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SPIELFELD
24.10.2016

Michael Rechner: Spezialist für Höhenflüge

Michael Rechner ist seit 2008 bei der TSG Hoffenheim als Torwart-Trainer und -Koordinator beschäftigt. Seit 2015 trainiert der 36-Jährige die Profi-Torhüter. Davon, dass er einer der innovativsten Torwart-Trainer ist, profitiert in dieser Saison das TSG-Trio Oliver Baumann, Alexander Stolz und Gregor Kobel. SPIELFELD stellt den gebürtigen Mosbacher Michael Rechner vor.

Nur wenigen Fußballfans ist sein Gesicht bekannt. Aber alle jubeln über die spektakulären Paraden, die er möglich macht. TSG-Torwart-Trainer Michael Rechner ist eher im Verborgenen tätig, dabei ist der gebürtige Mosbacher einer der modernsten Trainer seines Fachs und genießt in der Branche einen außergewöhnlichen Ruf. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) tritt er inzwischen als Referent auf, auch international gilt er als einer der besten Analytiker. Und damit trägt der Besitzer der UEFA-A-Trainerlizenz dazu bei, dass die TSG im Torwart-Bereich für Innovationen sorgt und wegweisende sportwissenschaftliche Impulse setzt.

"Es ist es natürlich ein großer Vorteil für meine Arbeit, dass die Verantwortlichen im Klub generell sehr offen für wissenschaftliches und innovatives Arbeiten sind. Insofern ist die TSG ideal für mich", sagt Rechner bescheiden. "Der Verein lässt mich bezüglich Einstellungen, Training und Konzeption im Torwartbereich sehr frei arbeiten." Dass dies in der Bundesliga keineswegs selbstverständlich sei, hat er in Gesprächen mit anderen Torwart-Trainern erfahren.

Rechner kennt ja auch die andere Seite, er war selbst ein exzellenter Keeper, bestritt drei Junioren-Länderspiele, trug das Trikot des Hamburger SV und spielte sieben Mal für Waldhof Mannheim in der 2. Liga. Doch Rechner setzte frühzeitig andere Prioritäten. "Ich habe mich für ein Sportstudium entschieden, spielte noch als Amateur und befasste mich dann auch schon mit der Konzeption für den Job des Torwart-Trainers", beschreibt Rechner seinen Einstieg in die "Torwart-Wissenschaft". Sein Studium der Sportwissenschaft an der Universität Heidelberg schloss er mit der Magisterarbeit "Das Anforderungsprofil und die moderne Trainingsmethodik des Fußball­torwarts" ab.

Rechner hat eine Torwart-Software entwickelt

Mit gerade einmal 28 Jahren wurde Michael Rechner vom damaligen Sportdirektor Bernhard Peters bei der TSG angestellt. Eine kluge Entscheidung. Inzwischen gilt der 36-Jährige als absoluter Vordenker. Seine von ihm mit zwei Partnern entwickelte Software „Goalkeeping Development“ zur Kontrolle und Steuerung der Torhüter-Ausbildung wird längst von vielen Kollegen genutzt.

Für die Öffentlichkeit von größtem Interesse ist aber natürlich seine Arbeit mit den Hoffenheimer Profis. "Oli Baumann ist unsere Nummer 1. Er gehört sicher zu den stärksten Torhütern der Liga, ein Vollprofi mit einer top Einstellung", sagt Rechner. Dass Baumann zu Beginn der Saison 2014/15 vom SC Freiburg geholt wurde, bestärkt den Torwart-Trainer. Dank eines von ihm entwickelten Leistungsprofils ließ sich belegen, dass Baumann damals schon zum oberen Drittel der Bundesliga-Torhüter gehörte. "Hinter ihm steht mit Alex Stolz ein hervorragender Torwart, der ein klasse Typ mit einem tollen Charakter und einer fantastischen Einstellung zum Training ist. Wenn wir zwei Einheiten am Tag haben und bei der zweiten herrschen 36 Grad, dann puscht Alex immer noch. Von so einem starken Konkurrenten kann auch Oli Baumann profitieren."

