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SPIELFELD
06.02.2017

Eugen Polanski: "War mir für nichts zu schade"

Vor der Saison ernannte ihn Julian Nagelsmann zum Kapitän – auch, weil er für die Mannschaft mit seiner Einstellung ein echtes Vorbild ist. Im SPIELFELD spricht Eugen Polanski über seine Auffassung von Führung und Profi-Dasein, erinnert sich an den harten Weg ins Fußball-Geschäft und erzählt verrückte Anekdoten aus seiner Zeit in Spanien.

Zwei Spiele der Rückrunde sind absolviert. Mit welchem Gefühl blickst du auf den Rest der Rückrunde?

Eugen Polanski: Die Winterpause war in diesem Jahr relativ kurz. Aber wir konnten nach der intensiven Hinrunde mal durchschnaufen und neue Kraft tanken. Grundsätzlich möchten wir unsere Leistungen bestätigen und uns von Spiel zu Spiel steigern. In der Hinrunde hat es gut geklappt, trotzdem glaube ich, dass wir noch mehr können. Wir haben unser Können nicht in jedem Spiel und auch nicht immer über 90 Minuten gezeigt. Aber wir waren auch nie schlechter als der Gegner, darum haben wir in der Hinrunde ja auch nicht verloren.

Nach dem 1:1 gegen Bremen zum Jahresabschluss war eine gewisse Enttäuschung zu spüren – trotz der Serie von 16 Spielen ohne Niederlage. Wie siehst du es im Rückblick?

Polanski: Ich glaube, dass durchaus mehr drin war. Intern sprechen wir nicht viel über die Serie, natürlich will niemand verlieren, aber rein punktetechnisch wären eine Niederlage und ein Sieg besser als zwei Unentschieden. Aber die Punktausbeute darf das große Ganze nicht verfälschen: Wir haben guten Fußball gespielt und meistens abgerufen, was wir können. Und waren nie zufrieden mit dem, was wir gezeigt haben, sondern haben den Maßstab Woche für Woche ein bisschen höher angesetzt. Und daran möchten wir uns auch in der Rückserie messen lassen. Wir erwarten von uns selbst am meisten und schauen nicht auf andere.

Du hast Länderspiele für Polen absolviert, die EM 2012 gespielt und warst Profi in Spanien. Ihr habt auf Rang fünf überwintert, ist der Europacup nochmal ein großes Ziel für dich?

Polanski: Wir sind mit Mainz damals in der Quali ausgeschieden, das war kein so tolles Erlebnis. Wir dürfen jetzt nicht an die nächste Saison denken, es kann noch so viel passieren. Wenn wir plötzlich drei Spieltage vor Schluss auf einem Champions-League-Platz stehen, denken wir: Sind wir doof, wir haben nur über die Europa League geredet. Und wenn wir im Niemandsland stehen sowieso. Wir sollten unsere Ausgangsposition nutzen und uns weiterentwickeln, denn das werden die anderen Mannschaften auch tun, zum Beispiel ihr Spielsystem gegen uns umstellen. Da kommt in der restlichen Saison noch viel auf uns zu.

Du hast fast zwölf Jahre Profi-Erfahrung und ein Gespür für Mannschaften. Wie ist das Verhältnis zwischen Anspannung und Lockerheit?

Polanski: Wir sind weit davon entfernt, zu sagen, dass alles super ist und wir larifari trainieren, weil wir ja eh hier sein müssen. Denn auch für unsere Mannschaft gilt: Gute Laune kommt immer durch Erfolge und nicht, weil es Spaß macht, das Trainingsleibchen anzuziehen. Jede Mannschaft definiert sich über Erfolge. Arbeitet man hart, feiert man diese und dann kommt auch der Spaß – und den wollen wir alle haben. Das ist eine relativ einfache Formel.

Wie siehst du deine Rolle als Kapitän? Julian Nagelsmann hat vor der Saison gesagt, die wichtigste Aufgabe sei nicht die Seitenwahl, sondern vor allem die Zeit zwischen den Spielen.

Polanski: Ich sehe das genauso. Vor der Saison wurde ich gefragt, was sich für mich ändert. Für mich war es wichtig, dass sich gar nichts ändert. Wenn das so gewesen wäre, hätte ich vorher etwas falsch gemacht. Ich rede viel mit den Spielern, lebe ihnen Dinge vor, bin Ansprechpartner für die ganz jungen und horche natürlich auch mal in die Mannschaft rein, um Unstimmigkeiten mit dem Trainer zu besprechen. Aber ich habe einen leichten Job, das Team funktioniert. Außerdem muss ich das nicht allein regeln, wir haben mehrere Typen, die die Richtung vorgeben.

Sandro Wagner ist auch ein Spieler mit klarer Kante…

Polanski: Sandro ist ein Typ, der immer ehrlich seine Meinung sagt. Das ist dann auch nicht immer für jeden leicht mit ihm. Er ist sehr direkt, hat aber wie jeder andere Mensch auch nicht immer mit allem Recht. Sandro ist ein absoluter Gewinnertyp.

