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CAMPUS
13.01.2016

Guido Streichsbier: Gestern Akademie, heute DFB

Zehn Jahre lang war Guido Streichsbier für die TSG 1899 Hoffenheim aktiv, drei als Spieler (1999-2002), sieben als Nachwuchstrainer (2004-11). In der Saison 2007/08 setzte er sich ein Denkmal, als er mit der U17 die Deutsche Meisterschaft in den Kraichgau holte. Seit Sommer 2014 ist der 46-Jährige U18-Nationaltrainer. Im Interview mit achtzehn99.de spricht der gebürtige Karlsruher über Talententwicklung, seine Zeit bei der TSG sowie über die anstehenden Aufgaben und Ziele als DFB-Trainer.

Herr Streichsbier, als zur Spielzeit 2007/08 die B-Junioren-Bundesliga eingeführt wurde, wurden Sie mit der U17 der TSG gleich mal Deutscher Meister. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Team?

Guido Streichsbier: Viele gute. Der Kader hatte eine gute Struktur und war von den Charakteren super zusammengestellt. Er bestand aus einigen Anführern wie Manuel Gulde, Pascal Groß oder Robin Neupert, aber alle Spieler haben im Training unheimlich Gas gegeben und sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Es war ein hohes Maß an Eigeninitiative vorhanden.

Derselbe Jahrgang gewann als A-Jugend noch den DFB-Pokal 2010, spielte aber bei der Vergabe um die Deutsche Meisterschaft keine Rolle…

Streichsbier: Die Mannschaft ist damals leider auseinandergerissen worden. Einige Jungs wurden vielleicht zu früh in die U23 oder sogar in die Profimannschaft hochgezogen. Zwar haben sich Manuel Gulde, Pascal Groß oder auch Marco Terrazzino jedesmal, wenn sie für die U19 abgestellt wurden, schnell integriert und sofort positive Energie entwickelt, in der Meisterschaft haben sie aber zu selten bei uns gespielt.

Es war also ein Fehler, vielversprechende Talente vorzeitig in den Seniorenbereich zu schieben?

Streichsbier: Damals herrschte eine Rieseneuphorie in Hoffenheim. Die Profis waren gerade in die Bundesliga aufgestiegen, dann wurden die B-Junioren in einem spektakulären Finale im Dietmar-Hopp-Stadion gegen Borussia Dortmund Deutscher Meister. Manch einer hat vielleicht geglaubt, dass das jetzt alles so glatt weiterläuft und dabei wurden ein paar Schritte zu früh gemacht. Aber gerade im U18/U19-Bereich passiert mit den Jungs noch so viel, dass man eigentlich keine Prognosen treffen kann. Man hätte die Jungs behutsamer aufbauen müssen. Immerhin haben es mit Gulde, Groß und Terrazzino drei in den bezahlten Fußball geschafft, Robin Szarka spielt 3. Liga und auch Robin Neupert hat Drittliga-Einsätze vorzuweisen.

Zu welchen Spielern haben Sie noch Kontakt?

Streichsbier: In größeren Abständen zu fast allen. Zu Manuel Gulde und Pascal Groß regelmäßig.

Mit Jonas Hofmann, heute Borussia Mönchengladbach, hatten Sie ein weiteres Riesentalent unter Ihren Fittichen. War sein Karriereweg so vorhersehbar?

Streichsbier: Jonas ist ein Paradebeispiel für eine ideale Entwicklung. Er hatte ein gutes Umfeld und wurde als 18-Jähriger nicht von Personen getrieben, die meinten, er müsse nun unbedingt Profi werden und besser heute als morgen einen Vertrag unterschreiben. Er hat Geduld bewiesen und auch sein zweites A-Jugend-Jahr in Ruhe zu Ende gespielt. Das hat sich bei ihm ausgezahlt.

Sie trainierten nach Ihrer Zeit bei der TSG die U17 des 1.FC Kaiserslautern und nahmen dann ein Angebot im Seniorenbereich beim FC-Astoria Walldorf an. Auf welche Highlights Ihrer bisherigen Trainerlaufbahn blicken Sie zurück?

