, wo er und die „Schanzer“ schnell Fuß fassten.

Im Sommer 2017 folgte Groß dann dem Lockruf von der englischen Südküste. Brighton & Hove Albion hatte nach 34 Jahren Abwesenheit die Rückkehr in die Premier League geschafft, die zum Zeitpunkt des letztmaligen Abstiegs der „Seagulls“ (Möwen) noch „First Division“ hieß. Brightons Trainer Chris Hughton wollte den Ex-Hoffenheimer unbedingt verpflichten, nun lebt Groß den Traum vieler junger Fußballer, kann auf Auftritte in einigen der bekanntesten Stadien der Welt wie Old Trafford oder die Anfield Road zurückblicken und hat bereits mehr Einsätze in der Premier League (78) als in der Bundesliga (70) vorzuweisen. Von bislang 92 möglichen Spielen fehlte er 13 Mal wegen Verletzung und stand 71 Mal in der Startelf. Sein Vertrag läuft noch bis 2022.

Wir erwischen Pascal Groß in einem Londoner Hotel, wo er sich auf das Abendspiel gegen Arsenal vorbereitet. Die „Seagulls“ werden diese Partie 2:1 gewinnen und wichtige Punkte im Abstiegskampf sammeln. Der Mann mit der Rückennummer 13 steht am 15. Spieltag zum 14. Mal in der Startformation.

Pascal, wie lebt es sich denn im Seebad Brighton?

Brighton ist eine herrliche Stadt. Ich kann in drei Minuten ans Meer laufen, an der Promenade gibt es viele schöne Cafés und mit dem Zug bin ich in 50 Minuten in der Londoner Innenstadt. Ich fühle mich sehr wohl, aber ich bin in erster Linie zum Fußballspielen hier, und nicht, um die schöne Landschaft zu genießen.

In den zweieinhalb Jahren hast Du Dich als Stammkraft etabliert, obwohl Dich eine Sprunggelenksverletzung im Herbst 2018 und eine Oberschenkelblessur im Frühjahr 2019 mehrere Einsätze kosteten. Wie siehst Du Deine Rolle im Team?

Ich gehöre zu den Älteren und nehme daher eine wichtige Rolle ein. Wenn ich nicht verletzt war, habe ich immer gespielt und der Mannschaft mit Toren, Torvorlagen, dem Einleiten von Toren oder mit defensiver Laufbereitschaft Impulse geben können.

Ihr seid eine international aufgestellte Truppe. Hat sich zwischen Dir und einigen Teamkollegen schon so eine Art Freundschaft entwickelt?

Es gibt da schon ein paar, die wie ich seit dem Aufstieg dabei sind und mehr oder weniger mein Alter haben, wie zum Beispiel Lewis Dunk, Shane Duffy oder Dale Stephens. Mein Schul-Englisch ist dank ihnen auch deutlich besser geworden.

Stichwort Schule: Du hast damals Dein Abitur mit der Unterstützung von „Anpfiff ins Leben“ am Sinsheimer Wilhelmi-Gymnasium gemacht. Wie wichtig ist Dir das Abitur als gestandener Fußball-Profi?

Sehr wichtig. Ich bin froh, dass ich das damals durchgezogen habe, obwohl es sehr hart war. Ich musste in Mannheim um 6:06 Uhr den Zug nehmen, um rechtzeitig in der Schule zu sein, dann schnell ins Profi-Training, Hausaufgaben, lernen – das war als junger Spieler gepaart mit dem Druck nicht ohne. Man kann aber nicht immer nur die leichten Wege gehen und ich habe es als sinnvolle Investition in die Zukunft empfunden, zu der ich jedem jungen Spieler nur raten kann.

Dein ehemaliger Teamkollege Jürgen Locadia ist ja jetzt auf Leihbasis bei der TSG. Wie hast Du ihn in Brighton erlebt?

Jürgen ist ein guter Typ, immer lustig, wie man sich einen Fußballer eben so vorstellt. Bei uns hat er sich oft als DJ betätigt und die Musik aufgelegt. Er hatte es nicht leicht, hat sich aber auch in schwierigen Momenten immer top verhalten.

Was war denn in den bisher zweieinhalb Jahren Dein schönstes Erlebnis in England?

Als ich an einem Freitagabend im Heimspiel gegen Manchester United mit dem Kopf den 1:0-Siegtreffer erzielt habe. Das Stadion ist aus allen Nähten geplatzt, und wir haben mit diesen drei Punkten den Klassenerhalt im ersten Jahr gesichert. Das werde ich nie vergessen.

Wie siehst Du eure aktuelle Situation?

Wir wollen natürlich in der Liga bleiben. Das wird sehr schwer, weil hinten viele Teams sehr eng beisammen liegen. Wir müssen schauen, dass wir da nicht reinrutschen und erstmal genügend Punkte holen, bevor wir uns über andere Dinge Gedanken machen.

Dein Karriereweg lief nicht immer geradlinig, aber letzten Endes doch kontinuierlich nach oben. Alles richtig gemacht?

Ich hatte immer das Gefühl, unterschätzt zu werden, weil es immer hieß, ich sei körperlich zu schwach oder dass mir das Tempo fehlt. Das hat mir aber nie was ausgemacht, in gewisser Weise war das auch ein Ansporn. Ich habe mir vieles über meinen Willen und Ehrgeiz erarbeitet, es kommt schließlich auch auf Fähigkeiten wie Schnelligkeit im Kopf, technische Ausführung, Beidfüßigkeit und so weiter an.

