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SPIELFELD
30.04.2019

Grillitsch: "Europa ist unser Ziel und daran glauben wir"

Florian Grillitsch hat sich in seinem zweiten Jahr bei der TSG zum Leistungsträger entwickelt. Im SPIELFELD-Interview spricht der 23-jährige Österreicher über seine veränderte Rolle in Hoffenheim, den Wandel zwischen Offensive und Defensive sowie den Schlussspurt in dieser Saison.

Florian, seit Du im Sommer 2017 zur TSG Hoffenheim gewechselt bist, hast Du Dich zum Stammspieler und Leistungsträger entwickelt. Gefällt es Dir voranzugehen?

"Ich habe mich seit meiner Ankunft hier in vielen Bereichen entwickelt, nicht nur fußballerisch, sondern auch persönlich. Es ist mein Anspruch, Verantwortung zu übernehmen. Ich zähle mich zu den Führungsspielern und will diese Rolle auch weiterhin ausfüllen."

Hat Julian Nagelsmann das von Dir gefordert?

"Er verlangt von jedem, Verantwortung zu übernehmen, voranzugehen und ein Führungsspieler zu werden. Als ich aus Bremen hier ankam, war ich noch etwas jünger. Jetzt habe ich 100 Bundesliga-Spiele auf dem Konto und bin nicht mehr der Neueste in diesem Geschäft. Ich weiß, wie die Dinge ablaufen und will diese Führungsrolle annehmen. Es gibt ja mittlerweile auch wieder einige jüngere Spieler als mich, denen ich etwas mitgeben kann."

Gab es einen Moment für Dich, an dem Du dachtest: Jetzt bin ich hier angekommen?

"Zu Beginn war es schwierig, auch für den Kopf. Julian verlangt den Spielern extrem viel ab. Darauf muss man sich als neuer Spieler im Team erstmal einstellen. Dazu habe ich mich früh verletzt. Das war bitter, denn ich war neu, wollte alles aufsaugen und zeigen, was ich kann. Dann blieb mir aber nur die Zuschauerrolle. In der Rückrunde der vergangenen Saison habe ich aber zunehmend gewusst, was von mir verlangt wird und was zu tun ist. Wir haben dann richtig starke Spiele gemacht und eine Serie gestartet, die uns in die Champions League geführt hat."

"Wir verstehen uns hier sehr gut" 

Gibt es auch noch Mitspieler, an denen Du Dich orientieren kannst?

"Auf jeden Fall, man kann von jedem etwas lernen und wir haben ja sogar ein paar Jungs im Kader, die schon mehrere hundert Spiele gemacht haben. Wir verstehen uns hier zudem sehr gut und helfen uns gegenseitig. Das ist für mich auch wichtig. Ich spiele ja zentral und bin darauf angewiesen, dass die Jungs mir die Bälle zuspielen (lacht)."

Du zeigst auf dem Rasen ganz unterschiedliche Qualitäten – als eleganter Ballverteiler und auch mal als kompromissloser Zweikämpfer. Welche Rolle liegt Dir mehr?

"Ich bin gelernter Offensivspieler und musste defensiv einiges dazulernen. Als ich aus der Akademie aus St. Pölten zur U19 von Werder gewechselt bin, habe ich in den ersten vier Spielen neun Tore erzielt und viele vorgelegt. Früher war Ronaldinho mein Lieblingsspieler und Vorbild. Ich war ein richtiger Zehner und habe sehr offensiv gespielt. Zwar habe ich in Bremen bei den Profis auch schon auf der Sechs gespielt, aber das war damals eine große Umstellung für mich und meine Zweikampfquote war nicht unbedingt überragend. Mittlerweile ist sie ganz gut, aber ich kann sie noch verbessern. Da ich nicht der robusteste Spieler bin, muss ich manchmal aber auch clever sein und erkennen: Wo will und kann der Gegner hin, um ihm dann so den Ball zu klauen. Aber obwohl ich kein Schrank bin, halte ich mich nicht zurück."

Im Verlauf der Rückrunde hast Du sogar in der Dreierkette gespielt…

"Es ging immer weiter zurück, bis in die Innenverteidigung. Da waren in der Heimat schon einige verwundert und haben mir geschrieben: ‚Komisch, früher bist Du immer nur vorne rumgelaufen.‘ Dass Spieler immer weiter nach hinten rücken, das passiert eigentlich erst im Alter (lacht). Mit 23 fühle ich mich noch nicht so alt, aber mir gefällt es hinten auch. Ich hoffe aber, es geht nicht auch irgendwann mal ins Tor, da kann ich drauf verzichten. Ich bin flexibel einsetzbar, das ist sicher kein Nachteil. Mittlerweile kommt mir zugute, dass ich körperlich eigentlich schon immer unterlegen war und daher alles stets fußballerisch lösen musste. Das hat mir sehr geholfen, schon in der Jugend, als ich immer mit den älteren Jahrgängen gespielt habe."

"Ich will mich auch offensiv verbessern"

Musstest Du Dir da manchmal etwas aufgrund Deiner Spielweise anhören?

