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CAMPUS
23.06.2015

Julius Illes: „Tapemaster J.“ im Ruhestand

Rund 600 Spieler, also 1.200 Beine, hat Julius Illes als Physiotherapeut der TSG 1899 Hoffenheim behandelt, knapp 40.000 Tape-Verbände angelegt. In wenigen Tagen verabschiedet er sich in den Ruhestand. Eine Physio-Ära geht dann zu Ende, doch auf die beliebte Gulaschsuppe, die der gebürtige Ungar hin und wieder im Förderzentrum kredenzt, müssen die Akademie-Mitarbeiter auch in Zukunft nicht verzichten, denn als Teilzeitkraft bleibt Illes der TSG erhalten. Achtzehn99.de erzählt die bewegte Lebensgeschichte des 65-Jährigen, die heute vor 30 Jahren eine dramatische Wendung genommen hat.

Die Welt, wie sie 1950 aussah, als Illes in Salgótarján geboren wurde, kennen die heutigen Akademie-Spieler nur aus dem Geschichtsbuch. Der Kommunismus spaltete nach dem Zweiten Weltkrieg Europa in Ost und West, wer sich gegen ihn auflehnte, musste um sein Leben fürchten. Gyula Illés (Illesch), wie er eigentlich heißt, war beim Ungarischen Volksaufstand 1956 gerade mal sechs Jahre jung. Die russische Sowjetarmee erstickte die drohende Revolution im Keim. 

Illes erinnert sich an die dreiwöchige Ausgangssperre, in der selbstverständlich auch die Schule ausfiel, als sei sie gestern gewesen. Leichen lagen auf den Budapester Straßen, mit den Aufständischen wurde kurzer Prozess gemacht. Bilder, die man nie vergisst, schon gar nicht, wenn man ein Kind ist. „Das ist haften geblieben“, sagt Illes, der bis heute jegliche Form von Aggression verabscheut.

"Der Kommunismus war organisierte menschliche Dummheit"

Der Sport spielte im Kommunismus eine große Rolle, Illes betrieb aktiv Fünfkampf und Schwimmen und begann nach dem Abitur, im Sportbataillon professionell zu trainieren. Der Fußball befand sich in Ungarn in jener Zeit auf dem absteigenden Ast, die „Aranycsapat“ – die „Goldene Mannschaft“ der 50er Jahre, die 1954 um ein Hauch Weltmeister geworden wäre – war auseinandergefallen und zum Teil in den Westen geflüchtet. 

Zudem war der Volkssport Nummer eins von der Regierung verpönt, weil ihr die 80.000 Zuschauer, die sich bei den Lokalderbys der großen Budapester Teams im Népstadion zusammenfanden, nicht freundlich gesinnt waren. Der Unteroffizier Illes, der jeden Montag Marxismus- und Leninismus-Unterricht bekam, gehörte dem Militärklub Honvéd („Vaterlandsverteidiger“) an, hatte aber für das kommunistische Regime auch nicht viel übrig: „Das war organisierte menschliche Dummheit.“

Wegen eines Briefs an die BBC gebrandmarkt 

„Eigentlich ging es mir gut“, blickt Illes auf die frühen 70er zurück, als er seine Freundin Elisabeth Hermán heiratete, dem Paar eine Wohnung im elften Stock eines Plattenbaus im Stadtteil Pest zugewiesen wurde und die beiden Kinder Gergely und Katalin auf die Welt kamen. Was er damals noch nicht wusste: „Ich war seit meinem 15. Lebensjahr als Regimegegner gebrandmarkt und stand unter Beobachtung.“ Der Grund: Illes hatte dem verbotenen Radiosender BBC einen Brief geschrieben mit dem Wunsch, den Rolling-Stones-Hit „Congratulations“ für ihn aufzulegen. Der Brief kam nie an. Er wurde abgefangen und sorgte dafür, dass sein Absender keine Uni besuchen und nie eine Führungsposition bekleiden durfte. Als Maschinenbaumechaniker im Fahrzeugbau ließ sich Illes 1979 zum Physiotherapeuten, der damals schlicht „Masseur“ hieß, umschulen und betreute bald erfolgreiche Spitzensportler.

1980 boykottierte der Westen aufgrund des Afghanistan-Kriegs die Olympischen Spiele in Moskau, vier Jahre später rief das sowjetische Staatsoberhaupt Konstantin Tschernenko zum Gegenboykott in Los Angeles auf. Für eine kleine Gruppe, der auch Illes angehörte, war das übertrieben. Sie schrieben Tschernenko einen Brief, in dem sie zum Ausdruck brachten, souveräne Sportler zu sein und keinen Hass gegen die USA zu hegen. Auch dieser Brief geriet in die falschen Hände, Illes stand erneut unter – diesmal verschärfter – Beobachtung.