Dein Vater hat in den 80er Jahren für den Karlsruher SC in der Bundesliga gespielt, war bis zu Deinem Wechsel nach Hoffenheim jahrelang Dein Trainer und besucht regelmäßig Deine Spiele. Welche Rolle spielt er in Deinem Leben?

Er ist natürlich sehr wichtig für mich – als Mensch und als Freund. Nicht mehr so wie früher, als er mein Trainer war, das hat sich schon verändert. Aber er hat mich auf meinen Weg gebracht und begleitet mich nun.

Zu welchen Hoffenheimer Weggefährten hast Du noch Kontakt?

Mit Marco Terrazzino und Anthony Loviso, die 2007 mit mir vom VfL Neckarau zur TSG gewechselt sind, und mit Maurice Hirsch, ebenfalls ein Neckarauer, aber zwei Jahre jünger als wir. Auch mit Sejad Salihović, der mir damals als Jungprofi viel geholfen hat, ist der Kontakt nie abgebrochen. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen…

Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieg, Profivertrag, Bundesliga-Debüt – was war denn Dein schönster TSG-Moment?

Alle jungen Spieler träumen von der Bundesliga, daher steht mein erster Einsatz in Wolfsburg ganz oben. Aber die Deutsche B-Jugend-Meisterschaft war auch ein fantastisches Erlebnis. Wir sind damals aus Neckarau gekommen, wo alles zehn Nummern kleiner war. Dann legen wir so eine Saison hin, spielen das Finale im Dietmar-Hopp-Stadion vor 6.500 Zuschauern, schießen sechs Tore gegen Dortmund, ich mache eines davon – daran erinnere ich mich natürlich gerne zurück.

Wie verfolgst Du heute den deutschen Fußball?

Ich bin fußballverrückt und schaue sehr viel englischen Fußball, verfolge aber auch die Bundesliga sehr genau und sehe fast alle Spiele der TSG, zumal mich mit „Hübi“ (Benjamin Hübner, Anm. d. Red.) eine besondere Freundschaft verbindet. Wir hatten eine super Zeit beim FC Ingolstadt, die ich nicht missen möchte. Ich freue mich aber auch, dass der SV Waldhof in die 3. Liga aufgestiegen ist, schließlich bin ich in Mannheim geboren und habe noch viele Freunde in der Stadt und im Verein, wie zum Beispiel Max Christiansen, mit dem ich ebenfalls in Ingolstadt zusammengespielt habe. Leider kann ich die Waldhof-Spiele in England nicht sehen, nur in der Zusammenfassung in den sozialen Netzwerken.

Die U17 und die U19 der TSG spielen derzeit in der Junioren-Bundesliga eine sehr gute Rolle. So wie Du vor zehn Jahren träumen unsere aktuellen Talente vom Profi-Fußball. Welche Tipps kannst Du ihnen mitgeben?

Ich hebe immer zwei Punkte hervor: Erstens, ich muss wissen, wo ich hinwill, und solange ich noch nichts erreicht habe, sollte ich bodenständig bleiben. Zweitens, ich muss an meinen Schwächen bzw. auch an den Dingen, die weniger Spaß machen, kontinuierlich arbeiten, mich immer verbessern wollen und nach Rückschlägen schnell aufstehen.

Du hast mehrere Junioren-Länderspiele bestritten, warst zwischenzeitlich bester Vorlagengeber in der Premier League, wirst aber in Deutschland außerhalb der Rhein-Neckar-Region nicht so richtig wahrgenommen. Auch bei Jogi Löw warst Du nie ein Thema. Nervt Dich das?

Wie schon gesagt, ich bin es gewohnt, unterschätzt zu werden. Als wir mit Ingolstadt aufgestiegen sind, habe ich sieben Tore erzielt und 23 Vorlagen gegeben. Das waren ziemlich gute Werte, aber ich habe nunmal nie für einen großen Klub gespielt und war daher nie ein Thema für die Nationalmannschaft. Klar ist das der Traum eines jeden Fußballers, ich bin aber realistisch genug zu wissen, dass er für mich nicht mehr in Erfüllung gehen wird, und konzentriere mich lieber auf das Hier und Jetzt. Ich versuche weiterhin gute Leistungen auf den Platz zu bringen und regelmäßig zu performen, nur darum geht‘s.

Die Premier League gilt als das Nonplusultra. Nimm uns bitte einmal mit: Wie nimmst Du sie wahr?

In meinem zweiten Spiel (0:2 in Leicester City, Anm. d. Red.) wurde ich von Harry Maguire zehn Mal gefoult, der Schiedsrichter pfiff kein einziges Mal. Da habe ich gemerkt, dass die Uhren hier anders ticken und ich mich besser schnell an das physische Spiel gewöhnen sollte. Es wird aber auch guter und technisch anspruchsvoller Fußball geboten, das darf man bei aller Härte nicht vergessen. Du kannst Dich hier mit der absoluten Weltklasse messen.

Welcher Gegenspieler hat Dich bislang am meisten beeindruckt?

Virgil van Dijk. Der ist eine Maschine.

Hast Du Dir schon Gedanken über Deine Zeit nach der aktiven Laufbahn gemacht?

Ich genieße es im Moment sehr, in England auf höchstem Niveau Fußball spielen zu können, und will das so lange machen, wie es möglich ist. Für die Zeit danach habe ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich wieder nach Deutschland zurückkehren werde. Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch.

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