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SPIELFELD
20.11.2018

Joelinton: "Fußball ist Leidenschaft"

Mit 14 verließ Joelinton Cassio Apolinário de Lira seine Heimatstadt Aliança, um in die Akademie des Fußballklubs Sport Recife zu gehen. Vier Jahre später zog er nach Deutschland, spielte in der Zwischenzeit zwei Jahre bei Rapid Wien in Österreich und ist nun Stammspieler in der Bundesliga und der Champions League. Der 22-Jährige hat einen langen Weg zurückgelegt, um seine Ziele zu erreichen. Im Interview spricht Joelinton über seinen Weg zur TSG, seinen Ehrgeiz, Deutsch zu lernen und den Wunsch, für die brasilianische Nationalmannschaft zu spielen.

Joelinton, bei all den vielen Spielen, die Du derzeit erlebst, denkst Du manchmal an Deine Anfänge zurück?

"Ich habe oft Bilder aus meiner Kindheit im Kopf, wie ich in Brasilien gelebt, Fußball gespielt und von einer Karriere geträumt habe. Ich bin mittlerweile Fußball-Profi in Europa, habe viel dafür getan, auf viel verzichtet, da kommen einem Gedanken in den Kopf: Wo war ich vor fünf Jahren, wo vor zehn Jahren? Und daraus folgt dann: Jetzt bin ich hier, ich muss jeden Tag genießen, gut spielen, 90 Minuten alles geben. Ich lebe meinen Traum."

Erinnerst Du Dich noch an den Tag vor dem Abflug nach Hoffenheim, Deinem vorläufigen Abschied aus Brasilien?

"Ich bin kein Typ, der in solchen Momenten weint oder Gefühlsausbrüche zeigt. Vor allem, weil ich wusste, dass dies meine Mutter sehr traurig und ihr alles noch schwerer gemacht hätte. Ich war zwar aufgeregt, aber ich wusste auch, dass es eine super Chance für mich ist, nach Deutschland zu gehen. Darum habe ich mich gefreut und war gespannt darauf, was mich hier erwartet. Ich war bereit für den Schritt."

Wie hast Du zuvor in Brasilien gelebt?

"Alianca liegt eine halbe Stunde von Recife entfernt. Dort habe ich in meinem Elternhaus gewohnt, bis ich 14 Jahre alt war und in die Akademie von Sport Recife gezogen bin. Alianca ist eine kleine Stadt, ungefähr so wie Sinsheim. Sie hat etwa 30.000 Einwohner. Man kennt sich und es ist nicht so gefährlich wie etwa in der Millionenstadt Recife. Meine ganze Familie wohnt noch dort und ich freue mich immer, zurückzukommen. Es ist viel passiert dort damals, ich habe viele Erinnerungen …"

"Fußball ist Leidenschaft und macht allen Spaß"

… zum Beispiel an den Fußballplatz …

"(lacht) Ja, da habe ich jeden Nachmittag mit Freunden gespielt, meine ersten Tore erzielt, Spaß am Fußball bekommen, das ist der wichtigste Ort meiner Lauf bahn. Für deutsche Verhältnisse ist der Platz fast undenkbar zum Fußball spielen. Nebenan haben immer Kühe geweidet. Sie waren sauer, wenn wir gespielt haben, aber für uns war das okay, wir hatten ja auch keine Wahl. Tornetze gab es nur bei Spielen gegen andere Städte. Ansonsten haben wir unter uns gespielt, manche mit Schuhen, manche ohne. So ist es in Brasilien, man spielt, wo es geht: Auf der Straße, im Hof oder eben auf einer Wiese. In Brasilien geht es nur um den Spaß am Fußball. Ob am Strand oder auf Beton – das ist alles egal. Fußball ist Leidenschaft und macht allen Spaß."

Statt mit Kühen im Hintergrund spielst Du nun in den größten Arenen Europas. Du lebst den Traum vieler brasilianischer Jugendlicher – warum hast Du es geschafft, ihn zu realisieren?

