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U23
15.11.2019

Franko Kovačević: Dribbler von der Straße

Als wären sie gar nicht da. Im Vorbereitungsspiel gegen den FK Pirmasens spazierte Franko Kovačević am linken Flügel durch zwei Abwehrspieler hindurch und nagelte die Kugel anschließend trocken ins Tor. Kürzlich wiederholte er dieses Kunststück beim 2:1-Erfolg über Rot-Weiß Koblenz. Der kroatische U23-Neuzugang hat sich im Kraichgau gut eingeführt und gemessen an seiner Einsatzzeit alle 66 Minuten ein Tor markiert. Mit achtzehn99.de sprach er über seine Ziele, sein freundschaftliches Verhältnis zu TSG-Profi Andrej Kramarić und über die „Balkan-Mentalität“.

Geboren wurde Kovačević am 8. August 1999 im rund 100 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Zagreb gelegenen Koprivnica. „Aber nur, weil es in meiner Heimatstadt kein Krankenhaus gibt.“ Križevci, deutsch Kreutz, ist ein knapp 20.000 Einwohner zählendes Örtchen, dessen Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Hier wuchs auch der kroatische Basketball-Nationalspieler Marko Tomas auf, der unter anderem für Real Madrid spielte und dessen jüngerer Bruder Luka ein enger Freund des Neu-Hoffenheimers ist.

„Meine Mutter hat mich in den örtlichen Fußballverein gesteckt, als ich fünf war“, erzählt Kovačević. Zwei Monate später wollte der kleine Franko schon wieder aufhören, weil ihm die anderen Jungs hin und wieder eine verpassten, wenn er zu viel dribbelte. „Manchmal habe ich geweint“, lacht er heute, „aber meine Mutter zwang mich, mindestens sechs Monate durchzuhalten. Und dann habe ich das Spiel geliebt.“

Kovačević verkörpert den Spielertypen, dessentwegen die meisten Leute ins Stadion gehen: Technisch stark, spektakulär und eigenwillig. Einer, der nicht nur wegen seiner sportlichen Leistung auffällt. Nach dem Siegtreffer gegen Koblenz lief er zur Bank und hielt das Trikot des langzeitverletzten Kapitäns Philipp Strompf in Richtung Tribüne, nach seinem Elfmetertor gegen den SC Freiburg II posierte er in lässiger Pose vor einem Fotografen.

Andrej Kramarić ein guter Freund

Als Zehnjähriger wechselte der Stürmer nach Varaždin zum NK „Varteks“ und zog nur zwölf Monate später aufgrund der Pleite des Klubs nach Bjelovar weiter, seine Mutter nahm die vielen Fahrten in die nahegelegenen Städte auf sich. In der früheren Handball-Hochburg Bjelovar wuchs Kovačević zu einem gestandenen Kicker heran. Wenn die Schule um 8 Uhr losging, stand er schon um 6:30 Uhr auf, um ein paar Extra-Einheiten zu schieben. Wenn die anderen im Sommer ans Meer fuhren, blieb er zu Hause und trainierte weiter, arbeitete freiwillig an seinen Schwächen oder spielte mit seinem Kumpel Luka Tomas Basketball.

Der nächste Karriereschritt folgte 2015, als sich Kovačević dem Nachwuchs des Erstligisten HNK Rijeka anschloss und bald ins kalte Wasser geworfen wurde: Im zarten Alter von 16 Jahren ließ ihn der heutige slowenische Nationaltrainer Matjaž Kek in einem Freundschaftsspiel bei den Profis ran, für die auch der heutige TSG-Profi Andrej Kramarić stürmte. „Wir kennen uns seit dieser Zeit. Andrej ist ein guter Freund für mich, wir sehen uns oft und er hilft mir bei vielen Dingen. Und ich kann natürlich noch jede Menge von ihm lernen.“ In der Küstenstadt entwickelte sich Kovačević weiter. Zwar hatte er sein Elternhaus verlassen müssen, aber: „Meine Großeltern leben in Rijeka und ich konnte bei ihnen wohnen.“

Europa-League-Debüt gegen Everton

Es folgte der Lockruf von Hajduk Split, seinem Lieblingsklub. Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen, zumal Kovačević wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen den Everton FC kurz vor Schluss eingewechselt wurde. Vor über 30.000 Zuschauern im Stadion Poljud und der fanatischen „Torcida“, der ältesten Fan-Organisation der Welt, aufzulaufen – das entschädigte schlagartig für alle verpassten Sommerurlaube. „Ich dachte nur: Das ist der Grund, warum ich Fußball spiele“, blickt der Kroate auf diesen Moment zurück.

