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SPIELFELD
14.11.2017

Dennis Geiger: "Das habe ich nicht zu träumen gewagt"

Dennis Geiger erlebt aufregende Wochen. Dem Profi-Debüt im DFB-Pokal in Erfurt folgten die Bundesliga-Premiere gegen Bremen, das Spiel in Liverpool und der Sieg gegen den FC Bayern. Der 19-Jährige spielt seit der U12 für die TSG – und spricht im SPIELFELD-Interview über seine Entwicklung, die Ankunft im Profi-Fußball und den Schritt, wieder zu seinen Eltern zu ziehen.

Du hast gegen Werder Bremen debütiert, danach an der Anfield Road gegen den FC Liverpool gespielt, mit der TSG den FC Bayern bezwungen und im fünften Bundesliga-Spiel Dein erstes Profi-Tor erzielt. Ganz schön viele Erlebnisse für die ersten Wochen Deiner Laufbahn als Profi-Fußballer …

Dennis Geiger: "Es ging alles so unglaublich schnell. Das erste Bundesliga-Spiel war ein Meilenstein für mich, ein unvergessliches Gefühl. Dann kam sofort das Spiel in Liverpool, es ging Schlag auf Schlag. Trotz der Niederlage war es für mich persönlich ein absolutes Highlight. Das gilt auch für den Sieg gegen den FC Bayern und damit gegen viele Idole meiner Jugend. Mit meinem Tor gegen Schalke ging kurz danach der nächste Traum in Erfüllung. Ich erlebe sportlich und mental eine aufregende Zeit, die ich sehr genieße. Jede Minute auf dem Platz ist etwas ganz Besonderes. Und ich bin einfach froh, dass Trainer und Verein mir diese Chance gegeben haben."

Was war das größte Erlebnis der vergangenen Wochen?

Geiger: "Das ist schwer zu sagen. Von der ganzen Atmosphäre und vom Erlebnisfaktor war es sicher das Spiel in Liverpool. Ich hatte die kompletten 90 Minuten Gänsehaut, die Stimmung war unfassbar, das kann man mit nichts anderem vergleichen – auch wenn ich noch nicht so viele Spiele gemacht habe. Durch die Niederlage waren es im Anschluss aber gemischte Gefühle. Ich wusste nicht, ob ich glücklich oder traurig sein sollte. Aber es überwog am Ende die Dankbarkeit, dabei gewesen sein zu dürfen. Ich dachte in jenem Moment, dass es wohl erst einmal für längere Zeit das größte Spiel meiner Karriere war."

Wobei man auch nicht so oft den FC Bayern besiegt …

Geiger: "Im deutschen Fußball gibt es nichts Größeres als den FC Bayern zu schlagen. Ein Trikot als Erinnerung daran habe ich mir aber nicht gesichert – und mich hat auch keiner der Münchner gefragt. Das hat mich aber nicht so sehr gewundert." (lacht)

Warst Du in den Spielen sehr nervös?

Geiger: "Ich hatte vorher gedacht, dass ich angespannter sein würde. Ich habe einfach aufgepasst, dass ich nicht mit zwei Fehlpässen starte. Ich mache mir beim Fußball aber auch nicht so viele Gedanken. Ich habe mir gesagt: 'Dennis, mach‘ was du immer machst.' Das hat gut geklappt. Und vor dem Spiel in Liverpool hat es Julian clever gemacht und mir erst vor dem Warmmachen gesagt, dass ich spiele. Da blieb gar keine Zeit für Nervosität."

In der vergangenen Saison hast Du schon bei den Profis mittrainiert, bist aber nicht zum Einsatz gekommen. Hättest Du für möglich gehalten, dass die neue Spielzeit so für Dich beginnt?

Geiger: "Ich kam von der U19-EM in die Vorbereitung und fühlte mich relativ fit. Das wollte ich nutzen und mich bestmöglich zeigen und in den Testspielen gute Leistungen bringen. Nach dem letzten Testspiel hatte ich dann das Gefühl, dass ich nah dran bin. Im Auftaktspiel gegen Bremen in der Startelf zu stehen, hat mich aber sehr überrascht. Dass es dann so läuft, hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt."

