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U23
01.12.2010

Marco Schäfer: Der Unbekümmerte

„Was sollen wir denn mit dem?“, dachte sich der ein oder andere heutige Mitspieler, als Marco Schäfer plötzlich dastand und im U23-Team mittrainierte. Denn auf den ersten Blick sah der 19-Jährige, der gerade aus der A-Jugend „hochkommandiert“ worden war, wie ein Schuljunge aus, der kein Wässerchen trüben kann. Eine Fehleinschätzung, wie sich bald herausstellen sollte. Marco Schäfer scheut nämlich keinen Zweikampf, kann ordentlich hinlangen und ist dabei dennoch technisch beschlagen, mit einem guten Auge sowie hervorragendem Passspiel ausgestattet. Eigenschaften, die ihm längst den Respekt der Kollegen – und einen Stammplatz – eingebracht haben.

Am 21. März 1991 in Mannheim geboren, wuchs Schäfer vor den Toren der Stadt in der 11.000-Einwohner-Gemeinde Heddesheim auf, wo er heute noch zusammen mit seinem Bruder Denis (23) wohnt. Zum Fußball zog es ihn recht schnell. „Mein Vater war Trainer bei der Fortuna", erzählt Schäfer, der sich bereits im Bambini-Alter dem Klub seines Heimatorts anschloss. Hier blieb er bis zur D-Jugend und wechselte anschließend zum SV Sandhausen, der auf den talentierten Mittelfeldspieler aufmerksam geworden war. Am Hardtwald war der damals 13-Jährige auf der Zehner- oder Sechser-Position daheim und machte seine Sache unter anderem in den Begegnungen gegen Hoffenheims Zweite so gut, dass die 1899-Verantwortlichen im Hause Schäfer anklopften. „Natürlich haben meine Eltern und ich den Wechsel reiflich besprochen, aber im Grunde musste ich nicht lange überlegen, denn ich wollte schon immer auf dem höchsten Niveau spielen." Und das konnte er in Hoffenheim. In seinem ersten Jahr wurde Marco Schäfer mit der von Guido Streichsbier trainierten B-Jugend auf Anhieb Deutscher Meister. „Das war bislang der größte Erfolg für mich, wir haben einfach alles gewonnen", erinnert sich Schäfer gerne an diese Zeit zurück. Mittlerweile war er zum Rechtsverteidiger umfunktioniert bzw. ins rechte Mittelfeld beordert worden. „Das war halt so", sagt er mit einem Achselzucken. Positionswechsel waren und sind für Schäfer überhaupt kein Problem. „Ich spiele dort, wo der Trainer mich aufstellt."

Während der A-Jugend-Zeit absolvierte Schäfer parallel eine Schreinerlehre in Ladenburg, die er mit der erfolgreichen Gesellenprüfung abschloss. Doch nun gilt seine volle Konzentration dem Fußball. Im vergangenen Winter, nach einer ordentlichen Bundesliga-Vorrunde mit den A-Junioren, bestellte ihn Manager Ernst Tanner, damals noch Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, in sein Büro. Schäfer, der zurzeit die Sportfördergruppe der Bundeswehr in Bruchsal besucht, erhielt seinen Marschbefehl in Richtung U23. Und da stand er nun. Um ihm den Start „bei den Erwachsenen" zu erleichtern, wurde er gleich mal auf die Schippe genommen. Einige gestandene Spieler meldeten dem Trainer, dass der Neue gerne mal eine rauche. „Das stimmt natürlich nicht und das war von Anfang an auch jedem klar", so Schäfer. Nur witzig war es eben trotzdem, zumal gleich einer draufgesetzt und „Ernte 23" als seine bevorzugte Marke angegeben wurde. Mit der stoischen Gelassenheit, mit der er die Positionen wechselt und harte Zweikämpfe gewinnt, nahm Schäfer dieses Späßchen hin und stört sich auch nicht daran, dass „Ernte" mittlerweile zu seinem Spitznamen geworden ist.

