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U23
31.03.2014

Karolin Kieffer: Die Kämpferin

Als die U23 der TSG vor gut zwei Jahren im Trainingslager in Namibia mit dem Mannschaftsbus verunglückte, stand hinter der Zukunft von TSG-Physiotherapeutin Karolin Kieffer ein großes Fragezeichen. Die damals 33-Jährige musste sich nach einem offenen Unterarmbruch mehrmals operieren lassen. Mittlerweile ist sie jedoch wieder voll einsatzfähig.

Karolin Kieffer hat nicht viel Zeit. Vor ein paar Minuten sind die Spieler der U23 zum Training auf den Platz gegangen, doch einige angeschlagene Akteure stehen schon bereit, um sich von ihr behandeln zu lassen. So sieht der Alltag der Physiotherapeutin aus. Im Funktionsgebäude des Bundesliga-Unterbaus der TSG hat sie ihr Büro, ihren Behandlungsraum, ihr kleines Reich. „Ich bin hier mein eigener Chef“, sagt die 35-Jährige. Sie ist zurück, spürt ihn wieder, den Rhythmus eines Fußballvereins. Darüber ist sie froh und dankbar. Denn es hätte auch ganz anders kommen können nach einer schweren Verletzung.

Rückblende

Trainingslager der U23 im Februar 2012 in Namibia. An das afrikanische Land hatte die frühere Turnerin gute Erinnerungen, schließlich war sie 2007 mit ihrer Kunstturnmannschaft des TV Wetzgau schon einmal hier gewesen. „Ich habe auch viele schöne Erinnerungen an das Trainingslager mit der TSG“, sagt sie heute. Doch ein Ereignis überschattete alles. Am letzten Tag in Namibia kam es auf der Landstraße zum internationalen Flughafen in Windhoek zu einem folgenschweren Unfall. Der vollbesetzte Mannschaftsbus geriet bei hoher Geschwindigkeit ins Schleudern und kam von der Straße ab. Einige Spieler und Teammitglieder kamen mit Schnittwunden, Prellungen und dem Unfallschock davon; andere verletzten sich schwerer. Kieffer zog sich unter anderem einen offenen Bruch des linken Arms zu.

„Am Anfang habe ich gar keine Schmerzen gespürt. Man ist da voller Adrenalin und sieht die teils viel schwerer Verletzten um sich.“ Erst in der Notaufnahme des Krankenhauses wurde ihr das Ausmaß der Verletzung richtig bewusst, spätestens nach der ersten Operation. Der behandelnde Arzt offenbarte ihr, dass sie wahrscheinlich nicht mehr als Physiotherapeutin würde arbeiten können. „Da brach erst einmal eine Welt für mich zusammen“, erinnert sich Kieffer.

Erfahrungen als Leistungssportlerin helfen

Eine schwere Diagnose erfahren, die möglichen Konsequenzen realisieren und trotzdem nach vorne blicken und kämpfen – dass Karolin Kieffer das geschafft hat, verdankt sie auch ihrer sportlichen Vergangenheit als Kunstturnerin. „Im Jahr 2003 habe ich mir meinen Fuß gebrochen. Danach sagten mir die Ärzte, dass es schon ein guter Heilungsverlauf wäre, wenn ich am Ende wieder richtig gehen könne.“ Doch das wollte die frühere Betreuerin verschiedener Württembergischer Auswahlmannschaften nicht hinnehmen. Sie gab alles für ein Comeback. „Und am Ende habe ich wieder geturnt“, sagt sie und lächelt. „Ich bin eben eine Kämpferin.“

Das bewies sie im Jahr 2012 wieder. Knapp einen Monat musste sie ihren Arm ruhig stellen, danach fast zwei Monate in der Reha behandeln lassen. Eine Geduldsprobe für Kieffer, die erst im Jahr davor vom VfB Stuttgart nach Hoffenheim gekommen war. „In Stuttgart durfte ich keine Männermannschaft betreuen, deswegen bin ich nach Hoffenheim gewechselt, als mich Peter Geigle (Anm. d. Red.: Physiotherapeut bei den Profis) gefragt hat, ob ich mir das vorstellen könne.“ Geigle hatte Kieffer im Jahr 2010 bei der Tagung des Deutschen Olympischen Sportbunds kennengelernt. Damals hatte sie bereits ihre DOSB-Sportphysioausbildung in der Tasche – damit ist sie berechtigt, Sportler bei internationalen Wettkämpfen wie etwa den Olympischen Spielen zu betreuen.

Weil ihre eigene Therapie nach der Verletzung sehr gut verlief, machte sich Geigle – gemeinsam mit Mannschaftsarzt Dr. Henning Ott – dann erneut für „Karo“ stark und vermittelte ihr zur Saison 2012/13 einen Platz im medizinischen Team der Bundesligamannschaft. „Das war am Anfang eine große Nummer. Eine Physiotherapeutin im Profi-Fußball, speziell in der ersten Bundesliga, ist nicht Usus. Ich habe mich aber schnell zurechtgefunden.“ Die Verletzung war in diesen Momenten meilenweit weg.

Erneuter Eingriff und Comeback

Die Saison 2012/13 glich aus sportlicher Sicht einer Achterbahnfahrt. Der Abstieg wurde erst in letzter Sekunde verhindert. „Wir haben alles dafür getan, dass die Spieler immer möglichst topfit in die Partien reingehen konnten. Das Ende mit dem Sieg in Dortmund und der erfolgreichen Relegation gegen Kaiserslautern hat dann natürlich für vieles entschädigt.“

Für die Physiotherapeutin ging es danach allerdings mit einer weiteren Operation zur Stabilisierung ihres Handgelenks weiter. Eine längere Zwangspause resultierte daraus. „Ich bin ein Arbeitstier, daher war die lange Zeit zuhause schwer für mich“, sagt die gebürtige Esslingerin. Theoretisch hätte sie den Eingriff auch noch etwas aufschieben können. „Aber es war richtig, es schon nach der Saison zu machen und die Sache so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen. Schließlich sind meine Arme und Hände mein Arbeitswerkzeug. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe.“

Mit Beginn der Vorbereitung auf die restlichen Spiele feierte sie im Stab der U23 ihr Comeback. „Eine super Truppe. Ich komme mit allen sehr gut aus.“ Wie es überhaupt sei, sich als Frau inmitten einer Männerdomäne zu behaupten? „Es gibt immer wieder den einen oder anderen Spruch, damit muss man zurechtkommen. Am besten auch mal austeilen. Das kann ich mittlerweile aber ganz gut.“ Und davon können sich die U23-Kicker nun auch wieder selbst überzeugen.

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