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U23
24.11.2009

Der Laufbahnbegleiter

Der Weg zum Profi-Fußballer ist sehr steinig und nicht planbar. Im Eifer, eines Tages den sportlichen Durchbruch zu landen, vergessen junge Spieler oft, eine Alternative parat zu haben, falls es entgegen aller Hoffnungen doch nicht mit dem Profi-Vertrag klappt. Oder, viel wichtiger noch, für die Zeit danach zu sorgen.

„30 Prozent aller Fußballprofis der 1. und 2. Bundesliga aus den 80er und 90er Jahren sind heute mittellos oder überschuldet. Die Gründe sind vielfältig: Ein überzogener Lebensstil bzw. zu geringe Rücklagen während der aktiven Laufbahn, zum Teil falsche Geldanlageentscheidungen und vor allem keine stetiges, fundiertes Arbeitseinkommen aus dem Erwerbsleben nach dem Fußball", sagt Thomas Gomminginger. Gomminginger ist Laufbahnbegleiter bei 1899 Hoffenheim und sorgt unter anderem dafür, dass die Spieler der U23 neben ihrem Training noch Zeit finden, ihr Leben vernünftig zu planen und ihre schulisch-berufliche Ausbildung voranzutreiben.

Der frühere Profi des VfB Stuttgart, der neben seiner anschließenden fußballerischen Laufbahn beim VfR Mannheim und SV Sandhausen an der Uni Mannheim einen Abschluss zum Diplom-Kaufmann absolvierte und danach 15 Jahre als Führungskraft in der Immobilienwirtschaft arbeitete, kümmert sich bei 1899 unter anderem auch um die anfängliche Integration neuer Spieler. „Wir wollen sie möglichst frühzeitig sensibilisieren und sie ermuntern, sich neben ihrem Leistungssport auch intellektuell zu fordern", sagt Gomminginger, der die Spieler bei der Suche nach einer Wohnung, nach einem Ausbildungsplatz oder nach einer Wehr- bzw. Zivildienststelle unterstützt. „Wir wollen hier Profi-Bedingungen schaffen, also muss auch für diese Dinge gesorgt sein." Zum Beispiel Andreas Ludwig: Der 19-jährige Neuzugang vom SSV Ulm 1846 hatte bereits zwei Ausbildungsjahre als Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert, ehe er sich im Sommer zu einem Wechsel nach Hoffenheim entschloss. Gomminginger nutzte Kontakte in die Metropol-Region und konnte sicherstellen, dass Ludwig nun sein drittes Lehrjahr bei 1899-Business-Team-Partner „Benz-Baustoffe" zu Ende bringen kann. „Einigen jungen Spielern muss man hohen Respekt zollen", sagt Laufbahnbegleiter Gomminginger. „Im Rahmen ihrer dualen Ausbildung müssen sie unter Einbeziehung des Trainings- und Spielbetriebs am Wochenende sowie der wöchentlichen Praxis-, Schul- oder Vorlesungszeiten nicht selten eine 60-Stunden-Woche meistern, die ihnen ein hohes Maß an Eigenorganisation und Fokussierung abverlangt."

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Kristiina Iso-Kokkila. Die in Heidelberg lebende Finnin ist Dolmetscherin und wird Jukka Raitala demnächst im Einzelunterricht Deutsch beibringen. Der finnische U21-Nationalspieler stieß vor wenigen Wochen zu 1899 Hoffenheim und soll in der U23 für Bundesliga-Aufgaben fit gemacht werden. Gomminginger sorgt schon mal dafür, dass er sich in seiner neuen Heimat wohlfühlt und sich schnellstmöglich integrieren kann.