Ende Februar, beim 4:0-Heimsieg gegen den ASV Durlach, debütierte Schäfer in der U23, als er in der 69. Minute eingewechselt wurde. Als auf der linken Abwehrseite Not am Mann war, stellte Trainer Markus Gisdol seinen „Winterneuzugang" kurzerhand auf dieser Position auf. Und auch diese Aufgabe löste „Ernte" so gut, dass er schnell zum Stammspieler wurde - und wenige Wochen später wieder Grund zum Feiern hatte, als der Aufstieg in die Regionalliga unter Dach und Fach war. Nur eine Woche später durfte der Barça- und Iniesta-Sympathisant - ein letztes Mal - in der A-Jugend ran, um im DFB-Pokal-Finale bei Hertha BSC auszuhelfen. Mit vielen seiner Kollegen, die mit ihm Deutscher B-Jugend-Meister 2008 geworden waren, gewann Schäfer 2:1. Man könnte sagen, er kam aus dem Jubeln nicht mehr raus.

In der Sommervorbereitung gab es einen erneuten Marschbefehl. Mitten im Trainingslager wurde Marco Schäfer mit fünf weiteren U23-Spielern kurzfristig zu den Profis nach Leogang einbestellt. „Ich habe mich gefreut", kommentiert er in seiner unbekümmerten Art. Gar nicht nervös gewesen? „Eigentlich nicht." Schäfer und Co. wurden super aufgenommen. „Ich war mit Adam Jabiri, Christoph Hemlein und Dominik Kaiser auf einem Zimmer und Ralf Rangnick hat zu mir gesagt, dass er zufrieden war." Und jetzt gilt es eben, weiter Vollgas zu geben. „Ich will mich hier durchbeißen und eines Tages Bundesliga spielen." Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt er die optimalen Bedingungen im Trainings- und Geschäftsstellenzentrum, um sich fast täglich auf dem Platz und im Kraftraum weiterzuentwickeln.

Pech hatte Schäfer, dass er in einem Vorbereitungsspiel gegen den VfB Stuttgart II einen Tritt ans Schienbein bekam, der eine langwierige Verletzung inklusive Operation nach sich zog. So musste er in der laufenden Regionalliga-Saison bis zum 12. Spieltag auf seinen ersten Einsatz warten. Langsam aber sicher kommt Marco Schäfer aber wieder ins Rollen. Mit seiner Unbekümmertheit hat er auch diesen kleinen Rückschlag überwunden.

Das 1:1 am vergangenen Freitagabend bei Eintracht Frankfurt II war kein Auswärtsspiel wie jedes andere. Das U23-Team übernachtete nach der Partie in der Main-Metropole, absolvierte am darauffolgenden Morgen einen Regenerationslauf am Mainufer entlang bis zum Bankenviertel und wurde am Nachmittag Augenzeuge des 4:0-Erfolgs der Profis in der Commerzbank Arena. Zuvor aber durften die Trainer und Spieler noch eine Grenzerfahrung machen. Spielleiter Thomas Gomminginger hatte den Besuch des Dialogmuseums in der Hanauer Landstraße organisiert. „Dialog im Dunkeln" heißt eine Ausstellung, in der es nichts zu sehen, aber vieles zu erleben gibt. Im Rahmen eines 90-minütigen Rundgangs führten Blinde die Teammitglieder durch völlig dunkle Räume, in denen Alltagssituationen blinder Menschen simuliert werden. „Licht aus und schon können die Blinden sehen und wir, die Sehenden, sind blind und hilfsbedürftig. Das hat einige der Jungs schon sichtlich beschäftigt, mit dieser neuen Situation umzugehen", sagt Gomminginger. Es ging um einen Perspektivwechsel, der den Spielern im wahrsten Wortsinn die Augen dafür öffnete, was Blinde zu leisten vermögen und dass man das scheinbar Normale - sehen zu können - bewusster zu schätzen lernt. „Unsere Hochachtung vor blinden Menschen ist enorm gestiegen, zumal wir erfahren durften, dass unsere blinden Führer studieren. Der fortlaufende Dialog in der Dunkelheit mit ihnen hat zudem Barrieren zu sehbehinderten Menschen fallen lassen. Das war eine außergewöhnliche und auch wertvolle Erfahrung", so Mannschaftskapitän Kai Herdling.

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