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AKADEMIE
04.05.2017

Paul Ehmann: Neustart in Kalifornien

Gestern spielten sie noch für die TSG, heute sind sie in den USA am Ball und verknüpfen Leistungssport mit Studium. An den Universitäten in den Vereinigten Staaten lebt der Traum von der Profi-Karriere weiter, es eröffnen sich aber auch neue Möglichkeiten. Achtzehn99.de porträtiert in einer Serie vier junge Fußballer, die einst in der achtzehn99 AKADEMIE am Ball waren und nun ihr Glück an einer US-Universität suchen. Heute: Paul Ehmann.

Auf Paul Ehmann trifft der Einleitungstext dieser Serie nicht einhundertprozentig zu. Das Engagement des 24-Jährigen in den USA ist bereits zu Ende. Den Traum von der Profi-Karriere verfolgt er nicht mehr. Doch in einem Punkt gibt es eine absolute Übereinstimmung mit den anderen Protagonisten: Die Zeit im College hat Ehmanns Leben verändert.

Vier Jahre, von 2008 bis 2012, war der gebürtige Ludwigshafener für die achtzehn99 AKADEMIE am Ball und absolvierte insgesamt 80 Junioren-Bundesliga-Spiele (vier Tore) für die U17 und die U19. Als A-Jugendlicher war er im Februar 2012 mit der U23 im Trainingslager in Namibia dabei und entkam dem Busunfall, der das Team auf der Heimreise in Richtung Flughafen ereilte, weil er bereits am Vortag zurückgeflogen war, um in der A-Junioren-Bundesliga gegen den 1. FC Kaiserslautern aufzulaufen. Von dort schickte Ehmann seinen verletzten Kollegen einen fotografischen Gruß in Gebärdensprache, den er in Windhoek beim gemeinsamen Besuch eines Schwerhörigen- und Taubstummen-Kindergartens gelernt hatte.

Ehmann wechselte nach jener Saison aber nicht etwa in die U23 der TSG, sondern folgte dem Lockruf seines einstigen Hoffenheimer Trainers David Wagner in die U23 von Borussia Dortmund. „Ich habe einen Zweijahresvertrag unterschrieben und wollte mich in der 3. Liga durchsetzen“, sagt Ehmann rückblickend. Doch daraus wurde nichts. „Ich habe früh erkannt, dass es nicht reichen würde. Bei uns im Kader standen Spieler wie Erik Durm, Jonas Hofmann, Marcel Halstenberg, Kerem Demirbay oder Marvin Bakalorz, und ich bin nicht der Typ, der sich selbst belügt.“

Die Option, in Deutschland weiter Fußball zu spielen, war keine, die Ehmann mit aller Macht verfolgen wollte. „Ich habe mich nach nur wenigen Monaten dazu entschieden, ein Studium zu beginnen und im Spätherbst meinen Vertag in Dortmund aufgelöst.“ Eine Agentur aus Münster unterbreitete ihm unverbindlich mehrere Vorschläge für ein Stipendium in den USA, und obwohl sich darunter auch die legendäre „University of California, Los Angeles“ (UCLA) befand, entschied er sich für die Schwester-Uni in Santa Barbara (UCSB), auf der einst auch die Schauspieler Michael Douglas oder Gwyneth Paltrow studierten.

 

Paul, warum die Entscheidung für die USA und warum – abgesehen von den klimatischen Vorzügen – ausgerechnet Santa Barbara?

Paul Ehmann: Es ist einfach so, dass die Kombination aus Hochleistungssport und Studium in den USA deutlich besser organisiert ist, als in Deutschland. Hier hätte ich niemals gewissenhaft studieren und nebenbei auf hohem Niveau Fußball spielen können. In Santa Barbara haben mich vor allem drei Dinge überzeugt: Aus akademischer Sicht betrachtet ist die Uni eine sogenannte Public Ivy, also eine Elite-Uni. Sportlich hat mich die Tatsache überzeugt, dass unter der Vielzahl an Sportarten, die die Uni anbietet, der Fußball die Nummer eins ist und nicht etwa eine der klassischen US-amerikanischen Sportarten. Wenn du an einer anderen Uni im Kraftraum bist und es kommt jemand vom Football-Team herein, musst du erst mal deinen Platz räumen. Drittens hat mich der kalifornische Lebensstil gereizt.

Was hast Du genau studiert – und warum?