Doch es ging nicht so weiter. „Ich hatte eine Krise. Ich war alleine, habe zu viel und falsch trainiert und nur 20 Prozent meines Leistungsvermögens abgerufen. Es war meine Schuld, dass ich in Split nicht den Durchbruch geschafft habe.“ Ehrliche Worte von einem jungen Mann, der aber auch zugibt, kein einfacher Charakter zu sein und sowohl auf als auch dem neben dem Platz viele Eigenschaften auf sich zu vereinen, die flapsig als „Balkan-Mentalität“ bezeichnet werden. Kovačević lacht, als er mit diesem Begriff konfrontiert wird. „Ohne diese Mentalität wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“, sagt er. Von den jugoslawischen Bürgerkriegen Anfang bis Mitte der 90er Jahre weiß er natürlich nur aus Erzählungen. „Das Haus meiner Mutter wurde damals zerstört, aber es gab keine Todesopfer in meiner Familie.“

Hajduk verlieh sein Talent im Februar dieses Jahres zum Erstliga-Konkurrenten NK Rudeš aus Zagreb. 13 Spiele, null Tore. Keine gute Bilanz. „Das ist zu wenig, aber ich weiß, welche Fehler ich gemacht habe und dass ich viel besser bin, als diese Statistik aussagt“, sagt er selbstkritisch wie selbstsicher. Idole habe er nie gehabt. „Ich wollte immer ich selbst ein. Wenn ich aber unbedingt einen nennen muss, dann Alen Bokšić.“ Der frühere Nationalspieler stürmte unter anderem für Juventus Turin und Olympique Marseille, mit den Franzosen gewann er 1993 die Champions League. Heute ist er Vize-Präsident von Hajduk.

Schambein-Verletzung kostet Saisonstart

Im Sommer wagte Kovačević nun den großen Sprung nach Deutschland. Mit seiner Freundin Karla und dem gemeinsamen Hund, einem Shiba, wohnt er in Neckargemünd. „Karla kocht für mich und sorgt dafür, dass ich mich gesund ernähre“, schmunzelt der 20-Jährige, der sich schnell eingelebt hat, auch wenn das Leben in Deutschland anders sei als in Kroatien. Vor drei Jahren, in der Carlo-Ancelotti-Ära, spielte Kovačević für kurze Zeit beim FC Bayern München vor. „Das ist kein Unterschied zu Hoffenheim“, sagt er. „Aber ein sehr großer zu Kroatien. Die Anlagen hier sind deutlich moderner.“

Nach guter Vorbereitung verpasste der Neuzugang den Saisonstart wegen einer Schambein-Verletzung, die sich zudem länger hinzog. Schon beim letzten Testspiel gegen Pirmasens, als ihm der eingangs erwähnte sehenswerte Treffer gelang, spielte er unter starken Schmerzen. Erst am 13. Spieltag der Regionalliga Südwest feierte er vor wenigen Wochen sein TSG-Debüt – in der 89. Minute. Seitdem läuft es aber sehr gut für Kovačević. Ein Tor in Ulm, Siegtreffer gegen Koblenz, Doppelpack gegen Freiburg, sehenswerte Dribblings. „Ich weiß was ich kann. Ich will eines Tages für die Profis spielen und wenn ich mich nicht verletze und weiter treffe, wird meine Zeit kommen.“

Besonders gerne denkt Kovačević an seinen Treffer in Ulm zurück, auch wenn es nur das späte Tor zum 1:3 war. „Es war mein erstes für die TSG und das erste nach einer langen Verletzungspause. Es bedeutet mir sehr viel.“ Dass sich seine Vorliebe, im Zickzack-Dribbling auf engstem Raum zwischen zwei Abwehrspielern durchzuschlüpfen und direkt mit rechts abzuschließen, herumsprechen wird und sich die Gegner künftig besser darauf einstellen, geschweige denn, dass es ein paar Klassen höher nicht mehr ganz so einfach sein wird, das bereitet dem selbstbewussten jungen Mann, der einst wegen seiner Dribblings Prügel einstecken musste, keine Sorgen. „Dann finde ich eben andere Lösungen.“

Traum von der Nationalmannschaft

Als die kroatische Fußball-Nationalmannschaft im Sommer 2018 ins WM-Finale stürmte, saß der heutige Hoffenheimer vor dem Fernseher und platzte wie alle seine Landsleute vor Stolz. „Ich will das auch eines Tages erleben“, dachte er damals. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, im Moment heißt es noch Regionalliga statt Europa League, Koblenz statt Everton. Immerhin: Für die U17 und die U18 der „Feurigen“ kam er bereits zum Einsatz.

Das Geheimnis der 4-Millionen-Einwohner-Nation, die nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Sportarten wie Handball oder Basketball beachtliche Erfolge feiert, erklärt sich Kovačević so: „Die Kinder wachsen auf der Straße auf, sie spielen und bewegen sich den ganzen Tag. Der Sport ist eine der wenigen Möglichkeiten, etwas Großes zu erreichen.“ Und wenn er kein Fußballer geworden wäre? „Dann hätte ich mich in einer anderen Sportart durchgesetzt.“ Alles klar, keine weiteren Fragen.

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