"Als ich in die U19 von Werder Bremen kam, habe ich öfter mal ‚Schönwetterspieler‘ von den anderen zu hören bekommen. Die Umstellung war einfach groß: Alles war viel intensiver – körperlich, läuferisch und auch vom Umfang her. Aber ich habe mich schnell dran gewöhnt und mein Spiel umgestellt. Zu Hause fühle ich mich aber immer noch im zentralen Mittelfeld. Ich will mich auch offensiv wieder verbessern, mehr Torgefahr entwickeln, mehr Einfluss auf das Angriffsspiel nehmen und in die Situationen kommen, in denen es gefährlich werden kann. Da werde ich dran arbeiten."

In Deiner Laufbahn ging es immer bergauf, Du hast allerdings auch mutige Entscheidungen getroffen und früh alles auf die Karte Profi-Fußball gesetzt…

"Ich bin auch mal zwei Jahre Ski gefahren, war aber gewiss kein Weltklasse-Talent wie Marcel Hirscher. Es hat mir Spaß gemacht, aber ich habe es – zum Glück – für den Fußball sein gelassen. Schon als 13-Jähriger bin ich 2008 dann von meinem Heimatklub SVSF Pottschach in die Akademie St. Pölten gewechselt und habe dann dort im Internat gelebt. Das war ein großer Schritt damals, aber er war gut und lange überlegt. Ich hatte mehrere Angebote und unter anderem auch schon bei RB Salzburg trainiert und mir dort alles angeschaut, doch St. Pölten hat mir gut gefallen und der Schritt war im Nachhinein genau richtig."

Ebenso der Wechsel nach Bremen?

"Rückblickend muss ich sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich wollte immer Profi werden, habe nie über einen anderen Job nachgedacht und schon als kleines Kind immer die Bundesliga auf Premiere geschaut. In Österreich war ich nur zwei, drei Mal im Stadion und hatte auch nie einen Lieblingsklub. Bremen war in meiner Jugend eine tolle Adresse mit Spielern wie Mesut Özil, Torsten Frings oder Clemens Fritz – mit dem ich später sogar noch zusammengespielt habe. Der Wechsel nach Bremen war daher ein großer und wichtiger Schritt. Werder war ein riesiger Verein für mich, damals ist ein Traum in Erfüllung gegangen."

Gibt es neue Träume, die Du Dir erfüllen möchtest?

"Wie wohl jeder Fußballer möchte ich irgendwann mal bei einem absoluten Welt-Klub spielen. Mal sehen, ob – und wenn ja, wann – es mal dazu kommt. Aber die TSG ist ein toller Klub und steht nur noch kurz unter den ganz Großen, die schon ewig oben mitspielen, wie Manchester United, Chelsea oder Arsenal. Das sind Klubs, die man auf der ganzen Welt kennt und natürlich noch einmal eine ganz andere Hausnummer."

"Die TSG ist der ideale Klub, um sich weiterzuentwickeln"

War die TSG nach Bremen der ideale nächste Schritt für Dich?

"Hoffenheim ist in den vergangenen Jahren zu einer absoluten Top-Adresse gereift. Deswegen habe ich mich damals für die TSG entschieden. Es ist der ideale Klub, um sich weiterzuentwickeln. Ich glaube nicht, dass es viel bessere Trainingszentren gibt als hier. Auch was Innovationen und Trainingsformen angeht, ist die TSG Hoffenheim auf Champions-League-Niveau."

Du bist mittlerweile seit fast sechs Jahren in Deutschland. Wie ist die Beziehung zu Deiner sportlichen Heimat?

"Ich bin immer noch stolzer Österreicher (lacht). Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber dort. Aber ich bin auch gern hier, Deutschland ist ein super schönes Land. Meine Freundin, mein Hund und ich fühlen uns in Heidelberg sehr wohl. Optimal wäre es, die TSG mit nach Österreich zu nehmen (lacht)."

Um nach Österreich zurückzukommen, könntet Ihr dort ja im Europapokal antreten.

"Was wir in der vergangenen Spielzeit erreicht haben, war unglaublich. Die Spiele in der Champions League waren super Erfahrungen, da wollen wir alle wieder hin – zumal wir gesehen haben, dass wir als Mannschaft und auch individuell dort mithalten können. Aber wie in der Königsklasse haben wir es auch in der Bundesliga in vielen Spielen verpasst, entscheidend nachzulegen. Wir haben uns für gute Leistungen zu oft nicht belohnt, das zog sich über die ganze Saison. Das haben wir zuletzt wieder besser gemacht und haben wieder eine gute Ausgangsposition vor den abschließenden Spielen. Satz streichen! Es ärgert mich aber streichen immer noch, wie leichtsinnig wir Siege hergeschenkt und späte Gegentore bekommen haben. Wenn wir alle unsere Torchancen genutzt hätten, wären wir wohl Erster. Ich hoffe, wir qualifizieren uns für Europa. Wir haben genug Qualität in der Mannschaft. Das ist unser Ziel und daran glauben wir."

 

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