SPIELFELD
06.06.2018

Nico Schulz: "Das sind Spiele, die vergisst du nie"

Neuzugang Nico Schulz hat das Spiel der TSG Hoffenheim in der Rückrunde geprägt. Der 25 Jahre alte Linksfuß strahlt dabei eine große Lockerheit aus, freut sich auf seine Rückkehr in die Champions League – und darf im Gespräch mit SPIELFELD sogar von der Nationalelf träumen.

Die Schlagzeilen prasselten nur so hernieder, die Lobeshymnen wurde immer lauter: „Schulz gegen Plattenhardt: Kumpel-Duell um die WM!“, „Schulz auf Odonkors Spuren?“. Wer wissen will, wie entspannt Nico Schulz die zunehmende mediale Aufregung sieht, musste ihn in den Tagen vor dem Bundesliga-Finale damit konfrontieren: Ob er an eine WM-Nominierung glaubt? „Ich hab‘ mich vor ein paar Wochen mit Platte (Marvin Plattenhardt; d. Red.) in Berlin getroffen und wir haben geflachst: ‚Einer von uns beiden sitzt dann wohl in Russland sieben Spiele auf der Bank und hat weniger Urlaub.‘“ 

Den Job übernimmt jetzt Hertha-Profi Plattenhardt – und Nico Schulz kann während des wohlverdienten Urlaubs („Vielleicht zur Familie nach Italien, auf jeden Fall irgendwo in Europa. Das ist im Sommer perfekt.“) diese aufregende Saison Revue passieren lassen. Fest steht allerdings auch: Nico Schulz hat sich mit einer großartigen Performance in den Vordergrund gespielt. In einer Spielzeit, die für den Zugang von Borussia Mönchengladbach so begann wie für quasi jeden neuen TSG-Spieler. Mit einem Bankplatz. Denn die Erfahrung zeigt: Die Umstellung zum besonderen TSG-Stil und dem anspruchsvollen Training von Julian Nagelsmann dauert. Pfeilschneller Konter des Linksverteidigers: „Mit dem Satz kannst du als Neuzugang aber auch nichts anfangen. Ich war schon ungeduldig, gefrustet. Ich habe wegen der Verletzungen in den zwei Gladbacher Jahren schon kaum gespielt. Da wollte ich einfach nicht noch mehr Zeit auf der Tribüne oder auf der Bank verschwenden.“ 

Spielerische Gelassenheit bei maximaler Motivation 

Nico Schulz hat eine trockene, fast leise Form des Humors, höchstens ein verschmitztes Lächeln kündigt den nächsten Kalauer an. Ob er genervt ist davon, dass ihm die Experten von außen oft auf sein Tempo und seine Dynamik reduzieren? Die Mundwinkel zucken: „Wenn ich mit dem Ball gar nichts könnte, würde ich hier nicht spielen, erst recht nicht bei Julian.“ Und fügt an: „Im Ernst, ich habe damit gar kein Problem. Mein Körper, meine Geschwindigkeit sind ja meine Stärken, aber ich würde mich nicht darauf reduzieren. Aber von außen betrachtet ist es halt das Auffälligste. Es wäre schlimmer, wenn Experten Stärken suchen aber keine finden würden.“ 

Es ist diese spielerische Gelassenheit bei gleichzeitig maximaler Motivation, die den Weg des Nico Schulz kennzeichnen. Vielleicht hat er in seinem Fußball-Leben schon genug gesehen, um nicht mehr fiebrig auf alle Ausschläge des überhitzten Geschäfts zu reagieren. Bei Hertha BSC konnte sich der gebürtige Berliner zum Bundesliga-Profi mausern, sogar zu einem begehrten Linksfuß. Schließlich lotste ihn Max Eberl zum damaligen Europacup-Teilnehmer Mönchengladbach an den Niederrhein. „Auch nicht gerade eine Pappnase, die einfach mal so aus Flachs Spieler kauft“, sagt Schulz belustigt. Er weiß schon, was er kann – ohne überhebliche Attitüde, aber dafür immer klar: „Bevor ich zur TSG kam, habe ich ja wegen der Verletzungen zwei Jahre kaum gespielt. Aber ich selbst weiß, dass ich vorher auch schon auf diesem Niveau war – nur eben ohne diese ganze mediale Aufmerksamkeit. Ob das aktuell dann der beste Nico Schulz ist, den es bisher gab, das sollen dann andere beurteilen.“ 

