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AKADEMIE
12.06.2012

Interview Alexander Rosen: „Wir haben hohe Ansprüche“

Die Stimme ist weg. Das 4:0 gegen den TSV 1860 München, als Alexander Rosen seine Mannschaft im Dauerregen 90 Minuten lang von der Seitenlinie nach vorne peitschte, hat seine Spuren hinterlassen. Wenige Tage nach dem BFV-Pokalfinale blickt der Leiter des Hoffenheimer Nachwuchsleistungszentrums zwischen zwei Gesprächen mit potenziellen neuen Spielern auf eine bewegte Saison zurück.

Herr Rosen, am vorvergangenen Sonntag haben Sie als Interimstrainer mit der U19 den Klassenerhalt in der Bundesliga unter Dach und Fach gebracht. Für den Moment wurde gefeiert, aber unterm Strich können Sie mit der Saison eigentlich nicht zufrieden sein, oder?

Nein. Den Klassenerhalt unserer U19 zu bejubeln, das ist nicht unser Anspruch. In Anbetracht der brenzligen Situation und der Tatsache, dass wir mit einem blauen Auge davon gekommen sind, haben wir aber unserer Erleichterung natürlich freien Lauf gelassen.

Was waren die Gründe dafür, dass es nicht so rund lief?

Wir werden das kritisch analysieren und befinden uns hier mitten im Prozess. Da kann man jetzt nicht einfach sagen, das lag daran oder daran. Fakt ist aber, dass wir die mit Abstand jüngste Mannschaft der Liga hatten und Spieler des jüngeren Jahrgangs in der Regel immer etwas länger benötigen, um das nächsthöhere Niveau zu adaptieren. Beim entscheidenden Spiel gegen 60 München kamen sogar vier Spieler zum Einsatz, die noch für die U17 spielberechtigt gewesen wären. Vielleicht wurde so aber auch das eine oder andere Spiel im Laufe der Saison, das auf der Kippe stand, knapp verloren.

Die U19 holte 32 Punkte und weist ein Torverhältnis von -1 aus. Das sieht nicht nach Abstiegskampf aus…

Das kam leider noch erschwerend hinzu: Was kaum jemand weiß, ist die Tatsache, dass die Liga in dieser Saison ausgeglichen war wie niemals zuvor. Wir haben 32 Zähler geholt, das ist nur einer weniger als in der Vorsaison. Seit Bestehen der Junioren-Bundesliga waren aber noch nie so viele Punkte nötig, um die Klasse zu halten. Der Rekord lag bisher bei 29, im Schnitt reichten 23.

Es gab aber auch durchaus Positives…

Das stimmt, sogar jede Menge, was leider aufgrund der angespannten Situation bei der U19 etwas untergegangen ist. Die U17, die ebenfalls mit der jüngsten Mannschaft in der B-Junioren-Bundesliga spielte, hat einen guten Mittelfeldplatz belegt, die U16 steht auf einem guten dritten Rang in der Oberliga. Und bei den C-Junioren haben wir sowohl mit der U15 als auch mit der U14 gegen starke Konkurrenz die Meisterschaft gefeiert. Ebenfalls erfreulich ist die Tatsache, dass die Anzahl der deutschen Nationalspieler in unserer Akademie in dieser Saison so hoch war wie noch nie.

Für Alfons Higl, der nach Rücksprache mit Ihnen aus privaten Gründen zurückgetreten ist, übernimmt nun Thomas Krücken die U19. Welche Erwartungen haben Sie an ihn und an die Mannschaft für die kommende Saison? Geben Sie Ziele aus?

Wir geben nach wie vor keine Ziele in Form von Platzierungen für unsere Nachwuchsteams aus. Natürlich wollen wir eine Saison wie diese im A-Jugend-Bereich nicht noch einmal erleben. Im Vordergrund steht die Entwicklung unserer Talente, was aber keinen Widerspruch zu einer guten Tabellenplatzierung darstellt. Wir haben hohe Ansprüche, aber ich bin auch sehr optimistisch, es kommen starke Jahrgänge nach.

Im Januar gab es einen Riesenwirbel wegen der Verpflichtung des damals 13-jährigen Nico Franke aus Berlin. Hat sich die Aufregung gelegt oder werden Sie noch immer mit dem Vorwurf des „Kinderhandels“ konfrontiert?

Da hat der Boulevard seinen Teil dazu beigetragen, dass die Geschichte derart hochgekocht ist. Nachdem die genaueren Umstände dieses Wechsels bekannt geworden waren, hat sich die Aufregung vollkommen gelegt. Ich hätte mir gewünscht, dass manche Medien sich mit der Materie intensiver beschäftigt hätten, bevor sie lospolterten. Der Junge hat sich hier wunderbar eingelebt, fühlt sich sehr wohl und gut aufgehoben – und hat auch sportlich seinen Teil zur U14-Meisterschaft beigetragen.

Im Profibereich gab es in entscheidenden Positionen einige personelle Wechsel. Wie wirken die sich auf Ihre Arbeit aus?

Gar nicht, zumindest nicht negativ. Die Kommunikation mit Markus Babbel und Rainer Widmayer ist sehr gut, beide sind an der Entwicklung in der Akademie sehr interessiert. Sie haben vollstes Vertrauen in die bestehenden Strukturen und in die Arbeit der handelnden Personen.

Sie sind nun knapp eineinhalb Jahre im Amt. Haben Sie sich Ihren Job so vorgestellt?

Er bringt eine hohe Belastung mit sich und gerade die vergangenen Wochen waren nicht zuletzt durch die Anspannung und meine Doppelfunktion sehr intensiv. Aber ich übe meine Arbeit mit Freude und Leidenschaft aus und sehe es als Privileg, mich in dem Umfeld zu bewegen, das ich am liebsten habe: Fußball.

Am Samstag haben sie mit der U19 das Finale um den BFV-Pokal knapp mit 5:3 nach Verlängerung verloren. Ihre Bilanz als Trainer ist dennoch ausgezeichnet, Sie sind zumindest nach der regulären Spielzeit noch ungeschlagen. Wollen Sie nicht doch langfristig auf die Bank wechseln?

Es war mit Sicherheit eine gute Erfahrung und hat auch richtig Spaß gemacht, weil die Jungs die Vorgaben hervorragend umgesetzt haben. Ich möchte an dieser Stelle aber ausdrücklich betonen, dass dieser Erfolg im Saisonendspurt nur in und mit einem starken Trainerteam möglich war. Unabhängig davon sehe ich mich kurz- und mittelfristig nicht als Trainer, wobei man ja bekanntlich niemals nie sagen sollte – vor allem nicht im Fußballgeschäft.

Was erwartet die Freunde des Hoffenheimer Junioren-Fußballs in der kommenden Runde?

Ich bin kein Freund von großspurigen Ankündigungen. Wir wollen attraktiven Fußball mit Leidenschaft spielen und viele Talente noch stärker machen. Die Zuschauer sollen das Gefühl haben, Jungs zu sehen, die für den Verein alles geben und das Zeug haben, eines Tages in einer oberen Liga zu spielen, bestenfalls natürlich in der eigenen U23- oder Lizenzspielermannschaft.

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