Macht es dir Spaß, jungen Spielern beim Start der Karriere zu helfen und ihnen etwas für den weiteren Weg mitzugeben?

Polanski: Erstens müssen die Jungs die Tipps ja annehmen, da prasselt viel auf sie ein. Da spielt auch das Elternhaus eine Rolle, wie der einzelne Spieler aufgewachsen und was für ein Typ man ist. Denkt man früh: 'Jetzt habe ich es geschafft, bin Profi, fahre einen dicken Schlitten, habe Geld ohne Ende und sogar viel Freizeit' oder sagt man sich: 'Das ist das, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, das lasse ich mir nicht mehr nehmen.' So war es bei mir: Ich habe damals hart trainiert, weil ich Profi werden wollte und nicht, weil ich nur Spaß an der Sache hatte. Die Einstellung ist das Wichtigste, es werden auf ihrem Weg so viele Dinge passieren, die man nicht voraussehen konnte: positive – aber natürlich auch negative. Darum dürfen sie auf keinen Fall früh zufrieden sein mit dem, was sie bislang erreicht haben. Das möchte ich jedem mitgeben.

Erinnerst du dich noch gut an deine ersten Kontakte mit den Profis?

Polanski: Damals kannte man die Stars nur aus dem TV. Heute kennen die Jungs ja schon fünf, sechs Spieler aus der Jugend. Für mich war es damals ein Machtkampf, das darf man nicht vergessen. Ein jüngerer Spieler wollte einem erwachsenen Mann den Platz streitig machen. Und so wurde das auch auf dem Platz ausgetragen. Als ich als Jugendspieler in Gladbach unter Trainer Dick Advocaat mittrainieren durfte, wurde ich mit einer ordentlichen Grätsche willkommen geheißen. Von Jeff Strasser, der nicht mal auf meiner Position gespielt hat. Das musste man so hinnehmen. Mein Glück war, dass ich klar in der Birne war und es nachvollziehen konnte. Ich fand es relativ menschlich: Da kommt jemand und will den anderen etwas wegnehmen, das verteidigen sie natürlich. Aber spätestens da merkt man: Das ist kein Jugendfußball mehr, da geht es um viel mehr und, wenn man ehrlich ist, auch um eine ganze Menge Geld. Ich habe aber später keine jüngeren Spieler bewusst weggeputzt. Und die Schuhe muss hier auch niemand für andere putzen, das fördert meiner Meinung nach auch keinen Respekt.

Gab es in deinen Jugendmannschaften Spieler, die mehr Talent hatten als du, es aber nicht gepackt haben?

Polanski: Ja klar, in meiner Heimat kommen immer noch blöde Bemerkungen: 'Ich hätte ja auch Profi werden können, aber…' ich habe früher aber auch wirklich viele Raketen gesehen, aber es gehört mehr als Talent dazu. Man benötigt viel Glück und muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Als ich in der zweiten Mannschaft der Borussia war, hat Ex-Profi Peter Wynhoff mir früh gesagt, dass ich Profi werde. Er bezog das nicht nur auf mein Talent, sondern vor allem darauf, dass ich viel zugehört und Dinge angenommen habe, mir für nichts zu schade war. Ich hatte Glück, dass ich früh reflektiert habe, was da um mich herum passiert. Es ist das eine, Profi zu werden – und das andere: Profi zu bleiben. Wenn ich in drei, vier Jahren aufhöre, will ich sagen können: Ich war Profi mit Leib und Seele, ich habe alles dafür getan. Wenn der Ehrgeiz irgendwann nicht mehr da ist, sollte man es lassen. Aber noch ist er da.

Gibt es einen Trainer, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Polanski: Als junger Spieler Jupp Heynckes in Gladbach. Er hatte zwar wenig Erfolg mit uns, hat seine Linie aber immer durchgezogen. Da hat man gemerkt: Er hat sehr viel Erfahrung und Wissen, das er uns vermitteln wollte. In Mainz wurde dann Thomas Tuchel mein Trainer. Das war das erste Mal, dass ich gesehen habe, wie Fußball auch funktionieren kann. Es war plötzlich wie eine andere Sportart, fast Rasenschach. Ab dieser Zeit habe ich das Strategische im Fußball lieben gelernt. Unter Julian Nagelsmann geht das nun genau in diese Richtung, das gefällt mir natürlich. Von den beiden kann man sehr viel mitnehmen. Aber auch die Zeit in Spanien war interessant.

Gab es große Unterschiede zu den Erfahrungen in Deutschland?

Polanski: (lacht) Es war alles anders. Sie wussten dort damals nicht einmal, was Laufschuhe sind. Und das gemeinsame Essen war eigentlich wichtiger als das Training.

Zum Essen gehören in Spanien oft ein, zwei Gläser Wein – auch vor dem Spiel. Wie hast Du das erlebt?