Ehmann: Ich habe mit „Kommunikation“ angefangen, wollte aber von allem etwas mitnehmen. Daher bin ich unter anderem in Kursen zu „Astronomie“, „Anthropologie“, „Musik“, „Philosophie“, ja sogar „Erdbeben“ gelandet. Per Zufall kam ich dann auch in „Psychologie“ mit Professor Jonathan Schooler in Kontakt – und da hat es mich richtig gepackt. Ich habe schnell gemerkt, dass ich für dieses Fach brenne. Daher habe ich mich im Sommer 2014 für ein Psychologie-Studium in Deutschland beworben, das ich wenige Monate später in Frankfurt begonnen habe.

Wieso bist Du nicht in Santa Barbara geblieben?

Ehmann: So sehr es mir in Kalifornien gefallen hat: Da ich ein sehr heimatverbundener Mensch bin, habe ich mich nach eineinhalb Jahren entschieden, zurück nach Deutschland zu kommen.

Sportlich verlief bei den „Gauchos“, wie die Sportmannschaften der UCSB genannt werden, alles nach Plan?

Ehmann: Im ersten Jahr lief es für die Mannschaft sportlich sehr gut, und wir haben die Playoffs erreicht. Da gab es schottische und französische Junioren-Nationalspieler, und das Niveau war schon sehr hoch. Ich hatte zu Beginn Anpassungsprobleme an den amerikanischen Fußball. Taktisch waren die Anforderungen im Vergleich zu Deutschland nicht ganz so hoch, aber alles andere war hochprofessionell organisiert. Im zweiten Jahr habe ich in Sachen Fitness ordentlich zugelegt und mich den Frühling über jeden Morgen ab 5 Uhr in Form gebracht. Ich wurde dann sogar Kapitän, bin aber im November nach Deutschland zurück.

2006 hat die UCSB die NCAA-Meisterschaft im Fußball gewonnen…

Ehmann: Ja, das war der zweite nationale Titel für die Uni nach dem Sieg im Wasserball 1979. Und das ist auch ein Grund, warum Fußball die Nummer eins an der Uni ist. Zu den Heimspielen im Harder Stadium kommen regelmäßig 4.000 Zuschauer, mehr als im Football oder Basketball. Zum Derby gegen Cal Poly (California Polytechnic State University, Anm. d. Red.) kommen sogar 10.000.

Das klingt alles so, als hättest Du die kurze Zeit sehr genossen?

Ehmann: Wenn jeden Morgen die Sonne scheint und die Menschen um dich herum sehr offen und warmherzig sind, genießt man das Campusleben durchaus. Der Lebensstil in Kalifornien ist ziemlich angenehm, den Menschen geht es gut. Wenn mich Freunde aus Deutschland besucht haben, haben wir Ausflüge nach San Francisco oder Las Vegas gemacht. Das war alles sehr beeindruckend.

Jetzt also wieder Deutschland. Was fasziniert Dich denn so an der Psychologie?

Ehmann: Die Begeisterung für die Psychologie lässt sich nicht in zwei Sätzen erklären. Ich versuche es mal so: Es gibt für mich nichts Spannenderes, als den Menschen auf verschiedenen Abstraktionsebenen zu verstehen. Dabei fasziniert mich, wie die Psychologie in andere Wissenschaften wie Biologie, Philosophie, Anthropologie usw. eingebettet ist.

Spielst Du noch Fußball?

Ehmann: Nein. Ich wollte nicht in unteren Ligen spielen, dazu wäre mein Anspruch immer noch zu hoch. Und für eine höhere Spielklasse reicht die Zeit nicht mehr. Seit Sommer 2015 bin ich Individualtrainer im Nachwuchsbereich des FSV Frankfurt. Ich schule die Jungs von der U16 bis zur U19 im technischen und taktischen Bereich, das macht auch großen Spaß.

Derzeit absolvierst Du ein sechswöchiges Praktikum bei der TSG. Wie kam es dazu?

Ehmann: Wir müssen von der Uni aus ein Pflichtpraktikum absolvieren. Ich habe meines in zwei Teile gesplittet und den ersten Teil an der Uniklinik in Frankfurt absolviert. Für den zweiten Teil habe ich mich bei Professor Jan Mayer beworben, dessen Arbeit ich noch zu meiner TSG-Zeit sehr geschätzt habe. Dass er und sein Geschäftspartner Professor Hans-Dieter Hermann auf dem Gebiet der Sportpsychologie einzigartige Arbeit leisten, wusste ich schon vorher. Dieser Eindruck hat sich während meines Praktikums bestätigt. Ich habe Einblicke in die diagnostische Arbeit sowie in den Footbonauten und die Helix gewonnen.

