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SPIELFELD
06.05.2019

Kasim Adams: Couragierter Kämpfer

Kasim Adams geht auf dem Platz keinem Duell aus dem Weg. Der 23-jährige Ghanaer hat in seiner Laufbahn allerdings schon härtere Widerstände erfahren als nun im Trikot der TSG Hoffenheim.

Als Kasim Adams seinen aktuellen Trainer Julian Nagelsmann das erste Mal sah, erklärte er ihn für verrückt. Es war allerdings weder böse noch negativ gemeint, sondern eher ein beeindrucktes Staunen – und vor allem konnte der Ghanaer zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass er schon bald mit dem Hoffenheimer Trainer zusammenarbeiten würde. Denn Adams spielte bei den Young Boys Bern – und schaute die Bundesliga mit Mannschaftskollegen im TV. "Wir haben diesen Trainer gesehen, der immer so laut geschrien hat, dass man es im Fernsehen über die Lautsprecher hören konnte und dachten, er ist 'totally crazy'. Wie er sich 90 Minuten an der Linie bewegt, gestikuliert und seine Mannschaft vorantreibt, das hat uns alle fasziniert. Er wurde von den Kameras auch immer in Nahaufnahme gezeigt. Nach einer Weile haben wir dann immer Hoffenheim geschaut, um ihn zu sehen."

Ein gutes Jahr später stand der Mann von der Mattscheibe dann persönlich vor Adams. Live statt in HD, Fußballplatz statt Fernseher. Adams lernte den 31-Jährigen persönlich und dann auch beruflich kennen – und rief seine ehemaligen Kumpels an, die neugierig auf Eindrücke warteten: "Ich habe ihnen gesagt, dass er ein ganz normaler und vor allem richtig guter Typ ist. Er verändert sich aber in dem Moment, in dem das Spiel losgeht. Dann wird er emotional, was den Spielern und somit der Mannschaft sehr hilft." Sorgen hatte sich der Verteidiger vor der besonderen Art des Coachings ohnehin nicht gemacht. Er fühlte sich durch ihn viel mehr erinnert an Zeiten, in denen er noch nicht auf perfekten Rasenplätzen spielte, auf einer Leinwand seine Trainingseinheiten gezeigt bekam oder mit dem Auto nach dem Training nach Hause fuhr. Nagelsmann erinnerte ihn an die Stunde null seiner Karriere, an einen anderen Abschnitt seines Lebens und an Umstände, die ihm nach fünf Jahren in Europa wie eine Parallelwelt erscheinen – aber noch immer seine Heimat ist.

Kasim Adams ist 16, als er seine Familie verlässt und von Accra nach Tarkwa zieht, um dort Profi-Fußballer zu werden. Es liegen nur etwa 300 Kilometer zwischen der Hauptstadt und der Kleinstadt – umgerechnet in Stunden am Steuer allerdings mindestens sieben. Fern der Heimat schließt er sich dem Medeama SC an, wo er auf Alahssan Sediu trifft. Einen Trainer, der den Fußball liebt und Faulheit hasst. Jemand, der die Gefahren des Lebens in Afrika ebenso kennt wie die unendlichen Möglichkeiten eines Profis in Europa. Und ebenso emotional an der Seitenlinie agierte wie Julian Nagelsmann. Sediu bemerkte schnell, welch großes Talent da etwas unbekümmert in seiner Mannschaft kickte – und vor allem, was es daran hinderte, sich einen Platz in der Stammelf zu sichern: "Er sagte mir, ich sei zu faul", erinnert sich Adams und lacht. Denn: "Er hatte recht." Eine späte Erkenntnis, damals vermutete Adams ganz andere Beweggründe: "Ich dachte immer, er mag mich nicht. Ständig schrie er mich an und korrigierte mich. Ich war jung, weit weg von meiner Familie und nahm mir das sehr zu Herzen."

Ohnehin war es keine leichte Zeit für den sensiblen Fußballer. Ihn einte der Traum tausender Jugendlicher in Ghana – aber auch die Probleme, die schon viele Wege dorthin zerstört hatten. Die Armut war groß, die Plätze schlecht, das Leben hart. "Ich habe mich allein gefühlt, hatte kein Geld und keine Ausrüstung. Es fehlte an allem. Einmal musste ich mir als Erstliga-Spieler Schuhe von einem Bekannten leihen, weil meine kaputt gegangen waren und ich mir keine neuen kaufen konnte. Viele haben ausreichend Talent, um Profi in Europa zu werden. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit, sich darauf zu konzentrieren, seinen Traum zu verwirklichen. Das Leben kann in Afrika sehr kompliziert sein."

