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SPIELFELD
17.07.2018

#TSG10: "Jochen, wir müssen reden!"

"Das Wunder von Dortmund" ist allen Hoffenheim-Fans noch in bester Erinnerung. Sejad Salihovic verwandelte zwei Elfmeter und verhinderte 2013 den direkten Abstieg der TSG, die sich anschließend in der Relegation gegen den 1. FC Kaiserslautern retten konnte. Doch der furiose Schlussspurt im erhitzten Dortmunder Fußball-Tempel hätte fast nicht gereicht, denn in der Nachspielzeit traf der BVB noch zum vermeintlichen 2:2. Schiedsrichter Dr. Jochen Drees gab den Treffer zunächst, doch dann griff sein Assistent ein: Benjamin Brand, damals 23 Jahre alt. Ein Funkspruch, ein Gespräch – inmitten der überbordenden Emotionen behielt der Schiedsrichter-Assistent einen kühlen Kopf und verließ sich auf sein Auge. Treffer irregulär, Drees nahm ihn zurück – und die TSG verhinderte den Abstieg. Für die am Montag erschienene SPIELFELD-Sonderausgabe "10 Jahre Bundesliga" blickt Brand, 29, auf das Spiel in Dortmund zurück, welches seine Laufbahn und die Bundesliga-Historie der TSG maßgeblich prägte.

Herr Brand, fünf Jahre sind seit dem Spiel vergangen. Mittlerweile sind Sie Schiedsrichter in der Bundesliga und haben viel erlebt, sind die Erinnerungen an den 18. Mai 2013 dennoch frisch?

"Ich habe es noch genau vor Augen. Es war ein sehr aufregender Spielverlauf, eine Partie mit wahnsinnig vielen interessanten Entscheidungen. Unser Team war von Beginn an sehr gefordert – und das blieb bis in die Nachspielzeit so. Zudem war es meine erste Saison als Linienrichter in der Bundesliga und meine Premiere an der Seite von Jochen Drees. Es waren schon sehr besondere Umstände."

Die TSG hatte das Spiel gedreht, Dortmund griff in Unterzahl an, sogar Aushilfstorwart Kevin Großkreutz stürmte mit. Dann der vermeintliche Ausgleich – und Ihr Einschreiten. Wie haben Sie die Szene damals wahrgenommen?

"Ich habe gesehen, dass Lewandowski im Abseits stand und eine Bewegung zum Ball gemacht hat. Schiedsrichter Jochen Drees hat zum Mittelpunkt gezeigt, da habe ich durch den Funk gesagt: ‚Jochen, wir müssen reden! Wir müssen reden! Wir müssen reden!‘ Er ist dann zu mir zur Seitenlinie gelaufen und ich habe ihm gesagt, was ich gesehen habe. Für ihn war die Abseitssituation sehr schwierig zu beurteilen. Er konnte aber aus seiner Perspektive gut einschätzen, dass Lewandowski den Torwart irritiert hatte. Ich hatte natürlich die bessere Position für die Abseitsfrage. Wir haben dann beide Wahrnehmungen übereinandergelegt und eine Entscheidung getroffen – die zum Glück richtig war. Aber wir waren uns von Beginn an auch sehr sicher."

"Ich habe das Bild in meinem Kopf eingefroren"

Die Hoffenheimer Spieler kamen auf Sie zugestürmt, protestierten lautstark und gestikulierten wild. Dazu der Lärmpegel im Stadion – kann es da passieren, dass man seinem ersten Eindruck plötzlich nicht mehr traut?

"Ich habe mich in dem Moment nur auf das Bild der Abseitsstellung konzentriert. Ich wollte das Bild in meinem Kopf nicht mehr verlieren und habe es sozusagen eingefroren. Dann fand die Kommunikation statt und ich habe nur auf Jochen geguckt, wie er zu mir gelaufen ist. Im Nachhinein hätte ich gar nicht mehr sagen können, welche und wie viele Spieler vor mir reklamiert haben. Mir ging es nur darum, das Bild im Kopf klar beschreiben zu können. Alles andere – und das ist wohl eine entscheidende Fähigkeit als Profi-Schiedsrichter – habe ich komplett ausgeblendet. Die Kommunikation ist zum Glück super abgelaufen."