Streichsbier: Unvergesslich sind und bleiben die Titel mit Hoffenheim. Dabei denke ich auch gerne an die Erfolge im Badischen Pokal zurück, den wir drei Mal gewonnen haben, was sehr für den Charakter der jeweiligen Mannschaften spricht und auch den Grundstein zum DFB-Pokal-Sieg gelegt hat. Bei Walldorf denke ich natürlich zuerst an den Aufstieg in die Regionalliga sowie die erstmalige Qualifikation für den DFB-Pokal. Das waren alles tolle Erlebnisse, an die ich immer gerne zurückdenke.

Die Entwicklungen in der achtzehn99 AKADEMIE müssen Sie schon allein von Berufs wegen verfolgen. Wie beurteilen Sie den Nachwuchsbereich der TSG viereinhalb Jahre nach Ihrem Weggang?

Streichsbier: Die erfolgreiche Entwicklung ist nicht von der Hand zu weisen. Man muss sich beispielsweise nur die U19 vor Augen führen. Mit dem Meistertitel 2014 und der Vizemeisterschaft 2015 hat man deutschlandweit ein Zeichen gesetzt. Und auch mit dem bisherigen Saisonverlauf hat das Team von Julian Nagelsmann gute Chancen, wieder das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft zu erreichen. Wenn ich an die Infrastruktur denke, die wir 2004 zur Verfügung hatten, hat sich enorm viel getan, und ich freue mich, meinen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben. Auch wenn es bei meinem Abschied die eine oder andere Missstimmung gab, überwiegen die positiven Erinnerungen, zumal ich mich selbst ja auch hier als Trainer entwickeln durfte. Entsprechend verfolge ich die positive Entwicklung der Akademie sehr aufmerksam, pflege zum Sportlichen Leiter Dirk Mack ein sehr gutes Verhältnis und wünsche natürlich auch weiterhin alles Gute!

Kommen wir zu Ihrer aktuellen Aufgabe. Wie sieht der Job eines U18-Nationaltrainers genau aus?

Streichsbier: Wir haben zehn Maßnahmen im Jahr, die von unterschiedlicher Dauer sind. Meine Teilnahmen als Beobachter an unterschiedlichen Turnieren wie der U17-EM in Bulgarien, der U19-EM in Griechenland oder der U20-WM in Neuseeland waren überdies sehr lehrreiche Erfahrungen, um eine ideale Einschätzung über das aktuelle Niveau im Weltfußball zu gewinnen. Ich bin generell viel unterwegs, schaue mir Spiele an, vor Ort oder auf Video, spreche mit Scouts und Trainern. Der Job besteht aus viel Kommunikation und Reisetätigkeit. Im Moment erarbeiten wir im DFB unter Leitung von DFB-Sportdirektor Hansi Flick zudem eine Spielphilosophie, aus der sich eine Trainingsvision und daraus wiederum ein Ausbildungsleitfaden ableitet. Damit wollen wir bis in die kleinsten Vereine gehen und Trainer fortbilden. Ich selbst habe im September im Leistungszentrum des Valencia CF hospitiert und schaue mir im Januar den Futsal-Länderpokal in Duisburg an. Hinzu kommt auch die Entwicklung einer Trainerdatenbank zusammen mit der SAP. Das sind – neben der Entwicklung und Beobachtung des eigenen Teams – sehr viele interessante Tätigkeitsfelder, es macht sehr viel Spaß.

Sie sind jetzt eineinhalb Jahre im Amt, wie fällt Ihre sportliche Bilanz bislang aus?

Streichsbier: vGenerell musste ich mich als langjähriger Vereinstrainer natürlich auf die veränderten Bedingungen umstellen. Du siehst deine Mannschaft seltener und musst daher mehr Einzelgespräche führen und die Trainingsgestaltung noch genauer planen. In meiner ersten Saison wollten wir den 97er-Jahrgang etwas breiter aufstellen. Davon profitierte unter anderem auch Johannes Bühler, der neben Philipp Ochs und Benedikt Gimber jetzt im engsten Kreis dabei ist. Das erste halbe Jahr der laufenden Saison lief mit einem reinen Perspektivkader, was auf internationalem Parkett nicht einfach war.

