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AKADEMIE
08.12.2010

Rüdiger Becker: Der Wohlfühlsorger

Um die Mittagszeit, kurz nach Schulschluss und bis Trainingsende herrscht im Nachwuchsleistungszentrum Hochbetrieb. Nach und nach trudeln die Spieler der achtzehn99 AKADEMIE ein. Sie essen in der Mensa, entspannen bei einem Billardspiel im Aufenthaltsraum, dem „Wohnzimmer“, oder büffeln in der Anpfiff-ins-Leben-LERNWERKSTATT, spielen eine Runde Tischtennis oder ruhen sich einfach nur aus. Es ist die Hauptarbeitszeit des Sozialpädagogen Rüdiger Becker, für den es erst in den frühen Abendstunden, wenn die Spieler im Athletik- und Physiobereich bzw. auf dem Platz trainieren, ruhiger wird.

Becker, Jahrgang 1971 und in Heidelberg geboren, spielte früher selbst beim SV 98 Schwetzingen und in der Badischen Auswahl auf überregionalem Niveau Fußball. Nach dem Studium der Sozialpädagogik an der Berufsakademie in Stuttgart, einem dualen Studiengang mit Theorie in Praxis in dreimonatigem Wechsel, arbeitet er mittlerweile seit zwölf Jahren mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Seit April 2010 ist er festes Mitglied des Akademie-Teams. Im Interview spricht er über seine Eindrücke in den ersten fast sieben Monaten.

Herr Becker, Sie arbeiten seit April als Sozialpädagoge in der achtzehn99 AKADEMIE, nachdem Sie sich zuvor in einem Berufsbildungszentrum in Bensheim um „benachteiligte" Jugendliche gekümmert haben. Wie groß war die Umstellung?

Generell bedarf es immer einer Umstellung, wenn man den Arbeitgeber wechselt. Mir hat dabei natürlich sehr geholfen, dass ich mit dem Fußballsport vertraut bin und in Hoffenheim auf viele alte Bekannte aus meiner aktiven Zeit als Fußballspieler traf. Von den Jugendlichen her war es natürlich eine große Umstellung - im positiven Sinne, wohlgemerkt. Im Berufsbildungszentrum musste ich permanent Motivationsarbeit betreiben und war schon froh, wenn wenigstens einige Wenige auf den richtigen Weg gefunden haben. Hier ist es gerade umgekehrt. Die Jungs sind sehr zielorientiert und nehmen vieles auf sich, um in der Schule und im Sport voranzukommen.


Können Sie Ihre Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum kurz beschreiben?

Meine Arbeit ist schwer zu beschreiben, weil das Aufgabengebiet sehr umfassend ist. Ich bin generell für die Jungs da, richte ihre Zimmer und Räumlichkeiten ein, organisiere und koordiniere die studentischen Hilfskräfte, organisiere das Essen und den Einkauf und bin Ansprechpartner für Jungs und Eltern. Kurz: Ich sorge dafür, dass sich die Jungs wohl fühlen. Die Spiele von der U19 bis zur U15 zu schauen, gehört übrigens auch zu meinem Job.


Welche Freizeitangebote gibt es für die Jungs?

Gemeinsam mit Uli Brecht, dem Freizeitpädagogen der Akademie, versuche ich, mit den Jungs in ihrer Freizeit etwas Interessantes zu unternehmen. Dabei ist es aber wichtig, auf Trainings und Spiele Rücksicht zu nehmen und natürlich die wenige freie Zeit der Spieler nach ihren Wünschen zu gestalten. Es darf für die Jungs nicht in Freizeit-Stress ausarten. Wichtig ist es auch, sich zum Beispiel um neu dazugekommene oder verletzte Spieler zu kümmern.


Und was machen Sie konkret?

Unsere Angebote sind vielfältig und reichen vom gemeinsamen Grillen oder Kinobesuch bis zum Besuch von Freizeitparks. Selbstverständlich gehen wir auch in die Sportsbar - oder direkt ins Stadion - und schauen zusammen Fußball. Neuankömmlinge kommen erstmal in den Genuss einer Einzelbetreuung. Ihnen wollen wir natürlich die Umgebung zeigen. Dabei setzen wir auch kulturelle Schwerpunkte, wie etwa den Besuch des Heidelberger Schlosses.


Mit welcher Art von Problemen kommen die Spieler zu Ihnen?

Sie kommen wegen allen „üblichen" Nöten und Sorgen - oder einfach nur zum Reden. Nur, weil sie alle talentierte Fußballer sind, heißt es ja nicht, dass sie nicht dieselben Dinge bedrücken: Schule, Eltern, Freundin. Oder manchmal ist es ganz einfach nur Heimweh...


Sie können aber nicht rund um die Uhr im NLZ sein. Wie ist die Rundumbetreuung der Internatsspieler gewährleistet?

Wir haben uns ein kompetentes Team aus Studenten auf Lehramt bzw. der Sozialpädagogik aufgebaut, die als Aufsichtspersonen in der Nacht und an Wochenenden anwesend sind. Zu jeder Zeit - sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag - ist also eine Person als Aufsicht im Haus. Zusätzlich bin ich in Rufbereitschaft ständig erreichbar.


Können Sie eine nette Anekdote aus Ihrem Hoffenheimer Alltag erzählen?

Im Zusammenleben mit den Spielern erlebt man allerhand nette Anekdoten, aber die sollen eigentlich in der Akademie bleiben. Ganz witzig war, als mir bei meinem ersten Besuch in der Akademie Bernhard Peters vorgestellt wurde. Ich sagte nur „Kenne ihn schon" und erntete Verwunderung beim Gegenüber. Also musste ich klarstellen: „Ok, nur vom Fernsehen."


Kann man sagen, dass niemand die Spieler so gut kennt wie Sie? Sind Sie eher Freund oder Vaterersatz?

Klar entwickelt man im Laufe der Zeit zu jedem Spieler eine unterschiedliche Beziehung, die je nach Persönlichkeit des Einzelnen auch von unterschiedlicher Qualität ist. Ich bin aber weder Freund noch Vaterersatz und möchte auch beides gar nicht sein. Die Jugendlichen sollen auf keinen Fall die Beziehungen zu ihrem Elternhaus und zu ihren Freunden in der Heimat verlieren.

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