Als jüngster, mit nur 18 Jahren, wurde Gregor Kobel von der U19 zu Saisonbeginn in den Profikader befördert. "Ein Riesentalent, das ein großartige Entwicklung vor sich hat", sagt Rechner. Ebenfalls zum Team zählt Rechner Marvin Schwäbe, der 2014 mit der U19 der TSG Deutscher Meister wurde und nun auf Leihbasis bei Dynamo Dresden zwischen den Zweitliga-Pfosten steht. "Dort holt er sich Spielpraxis auf hohem Niveau und ist dabei, zum Stammkeeper der U21 des DFB zu werden", sagt Rechner anerkennend. Und auch im Nachwuchs ist die TSG ausgezeichnet aufgestellt. Aktuell gehören dem Verein in der Akademie und in der U23 fünf Torhüter an, die in Juniorennationalteams spielen oder diesen angehörten.

"Die schwierigste Position"

Man mag darüber streiten können, ob der Torwart die wichtigste Position im Fußball ist. Rechner würde das nicht behaupten, weil schließlich Spieler, die die Tore schießen, ebenso wichtig sind. "Ein Torwart entscheidet sicher am ehesten über Sieg und Niederlage. Und er nimmt eine spezielle Position ein, die sich von allen Feldspielern extrem unterscheidet. Torwart ist aus meiner Sicht die schwierigste Position", betont Rechner. Schwierig deshalb, weil die Torhüter, wenn sie herausragend gut sind, oft in die Rolle des "Spielverderbers" rücken.

"Eigentlich gehen die Leute ja zum Fußball, um Tore zu sehen, um ein Spektakel zu erleben, aber dann steht da einer im Kasten, der das unbedingt verhindern will", beschreibt Rechner das Dilemma. Dazu hat der Schlussmann, wie man ihn früher noch oft bezeichnete, viel weniger Aktionen als die meisten Feldspieler. "Wenn etwas schiefgeht, wird es meist direkt bestraft. Ich glaube, dass die psychische, mentale Belastung für den Torwart am höchsten ist. Man hat diesen Druck, keine Fehler machen zu dürfen." Jedes Gegentor sei für einen Torwart "psychisch etwas Schlimmes".

Viele Hospitationen bei guten Torwart-Trainern

Als Michael Rechner vor acht Jahren als Keeper-Coach anfing, konnte er nicht auf ein umfangreiches Know-how zurückgreifen. Fußball entwickelt sich erst seit kurzem – im Vergleich zu anderen Sportarten sehr spät – als sportwissenschaftliches Element. Und für den Spezialbereich Torwart gab es außer allgemeinen Trainingstipps keine anspruchsvollen trainingswissenschaftlichen Grundlagen. Also begann Rechner damit, bei anderen Torwart-Trainer wie Rüdiger Vollborn in Leverkusen, Eberhard Trautner in Stuttgart und Patrick Foletti bei der Schweizer Nationalmannschaft zu hospitieren und eine Struktur für ein optimales Torwart-Training zu entwickeln.

Es beruht auf vier Säulen: Technik, Taktik, Athletik und Psyche. Rechner entwickelte ein Anforderungsprofil für Torhüter. Dafür nahm er eine umfangreiche Analyse aller Spiele der EM 2008 vor. "Ich habe einfach begonnen, die verschiedenen Aktionen, die Torhüter hatten, zu definieren. Schließlich hatte ich eine Liste von etwa 30 Definitionen. Das sind die Aktionen, die ein Torwart beherrschen muss."

Das TTT

Michael Rechner ist ein echter Teamplayer. Zum TTT, dem Torwart-Trainer-Team, gehören bei der TSG noch fünf weitere Spezialtrainer sowie ein Scout. Dies sind die beiden hauptamtlich angestellten Steffen Krebs (U23) und Dennis Neudahm (U17/U16) sowie die Honorartrainer Dominik Weber (U19), Marjan Petkovic (U15/U14) und Julian Kühn (U13/U12 und KPT) plus Torwart-Scout Karsten Lange, der von Paderborn aus viele Sichtungen vornimmt. "Ich habe ein unglaublich engagiertes und kollegiales Team", sagt Rechner. "Das Torwart-Trainer-Team in der Akademie macht einen super Job. Wir sind exzellent aufgestellt."

