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U23
30.03.2011

Jannik Vestergaard: Der Lange

Fußball, Fußball … und noch mal Fußball. Jannik Vestergaard wollte so gar nicht in die Fußstapfen seiner Eltern Wiebke und John treten, die sich beide der Musik verschrieben hatten und ihre Erfüllung am Cello respektive am Klavier fanden. „Ich wollte immer nur kicken“, sagt Vestergaard. Und das tat bzw. tut er gar nicht mal so schlecht. Was die musikalischen Gene der Eltern angeht, so haben diese immerhin Janniks jüngere Schwestern Anna und Marie geerbt.

Der Musik ist es wenigstens zu verdanken, dass sich Vestergaards Eltern überhaupt kennenlernten. Seine Mutter, eine geborene Schröers, wuchs in Krefeld-Uerdingen auf – und das in einer Zeit, als die Werkself von Bayer 05 fußballerisch für Furore sorgte. Doch die künftige Frau Vestergaard hielt es eher mit dem Cello, studierte am Conservatorium Maastricht und zog schließlich weiter nach Kopenhagen, wo sie auf den Pianisten John Vestergaard traf. Jannik hat die Geschichte schon 100 Mal erzählen müssen. Er schmunzelt. „Und dann war ich irgendwann da.“ Genau gesagt am 3. August 1992, also nur wenige Wochen, nachdem „Danish Dynamite“ in Schweden gegen Deutschland unbekümmert zum EM-Titel gestürmt war.

Großvater Hanes Schröers stand einst bei West Ham unter Vertrag

Während sein Vater umschwenkte, Wirtschaft studierte und heute im dänischen Justizministerium arbeitet, wusste der Sprössling schon als Vierjähriger, wohin die Reise gehen sollte. Im Kopenhagener Vorort Hvidovre geboren, aber im Zentrum der Hauptstadt aufgewachsen, begann er als kleiner Knirps bei Vestia BK mit dem Fußballspielen. „Kleiner Knirps“, das klingt heute irgendwie komisch, wenn man sich den baumlangen Kerl mit Schuhgröße 47 anschaut, der Innenverteidiger misst schließlich stolze 1,98 Meter – Tendenz steigend.

„Es war abzusehen, dass ich ein langer Schlaks werden würde. In meiner Familie sind alle sehr groß, mein Onkel bringt es sogar auf 2,04 Meter.“ Und sportlich war die nahe Verwandtschaft auch: Der Bruder der Mutter, Jan Schröers, spielte einst in der (deutschen) Junioren-Nationalmannschaft und wurde mit Bayer Uerdingen 1987 deutscher A-Jugendmeister. Großvater Hannes, der ebenfalls für Bayer und Fortuna Düsseldorf die Stiefel schnürte, stand sogar bei West Ham United unter Vertrag. Er war es auch, der den Enkel bei Familienurlauben der Vestergaards am Niederrhein unter seine Fittiche nahm. Denn bei aller Körpergröße: Eine andere Sportart, wie etwa Basketball oder dem in Dänemark äußerst populären Handball, kam für den jungen Jannik nie in Frage.

Vom FC Kopenhagen zu Brà¸ndby

„Früher habe ich im Mittelfeld und im Angriff gespielt“, sagt der „Lange“, der nur kurze Zeit bei seinem Stammverein blieb und bald zum renommierteren BK Frem wechselte. Da er größer und größer wurde, landete Vestergaard bald in der Innenverteidigung – und beim Kjà¸benhavns Boldklub, kurz KB. Der weltweit älteste Fußballklub außerhalb Großbritanniens bildet mit dem ebenso traditionsreichen B1903 seit Vestergaards Geburtsjahr 1992 den FC Kopenhagen. Im Nachwuchsbereich sind aber beide Klubs weiterhin eigenständig. Doch bei KB lief es für ihn nicht so richtig. „Im ersten B-Jugend-Jahr hatte ich einen Wachstumsschub“, sagt der 18-Jährige.

Das machte sich negativ bemerkbar, denn der Körper passte sich nicht schnell genug den veränderten Gegebenheiten an. „Ich saß oft auf der Bank und hatte die Lust verloren“, erklärt er den Wechsel zu einem weiteren Traditionsklub: In eigener Initiative schloss er sich in seinem zweiten B-Jugend-Jahr Brà¸ndby IF an – und tat es somit dem Volkshelden Michael Laudrup gleich, der Anfang der 80er, also lange vor seiner glorreichen Zeit bei Juventus und Barcelona, von KB zum Vorortklub wechselte.