Polanski: Wenn wir einen Tag vorher zu Auswärtsspielen geflogen und abends angekommen sind, war das Trainerteam, nun ja, oft relativ betrunken. Und wir sollten abends auch immer Wein trinken. Ist ja gut fürs Herz (lacht). Meine Frau war damals schwanger und ich war die ersten Monate deshalb allein in Spanien. Dann kam sie irgendwann nach und meinte: 'Du verkohlst mich doch. Du hast doch niemals jede Woche einen Mannschaftsabend.' Aber es war so, das war wichtiger als alles andere. Es wurde alles gefeiert: Wenn einer 30 Spiele für Getafe gemacht oder 80 in der Primera Division. Einen Grund gab es immer, und so gab es immer Teamabende. Allerdings fangen die in Spanien immer erst um halb zwölf an und gingen dann bis vier, fünf Uhr. Morgens war dann um zehn Uhr Training, aber da der Trainer abends ja auch immer dabei war, gab es dann die Ansage: 'Jungs, heute können wir nur locker trainieren.' Das war schon eine lustige Zeit.

Hast du lange gebraucht, um dich daran zu gewöhnen?

Polanski: Auf jeden Fall, das war ja ein Riesenunterschied zu allem, was ich vorher gelernt hatte. Zu Beginn habe ich immer nur am Glas genippt, vor allen bei den Essen am Tag vor den Spielen. Am Ende habe ich mich aber daran gewöhnt. Und dass die Mannschaft vor den Spielen gemeinsam isst, hat Julian Nagelsmann hier auch eingeführt. Es gibt natürlich keinen Wein, aber ich finde es gut, neue Wege einzuschlagen.

Du bist Nagelsmanns verlängerter Arm auf dem Spielfeld und coachst deine Teamkollegen lautstark. Reizt dich der Trainerjob nach der aktiven Laufbahn?

Polanski: Julian hat ja schon mehrfach angedeutet, mir dabei behilflich sein zu wollen. Es macht mir auch Spaß, sonst wäre ich ja auch nicht der Typ dafür. Aber ich bin jetzt zwölf Jahre Profi, habe tagtäglich Fußball gespielt und im Kopf gehabt. Der Trainerjob wäre ähnlich – plus die Zeit für das, was man hinter den Kulissen machen muss. Und wenn ich etwas mache, dann immer zu einhundert Prozent. Das ist schon extrem, zumal ich ja meine Frau und meine Kinder habe. Aber insgesamt habe ich wirklich noch keine Ahnung, wie die Zeit danach aussehen soll. Es gibt nur einen festen Plan: Wir haben uns in Mönchengladbach ein Haus gebaut, dorthin möchten wir zurückkehren.

Ist es wichtig, frühzeitig über die Zeit nach der Karriere nachzudenken?

Polanski: Man darf nicht den Fehler machen, zu viel über die Zeit danach nachzudenken. Denn man weiß ja nie, wo man landet. Aber auch nach dem Fußball wird es natürlich weitergehen. Selbst Leute, die genügend Geld angehäuft haben, werden Probleme damit haben, nichts zu tun. Und ich bin ohnehin kein Typ, der daheim sitzt und nichts macht.

Hast du noch Wünsche und Ziele außerhalb des Fußballs?

Polanski: Ich würde gern reisen, aber das geht halt mit der Familie nicht so einfach. Mein Leben bestand immer zu einhundert Prozent aus Fußball und Familie. Und auch in der Freizeit konnte ich ja nicht einfach mal, auf gut Deutsch, saufen und fressen. In den Pausen muss man etwas für seine Fitness tun und wird überprüft. Aber das ist auch völlig okay: Sport ist unser Beruf, ist unser Leben – und wir haben ein sehr gutes.

Wird dir die Aufmerksamkeit fehlen?

Polanski: Ich werde auf der Straße eh nicht so gern erkannt. Aber es fehlt einem das Adrenalin. Deshalb ist es wichtig, nach der Karriere etwas zu tun zu haben und sich noch immer wichtig zu fühlen – für sich persönlich und ohne es zu übertreiben. Es werden die Leute Schwierigkeiten bekommen, die sagen: 'Ich bin der große Star und ich will auch so behandelt werden.' Ich kann mir vorstellen, dass es Spieler gibt, die in ein Loch fallen, weil niemand mehr ein Autogramm von ihnen will. Die Sorge werde ich nicht haben. Ich bin ein normaler Mensch, der Glück hat, Fußballprofi sein zu können. Aber ich gehe nicht raus und erwarte, dass mir jemand 'Hallo' sagt. Ich erwarte von mir, dass ich anderen Menschen 'Hallo' sage. Darum werde ich nach der Karriere keine Probleme haben. Aber das wird ja noch ein paar Jahre dauern, bis dahin genieße ich jede Sekunde.

Zum Spielerprofil von Eugen Polanski >>

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