Der größte Moment der Karriere

Doch die Umstände fingen an, Adams zu motivieren statt zu bremsen. Er verinnerlichte die Worte des Trainers, setzte sich durch und wurde Junioren-Nationalspieler. "In einer Zeit, in der ich noch nicht bereit für den Profi-Fußball war, hat er mir sehr geholfen. Er wurde wie ein zweiter Vater für mich, wir haben jetzt immer noch nach jedem meiner Spiele Kontakt“, sagt Adams und blickt auf die Zeit zurück, in der er eine weitere, prägende Begegnung machte: "Ein Agent aus Europa stand vor mir und sagte, er könne mich nach Spanien transferieren. Es war immer mein Traum, den Sprung zu schaffen. Aber ich glaubte ihm nicht, es waren so viele andere Spieler da und er sprach nur mit mir. Ich nahm es ihm nicht ab, ich war mir sicher, dass ist ein Fake." Doch der Agent, ein Spielervermittler, ließ nicht locker. Als er schließlich mit einem – Adams bekannten – afrikanischen Mittelsmann im Elternhaus in Accra auftauchte, wurde Adams die Situation bewusst: "Es war der größte Moment in meinen Leben. Auf die Chance hatte ich immer hingearbeitet. Mein Vater, dem meine Schulbildung immer wichtiger war, stärkte mir den Rücken. Und dann ging es schnell."

Die Berater besorgten eine Aufenthaltserlaubnis, regelten die formellen Dinge, und Adams verließ zum zweiten Mal seine Heimat. Dieses Mal im Flugzeug – und in eine schon oft gesehene und doch völlig neue, unbekannte Welt: Europa. Spanien, Madrid, Léganes. Beim Vorort-Klub der Hauptstadt absolvierte er ein Probetraining, überzeugte, erhielt einen Vertrag und wechselte schon ein halbes Jahr später zum Primera-Division-Absteiger RCD Mallorca. Die Profi-Karriere begann an einem Ort, der paradiesische Züge für Adams hatte. "Viele andere Jungs aus Ghana beginnen in Ländern wie der Slowakei oder Bulgarien und man hört nie wieder etwas von ihnen. Dort fällt die Umstellung wesentlich schwerer. Ich lebte in der Sonne und in einem absoluten Fußball-Land, das war perfekt für mich."

Und es ging weiter nach oben, auch wenn die Temperaturen nach unten gingen: Nach zwei Jahren auf Mallorca wechselte Adams im Sommer 2017 nach Bern und lernte wieder für das Leben eines in Europa spielenden Fußball-Profis: "Ich habe mich um fünf Uhr verabredet und bin um sechs Uhr hingegangen. Aber mit der Zeit spaßt man nicht, das habe ich in der Schweiz gelernt. Ich mag das sehr und versuche, es auch meinem Bruder zu vermitteln. Er ist in Ghana Fußball-Profi, doch das reicht dort nicht, um den Lebensunterhalt zu sichern", sagt Adams und schaut plötzlich ernst. Das großflächige, sanfte Lächeln ist für einen Moment aus dem offenen Gesicht des Ghanaers verschwunden. "Es berührt mich, über Afrika zu sprechen", sagt er und schaut auf den Boden. Mit leiser Stimme fährt er fort: "Ich rede da nicht gern und auch nicht oft drüber. Aber ich versuche, so gut es geht zu helfen. Ich versorge meinen Jugendverein mit Trikots und Schuhen von meinen Klubs. Ich kaufe auch Trainingsklamotten für Jugendliche und unterstütze mehrere Organisationen. Das Leben in Afrika kann sehr hart sein." Aus der Ungleichheit zwischen seinem Leben in Europa und dem seiner Familie und Freunde in Afrika schöpft er aber auch immer wieder neue Motivation: "Ich muss nur daran denken, wie es den Menschen geht und wie ich ihnen helfen kann: indem ich hart arbeite und meinen Weg weiter gehe. Das sind meine Ambitionen und so helfe ich auch meinem Klub."

Kindheitstraum Bundesliga

In Bern half er dabei, den Traditionsklub Young Boys zurück an die Spitze zu führen. Unter der Regie von Trainer Adi Hütter und mit ihm als Stammspieler beendete der Hauptstadtklub die Vorherrschaft des FC Basel (acht Titel nacheinander) und wurde nach 32 Jahren endlich wieder Landesmeister. Auch ins Pokalfinale stieß das YB-Team vor, verlor aber gegen den FC Zürich mit 1:2. Im Sommer des vorigen Jahres folgte für Adams der nächste Sprung, die TSG Hoffenheim lockte ihn in den Kraichgau. Die Dankbarkeit von Kasim Adams gegenüber der TSG, die ihm den "Kindheitstraum der Liga der großen ghanaischen Stars wie Tony Yeboah oder Samuel Kuffour" ermöglichte, ist groß.

Eine wichtige Rolle nahm auch der Ex-Hoffenheimer Isaac Vorsah ein, der dem Nationalspieler die TSG eindringlich ans Herz legte. Und doch macht Adams keinen Hehl daraus, dass ihn der millionenschwere Wechsel auch unter Druck setzt. "Das ist so viel Geld. Hoffenheim hat mir vertraut und viel Geld in mich investiert. Ich muss alles auf dem Platz zurückzahlen und arbeite hart dafür, dass es gelingt." Zugute kommt ihm dabei seine durch diese einschneidende Erfahrungen gewachsene Persönlichkeit. "Das Leben ist, was wir aus den Chancen machen, die wir bekommen. Und wenn ich sehe, wo ich heute bin, muss ich jeden Tag dankbar sein: Für das, was ich bin und das, was ich habe."

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