Von nun an ging es steil bergauf. Vestergaard reifte zum Junioren-Nationalspieler und debütierte in der U18-Auswahl Dänemarks gegen Italien. Zweieinhalb Jahre blieb er bei den Blau-Gelben. Dann war die Zeit reif für den nächsten Schritt. Ausgerechnet im Stadtderby gegen seinen Ex-Klub FC Kopenhagen, bei dem eigentlich ein Spieler des FCK beobachtet werden sollte, fiel Vestergaard einem Scout positiv auf. Als er schließlich einige Wochen später mit Brà¸ndby bei einem Hallenturnier in Linkenheim am Ball war (und im Halbfinale gegen die Hoffenheimer U19 verlor), überzeugten sich die 1899-Verantwortlichen ein weiteres Mal von den Fähigkeiten des Youngsters – und verpflichteten ihn.

Zwei Spiele in 24 Stunden

„Natürlich war es am Anfang nicht einfach, so weit weg von der Familie“, sagt der zweisprachig aufgewachsene Vestergaard in nahezu perfektem Deutsch. „Aber ich musste diesen Schritt gehen. Es war schon immer mein Traum, im Ausland zu spielen. Jetzt habe ich die Chance bekommen, mich hier durchzusetzen und ich will mir niemals vorwerfen müssen, es nicht wenigstens probiert zu haben.“

In der Anfangszeit, also im Sommer 2010, waren seine Eltern mehrere Wochen bei ihm. Mittlerweile wohnt Vestergaard in Wiesloch und ist im Haushalt auf sich allein gestellt. „Ich habe besser Deutsch und besser kochen gelernt“, sagt er. Ein schöner Nebeneffekt, doch lernen will er hauptsächlich auf dem Fußballplatz. „Ich trainiere täglich bei den Profis. Da läuft alles ein bisschen schneller, als ich es bislang gewohnt war. Du musst die Denkprozesse beschleunigen und entwickelst Dich vor allem im taktischen Bereich unheimlich weiter.

Dass er hauptsächlich in der Regionalliga-Mannschaft zum Einsatz kommt, stört ihn keineswegs. Auch, als er in der U19 aushelfen musste, war er mit Feuereifer dabei. Starallüren sind dem Innenverteidiger fremd. „Der Junge ist geerdet“, weiß auch Manager Ernst Tanner. Ende Oktober musste Vestergaard binnen kürzester Zeit zwei Mal ran, und das über die volle Distanz. Freitagabends beim 3:0 der U23 gegen Hessen Kassel, 16 Stunden später beim 1:1 der U19 gegen den VfB Stuttgart. In diesem Spiel traf er sogar zum 1:0, gibt aber zu: „Am Schluss war ich ganz schön fertig und bin nur noch hinten geblieben.“

Bester dänischer U19-Spieler 2010

In Bremen und Mönchengladbach sowie zu Hause gegen Dortmund saß Vestergaard sogar schon bei den Profis auf der Bank. „Ein schönes Gefühl“, gesteht er. „Ich hoffe natürlich, dass es so früh wie möglich mit einem Bundesliga-Einsatz klappt, aber ich setze mir keine Fristen. Damit entsteht nur unnötig Druck und am Ende werde ich nur enttäuscht. Ich will einfach hart arbeiten und immer besser werden.“ Das gilt auch neben dem Platz, denn demnächst büffelt Vestergaard, nachdem er zuletzt pausiert hatte, wieder für sein Abitur, das er via Internet an seinem Heimatgymnasium absolvieren kann. Seine Freundin Pernille, die er in Brà¸ndby kennengelernt hat, macht ebenfalls noch Abitur, kommt aber so oft es geht zu Besuch in den Kraichgau.

Mitte März erhielt Jannik Vestergaard eine hohe Auszeichnung. In Herning wurde ihm der „Arlas talentpris“ für den besten dänischen U19-Spieler 2010 verliehen. „Das ist eine große Ehre für mich“, reiht sich der Hoffenheimer doch in eine illustre Reihe mit Jon Dahl Tomasson (1994), Jesper Grà¸nkjà¦r (1995), Peter Là¸venkrands (1998) oder Simon Kjà¦r (2007) ein. Zum Teil große Namen, doch Idole sind sie für Vestergaard nicht. Eher einer, der sich schon im Ruhestand befindet: Zinédine Zidane. „Das WM-Finale 1998 war das erste große Spiel, das ich bewusst wahrgenommen habe. Zidane hat zwei Tore geschossen – diese Erinnerung prägt.“

Nach seinen Stärken befragt, antwortet Vestergaard: „Ich spiele sehr gerne Fußball“, wobei die Betonung auf „spiele“ liegt. „Und ich schalte mich gerne in die Offensive ein.“ Schwächen? „Mir fehlt noch die Routine und ich muss viel lernen, zum Beispiel, schneller zu denken als der Stürmer. Aber ich habe es hier mit schlauen, starken Offensivspielern zu tun…“ Und an welchem Klub hängt nun sein Herz: An Brà¸ndby oder am Champions-League-Achtelfinalisten FC Kopenhagen? Vestergaard grinst. „Dazu will ich nichts sagen. Nur so viel: Ein Derby zwischen diesen beiden Teams muss man gesehen haben.“

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