Zumindest ist es der auffälligste Nico Schulz, den es bisher gab. Für den Modellathleten wirkt dabei das Spielsystem der TSG unter Julian Nagelsmann wie geschaffen, um seine körperliche Präsenz auszuspielen, mit seiner Dynamik die linke Seite zu seinem alleinigen Revier zu machen. „Es gibt schon Spiele, in denen willst du die Position am Ende nicht mehr spielen“, sagt Schulz, der es kennengelernt hat, dass die Arbeitsplätze auf den Außenbahnen besonders anstrengend sind. Aber er grinst. „Man kann von außen ja nicht in meinen Körper reingucken, das ist schon sehr fordernd. Aber klar: Ich mag die Position.“ 

"Das ist das Beste vom Besten" 

Er wird seine neue Stärke nun auch in der Königsklasse präsentieren. Der 25-Jährige ist einer der wenigen, die wissen, wie dieses Gefühl ist. Mit Gladbach erlebte er die Champions League hautnah, spielte in Manchester, Barcelona und Glasgow. Ikonen des europäischen Fußballs, mit echten Heiligtümern als Stadien. „Die Champions League ist noch mal eine ganz andere Hausnummer als die Europa League. Das merkst du schon, wenn du ins Stadion kommst. Das ist das Beste vom Besten, die Hymne, Anstoß mittwochs Prime Time. Das ist alles schon sehr speziell. Das sind Spiele, die vergisst du nie. Die bleiben im Kopf.“

Die Erfahrungen mit der TSG in der Europa League dagegen? „Das Spiel in Ludogorets willst du am liebsten sofort vergessen.“ Nico Schulz schmunzelt nicht. Er lacht, auch wenn es schmerzt. Doch die Erfahrungen der unbefriedigenden Europa-League-Saison, sie werden der TSG helfen – auch wenn der kürzere Spielrhythmus schon eine Umstellung ist: „Körperlich geht es sogar einigermaßen, aber vom Kopf ist es wahnsinnig schwer, immer am Anschlag zu sein.“ Reisen, spielen, regenerieren, reisen, spielen. Ein Hamsterrad. „Das ist die Kunst, da immer 100 Prozent fokussiert, konzentriert zu sein.“ 

Auch für den gesamten Klub wird es eine neue, großartige Erfahrung – und der gerechte Lohn für eine herausragende Arbeit. „Die TSG ist ein sehr moderner, junger Verein, der wächst“, sagt Schulz. „Hier gibt es perfekte Bedingungen, hier hast du alles, um dich als Spieler bestmöglich zu entwickeln.“ Vor allem auch eine Ruhe, die der gebürtige Berliner und bekennende Großstädter im Berufsalltag sehr zu schätzen weiß: „Hier macht es einfach Spaß, Fußball zu spielen.“ 

"Ich bin ja kein Amateur" 

Erst recht mit so guten Kumpel in der Mannschaft – wie sein Buddy Ádám Szalai, der in Heidelberg sein Nachbar ist. Nicht ganz so zufällig, denn die beiden hatten sich schon vor Jahren bei einem Malediven-Urlaub kennengelernt. „Da haben wir uns schon sehr gut verstanden – und der Rest ist wohl Schicksal.“ Zusammen können sie nun die große Bühne Europas rocken – damit Schulz irgendwann den DFB-Adler auf der Brust trägt, wie in allen deutschen Juniorenteams von der U15 bis zur U21: „Ich weiß, was ich kann und weiß, wer meine Konkurrenten auf der Position sind – und so wie ich mich selber sehe, kann ich das Niveau auch spielen.“ 

Der Fußball ist schnelllebig. Nico Schulz hat das im Zeitraffer seiner Karriere erlebt. Vom Aufsteiger zum Dauerverletzten, vom Bankdrücker zum potenziellen WM-Kandidaten. „Fünf gute Spiele und alle reden dich wieder rein.“ Nico Schulz hatte weit mehr als fünf herausragende Spiele. Für seinen Sommerurlaub hatte er prophylaktisch eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen: „Ich bin ja kein Amateur.“ Er brauchte sie nicht – doch der Anruf von Jogi Löw wird kommen. Daran zweifelt niemand. Auch Nico Schulz nicht: „Wenn ich gesund bleibe, kommt alles zu seiner Zeit.“ Kein Lächeln. Kein Witz.

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