U23
12.12.2017

Nicolas Wähling: Der halbe Engländer will mehr

Als zweitältester Spross einer fußballbegeisterten deutsch-englischen Familie geht Nicolas Wähling bei der U23 seinem großen Traum von der Profikarriere nach. Einen ersten Schnupperkurs durfte der 20-Jährige bereits im Sommer absolvieren: Bei den TSG-Profis machte er mit einem Hackentor auf sich aufmerksam, später behauptete er sich gegen einen Weltmeister.

Wenn bei Familie Wähling in Karlsruhe das Wochenende geplant wird, müssen Zettel und Stift her. Nur so lässt sich die Übersicht darüber behalten, wer der fünf Söhne wann und wo ein Spiel hat und bei wem zugeschaut werden kann. Am höchsten spielt derzeit der zweitälteste der fünf Jungs, Nicolas. Seit zweieinhalb Jahren trägt der 20-Jährige das Trikot der TSG. Für die U23 absolviert er aktuell seine zweite Saison in der Regionalliga Südwest.

„Bei Heimspielen sind meine Eltern und Brüder eigentlich immer da“, berichtet Wähling. Im Gegenzug versucht der gebürtige Ludwigsburger, so oft es geht bei den Spielen seiner Brüder zuzuschauen. Der ältere, Alexander (22), spielte bis zum Sommer 2016 noch für die U23 von Mainz 05 in der Dritten Liga, ehe er verletzungsbedingt seine Karriere frühzeitig beenden musste; heute ist er U13-Trainer beim Karlsruher SC. Beim KSC sind auch zwei der jüngeren Brüder aktiv: Oliver (18) in der U19, Christopher (15) in der U16. Der jüngste Wähling-Spross, Jamie (11), spielt bei den D-Junioren des FC Neureut, einem Karlsruher Stadtteilverein, bei dem Vater Matthias als Jugendtrainer tätig ist.

„Bei uns besteht das Wochenende eigentlich nur aus Fußball“, sagt Nicolas Wähling – und sein breites Grinsen verrät, dass ihn das nicht im Geringsten stört. Für ihn gab es ohnehin seit jeher kaum etwas anderes. Vom Vater und vom älteren Bruder bekam er zu Hause im Garten den ersten Ball zugespielt, im Trikot des FC Neureut machte er seine ersten Spiele – und seitdem ging es stetig bergauf.

Vielseitiges Talent – ob Abwehr, Mittelfeld oder Sturm

In der U14 gab Wähling dem Werben des KSC nach, der schon zuvor versucht hatte, das große Talent aus Neureut zu sich zu holen. „Ich wollte damals aber noch weiter unter meinem Vater als Trainer spielen“, erinnert sich Wähling. Gemeinsam mit Bruder Oliver ging es dann im Sommer 2010 doch zum KSC. „Das war natürlich schon etwas Besonderes.“

In der Karlsruher Nachwuchsabteilung entwickelte sich Wähling rasch weiter und spielte auf nahezu allen Positionen. „Anfangs war ich Stürmer, in der U15 und U16 Innenverteidiger oder Sechser und in der U17 und zu Beginn der U19 dann Rechtsverteidiger.“ Als Wähling in der Hallensaison 2014/15 und in den Vorbereitungsspielen auf die Rückrunde aber immer häufiger auch als Torschütze glänzte, wurde die Allzweckwaffe wieder weiter vorne im offensiven Mittelfeld eingesetzt.

In jener Saison gelang Jungjahrgang Wähling mit der U19 des KSC und seinen heutigen Mitspielern in der U23, Jannik Dehm und Aron Viventi, als Tabellenzweiter der A-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest der Sprung ins Halbfinale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft. In zwei engen Spielen gegen den späteren Deutschen Meister Schalke 04 schieden die Karlsruher damals aus. Ein Stachel, der bei Wähling immer noch tief sitzt. „Wir waren eigentlich besser und hatten sowohl im Hin- als auch im Rückspiel Riesenchancen.“

Nach Einser-Abitur ab zur TSG

Einen angenehmen Nebeneffekt hatte die starke Saison von Wähling und seiner Mannschaft dennoch. Julian Nagelsmann, damals noch Trainer der Hoffenheimer U19, wurde auf den dynamischen Offensivspieler aufmerksam. Schon in der Winterpause gab es den ersten Kontakt. „Ich wollte mich damals aber erst noch weiter beim KSC durchsetzen und mein Abitur in Karlsruhe machen.“ Dies gelang ihm mit Bravour: Abschlussnote: 1,4.

