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U23
10.03.2011

Wilson Kamavuaka: Der Musiker

Ausgerechnet bei einem Einsatz für die Profis passierte es. Eigentlich war der 24. August 2009 ein guter Tag, denn da stand Wilson Kamavuaka im erweiterten Kader der Bundesliga-Truppe, die im Dietmar-Hopp-Stadion gegen den VfR Aalen testete. Dass die Partie 2:3 verloren ging, war für Kamavuaka noch das geringere Übel. Zwei Minuten vor Schluss zog er sich jedoch einen Bänderriss zu, der ihn vier Wochen außer Gefecht setzte.

Danach war es für den Mittelfeldmann, der in wenigen Tagen seinen 21. Geburtstag feiert, ein ständiger Wechsel zwischen Startformation und Auswechselbank. Zuletzt hat sich der kongolesische Nationalspieler allerdings einen Stammplatz in der U23 erkämpft und sein Trainer Markus Gisdol sagt über ihn: „Der Junge entwickelt sich zurzeit extrem gut.“

Wilson Kamavuaka wurde am 29. März 1990 in Düren, auf halbem Weg zwischen Köln und Aachen, geboren. In Köln und Aachen spielte sich auch seine aktive Jugendzeit hauptsächlich ab. „Meine Eltern sind 1988 aus dem Kongo nach Deutschland gekommen“, sagt Kamavuaka in fließendem Nordrheinisch. Kongo bedeutet in dem Fall „Demokratische Republik Kongo“, die 1974 als Zaà¯re an der WM in Deutschland teilnahm, seit 1997 ihren heutigen amtlichen Namen trägt und nicht mit der Republik Kongo zu verwechseln ist.

Als E-Jugendlicher schloss sich der junge Kamavuaka den Sportfreunden Düren an, ging ein Jahr später zum 1.FC Köln und wechselte als C-Junior zu Alemannia Aachen, wo er bis zum Ende seiner Nachwuchsausbildung blieb und teilweise unter Trainer Jürgen Seeberger bei den Profis mittrainieren durfte.

Bei den Laktattests stets vorne

Beim Übergang in den Seniorenbereich lagen dem defensiven Mittelfeldspieler mehrere Angebote vor, und aus einem Bauchgefühl heraus entschied er sich schließlich für den Kraichgau. „Hier sah ich einfach die besten Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln“, erklärt er seinen Wechsel zur U23 von 1899 Hoffenheim. Heute wohnt Kamavuaka in Wiesloch und blickt auf bewegte 20 Monate mit mehr Höhen als Tiefen zurück. „Vor allem am Anfang war das hier sehr interessant, schließlich waren wir 21 neue Spieler, die erst zusammenfinden mussten. Glücklicherweise waren das alles sehr offene Typen und Charaktere, so dass das problemlos lief.“

Nicht ganz so problemlos verlief der Start in die erste Spielzeit, die zunächst von einigen sportlichen Rückschlägen und der Verletzung aus dem Aalen-Test mit den Profis geprägt war. „In dieser Zeit habe ich viel gebetet“, sagt Kamavuaka, der von seinen Eltern zum katholischen Glauben erzogen wurde. „Ich habe viele Spiele nur von der Tribüne oder der Ersatzbank aus gesehen. Da fragt man sich natürlich: Woran liegt das? Was muss ich tun? Und meistens kommt man dann zur Erkenntnis: Du musst noch mehr machen!“

Also gab Kamavuaka – mit Hilfe eines auf ihn zugeschnittenen Plans von Co-Trainer Otmar Rösch – richtig Gas und holte Rückstände im athletischen Bereich nach. Heute ist sein Name bei den Laktat- und Ausdauertests stets ganz vorne zu finden. Und wenn Rösch die Spieler den Königsstuhl hinaufjagt, ist Kamavuaka als Erster oben.

Seite an Seite mit Mbokani und Lualua

Nach und nach kämpfte sich Kamavuaka ins Team zurück, bejubelte im Mai 2010 den Regionalliga-Aufstieg und wurde kurz vor der WM in Südafrika vom kongolesischen Verband FECOFA (Fédération Congolaise de Football Association) in ein Trainingslager nach Österreich eingeladen, in dessen Verlauf auch ein Freundschaftsspiel gegen Saudi-Arabien auf dem Programm stand, beim dem der Hoffenheimer sein Länderspiel-Debüt gab. Im November stand im französischen Dieppe ein weiterer Test der „Leoparden“ gegen Mali (1:3) und vor wenigen Wochen bei Paris gegen Gabun (0:2) auf dem Programm, in beiden Partien kam Kamavuaka zum Zug.