Wenn Spieler in Auswahlmannschaften berufen werden, trifft Gomminginger die entsprechenden Absprachen mit den Ausbildungsleitern und Lehrern bzw. Dozenten. Dasselbe gilt für die Abstimmung der Trainingspläne oder die Rücksprache mit dem Trainer, wenn Prüfungen zur Mittleren Reife, zum Abitur oder eine IHK-Prüfung anstehen. „Wir streben eine systematische Laufbahnbegleitung an", betont Gomminginger. „Während schon im Jugendbereich neben der fußballerischen Weiterentwicklung anhand von Nachhilfe und Prüfungsvorbereitungen ganzheitlich sehr viel Wert auf die schulische Begleitung und Unterstützung gelegt wird, gilt dieser duale Ausbildungsansatz auch für den Übergangsbereich der U23. Wir führen mit diesen jungen Talenten vorwiegend im Alter von 18 bis 21 Jahren Gespräche, woran sie im jeweils folgenden Jahr konkret arbeiten wollen. Das mündet dann in persönlichen Zielvereinbarungen. Da geht es natürlich insbesondere um angestrebte sportliche Verbesserungen wie zum Beispiel technisch-taktische Inhalte oder athletische Komponenten, aber auch um schulische oder berufliche Ziele."

Diese duale Laufbahnbegleitung entspricht der persönlichen Überzeugung des 1899-Förderers Dietmar Hopp und des Direktors für Sport- und Nachwuchsförderung Bernhard Peters. Letztlich wird es nur ein geringer Prozentsatz aller Nachwuchsfußballer schaffen, sich dauerhaft im bezahlten Erst- oder Zweitligafußball zu etablieren. „Ungeachtet dessen ist es ihnen ein Anliegen, dass hier möglichst jeder Spieler auch für die persönliche Weiterentwicklung ein gutes Rüstzeug für das Leben mitbekommt", sagt Gomminginger. Davon profitiert nicht nur der Sport, sondern letztlich auch die Gesellschaft. Die Gefahr, dass Fußballer, die nicht geführt werden, ihr Engagement außerhalb des Sportplatzes vernachlässigen, ist groß. „Es ist durchaus legitim, sich nach dem Schul- oder Berufsabschluss zwei, drei Jahre ausschließlich auf den Fußball zu konzentrieren, um den Sprung nach ganz oben zu schaffen", sagt Gomminginger. „Aber es gibt zu viele Spieler, die ihre Grenzen nicht richtig oder rechtzeitig einschätzen, gerade im jungen Erwachsenenalter und im eher semiprofessionellen Bereich zwischen Oberliga und 3. Liga. Zehn bis 15 Jahre nur Fußball zu spielen und danach oftmals ohne Berufsausbildung oder nachweislicher außersportlicher Qualifikation ins normale Arbeitsleben zurückkehren zu wollen, ist schwer und für viele eine leidvolle Erfahrung." Das große Problem ist: „Viele machen sich das Leben zu einfach, weil sie während ihrer aktiven, allerdings zeitlich begrenzten Laufbahn auch unterhalb der Bundesliga ein gutes, finanzielles Einkommen haben."

Eben diesen Spielern die Augen zu öffnen, das ist die Hauptaufgabe Thomas Gommingingers, der auch den Spielbetrieb der U23 leitet. „Wer neben seinem Leistungssport in einem vertretbaren Umfang noch etwas anderes macht - sei es Schule, Fremdsprachen oder ein zeitlich gestrecktes Studium - hat in der Regel auch einen anderen Tagesrhythmus, eine andere Disziplin und entwickelt mehr Eigenverantwortung als Jungs, die mehrmals die Woche bis um 10 Uhr ausschlafen, gegen Mittag frühstücken, im Fernseher zappen und dann langsam für das Nachmittagstraining ihre Sporttasche packen. Die erstgenannten Spielertypen entwickeln oftmals auch mehr Führungsqualitäten auf dem Platz und schöpfen im Zeitablauf ihr jeweiliges individuelles Leistungspotenzial besser aus, da sie als Fußballer eine höhere Lernfähigkeit aufweisen und damit ihre fußballerische Ausbildung voranbringen."

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