Wie war denn Deine Rückkehr zur TSG?

Ehmann: Es war wie Heimkommen. Ich hatte hier eine intensive, aber glückliche Zeit in einer sehr familiären Atmosphäre und mit vielen guten Trainern, Mitarbeitern und Mitspielern. Klar hat sich in den fünf Jahren auch vieles verändert, aber einige alte Gesichter sind noch da und haben mich sehr herzlich empfangen. Zu ehemaligen Teamkollegen wie Patrick Schorr, Felix Müller, Marcel Linn oder Yannick Thermann pflege ich noch ab und zu Kontakt, aber die sind ja nicht mehr hier.

Du hast relativ früh und selbst die Entscheidung getroffen, dass es nicht zur Profi-Karriere reicht. Bereust Du in Anbetracht dessen die vielen privaten Entbehrungen, die Dich die Zeit in der Akademie gekostet hat?

Ehmann: Ich habe weder meine Entscheidung, mit dem Fußball aufzuhören, noch meine vier Jahre in der Akademie eine Sekunde lang bereut. Für mich war immer der Weg das Ziel. Ich hatte in der Akademie eine total spannende Lebensphase und nur, weil es nicht zum Bundesliga-Profi gereicht hat, heißt es ja nicht, dass ich mich nicht jeden Tag weiterentwickelt hätte. Zudem habe ich hier von einer sehr guten Infrastruktur profitiert, die mittlerweile noch besser geworden ist.

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SO IST DER COLLEGE-SPORT ORGANISIERT

Die National Collegiate Athletic Association (NCAA) ist ein Freiwilligenverband, über den viele Colleges und Universitäten der USA ihre Sportprogramme organisieren. Sie umfasst über 1.280 Einrichtungen, Organisationen und Einzelpersonen, die sich den Interessen und der Ausbildung der studentischen Athleten verpflichtet fühlen. Die NCAA hat ihren Sitz in Indianapolis.

Aufgrund der großen Zuschauerbeliebtheit und der entsprechenden Vermarktung durch die Medien nimmt der Universitätssport in den USA einen sehr hohen Stellenwert ein. 1973 führte die NCAA in ihren Mitgliedsanstalten ein Drei-Divisionenmodell mit jeweils einer Division I, II und III ein, wobei nur Colleges der ersten beiden Einstufungen Stipendien für Sportler verleihen können. Im Normalfall gehören größere Universitäten der Division I an, während kleinere Schulen in den Divisionen II und III antreten.

Innerhalb der NCAA sind viele Universitäten in Conferences organisiert, darunter zum Beispiel die für ihre Elite-Unis Harvard, Princeton oder Yale bekannte „Ivy League“. Zu den sportlich erfolgreichsten Conferences gehören zum Beispiel die „Atlantic Coast Conference“ (ACC), die Big Ten Conference (B1G) oder die Southeastern Conference (SEC).

Durch die Vielzahl an Stipendien- und Trainingsmöglichkeiten bieten die Hochschulen der NCAA deutlich mehr guten Sportlerinnen und Sportlern optimale Trainingsmöglichkeiten, als dies in Deutschland der Fall ist. In der Regel wird das Studium und somit die Sportkarriere in vier Jahren (à zwei Semestern) absolviert: 1. Freshman, 2. Sophomore, 3. Junior, 4. Senior. Die besten Sportler werden am Ende einer Saison in die Profi-Ligen gedraftet, das heißt, sie werden von Profi-Teams auserwählt und mit einem Vertrag ausgestattet.

Zu den sportlich erfolgreichsten Universitäten in den zuschauerstärksten Sportarten zählen die Universitäten von UCLA, Kentucky, Duke, Indiana und North Carolina (Basketball) sowie Princeton, Yale, Notre Dame und Alabama (American Football). Aktueller Titelträger im Fußball ist die Stanford University (Kalifornien).

Die Athletik-Sparten der Unis und Colleges verfügen jeweils über Nicknames, also Spitznamen, die vorwiegend aus der Tierwelt (Tigers, Lions, Bears, Wildcats, Cardinals etc.) stammen, aber auch einen historisch-kulturellen (Hoosiers, Irish, Mountaineers etc.) oder religiösen (Devils, Quakers etc.) Bezug haben können.

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Die College-Serie auf achtzehn99.de:

Teil 1: Hendrik Hilpert
Teil 2: Daniel Mühlbauer
Teil 3: Fabian Veit
Teil 4: Paul Ehmann

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