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20.08.2018

#TSG10: "Das Beste, was die Liga zu bieten hat"

Am 05. Dezember 2008 trifft der Rekordmeister Bayern München auf den Aufsteiger TSG Hoffenheim. Ein ungleiches Duell? Auf der einen Seite ja – und sportlich zu diesem Zeitpunkt mitnichten, denn Tabellenführer ist der Klub aus dem 3300-Seelen-Dorf. Durch ein Tor in der Nachspielzeit gewinnen die Bayern 2:1 – doch Hoffenheim begeisterte die Liga einmal mehr und sicherte sich dennoch sensationell die Herbstmeisterschaft.

Der Werbespot des Deutschen Sport Fernsehen DSF hatte es dem damaligen TSG-Geschäftsführer Jochen Rotthaus angetan: "Alt gegen Neu. Der Zweite gegen den Ersten. Auf dieses Duell hat ganz Deutschland gewartet. Das Beste, was diese Liga zu bieten hat", schallte es aus den Monitor in seinem Büro. Jochen Rotthaus wirkt fast ein wenig entrückt. Immer wieder schaut er sich diesen Spot an, spricht die Sätze in seinem Büro mit Blick in das Dietmar-Hopp-Stadion wie ein Mantra immer wieder nach. Diese Filmszene aus der ZDF-Dokumentation "Das Leben ist kein Heimspiel" – sie fängt das Irrwitzige jener Zeit ein, das sich bei vielen TSG-Fans tief eingebrannt hat. Das Duell des Aufsteigers aus Hoffenheim, der sensationell Tabellenführer ist, mit dem Branchenriesen FC Bayern München unter dem vormaligen Bundestrainer und Sommermärchen-Regisseur Jürgen Klinsmann – dieses Spiel am 5. Dezember 2008, am 16. Spieltag, war das bis dahin größte der Klubhistorie.

Es war die Zeit, als Fußball-Deutschland nicht nur Notiz genommen hatte vom Wunder aus dem Kraichgau – sondern urplötzlich den Liga-Neuling auf einer riesigen Sympathiewelle surfen ließ. Der neutrale Fußballfan hatte die TSG ins Herz geschlossen, sich förmlich in diese Hoffe-Elf verliebt, weil jeder anerkannte, dass dieser Klub dabei war, den deutschen Fußball zu revolutionieren. Nie zuvor hatte eine Mannschaft eine derartige Rasanz auf den Rasen gebracht, eine fast kindliche Freude am Spiel ausgestrahlt. Das sofortige Umschalten nach Ballgewinn, die perfekten Konterattacken, der technische feine Fußball, der nimmermüde Offensivdrang, die unglaubliche Laufleistung, die es so wirken ließen, als spiele Hoffenheim mit einem Mann mehr – all das war neu im Deutschland des Jahres 2008.

Ibertsberger: "Für uns war es ein Wunder"

Es war ein echtes Erlebnis. "Für uns war es ein Wunder, eine unglaubliche Phase. Wir haben uns in dieser Hinrunde in Rage gespielt. Keiner konnte uns halten. Wir konnten quasi machen, was wir wollten – und alles hat geklappt“, erinnert sich der heutige U23-Co-Trainer Andreas Ibertsberger, der damals als Linksverteidiger auf dem Rasen stand. Es war ein einziger Rausch, mit dem Duell beim Rekordmeister als Kulminationspunkt. Jene Bayern, die man neun Jahre zuvor zur Eröffnung des Dietmar-Hopp-Stadions nur dank der freundschaftlichen Kontakte von Dietmar Hopp zu Franz Beckenbauer noch als übermächtigen Promi-Gegner begrüßt hatte. Nun gab es das zweite Duell beider Klubs – urplötzlich auf Augenhöhe.

Das bewiesen schon die Sticheleien vor dem Spiel. "Es war eine unglaubliche Wertschätzung, dass sich Uli Hoeneß so dermaßen aufgeregt hat über Hoffenheim", erinnert sich Dietmar Hopp noch heute an die Provokationen des Rekordmeisters, der versuchte, Unruhe beim  emporgestiegenen Aufsteiger zu schüren. Doch TSG-Trainer Ralf Rangnick ließ sich nicht bitten – und setzte einen frechen Konter: "Wer flotte Sprüche hören will, muss nach München gehen. Wer flotten Fußball sehen will, der ist hier richtig." Und er enttäuschte mit seinem Team nicht.