Es war ein mutiger Schritt, in dieser Situation vor dieser Kulisse einzugreifen. Man hätte die Szene ja auch nach dem Motto "Im Zweifel für den Angreifer" weiterlaufen lassen können …

"Das sind Gedankengänge, die ich als Schiedsrichter noch nie hatte. Wenn man sich davon oder von den Emotionen auf den Rängen leiten lässt, ist man als Schiedsrichter auf dem Holzweg. Für die Entscheidungsfindung ist es völlig uninteressant, ob 50.000 oder 80.000 Zuschauer im Stadion brüllen, man ist viel zu konzentriert." 

"Ich wollte nur die richtige Entscheidung treffen"

Dennoch waren Sie noch sehr jung und hatten in der Bundesliga nicht viel Erfahrung – und die Auswirkungen der Entscheidung enorm …

"In dem Moment war mir gar nicht bewusst, dass diese Situation den Kampf um den Klassenerhalt entscheidet. Ich kannte das Ergebnis von Fortuna Düsseldorf nicht (0:3 in Hannover; d. Red.) und wollte nur die richtige Entscheidung treffen. Die Folgen wurden mir erst klar, als ich nach dem Schlusspfiff die Reaktionen der Spieler auf dem Rasen gesehen habe."

BVB-Trainer Jürgen Klopp war nach dem Schlusspfiff sehr wütend auf das Gespann – haben sich andererseits Hoffenheimer bei Ihnen bedankt?

"Man kann nicht verlangen, dass die Beteiligten solch wichtige Entscheidungen unaufgeregt hinnehmen. Jürgen Klopp war nicht einverstanden mit der Entscheidung, das hat er uns emotional mitgeteilt. Aber das ist dann wenig später auch vergessen. Allerdings ist es nicht einfach, mit der Situation umzugehen, weil man die Szene ja selbst noch nicht im Fernsehen gesehen hat. Da kann man eigentlich immer nur Dinge wie ‘Wir können später drüber reden‘ oder ‘Jetzt gehen wir erst einmal die Kabine und fahren alle ein bisschen runter‘ entgegnen."

Dank von Sejad Salihovic

Sie waren wahrscheinlich froh, als Sie in der Kabine ankamen?

"Mein Handy hat nicht mehr aufgehört zu vibrieren. Da wusste ich, dass die Entscheidung richtig war. Kollegen, meine Familie und meine heutige Frau haben mir gratuliert. Das tat natürlich in dem Moment gut, da konnte ich mal tief durchatmen. Ein paar Monate später habe ich zufällig ein Vorbereitungsspiel der TSG gepfiffen – da kam Sejad Salihovic zu mir, hat mich auf die Szene angesprochen und mir seinen Respekt für die Entscheidung ausgesprochen. Das hat mich natürlich gefreut, aber ich erwarte von den Spielern keine Dankbarkeit. Es ist ja unsere Aufgabe, richtig zu entscheiden."

Es war die bis dahin wichtigste Entscheidung ihrer Laufbahn. Mittlerweile leiten Sie Bundesliga-Spiele als Schiedsrichter – hat dieser Moment Ihre Laufbahn beeinflusst?

"Es war schon ein gewisser Schub und allein für das Selbstvertrauen sehr wichtig. Auch die Kollegen haben damals natürlich gesehen, dass da ein junger Kerl an der Seitenlinie steht, der für eine ruhige Sommerpause für die Bundesliga-Schiedsrichter gesorgt hat. Die Kritik wäre ja riesengroß gewesen. So war es im Nachhinein ein bedeutender Moment – für mich und die TSG."

 

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