"Ich habe immer daran geglaubt und vor allem hart dafür gearbeitet, Profi-Spieler zu werden. Gott sei Dank habe ich es geschafft. Es ist nicht einfach, wenn man aus einer kleinen Stadt kommt. Aber wenn ich Chancen bekam, habe ich alles unternommen, um sie zu nutzen und meinen Weg zu gehen: erst in der Akademie von Recife, dann in Europa. Mir war immer bewusst: In Brasilien wollen alle Kinder Fußball-Profi werden. Es ist ein riesengroßes Land, wir lieben Fußball, es gibt unzählige Talente. Nun habe ich es als eines von 1000 Kindern geschafft. Ich war von Anfang an bereit, auf Dinge zu verzichten. Fußball ist nicht immer einfach: Du musst viel trainieren, fokussiert bleiben, Partys und Strandleben zur Seite schieben. Das ist vielen anderen nicht gelungen. Ich hatte damals vielleicht schon die deutsche Disziplin (lacht)."

"Ich liebe meine Heimat"

Das Leben in Brasilien ist nicht immer einfach, Recife ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Ist Dir mal etwas passiert?

"Nein, ich habe dort auch keine Angst. Aber klar, das Leben dort ist anders als hier. In Recife gibt es eine Autobahn aus dem Zentrum in Richtung Stadion, die zwischen zwei Favelas entlangführt. Dort werden regelmäßig Autos gestoppt, ausgeraubt und Menschen entführt – das passierte auch nach unseren Spielen. Zudem gibt es an der Küste viele Haie und man darf eigentlich nicht schwimmen, weil es schon mehrere tödliche Angriffe gab. Aber ich hatte nie Probleme. Ich liebe meine Heimat."

Der Kraichgau ist zwar wunderschön, aber nicht unbedingt das Südamerika Europas. Wie hast Du Dich nach Deinem Wechsel gefühlt?

"Am Anfang war es schwierig für mich, obwohl das Wetter gut war, weil ich im Sommer ankam. Zum einen hat mir die Sprache große Probleme bereitet, zum anderen das Essen: Es gab immer sehr viel Gemüse, das kannte ich aus Brasilien gar nicht so, dort gibt es viel Fleisch und Reis. Aber auch der Fußball ist sehr unterschiedlich. Das Spiel ist viel schneller, es gibt weniger Pausen. In Brasilien haben alle gern den Ball, die Mannschaften verlagern den Ballbesitz in Ruhe von einer auf die andere Seite. Hier geht es immer schnell nach vorn und wieder zurück. Das war eine Umstellung. Da ich nie gespielt habe, war es noch schwerer. Dann ging es besser und ich hätte sicherlich auch einige Einsätze verdient gehabt. Aber die TSG hatte eine schwere Zeit. Das ist ja aber mittlerweile auch Vergangenheit."

Haben Dich die andauernden Vergleiche mit Roberto Firmino seit Deiner Ankunft hier irgendwann mal genervt?

"Das stört mich nicht. Aber ich sage auch immer, dass wir eigentlich nicht miteinander zu vergleichen sind. Ich bin Joe. Er ist Firmino. Wir sind beides Brasilianer und haben beide hier gespielt. Aber wir sind ganz andere Typen als Fußballer. Ich bin ein klassischer Mittelstürmer, eine richtige Nummer neun. Firmino ist ja eher ein Zehner, eine hängende Spitze. Ich habe ihn hier in Hoffenheim getroffen. Da war er aber schon zu Liverpool gewechselt. Er kam zu Besuch und hat ein Spiel geschaut, das haben wir uns dann zusammen auf der Tribüne angeguckt."

"Man muss stark sein, um in Deutschland zu spielen"

Als Du nach Deutschland gekommen bist, warst Du aber auch noch ein anderer Spielertyp, hattest deutlich schmalere Schultern als jetzt ...

"(lacht) Ich war sehr jung und vor allem sehr dünn, jetzt bin ich stärker und robuster. Es war wichtig für mich, für dieses Spiel hier benötigt man einen guten Körper, dafür habe ich viel trainiert. Man muss stark sein, um in Deutschland zu spielen."

Nach einem Jahr bei der TSG wurdest Du für zwei Jahre an Rapid Wien ausgeliehen. Hat Dich die Zeit in Österreich nach vorn gebracht?