Ihr aktueller Jahrgang hat vor wenigen Wochen als U17 die WM in Chile bestritten und vergangene Woche – mit dem Hoffenheimer Johannes Bender – ein Vier-Nationen-Turnier in Israel gewonnen. Wie lauten Ihre Ziele für 2016?

Streichsbier:Wir haben an Ostern zwei Testspiele gegen Frankreich, später gegen die Schweiz und Irland. Dann steht die Qualifikation für die U19-EM 2017 in Georgien an. Dafür wollen wir uns qualifizieren!

Trainer nennen ungerne Namen...

Streichsbier: Und das zurecht. Weil sich in der sportlichen und persönlichen Entwicklung der jungen Spieler sehr viel tut und alles passieren kann.

…wollen Sie uns trotzdem ein paar künftige Bundesliga-Spieler aus Ihrem Jahrgang nennen?

Streichsbier: Wer die U17-EM in Bulgarien und später die WM in Chile verfolgt hat, weiß, dass Constantin Frommann, Felix Passlack, Johannes Eggestein oder Salih Özcan sehr gute Turniere gespielt haben. Aber ich wiederhole mich: In diesem Alter beginnt die Crunchtime. Entscheidend wird sein, wie geduldig und hartnäckig die Jungs bleiben, wie sehr sie immer wieder Detailhinweise ihrer Trainer annehmen und sich weiter entwickeln. Sie jetzt schon in die Bundesliga zu schreiben, bringt nichts.

Weil sie sonst auf der Strecke bleiben?

Streichsbier: In diesem Kontext war meine Zeit in Walldorf sehr lehrreich. Dort hatte ich mit vielen hochtalentierten Spielern zu tun, die im U17-Bereich deutschlandweit zu den Top-Talenten zählten. Heute fragen sich viele von ihnen, warum sie den Sprung in den Profifußball nicht geschafft haben. Entscheidend ist: Die Entwicklung hört nie auf. Man muss immer weiter an sich arbeiten. Und auch Geduld haben. Mit der Hoffenheimer U17-Meistermannschaft haben wir damals in der Winterpause eine Nordreise mit Freundschaftsspielen in Bremen und Braunschweig unternommen. Pascal Groß war damals sehr enttäuscht, weil er nicht wie andere Teamkollegen für eine Länderspielreise nominiert worden war. Aber Pascal hat den Kopf nicht hängen lassen, sich voll reingehängt und zwei überragende Spiele abgeliefert. Das ist die richtige Mentalität.

In Frankfurt entsteht in unmittelbarer Nähe zur Zentrale die DFB-Akademie. Wie sehen Sie dieses Projekt?

Streichsbier: Der Neubau ist für den DFB ein Jahrhundertprojekt. Mit der Akademie haben wir die Chance, die bereits sehr gute Arbeit im deutschen Fußball auf Verbands- und Vereinsebene von der Breite in die Spitze noch besser zu machen. Es gibt eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem neuen Leiter Konzeptentwicklung Markus Weise, der Hansi Flick in der konzeptionellen Arbeit unterstützt, und uns Trainern. Gemeinsam wird diskutiert, welche Inhalte wir in der Akademie umsetzen wollen. Das Thema wird 2016 richtig Fahrt aufnehmen.

Abschließende Frage: Die aktuelle Hoffenheimer U 17 hat kürzlich ihren zehnten Sieg in Serie eingefahren und somit den Rekord von neun Dreiern hintereinander geknackt, den Ihre Meistermannschaft 2007/08 aufgestellt hatte. Wurmt Sie das?

Streichsbier: Dafür gebührt den Jungs ein großes Kompliment. Ich hoffe, dass Marcel Rapp und seine Mannschaft diese Entwicklung fortführen können, damit am Ende der Saison auch etwas Zählbares bleibt. Den Profis wünsche ich, dass sie nach der Winterpause schnell aus diesem Tal rauskommen.

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