Flucht nach Deutschland: Neuer Name, neues Leben

Im Juni 1985 eröffnete ihm der Leiter des Spartacus Sportcomplex, in dem Illes arbeitete und trainierte, dass er innerhalb der nächsten 72 Stunden das Land verlassen müsse, sonst könne niemand für sein Leben garantierten. Er dürfe auch mit niemandem reden, um seine Familie nicht zu gefährden. „Ich habe mich nicht mal von meiner Familie verabschieden können und innerlich geweint“, so Illes, der am 23. Juni 1985 heimlich mit einem Flieger nach München ausgeflogen wurde, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. 

Illes wurde zur Grenzpolizei nach Nürnberg gebracht, wohnte in einem Flüchtlingsheim, erhielt in nur acht Tagen politisches Asyl und bekam einen neuen Vornamen, weil den Behörden Gyula zu kompliziert war. Zu seiner Familie hatte er keinen Kontakt. 1987 verpflichtete ihn der 1.FC Nürnberg als Physiotherapeuten für seine U23.

Der Gedanke, dass seine Kinder als Halbwaise aufwuchsen, machte ihn verrückt. Mindestens 25 Jahre, so hieß es, dürfe er keinen Fuß nach Ungarn setzen. Dass es nur fünf wurden, hat er dem Fall des Eisernen Vorhangs zu verdanken. An den Tag, als er seine Kinder wieder sah, kann er sich minutiös erinnern. Julius Illes muss tief Luft holen. „Alles in der Wohnung war noch so, wie ich es verlassen hatte. Meine Kinder waren groß geworden, sie haben mich nicht gleich erkannt.“

Seine Stimme stockt. Die Ehe war nicht mehr zu retten. Beide Partner hatten ein neues Leben aufgebaut. Heute weiß Illes, dass seine Frau und sein Schwiegervater ihn im Auftrag der ungarischen Geheimpolizei ÁVH bespitzelt haben. Elisabeth Illes ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben.

Seit 2003 in Hoffenheim

Julius Illes, eben noch als Heimatverräter geflüchtet, war plötzlich eine Art Nationalheld, hätte in die Politik gehen können. Die Zeiten hatten sich geändert, doch mit Politik wollte er nichts mehr zu tun haben. Seine Zukunft lag in Deutschland. Erst in Nürnberg, ab 2003 in Hoffenheim. Als der ehemalige FCN-Profi Uwe Wolf als U19-Trainer bei der TSG anheuerte, nahm er Illes mit.

„Ich hatte Lust auf einen Tapetenwechsel und habe in Hoffenheim wunderbare Menschen kennengelernt“, sagt der Physiotherapeut, der im August 2003 eine Probewoche im Trainingslager Edenkoben absolvierte und von Herren-Chefcoach Hansi Flick für gut befunden wurde.

Beim legendären DFB-Pokalsieg gegen Leverkusen im Dezember 2003 war „Tapemaster J.“, wie ihn die Spieler bald nannten, hautnah dabei, mit der U17 wurde er 2008 Deutscher Meister – alle Erinnerungen und Anekdoten aus zwölf Jahren TSG aufzuschreiben, würde genügend Stoff für ein Buch geben.

"Immerhin habe ich überlebt"

„Flick war ein sehr herzlicher Mensch“, lobt Illes den heutigen DFB-Sportdirektor und schwärmt auch von anderen Ex-Hoffenheimern, wie Marco Terrazzino, Pascal Groß oder Manuel Gulde. Und natürlich aktuellen, wie Profi-Co-Trainer Frank Fröhling und seinem damaligen U15-Eleven Niklas Süle. Dessen Großvater György Süle, der aus Budapest stammt, kannte Illes übrigens auch sehr gut. „In der U15 mit Frank Fröhling war es immer sehr lustig, das war wie eine Familie für mich.“ Eine Familie, die verhinderte, dass aus ihm ein gebrochener Mann wurde. „Ich bin zufrieden, aber nicht glücklich“, sagt er mit Blick auf die dunklen Jahre seines Lebens. „Immerhin habe ich überlebt.“

Der Kontakt zu seinen Kindern, die ihm vier Enkeltöchter beschert haben, ist so rege wie nie. Katalin ist Deutsch-Lehrerin in Budapest, Gergely zieht sogar im Sommer mit seiner Familie nach Deutschland. Aus diesem Grund verlässt Julius Illes demnächst seine Wohnung in Zuzenhausen, um mit ihm ein gemeinsames Haus in Waibstadt zu beziehen.

Bei dem Gedanken strahlen seine Augen. Unvorstellbar, dass diese gute Seele von Mensch (O-Ton Flick) einst für ein revolutionärer Rebell gehalten wurde. „Ich wollte nie kämpfen“, sagt der Mann, der mit 35 in einer Nacht- und Nebel-Aktion alles was ihm lieb war zurücklassen musste und heute den 30. Geburtstag in seinem zweiten Leben feiert. 

In der Akademie ist er eine Institution – und wird es auch nach dem Eintritt in den Ruhestand als Teilzeit-Physio bleiben.

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