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SPIELFELD
04.01.2018

Dietmar Hopp: "Wir gehen unseren eigenen Weg"

TSG-Mäzen Dietmar Hopp hat im SPIELFELD-Interview den Erwartungshorizont an die Mannschaft klar definiert. Spitzenergebnisse wie der vierte Rang in der vorigen Saison würden nicht zur Regel werden, einstellige Tabellenplätze seien als Erfolge einzustufen. Zum Thema Julian Nagelsmann bezog der TSG-Gesellschafter ebenfalls eindeutig Stellung. Er erwarte, dass der Trainer seinen Vertrag bis 2019 erfüllt.

Herr Hopp, die Zeit am Ende des Jahres ist immer auch die Gelegenheit, um innezuhalten, das Geschehene Revue passieren zu lassen. Woran denken Sie beim TSG-Jahr 2017?

Hopp: "Es war, zumindest in der Bundesliga, sicher das beste Jahr. Die Hinrunde in der Bundesliga 2008 war natürlich schon surreal mit der Herbstmeisterschaft, aber wir sind dann ja auch schnell geerdet worden. Die vergangene Saison war aber konstant gut – und mündete in die erstmalige Qualifikation für den Europacup. Das war schon sensationell, etwas ganz Besonderes."

Bedauern Sie, dass Ihnen das Fußball-Business kaum Zeit lässt, diese Momente zu genießen?

Hopp: '"Das beste Jahr ist schon Vergangenheit. Wir waren natürlich enttäuscht, dass wir aus der Europa League so schnell ausgeschieden sind. Aber ich bin das aus dem Beruf gewohnt. Wenn man bei der SAP ein gutes Jahr hatte, dann gab es schon wieder so viele neue Probleme, dass man nicht mal Zeit hatte, sich über ein wunderbares Jahr zu freuen. Zurücklehnen gibt es nicht. Und auch für die TSG gilt: Etwas weniger machen und zufrieden sein – das geht leider nicht, weil die anderen es auch nicht tun.“

Die Frage ist ja auch: Ist dieser Erfolg wiederholbar?

Hopp: "Es ist grundsätzlich so, dass wir uns nicht vergleichen können mit den Großen der Liga. Das fängt bei der Stadionkapazität an und reicht bis zur Anzahl der Sponsoren. Wir werden immer auf Transfererlöse angewiesen sein. Dazu gehört dann zwangsläufig, dass gute Spieler den Verein auch wieder verlassen. Das ist unser Konzept, und wir brauchen eben Spieler wie Roberto Firmino, Kevin Volland oder Niklas Süle, die wir entdecken oder ausbilden und dann verkaufen. Im Schnitt brauchen wir pro Jahr fünf bis zehn Millionen Euro Transferüberschüsse. Dann sind wir meiner Meinung nach gesund. Deshalb ist es auch immer unser Bestreben, Verträge frühzeitig zu verlängern, mindestens zwei Jahre vorher und wenn man merkt, dass das nicht geht, dann zu versuchen, den Spieler zu verkaufen."

Und manchmal, wie im Fall Mark Uth, auch zu riskieren, dass jemand am Ende ablösefrei den Verein wechseln könnte.

Hopp: "So war es bei Sebastian Rudy auch. Es ist immer die Frage: Lohnt es sich, den Spieler zu behalten, auch wenn er vielleicht am Ende ohne Ablöse geht. Bei Mark Uth zum Beispiel ist es definitiv so. Da reicht ein Blick auf seine Torquote. Aber selbst wenn der Vertrag nicht verlängert würde: Wir werden auch verkraften, wenn weitere gehen. Wenn wir das nicht tun, sind wir auch nicht bundesligatauglich. Wir müssen es kompensieren mit unserem Konzept, viele eigene Nachwuchsspieler einzubinden und aufzubauen. Diese Talente müssen weiter geliefert werden, das ist unsere wichtigste Quelle. Aber keine Sorge: Wir haben durchaus auch die Möglichkeit, sehr gute Spieler einzukaufen."

Was entgegnen Sie Menschen, die sagen, dass die TSG dank Ihrer Unterstützung doch in der Bundesliga oben angreifen könnte?

Hopp: "Wenn hier jemand Titelambitionen hätte, dann würde ich sagen: ‚Sorry, da bin ich nicht der Richtige.‘ Erstmal bin ich ein glühender Verfechter von Financial Fairplay, wenngleich ich einräume, dass es die TSG in der Bundesliga nicht gäbe, wenn es 2005 ein Financial Fairplay für die Bundesliga gegeben hätte. Ich habe investiert in Infrastruktur wie das Stadion oder das Trainingszentrum und in eine Mannschaft, die mitspielen konnte. Aber ich habe immer gesagt: Der Verein muss auf eigene Beine kommen. Es ist kein Konzept, hier nachhaltig einen Zuschussverein zu haben. Das wollte ich auch meinen Nachfolgern, meinen Erben nicht antun. Der Klub steht nun auf eigenen Beinen und erwirtschaftet Gewinne, mal höhere, mal geringere. Vielleicht gibt es auch mal ein kleines Minus, aber insgesamt habe ich seit dem Jahr 2012 kein zusätzliches Geld mehr einschießen müssen. Alle, die in der Kurve schreien und meinen, dass ich mein Füllhorn über Hoffenheim ausschütte, die täuschen sich."

Also keine Leipziger Verhältnisse?