Die Auswertung von hochklassigen Spielen setzte Rechner bei der TSG fort. Die Torwart-Analysen von Europa- und Weltmeisterschaften, Champions League und ausgewählten Partien der europäischen Topligen fließen bis heute in die Datensammlung ein. Rechner und seine Kollegen schaffen gewissermaßen Big Data für das Torhüter-Wesen.

Die Fehler, die zu Gegentoren führten, werden eingeteilt in klare Torwart-Fehler, mit Beteiligung des Torwarts und ohne Beteiligung des Torwarts. Dabei gibt es technische Fehler, zum Beispiel, wenn beim Fangen der Ball fallen gelassen wird oder taktische Fehler durch falsches Stellungsspiel. Mit den Auswertungen können die Leistungen der Torhüter objektiviert werden. "Auf dem Topniveau hat ein Torwart eine Fehlerquote von fünf bis zehn Prozent, bezogen auf seine eigenen Aktionen. Wenn zum Beispiel Manuel Neuer in 50 Pflichtspielen 50 Gegentore bekommt, gehen davon drei bis vier auf seine Fehler zurück. Fünf, sechs Prozent Fehlerquote sind ein Topwert. Zehn Prozent sind noch okay, aber alles darüber hinaus ist zu viel für den Profifußball", sagt Rechner. "Im Spitzenbereich sind es sehr selten technische Fehler, meist sind es Entscheidungsfehler, dass ein Torwart die taktisch falsche Entscheidung trifft, aus dem Tor herausläuft, wenn er eigentlich drin bleiben muss oder umgekehrt."

Viele Hilfsmittel im Training

Um der Perfektion näher zu kommen, wird hart trainiert. Das Torwart-Training ist körperlich anstrengender und anspruchsvoller als das der Feldspieler, wenn auch kürzere Laufstrecken zurückgelegt werden. "Was der Torwart im Spiel braucht, müssen wir in jede einzelne Trainingseinheit, in eine ganze Trainingswoche und in die Saisonvorbereitung bringen", sagt Rechner. Viele Übungen für jede der verschiedenen Techniken wurden niedergeschrieben – für alle Altersbereiche von der U12 bis zu den Profis. "Wir trainieren das alles möglichst spielnah", sagt Rechner.

"Ich nehme gern Hilfsmittel dazu. Die wirken für Außenstehende manchmal spektakulär, aber alle haben nur den Zweck, die Torhüter zu verbessern." Baumann, Stolz und Kobel finden es super. Wenn sie, festgehalten durch ein straffes Gummiband sieben-, achtmal ins obere Tordreieck hechten, ist das extrem kraftraubend. "Wenn ich das Seil wegnehme, dann tritt der psychologische Effekt ein. Sie fühlen sich wie ein Vogel, der da oben reinfliegt", erzählt Rechner. "Oft sagen sie, mach‘ das noch ein paar Mal ohne, das ist ein so geiles Gefühl."

Im taktischen Bereich geht es vor allem um das Stellungsspiel. Wie weit muss man bei Flanken von außen vor dem Tor stehen? Wo steht der Torhüter, wenn ein Stürmer alleine auf ihn zuläuft? Die Kernaufgabe ist es, die Entscheidung schnell und sicher zu fällen. Eins der Vorbilder für modernes Torwartspiel: der Niederländer Edwin van der Sar. "Der gegnerische Pass nach außen war van der Sars beste Parade“ zitiert Rechner gern den legendären Torwart-Trainer Frans Hoek, einem Assistenten von Louis van Gaal, bei dem der Mosbacher ebenfalls schon hospitierte. Denn van der Sars Stellungsspiel war derart exzellent, dass dem Gegner nur der Pass nach außen blieb. Und eine gefährliche Situation zu entschärfen ist zwar nicht so spektakulär, aber mindestens ebenso wirkungsvoll wie die Glanztat. Genau das versucht der 36-jährige Rechner auch "seinen Jungs" zu vermitteln. "Wir wollen spielintelligente Torhüter, die das Spiel lesen können und daraufhin die richtige Entscheidung treffen." Damit am Ende die Null steht. Der Torhüter als Spielverderber. Erst dann ist Michael Rechner, der ehrgeizige Tüftler, richtig zufrieden.

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