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CAMPUS
03.11.2015

Die Frauendorfs: Von den Straßen Äthiopiens auf den Platz des Förderzentrums

Die Brüder Melesse (Bild links) und Melkamu Frauendorf sind nicht nur zwei vielversprechende Talente in der U15 und U13 der TSG. Sie haben trotz ihres jungen Alters auch bereits eine bewegte Geschichte hinter sich.

Als Melesse und Melkamu Frauendorf im Winter 2008 nach Deutschland kamen, hatten sie zunächst ein wenig Angst vor dem unbekannten Weiß, das da Dächer und Bäume, Straßen und Wege überzog. Schnee kannten sie aus ihrer Heimat Äthiopien nicht, und auch der moderne Flughafen und das Haus ihrer Adoptiveltern in Mittelschefflenz hinterließ Eindruck bei den fünfeinhalb und vier Jahre alten Brüdern. „Wir haben uns zuerst schon etwas erschrocken. Alles war einfach ganz anders als in Äthiopien“, sagt der heute 13-jährige Melesse, der als älterer der beiden Brüder in der U15 spielt.

Bereits sechs Wochen nach ihrer Ankunft in Deutschland standen die beiden äthiopischen Jungs aber auf dem Sportplatz der SV Schefflenz und trainierten bei der F-Jugend mit. Fußball gespielt hatten sie schon in ihrer südäthiopischen Heimat – allerdings auf der Straße und nicht in einem Verein. „Wir hatten keine runden Bälle und haben uns immer Tore aus Stöcken gebaut. Aber alle Kinder in unserem Dorf haben Fußball gespielt“, erzählt Melesse. Geregeltes Training kannten sie jedoch nicht, was anfangs zu einigen Missverständnissen führte. „Ich habe immer Eigentore geschossen, weil ich nicht wusste, dass ich auch ein Tor verteidigen musste“, erinnert sich Melkamu mit einem Grinsen.

Schwieriger Start in die Schule

Doch mit Hilfe ihrer Trainer und den Mannschaftskameraden lernten sie nicht nur, wie organisierter Fußball abläuft. Sie fanden auch schnell Freunde – und vor allem lernten die bis dahin nur Amharisch sprechenden Brüder über den Fußball Deutsch. „Unsere Familie wird der SV Schefflenz für diesen Beitrag zur Integration der Kinder immer zu Dank verpflichtet bleiben“, sagt Adoptivmutter Karin Schuff, die ihren beiden Söhnen auch zu Hause Deutschunterricht gab. Vor allem für Melesse sei das wichtig gewesen, weil er schon ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in die Schule kam. „Das war sehr schwer für mich“, sagt der 13-Jährige über seine Zeit als Erstklässler. Heute besuchen beide Brüder die Gemeinschaftsschule in Adelsheim, Melesse ist in der achten Klasse, Melkamu in der sechsten.

Beim Fußball hatten jedoch weder Melesse noch Melkamu Anlaufschwierigkeiten – von den anfänglichen Eigentoren einmal abgesehen. Schon früh zeigte sich, dass die beiden ihren gleichaltrigen Spielern überlegen waren. Während Melkamu bereits als F- und E-Jugendlicher technisch und athletisch sehr weit war, überzeugte Melesse vor allem durch seine Schnelligkeit.

Hand in Hand mit den Idolen

Das fiel auch dem Verantwortlichen des Hoffenheimer Kinderperspektivteams, Paul Tolasz, und dem damaligen U12-Trainer Carsten Kuhn auf, als der bereits bei der U12 aktive Nachbarsjunge der Frauendorfs, Luca Egolf, Melesse einfach mal mit zum Training brachte. Tolasz und Kuhn holten den damals zehnjährigen Melesse gleich ins KPT, und als Melkamu seinen großen Bruder eines Tages zum Training nach Zuzenhausen begleitete, gelang auch ihm der Sprung zur TSG. Für die Brüder ging damit ein Traum in Erfüllung.

Als sie einst mit ihren heute 24 und 23 Jahre alten Brüdern im Fernsehen die Bundesliga verfolgt hatten, war ihre Leidenschaft für die TSG bereits entflammt. „Obasi, Ba, Luiz Gustavo – die fand ich immer toll“, sagt Melesse. Bei einem Benefizspiel zwischen der SV Schefflenz und den Profis der TSG durften die Jungs ihre Idole dann sogar als Einlaufkinder auf den Platz begleiten – Melesse an der Hand von Marvin Compper, Melkamu an der von Chinedu Obasi. „Da habe ich gesagt, dass ich irgendwann auch mal für Hoffenheim spielen will“, erzählt Melesse.

Ob er das aber auch wirklich schaffen könnte, daran hatte Melesse trotz seines extrovertierten und selbstbewussten Auftretens anfangs so seine Zweifel: „Vor allem technisch dachte ich, dass ich nicht gut genug bin. Aber jeder meiner Trainer hat mir da sehr geholfen, sodass ich mich immer weiter verbessert habe.“ Heute sind die Brüder Leistungsträger in ihren Teams – und das, obwohl sie beide einen Jahrgang übersprungen haben und sich durchweg mit älteren Spielern messen.

Regelmäßige Besuche in Äthiopien

Ihr gemeinsamer Weg von den Straßen Äthiopiens auf den Sportplatz des Förderzentrums hat Melesse und Melkamu aneinandergeschweißt. Sie halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Damit der etwas ruhigere Melkamu im Interview auch die eine oder andere interessante Geschichte preisgibt, flüstert ihm Melesse immer mal wieder ein paar Stichworte zu. Melkamu lächelt dann ein wenig verlegen und beginnt zu erzählen.

Obwohl die beiden Brüder nun schon länger in Deutschland sind, als sie in Äthiopien gelebt haben, spielt ihre ostafrikanische Heimat für sie immer noch eine große Rolle. Regelmäßig besuchen sie ihre Familie und Freunde in Äthiopien – zuletzt in den Pfingstferien 2014. „Wenn wir dort sind, kommt das ganze Dorf zusammen, weil uns alle kennen“, sagt Melkamu, der zusammen mit seinem Bruder als Geschenke immer mal wieder Bälle oder aussortierte Trainingsklamotten von der TSG und der SV Schefflenz im Gepäck hat.

Begeistert von Mentalität und Nationalgericht ihrer Heimat

Natürlich wird dann auch Fußball gespielt. Bei ihrem vergangenen Besuch jagten rund 50 Kinder gemeinsam mit Melesse und Melkamu dem Ball hinterher. „Da sind ein paar richtig Gute dabei“, sagt Melesse. „Die können alle Tricks und sind echt schnell.“ Immer wieder sind die Brüder beeindruckt, wie rasch sie in Äthiopien neue Freunde finden. Überhaupt gefällt ihnen die Mentalität in ihrer Heimat sehr. „Alle sind sehr freundlich und helfen sich gegenseitig“, sagt Melesse. Auch das äthiopische Nationalgericht hat es den beiden angetan. „Injera (gesäuertes Fladenbrot mit Fleischragout oder Gemüse; Anm. d. Red.) schmeckt in Äthiopien wirklich sehr gut – viel besser als in Deutschland“, schwärmt Melkamu.

Bei aller Verbundenheit zu ihrem Heimatland wissen Melesse und Melkamu aber auch die Vorzüge ihres Lebens in Deutschland zu schätzen. Vor allem haben sie hier die Möglichkeit, sich ihren großen Traum zu verwirklichen. „Vom KPT bis in die Profi-Mannschaft – das wär‘s doch“, sagt Melesse und schaut augenzwinkernd seinen Bruder an.

 

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