Die Partie am 5. Dezember 2008, einem Freitagabend, geriet zu einem unfassbaren Spektakel. "Rasanter, mitreißender Fußball. Mutiger Fußball, kompromissloser Fußball. Fußball ohne Angst", urteilte die Berliner Zeitung. Und die WELT schrieb: "Die Hoffenheimer sind anders. Sie spielen sich in alle verfügbaren Herzen – und von Woche zu Woche wächst die Schar derer, die sie anfeuert als die Barack Obamas der Bundesliga."

Führung durch Ibisevic

Die Erinnerung an dieses Spiel ist auch zehn Jahre später bei Dietmar Hopp noch überaus frisch. "Es war eine Werbung für Hoffenheim und den Fußball." Auch, wenn es bitter endete für Hoffenheim: Nach der 1:0-Führung von, na klar, Vedad Ibisevic mit seinem 18. (!) Saisontor (49.)  und dem Ausgleich von Philipp Lahm elf Minuten später sah es lange nach einem hochverdienten Remis aus. "Es hast mich unglaublich genervt, dass ich bereits Minuten vor Schluss Glückwünsche zum Unentschieden bekam", erzählt Dietmar Hopp anno 2018, der die Partie damals in Florida am TV verfolgte. Er ist ein Fußball-Fachmann, ahnte wohl, was da kam, was kommen musste in Minute 91.

"Ich sehe heute noch, wie dieses unglückliche Tor fiel. Wie der arme Andi Ibertsberger den Ball zu Luca Toni grätscht und der den Ball versenkt." Der heute 78-Jährige schüttelt den Kopf. Man meint, den Frust heute noch zu spüren. Auch den Pechvogel hat diese Szene lange nicht losgelassen. "Die Szene geisterte in der Vergangenheit immer wieder durch den Kopf", erzählt der Österreicher und sieht diesen Moment, übertragen in 163 Länder dieser Welt, wieder vor sich. "Ich musste irgendwie gucken, dass Miro Klose nicht allein auf unser Tor läuft, hatte wenig Optionen, also grätsche ich da rein – und sehe noch, dass die Kugel dem Luca Toni genau vor die Füße fällt. Es war unglaubliches Pech." Einen Augenblick später stand es 2:1 für die Bayern, die Allianz Arena explodierte förmlich, der bayerische Dusel-Faktor hatte den Ausschlag gegeben. Und Andreas Ibertsberger war der einsamste Mensch im tobenden Rund: "Ich hatte danach echt zu kämpfen. Ich war, sorry, richtig angepisst."

TSG gewinnt Herzen der Fußballfans

Das Spiel war verloren, die Herzen der Fußballfans aber hatte die TSG gewonnen. Denn ganz Fußball-Deutschland hatte gesehen, dass dieser Klub zurecht an der Spitze der Bundesliga stand. "Ich habe noch nie eine Mannschaft in München gesehen, die immer versucht, so schnell wie möglich zum Abschluss zu kommen", lobte auch Bundestrainer Joachim Löw den couragierten Auftritt der Hoffenheimer. Es gehörte zur DNA dieser Mannschaft. "Wir haben eine unglaubliche Gier an den Tag gelegt", sagt Ibertsberger. "Wir wollten immer gewinnen – und glaubten daran, dass wir jedes Spiel gewinnen können. Auch in München." Eine Mannschaft, die sich bildete aus Spielern mit wenig Erstliga-Erfahrung, aber umso größerem Hunger. "Wir sind immer nach vorne gegangen, es war immer geil, der pure Spaß", so Ibertsberger. "Wenn Du einen Fehler gemacht hast, wusstest du, hinter Dir steht einer und bügelt ihn aus." Und vorne vollendete Ibisevic das, was die Jungs hinter ihm vorbereitet hatten – die schwere Verletzung des Stürmers in der Winterpause gehörte auch zu den Faktoren, die den Flow des Aufsteigers Hoffenheim dann in der Rückserie beendeten.

Das aber war damals noch weit weg, an jenem Abend in München. Noch fühlte sich alles beschwingt an. Diese Leichtigkeit führte den Klub bis zur Herbstmeisterschaft, die eine Woche später mit dem 1:1 gegen den FC Schalke 04 dank des Freistoßtores von Selim Teber unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Im Dezember 2008 war die TSG Hoffenheim mehr als ein Aufsteiger, ein Neuling, ein Debütant. Der kleine Klub hatte die Größen der Branche herausgefordert. Ja, es war damals tatsächlich "das Beste, was diese Liga zu bieten hat".

 

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