"Das war eine sehr wichtige Zeit für mich, schon in der ersten Saison habe ich immer gespielt. Es hat gutgetan, wieder regelmäßig auf dem Platz zu stehen und in einem anderen Land das Vertrauen des Trainers zu spüren. In den ersten sechs Monaten habe ich mit einem Privatcoach sehr viel trainiert. Fußballerisch, aber auch meinen Körper. Man muss Körper und Kopf immer auf das Spiel vorbereiten, um sich nicht zu verletzen, um fit zu sein und zu bleiben. Und ich habe mein Deutsch stark verbessert."

Dein Deutsch ist beeindruckend gut, wie hast Du es so schnell gelernt?

"Es ist eine unglaublich schwierige Sprache. Aber ich habe viel Zeit investiert und viel gelernt, auch weil ich der einzige Brasilianer bei Rapid war. Da musste ich Deutsch lernen, um mich zu verständigen, in der Kabine und danach wurde ja immer nur Deutsch gesprochen. Da habe ich drei Mal pro Woche einen Kurs besucht. Das war guad (lacht)."

Ist Dir der Wechsel zwischen den Akzenten schwergefallen, als Du nach Deutschland zurückgekehrt bist?

"(lacht) Ich verstehe Österreichisch besser als Deutsch, sage auch immer: I bin a Wiener. Österreich hat mir viel gegeben, das ist ein super Land und Wien eine großartige Stadt. Die Zeit dort war sehr wichtig für mich. Aber hier in Sinsheim ist es auch schön. Meine Eltern sind hier, meine Freundin, mein Sohn. Von meiner Wohnung bin ich schnell beim Training. Natürlich ist das Angebot hier nicht so groß wie in Wien, aber dadurch ist man auch immer fokussiert auf das Training und die Spiele. Das ist das Wichtigste für meine Karriere."

"Ich kann Nationalspieler werden"

Bist Du bislang zufrieden?

"Zu einhundert Prozent. Ich spiele in einer der besten Ligen Europas, kann in der Champions League auflaufen, mich mit den besten Fußballern der Welt messen. Hier trifft man viele brasilianische Nationalspieler und junge Brasilianer, die zu Nationalspielern werden. Ich weiß, wenn ich hier gut spiele, kann auch ich Nationalspieler werden. Das ist das nächste große Ziel, dass ich habe: für mein Land aufzulaufen und ein großer Spieler zu werden."

In der U17 hast Du bereits für Brasilien gespielt. Hilft die Erinnerung daran, das nächste Ziel anzuvisieren?

"Das war unglaublich. Die Menschen leben für den Fußball und für die Selecao, darum ist es mein größter Wunsch, irgendwann nominiert zu werden. Das motiviert mich täglich: Ich muss mich in der Bundesliga und der Champions League beweisen. Die TSG gibt mir die Chance dazu. Momentan läuft es perfekt für mich. Das Medieninteresse in der Heimat wird auch schon größer, ich bekomme Interview-Anfragen aus Brasilien, man nimmt mich wahr und merkt, dass ich hier mit Hoffenheim in der Champions League spiele."

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass in Hoffenheim viele Profis zu Nationalspielern reifen. Weiß man in Brasilien um die Entwicklung der TSG?

"Natürlich, in Brasilien wird die Bundesliga live im Fernsehen gezeigt. Viele Brasilianer haben schon in Hoffenheim gespielt, Roberto Firmino hat den Verein dann nochmal bekannter gemacht und jetzt bin ich hier. Und durch die Champions League ist die Plattform natürlich noch größer geworden. Die Nachfrage nach Hoffenheim-Trikots bei meinen Freunden und Verwandten ist groß (lacht)."

Beim Erreichen Deiner Karriere-Ziele bist Du sehr erfolgreich. Was strebst Du nach der Laufbahn an?

"Dann will ich definitiv zurück in meine Heimat und in der Nähe von Recife wohnen. Vorher zum Abschluss noch einmal bei meinem Heimatverein spielen und danach mit meiner Familie und meinen Freunden zusammen sein. So gut es mir hier auch geht, nach der Karriere möchte ich ein Leben in der Sonne und am Strand führen.“

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