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ALLGEMEIN
10.10.2013

Peter Rettig: "Ich bin gekommen, um zu gestalten"

Seit dem 1. Oktober ist Peter Rettig Vorsitzender der Geschäftsführung bei 1899 Hoffenheim. Im Gespräch mit achtzehn99.de erklärt er, wie es zu seinem Engagement bei der TSG kam, warum er umfangreiche strukturelle Veränderungen vorgenommen hat, wie er 1899 aufstellen möchte und wie sein Verhältnis zu Cheftrainer Markus Gisdol und den Gesellschaftern um Dietmar Hopp und Peter Hofmann ist.

Herr Rettig, können sie sich an ihren ersten Kontakt mit 1899 erinnern?

Peter Rettig: Da gibt es zwei Ebenen. Als Fußballfan ist mir 1899 natürlich durch den Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga und die berauschende Hinrunde 2008/09 aufgefallen. Die Herbstmeisterschaft war außergewöhnlich. Beruflich kam der Kontakt im Februar dieses Jahres zustande – damals hatte ich eine Besprechung mit Dietmar Hopp und den drei Geschäftsführern der TSG, Jochen Rotthaus, Frank Briel und Alexander Waldi. Man hat mich gebeten, zu hinterfragen, ob 1899 nur eine sportliche Krise hat oder ob auch an anderer Stelle Weichen neu gestellt werden müssen. Dabei wurde schnell klar, dass es nicht nur auf dem Platz Probleme gibt.


Was ist ihnen konkret aufgefallen?

Rettig: Beispielsweise waren hier drei gleichberechtigte Geschäftsführer tätig. Dadurch war die Entscheidungsfindung nicht immer einfach. Die wichtigsten Dinge wurden oftmals nach oben an die Gesellschafter delegiert. Es entstand der Eindruck, dass vieles nicht hier im Haus, sondern an anderer Stelle bestimmt wurde. Das kann nicht gesund sein.

Welche Konsequenzen wurden aufgrund ihrer Analyse bereits gezogen?

Rettig: Die letzte Entscheidungskompetenz liegt jetzt hier im Haus. Durch unsere neue Unternehmensstruktur haben wir zudem die Möglichkeit, die motivierten und kompetenten Mitarbeiter, die ich in den letzten Monaten kennengelernt habe, besser zu fördern. Einzelne werden, um sich weiterzuentwickeln, größere Entscheidungsspielräume bekommen. Perspektivisch ist es zudem sehr wichtig, Prozesse zu entwickeln, die es uns erlauben, die Gesellschafter bestmöglich einzubeziehen.

Sie sprechen die Gesellschafter an. Zu diesen gehört neben Peter Hofmann auch Dietmar Hopp. Wie würden sie ihr Verhältnis zu den Gesellschaftern beschreiben und wie wichtig ist ein Vertrauensvorschuss für ihre Arbeit?

Rettig: Das Vertrauen, dass mir Dietmar Hopp und Peter Hofmann mit auf den Weg gegeben haben, ist unglaublich wichtig. Ohne diese Grundlage, könnte ich nichts bewegen. Ich bin als Gestalter, nicht als Verwalter gekommen. Mein persönliches Verhältnis zu beiden ist von großer Wertschätzung und großem Vertrauen geprägt. Dietmar Hopp ist eine der deutschen Unternehmerpersönlichkeiten und auf vielen Ebenen ein Pionier. Wenn wir davon sprechen, dass Mut und Innovation für die TSG stehen sollen, dann sind das Werte, die sehr eng mit seiner Person verknüpft sind. Das sind absolute Kernwerte seines Erfolges.

Mutig und innovativ. Wollen sie so auch ihre Aufgabe in Hoffenheim angehen? Woran wollen sie konkret arbeiten?

Rettig: Sicher, Mut und Innovation sind Begriffe, die in Zukunft dauerhaft mit 1899 in Verbindung gebracht werden sollen. Vieles von dem, was ich zusammen mit meinen Mitstreitern hier vorhabe, wurde in den vergangenen sechs Monaten bereits angestoßen. Ganz oben auf meiner Agenda stehen auch eine größere Nähe zu den Fans und der Aufbau einer echten Marke 1899. Dafür ist es notwendig, dass wir in allen Bereichen einen Schritt nach vorne gehen. Unabdingbar für die Weiterentwicklung sind darüber hinaus Kontinuität und Stabilität – wir wollen Geduld haben, unseren klar vorgegebenen Weg konsequent weitergehen und auch auf Rückschläge gelassen reagieren.

Sie haben die Marke 1899 angesprochen. Was verstehen Sie darunter?

Rettig: Der Verein hat derzeit in seiner Außendarstellung noch kein klares Profil. Auf dem Platz ist der Markenkern in den letzten Monaten, seit der Verpflichtung von Markus Gisdol als Cheftrainer und der Ernennung von Alexanders Rosen zum Leiter Profifußball, schon sehr deutlich geworden. Die Mannschaft steht für eine klare Spielphilosophie – dynamisch, kreativ und offensiv – dabei arbeiten wir mit jungen Spielern, wenn möglich aus dem eigenen Nachwuchs. Das ist unser Weg. Dafür soll 1899 stehen. Zudem haben die Mitarbeiter ein Leitbild entwickelt, welches klar definiert, wofür die TSG als Verein stehen will: Neben den bereits gefallenen Begriffen Mut, Innovation und Stabilität ist das vor allem Bodenständigkeit. Wir werden daran arbeiten, das nach außen zu tragen. Die Mannschaft als wichtigster Botschafter macht da gerade schon einen sehr guten Job.