Vor rund einem Jahr hast Du im SPIELFELD-Gespräch noch gesagt, dass Du vor allem körperlich im Vergleich zu den Bundesliga-Spielern aufholen musst ...

Geiger: "Ich habe körperlich längst nicht alles aufgeholt, mich aber definitiv weiterentwickelt. Das Jahr im Trainingsbetrieb der Profis hat mich in Sachen Spieltempo und Zweikampfhärte aber extrem nach vorn gebracht. Ich muss in allen Bereichen noch zulegen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber ich arbeite dran und der Prozess geht gut voran."

Verspürst Du eine große Erleichterung, dass der Sprung von den Junioren zu den Senioren so gut verlaufen ist? Gerade bei eher kleineren Spielern haben viele Experten oft Bedenken.

Geiger: "Total. Die Thematik hat mich in der ganzen Jugend begleitet. Es war für mich und alle hier immer die Frage: Kann er das, was er in den U-Mannschaften zeigt, auch irgendwann mal in der Bundesliga abrufen, schafft er körperlich den Sprung? Aber anscheinend kann ich es (lacht). Dass es direkt so gut klappt, hat mich aber auch ein bisschen überrascht."

Haben sich die erfahrenen Spieler um Dich gekümmert?

Geiger: "In der vergangenen Saison hat mir vor allem Kerem Demirbay extrem geholfen, auch zwischenmenschlich. Er hat viel mit mir gesprochen und mir immer wieder gesagt: 'Du musst fest dran glauben, weiter hart arbeiten, dann wird deine Chance kommen. Du musst einfach alles reinhauen und in jedem Training aggressiv sein und zeigen, dass du da bist.' Auch zu Nadiem Amiri, Philipp Ochs und den anderen Akademie-Spielern habe ich natürlich ein super Verhältnis. Für mich ist es hier perfekt."

Gab es denn Momente, in denen Du ungeduldig wurdest, weil Du nicht zum Einsatz kamst?

Geiger: "Nein, einfach weil ich wusste, dass das Jahr mich extrem weiterbringen wird und mir das Training extrem gut tut."

Der Platz von Sebastian Rudy ist durch dessen Wechsel nach München frei geworden. Strebst Du an, die Lücke langfristig zu schließen?

Geiger: "Das ist schon eine Riesenlücke, die Sebastian hinterlassen hat. Die kann man nicht 1:1 füllen. Das erwartet hier ja auch niemand von mir. Sebastian ist für mich aber natürlich ein Vorbild: Er ist auch kein Riese oder körperlich unglaublich stark. Dennoch dirigiert er das Spiel und gewinnt viele Zweikämpfe. Seine unglaubliche Spielintelligenz, die überragende Technik und die geringe Fehleranzahl – er ist definitiv ein Spieler, an dem ich mich orientiere. Es war sehr gut für mich, dass ich ein Jahr mit ihm trainieren durfte, da konnte ich mir viel abschauen. Das haben mir auch alle Trainer immer wieder geraten: 'Schau dir genau an, wie er Spielsituationen löst und sich auf dem Platz bewegt.' Das habe ich getan und das hat mir geholfen."

Musstest Du Dein Spiel im Vergleich zum Junioren-Fußball umstellen?

Geiger: "Spielerisch verändert habe ich mich auf keinen Fall. Aber ich laufe viel mehr als vorher. Ich war zwar nie faul, aber so viel gelaufen bin ich noch nie. Und die Aggressivität im Spiel war in der Jugend nicht so gefordert. In der Bundesliga muss ich sie im Mittelfeld haben, um meine körperlichen Defizite, wenn man es so nennen will, auszugleichen."

Und wie sieht es abseits des Fußballs aus? Merkst Du Veränderungen im Privatleben?