„Das ist schon ein tolles Erlebnis. Da sind dann Jungs einer anderen Kategorie und man erkennt, dass man noch ein bisschen nachlegen muss.“ Zu seinen bekanntesten Nationalmannschaftskollegen zählen neben dem Neu-Wolfsburger Dieumerci Mbokani auch Youssouf Mulumbu (West Bromwich Albion) oder Lomana Trésor Lualua (früher Newcastle United). Mit Nzuzi Toko Bundebele, Mittelfeldspieler vom Grasshopper Club Zürich, verbindet Kamavuaka bereits eine enge Freundschaft.

Nationaltrainer Robert Nouzaret, ein Franzose, hat den gebürtigen Rheinländer auch schon wieder für das kommende Freundschaftsmatch Ende März gegen Mauritius in seinen 60 Mann starken vorläufigen Kader berufen. Und da Kamavuaka auch für die U23 seines Landes spielberechtigt ist, darf er noch den Traum von der Olympia-Teilnahme träumen. Hier steht die Demokratische Republik Kongo in der Afrika-Quali in der Runde der letzten 32. Nächster Gegner in Hin- und Rückspiel ist Burkina Faso. Drei Nationen lösen das Ticket für London 2012.

Viel von Alex Rosen abgeschaut

Zurzeit gilt aber die volle Konzentration Kamavuakas der U23 bei 1899 Hoffenheim, und im Moment läuft es ganz gut für ihn. „Es ist schwierig, wir haben so viele gute Spieler im Kader, das ist nicht normal“, sagt der Defensivmann, der in der Vorbereitung – wenn Not am Mann war – auch in der Innenverteidigung aushalf, etatmäßig aber auf der „Sechs“ spielt, wie auch beim 1:1 zum Restrückrundenauftakt gegen Großaspach.

„Ich habe mir einiges von Alex Rosen abschauen können“, sagt Kamavuaka über den Mann, der bis Dezember noch sein Teamkollege war und der jetzt Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums ist. „Von ihm habe ich viel gelernt, zum Beispiel, wie man unnötige Gelbe Karten vermeidet“, grinst der 20-Jährige.

Über die Bedingungen im U23-Trainingszentrum ist der Anhänger von Patrick Vieira und Yaya Touré („Zu seiner Barça-Zeit!“) voll des Lobes. „Das ist hier alles sehr professionell, von den Trainingseinheiten und -inhalten über die Trainingsplätze und Krafträume bis hin zu den Menschen, die hier unauffällig im Hintergrund arbeiten und Dir die Dinge abnehmen, für die wenig Zeit ist oder die Du einfach vergisst.“ Oder für die einem jungen Burschen auch einfach nur die Lebenserfahrung fehlt.

Seit seinem Wechsel vor nunmehr knapp 20 Monaten hat sich Wilson Kamavuaka vor allem im athletischen Bereich enorm weiterentwickelt. „Das spiegelt sich allein in der Anzahl der Klimmzüge wider, die ich vor Hoffenheim gepackt habe und die ich jetzt schaffe“, schmunzelt er. Ab und an – etwa beim Testspiel gegen den FSV Frankfurt (3:2) oder beim Harder13 Cup – darf er bei den Profis ran.

Gospels am Morgen, dann Reggae und Dance Hall

Wohin die sportliche Reise für ihn persönlich geht, will er nicht prognostizieren: „Das entscheidet nur der Trainer. Und Gott.“ Richard Sukuta-Pasu, der deutsche Junioren-Nationalspieler in Diensten von Bayer Leverkusen (derzeit an den FC St. Pauli ausgeliehen), ist Kamavuakas Cousin zweiten Grades. Ein bisschen Talent liegt also in der Familie.

Wenn gerade mal kein Training ist, dann verbringt Kamavuaka dennoch viel Zeit im Trainingszentrum oder unternimmt gerne was mit seinen Kollegen. Einen ganz wichtigen Teil seiner Freizeit nimmt aber die Musik ein. „Jeder geht anders in die Konzentrationsphase. Ich brauche Musik, um abzuschalten oder um mich zu motivieren.“ Das geht morgens mit Gospels los und tagsüber mit Reggae und Dance Hall weiter. Auch in der Kabine kann es musikalisch werden. „Ich stimme ein Lied an und Tabe Nyenty, Albert Alex und auch Philipp Klingmann steigen in den Chor ein.“

Das hebt die Stimmung, wie etwa im Trainingslager an der Türkischen Riviera. Co-Trainer Frank Fröhling betrat Kamavuakas Zimmer, als der gerade – nur mit einem Handtuch bedeckt –irgendein Lied sang. Fröhling fragte, ob er filmen dürfe, was Kamavuaka leichtsinnig bejahte. Beim Mannschaftsabend in einem türkischen Lokal staunte er dann nicht schlecht, als dieses Video zur „Einstimmung“ allen Anwesenden gezeigt wurde. „Das war okay“, lacht Wilson Kamavuaka, der aber die Fußball-Karriere der Musiker-Laufbahn vorziehen würde.

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