Hopp: "Das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Das Unternehmen Red Bull strebt grundsätzlich immer nach dem Höchsten, ob es beim Fußball ist, bei der Formel 1 oder bei den vielen spektakulären Events, die es veranstaltet oder bei denen es involviert ist. Die haben unbändig viel Geld. Wir können das in dieser Größenordnung gar nicht. Wir wollen es auch gar nicht. Mehr als das immer wieder sagen, kann ich nicht. Wir gehen unseren eigenen Weg – und das kann nicht immer zum vierten oder fünften Platz reichen. Wenn wir in der Regel einen einstelligen Tabellenplatz erreichen, dann bin ich schon happy. Aber unsere Erfolgsbilanz ist für die Menschen in der Region so beeindruckend, bei uns wird es nicht zum Problem, mal Zwölfter zu werden. Für einige werden wir dann vielleicht immer die graue Maus bleiben, aber das muss man dann aushalten und akzeptieren."

Weil es Ihnen um die Ausbildung geht…

Hopp: "Ich habe in den neunziger Jahren begonnen, in Hoffenheim in die Jugendarbeit zu investieren, mit dem Ziel, die TSG vor allem zu einem Klub zu machen, der für ausgezeichnete Jugendförderung steht. Und die haben wir so konsequent betrieben, dass sämtliche Juniorenteams in die höchsten Ligen aufgestiegen sind. Wir sind überall ganz weit vorne. Das ist doch etwas Tolles für unsere Region. Zudem gibt es für die Jugend eine Perspektive, hier Bundesliga-Fußball zu spielen. Schauen Sie mal, wie viele Profis in der Bundesliga kicken, die früher in Hoffenheim ausgebildet wurden. Das ist doch großartig. Und bei unserem Europa-League-Spiel gegen Rasgrad standen fünf Jungs aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Rasen, die zum ersten Mal im Profi-Fußball gespielt haben. Das ist unser Weg."

Für diesen Weg steht auch Julian Nagelsmann. Der Trainer hat noch einen Vertrag bis 2021, doch in einigen Medien wurde bisweilen der Eindruck erweckt, als sei sein Abgang zu Borussia Dortmund im Sommer nur eine Frage der Ablösesumme.

Hopp: "Das nehme ich lächelnd zur Kenntnis und freue mich über die Anerkennung unserer gemeinsamen Arbeit hier im Klub. Julian weiß, dass wir darauf bestehen, dass der Vertrag, der im Februar 2016 ursprünglich mit ihm gemacht wurde, erfüllt werden muss. Es war ja auch nicht so, dass wir den Trainer auf seinem Anfangsgehalt haben sitzen lassen. Wir haben das angepasst und ich erwarte, dass Julian bis 30. Juni 2019 bei uns ist, am liebsten länger. Aber da mache ich mir jetzt keine Illusionen. Wenn er weiterhin so erfolgreich ist, dann wird das nicht möglich sein. Aber bis dahin ist er in Hoffenheim. Wir müssen uns ja auch auf etwas verlassen können und langfristig einen Trainer aufbauen, der ihn ersetzen kann. Und das kann man nicht in einem halben Jahr."

Also definitiv frühestens am 30. Juni 2019?

Hopp: "Danach gibt es ja bekanntlich eine Ausstiegsklausel. Das abzustreiten wäre lächerlich, ich habe das übrigens auch nie gemacht. Aber diese Klausel hätten wir als TSG nie akzeptiert, wenn die innerhalb der ursprünglichen Vertragslaufzeit bis 2019 gelegen hätte. Ich habe immer gesagt: Bis dahin geht der Vertrag und was danach kommt ist ein nice to have‘`. Ich denke, Julian wird auch gern seinen Vertrag in der Form erfüllen, weil er nicht nur weiß, dass Hoffenheim ihm viel zu verdanken hat – sondern auch er Hoffenheim viel zu verdanken hat. Und zudem: Er kann sich hier noch weiterentwickeln.“

Was meinen Sie genau?

Hopp: "Diese Doppelbelastung mit den internationalen Spielen, das war ja eine neue Erfahrung für ihn. Schließlich ist es seine größte Qualität und Stärke, eine Mannschaft im Training nach seinen Ideen zu formen und zu entwickeln. Das konnte er in dieser Halbserie wegen der vielen englischen Wochen nicht so gut – und das hat sich ja auch in der Europa League gezeigt. Er hat bei uns mit Sicherheit dazugelernt. Wir sind mehr als zufrieden mit ihm, alles andere wäre untertrieben. Die Originalworte seines Beraters waren, dass er noch Zeit braucht. Die bekommt er hier. Er wird auch in der Frage Doppelbelastung einen eigenen Weg finden – denn er ist ein überragender Trainer mit immer neuen, ungewöhnlichen Ideen.“

Fürchten Sie, dass ein Abgang von Julian Nagelsmann den Klub nachhaltig schwächen würde?

Hopp: "Auch bei der SAP war es so, dass herausragende Kräfte zu Microsoft oder später Google gingen, weil die noch einmal andere Möglichkeiten haben. So wäre es dann irgendwann einmal mit Julian Nagelsmann. Zu ersetzen ist jeder, auch wenn es schwer ist, jemanden mit vergleichbaren Fähigkeiten zu finden."

Die ersten Nachfolgekandidaten wurden in den Medien schon gehandelt.

Hopp: Ich finde es unanständig, dass man zum Beispiel Kenan Kocak, den Trainer aus Sandhausen, mit uns in Verbindung bringt. Wir sind gute Nachbarn mit dem SV Sandhausen. Kein Mensch hat je daran gedacht, dass wir dort in Sandhausen wildern werden. Und im Fall David Wagner ist es so, dass er bei uns bekanntlich schon als Junioren-Trainer tätig war. Es ist überragend, was er mit Huddersfield in England geschafft hat. Ich hätte also durchaus eine gewisse Sympathie für eine solche Lösung. Aber wenn überhaupt, dann erst vom 1. Juli 2019 an. Das ist gar nicht mehr so lange, aber bis dahin haben wir in der jetzigen Konstellation noch viel vor.“

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