Geiger: "Mich erkennen vielleicht mehr Leute. Aber ich mache mir jetzt nicht nach jedem Training die Haare, weil plötzlich viele Leute mit mir Selfies machen möchten. Ich bin einfach extrem glücklich. Und meine Familie ist natürlich stolz. Aber mein Vater sagt mir auch ständig, dass ich auf keinen Fall denken soll, es durch die bisherigen Spiele schon geschafft zu haben. Ich muss betonen, dass mein Vater extrem wichtig für mich ist. Meine Eltern haben mich ab der U12, als ich zur TSG gekommen bin, bis zur U15 immer zum Training gebracht. Danach gab es dann den Fahrdienst der TSG. Mein Vater hat von Anfang an kein Spiel von mir verpasst, er ist immer da. Ich nehme mir seine Kritik deshalb sehr zu Herzen, auch wenn er früher selbst nicht so hochklassig gespielt hat. Dabei war er ein richtig guter Kicker – hatte aber halt nicht den großen Ehrgeiz. Er war also ein bisschen das Gegenteil von mir (lacht)."

Hand aufs Herz: Haben die elterlichen Ratschläge Dich auch mal genervt?

Geiger: "Früher hat mich das schon mal aufgeregt, weil es eigentlich nie Lob, sondern nur Kritik gab. Als ich dann älter wurde und ich kapiert habe, dass er mir nur helfen will, hat sich das aber gelegt. Mittlerweile habe ich verstanden, dass er nur das Beste aus mir rausholen wollte. Dafür bin ich meinem Vater sehr dankbar."

Du hast ab der U15 für den DFB gespielt und bislang 34 Junioren-Länderspiele absolviert. Die Aussicht auf den Profi-Fußball gab es also immer. Gab es Phasen, in denen Du Druck empfunden hast, dass Du es nicht schaffen könntest, obwohl Du und vor allem auch Deine Eltern so viel investiert haben?

Geiger: "Ich denke, von solchen Gedanken muss man sich freimachen. Man macht sich ja selbst genügend Druck, weil man es unbedingt in die Bundesliga schaffen will. Das war schon seit Kindheitstagen mein eigenes, großes Ziel. Deshalb wollte ich es in erster Linie für mich selbst schaffen. Dass ich meine Eltern nun glücklich und stolz mache, ihnen so etwas für den ganzen Aufwand zurückzahlen kann, ist aber natürlich ein großartiges Gefühl."

Du bist wieder nach Hause gezogen, ein ungewöhnlicher Schritt für einen Jungprofi.

Geiger: "Ich habe zwei Jahre hier im Hoffenheimer Internat gelebt und lebe jetzt seit diesem Jahr wieder in meinem Elternhaus in Mosbach (lacht). Das geht, weil ich jetzt selbst Auto fahren kann. Das ist für mich überragend, und es gibt für mich im Moment nichts Besseres: Mein Zuhause ist nicht weit weg von der TSG und ich habe dort alles, was ich brauche und immer jemanden zum Reden. Meine Eltern helfen mir in der jetzigen Situation sehr."

Kein anderer Spieler vor Dir ist so früh zur TSG gekommen und dann Profi geworden. Du hast es von der U12 in die Bundesliga geschafft und bist nun das Musterbeispiel für den Hoffenheimer Weg. Was bedeutet Dir das?

Geiger: "Als ich 2009 von Alemannia Sattelbach zur TSG gegangen bin, war Hoffenheim die einzige Option für mich – und es war natürlich die bestmögliche Entscheidung. Hier kenne ich jeden Mitarbeiter, habe alles mitgemacht und bin hier ein Stück weit aufgewachsen. Dass die TSG genau in der Saison, in der ich den Sprung zu den Profis geschafft habe, erstmals international spielt und ich deshalb ein Spiel wie in Liverpool erleben durfte, passt natürlich perfekt. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, in dem Verein den Sprung geschafft zu haben, für den ich seit der U12 spiele. Und ich hoffe, dass ich bei der TSG noch viele große Spiele erleben darf.“

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