Der Leitbildprozess kam von innen. Wie finden sie heraus, was in der Öffentlichkeit, also außen, über die TSG gedacht wird?

Rettig: Wir überprüfen gerade mithilfe einer Marktforschung sehr akribisch, wie uns unsere Fans sehen, wie uns Lieferanten und Sponsoren wahrnehmen, wie diejenigen 1899 wahrnehmen, die den Verein derzeit nicht sympathisch finden. Aus Eigenbild und Fremdbild entwickeln wir ein Markenbild. Das ist ergebnisoffen. Am Ende dieser Analyse könnte beispielsweise stehen, dass wir als "Dorfclub" unsere Werte glaubwürdig verkörpern können. Ein Image, das ich, je länger ich hier bin, immer attraktiver finde. Dabei schließt es sich nicht aus, dass die TSG als Dorfclub innovativ und gleichzeitig bodenständig ist.

Zum Dorfclub gehört natürlich das ländliche Umfeld. Sie wohnten lange in Köln. Ein Stadtmensch. Wie gefällt es ihnen hier?

Rettig: Im ersten Moment fühlt sich der Kraichgau wie Urlaub an. Es ist wunderschön, aber es ist bei aller anstehenden Arbeit natürlich kein Urlaub. Dennoch: die Landschaft mit den vielen kleinen Dörfern, den Feldern und Wiesen – das ist toll. Für mich war das erst einmal fremd, aber nach inzwischen sechs Monaten in der Region, fühle ich mich hier sehr wohl.

Diese Lage ist auch ein Alleinstellungsmerkmal.

Rettig: Natürlich macht uns der Standort hier einzigartig. Als einziger Bundesligist sind wir keiner großen Stadt zuzuordnen, sondern einer Region. Und trotzdem liegen unsere Wurzeln natürlich in Hoffenheim.

Ihre Wurzeln liegen im Ruhrpott. Genauer in Bottrop. Hand aufs Herz - für welchen Club schlägt ihr Herz?

Rettig: Als junger Mensch sucht man sich einen Verein, der in der Nähe liegt und attraktiven Fußball spielt. Mein Verein war damals Borussia Mönchengladbach. Bevor ich hierher kam, habe ich mich aber keinem Bundesliga-Verein als treuer Fan zugeordnet.

Jetzt sitzen sie seit einigen Monaten in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena auf der Tribüne. Wie verfolgen sie ein Spiel – laut und emotional oder ruhig und abgeklärt?

Rettig: Ganz klar – laut und emotional. Dazu regt die Spielweise unserer Mannschaft ja an. Auf dem Rasen ist immer etwas los. Die Mannschaft reißt einen mit. Das macht Spaß, ist spannend und aufregend und am Ende ja durchaus erfolgreich. Ich denke, wir können als Verein auf einen ordentlichen Saisonstart zurückblicken.

Sie persönlich blicken auf viele Jahre Management- und Beratungserfahrung zurück. Vor allem außerhalb des Fußballs. Kann ihnen das bei der anstehenden Aufgabe sogar helfen?

Rettig: Von außen zu kommen, ist Vor- und Nachteil zu gleich. Aber während meiner Tätigkeit bei Coca-Cola hatte ich schon viel mit Fußball zu tun – aus der Sicht des Veranstalters und Sponsors. Richtig nahe bin ich in den vergangenen fünf Jahren an den Fußball herangerückt. In der Beratung gab es einige Mandate in der Bundesliga. Dennoch ist da ein Unterschied – jetzt übernehme ich erstmals in einem Club Verantwortung. In einem Fußballverein gibt es spezifische Dinge, die einem sonst nicht begegnen. In diese Gebiete musste ich mich einarbeiten. Auf der anderen Seite, gibt es viele Dinge, die ich kenne und es ist immer gut, einen unverbrauchten, unvoreingenommenen Blick auf etwas zu richten.

Wer den Blick auf sie richtet, erkennt schnell, dass sie Jeans und Hemd einem Anzug vorziehen. Erlaubt das Rückschlüsse auf ihren Führungsstil?

Rettig: Diese Frage habe ich mir so noch nie gestellt, aber ich gehe viele Themen in der Tat sehr pragmatisch an. Dazu kommt, dass wir hier bei einem Fußballverein arbeiten. Da muss es pragmatisch zugehen und ich denke, da passe ich gut hin. Darüber hinaus bin ich sehr direkt und damit auch berechenbar. Wenn es notwendig ist, treffe ich konsequent Entscheidungen, aber ich bin niemand, der hierarchisch denkt. Ich führe gerne Gespräche – sei es in der Kantine oder auf dem Flur. Der Dienstweg ist nicht der, den ich favorisiere. Das heißt aber nicht, dass ein Verein wie 1899 ohne klare Strukturen und Prozesse auskommt. Und wenn es wichtige Gespräche gibt, werde ich auch mal einen Anzug tragen (lacht).

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