Mit dem Abi in der Tasche ging es schließlich zur Saison 2015/16 in die U19 der TSG – und heraus aus dem Elternhaus. Mit einem Mitspieler, dem heutigen TSG-Profi Stefan Posch, bezog Wähling eine WG in Sinsheim, zudem schrieb er sich an der Uni in Heidelberg für Sport- und Bildungswissenschaften ein. „Heimweh hatte ich kaum, denn ich war bei der TSG gut aufgehoben und habe meine Familie jedes Wochenende gesehen“, sagt Wähling, der sich mittlerweile vom WG-Leben verabschiedet hat und in einer Wohnung in Zuzenhausen lebt.

In der U19 der TSG spielten Wähling und seine Mitspieler zunächst unter Nagelsmann und anschließend nach dessen vorzeitigem Aufrücken zu den Profis unter Matthias Kaltenbach eine starke Saison, an deren Ende die Süddeutsche Meisterschaft und das erneute Erreichen des Halbfinales um die Deutsche Meisterschaft stand. Nach den ungefährdeten Siegen gegen Werder Bremen ging es schließlich im großen Finale in der heimischen WIRSOL Rhein-Neckar-Arena gegen Borussia Dortmund.

Wähling gehörte zur Startformation und spielte bei der 3:5-Niederlage durch. Nervös sei er vor der Partie vor knapp 15.000 Zuschauern nicht gewesen. „Nur etwas angespannt, und ich habe mich auf das Spiel gefreut. Danach war ich aber natürlich sehr enttäuscht.“

Keine Anlaufschwierigkeiten im Erwachsenenfußball

Von seinem Weg abbringen ließ er sich durch diese bittere Niederlage selbstverständlich nicht, denn die nächste Herausforderung stand schon vor der Tür: der Wechsel in die U23 und damit der Eintritt in den Erwachsenenfußball. Doch auch hier fand sich der mittlerweile größtenteils auf der Außenbahn eingesetzte Rechtsfuß schnell zurecht. „Ich habe zwar gemerkt, dass die Verteidiger in der Regionalliga schon besser sind als in der Jugend, aber ich konnte körperlich gleich mithalten.“

21 Spiele und zwei Tore lautete Wählings ordentliche Bilanz in seiner ersten Saison im Herrenfußball. Seine gute Entwicklung sorgte zudem dafür, dass Julian Nagelsmann erneut auf den dynamischen Außenbahnspieler aufmerksam wurde. Die Vorbereitung im vergangenen Sommer absolvierte Wähling zum Teil bei den Profis. Zudem kam er beim 4:2 im Testspiel gegen den belgischen Spitzenklub Standard Lüttich zum Einsatz und traf per Hacke zum 3:2.

Auch zuletzt beim Europa-League-Spiel gegen Ludogorets Rasgrad und im Sommer beim Telekom Cup in Mönchengladbach gehörte Wähling zum Kader. Das Halbfinale gegen Bayern München verfolgte er dort zwar noch von der Bank aus, doch das Spiel um Platz drei gegen Borussia Mönchengladbach bestritt er über die volle Distanz als Achter. Gegen Weltmeister Christoph Kramer oder den Brasilianer Raffael lieferte das damals noch 19 Jahre alte Mittelfeldtalent eine ordentliche Vorstellung ab. „Ich habe gesehen, dass ich mithalten kann. Das war eine richtig tolle Erfahrung, die ich gerne wieder erleben möchte.“

Familie in Südengland

Nicolas Wähling hat Lust auf mehr bekommen. So steht nach wie vor der große Traum von der Bundesliga über allem – doch er weiß, dass man auch mit kleinen Schritten ans Ziel kommen kann. „Ich will mich bei der U23 weiter verbessern, dann kommt der Rest von alleine“, so der 20-Jährige, der mit vollem Namen Nicolas William Wähling heißt und somit wie seine Brüder einen englischen Zweitnamen hat.

Die fünf Wähling-Geschwister besitzen neben dem deutschen nämlich auch den britischen Pass und sind zweisprachig aufgewachsen, da Mutter Louise aus England stammt. Immer wieder besucht Wähling daher auch seine Familie in der südenglischen 150.000-Einwohner-Stadt Poole direkt am Ärmelkanal.

Einen Wechsel zu einem englischen Klub möchte Wähling natürlich nicht ausschließen, den großen Traum vom Wechsel auf die Insel hat er jedoch nicht unbedingt, denn zuerst möchte er es in Deutschland schaffen. Auch wenn der Opa, der ursprünglich aus der Nähe von Newcastle upon Tyne im Nordosten Englands stammt, glühender Fan des Sunderland AFC ist und seinen Enkel sicherlich gerne einmal im Trikot der „Black Cats“ sehen würde.

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