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PROFIS
13.03.2019

Ishak Belfodil: Entdecker aus Élancourt

Ishak Belfodil dreht in der Rückserie bei der TSG Hoffenheim auf. Der Angreifer hat in seiner Laufbahn bereits in fünf Ländern und bei neun Profi-Vereinen gespielt. Aufgewachsen ist der gebürtige Algerier in einem Pariser Banlieue. Trotz der bewegten Laufbahn ist die Bindung des 27-Jährigen zu seiner französischen Heimat noch immer sehr ausgeprägt – von den damaligen Erfahrungen profitiert der algerische Nationalspieler noch immer.

Ishak Belfodil war schon in vielen Orten zu Hause, in seiner Heimat ist es aber immer noch am schönsten. Manch Außenstehendem fällt diese Sichtweise schwer, hat der 27-Jährige doch bereits in Lyon, Bologna, Parma, Mailand, Abu Dhabi, Lüttich, Bremen und Heidelberg gewohnt – da wirkt Elancourt, ein Banlieue vor den Toren von Paris, eher wie ein Ort, den man gern hinter sich lässt. Belfodil hat genug verdient, um die Familie mit drei Schwester und zwei Brüdern aus dem nicht ungefährlichen Vorort zu holen. Doch das wollen weder er noch seine Angehörigen: Die Liebe zum Ort seiner Jugend ist tief und andauernd: "Ich hatte hier eine schöne Kindheit, auch wenn wir nicht viel besaßen. Die Kinder aus dem Viertel und ich haben ständig Fußball gespielt, wir hatten viel Spaß. Auch wenn es dort Leute gab, die aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlender Perspektive auf dumme Gedanken gekommen sind."

In Deutschland Bundesliga-Star, in Elancourt einfach nur Ishak. Der gebürtige Algerier genießt Aufenthalte im 25.000-Einwohner-Vorort, 30 Kilometer entfernt vom Pariser Zentrum und noch weiter weg vom Leben eines Fußball-Profis. Er ist noch immer ein gern gesehener Teil der Gemeinde, die er als "arabisch und afrikanisch geprägt" beschreibt. Einer, der wie alle anderen auch mal barfuß durchs Viertel lief, nichts besaß und auch mal schwerere Zeiten durchlebte. "Wenn ich zurückkomme, bin ich kein Star. Das würde mir niemand anmerken, ich trage auch keinen Schmuck oder so. Ich habe nur ein teures Auto, aber damit prahle ich nicht. Die anderen Jungs haben noch viele Bilder aus meiner Kindheit im Kopf, wie wir früher gelebt haben. Ich verändere mich nicht. Sie freuen sich für mich, dass ich es geschafft habe. Für sie fühlt es sich dadurch ein bisschen so an, als hätten sie es auch geschafft."

"Ich musste außerhalb meines Viertels das Doppelte leisten"

Seine Heimat erschwerte vielen ehemaligen Weggefährten den Schritt ins Berufsleben. Für Ishak Belfodil war sie eine Hilfe, ein Motor, ein stetiger Antrieb. "Ich wusste, dass ich außerhalb meines Viertels das Doppelte leisten muss, um die gleichen Chancen zu haben. Man muss härter arbeiten, da man nicht auf dem gleichen Level beginnt wie viele andere. Aber ich wusste auch, dass man am Ende belohnt wird, wenn man Leistung bringt. Hinzu kommt, dass man nicht nur an sich denkt, sondern an die ganze Familie, die viele ärmere Mitglieder hat. Der Fußball bietet eine Chance, es allen besser gehen zu lassen. Mein Ansporn war deshalb vielleicht höher als bei anderen talentierten Spielern."

Der Fokus war stets auf die Karriere gerichtet, Belfodil war zu Beginn seiner Laufbahn kein Weg zu weit – nicht auf dem Platz und nicht bei der Auswahl seiner Arbeitgeber. Im Alter von 18 Jahren begann sein Leben als Entdecker, erst zog es ihn nach Italien, er wechselte jährlich die Klubs, spielte in den Vereinten Arabischen Emiraten, in Belgien und schließlich in Deutschland. Dazu kamen Spiele für die französischen Junioren-Nationalteams und dann seit 2013 für die A-Nationalmannschaft Algeriens. Aus dem mittellosen war ein rastloses Leben geworden. Ishak Belfodil entwickelte sich: Als Fußballer, vor allem aber als Mensch. "Die Zeit hat meinen Charakter geprägt. Ich spreche mittlerweile fließend Französisch, Italienisch und Arabisch, zudem gut Englisch und mittlerweile auch ein wenig Deutsch. Ich habe viel gelernt, viele Mentalitäten kennengelernt und viel gesehen. Ich hatte zwar auch früher kaum mal Angst, aber durch die Erfahrungen schüchtert mich so schnell nichts mehr ein." Aspekte, die den Angreifer auch fußballerisch weiterbringen: "Innerhalb einer Mannschaft ist es hilfreich, so viele Sprachen zu sprechen und zu wissen, wie Menschen ticken. Ich kenne die Mentalitäten der Jungs und verstehe sie in ihrem Handeln – vielleicht besser als jemand, der bislang nur in Deutschland gelebt hat und dann auf Spieler aus ganz vielen Nationalitäten trifft."

Lehrreiche "disziplinarische Maßnahme"

Der Schritt in die Bundesliga war dabei wohl überlegt – auch wenn es im Bekanntenkreis Vorbehalte gab, wie er sich lächelnd erinnert: "Bei uns gelten Deutsche zwischenmenschlich eher als kalt, sehr ernst und diszipliniert. Das ist natürlich etwas klischeehaft, aber es ist auch etwas dran. Aber es hilft mir auch: Wenn in Algerien oder teilweise auch in Frankreich der Treffpunkt um zehn Uhr ist, kann man eine Viertelstunde später kommen. Man reagiert entspannt. Hier hat man dann das Gefühl, man hat jemandem etwas angetan." Belfodil bekam das deutsche Faible für Pünktlichkeit und Disziplin bei der TSG früh zu spüren. Er und Joshua Brenet wurden aus dem Kader des ersten Champions-League-Spiels bei Schachtar Donezk gestrichen, da sie eine Videoschulung verpasst hatten. Eine bittere, aber durchaus lehrreiche "disziplinarische Maßnahme", wie Belfodil zugibt: "Das war wichtig, seitdem bin ich nie wieder zu spät gekommen. Hier beginnt das Training schon vor dem Training. Man muss gut vorbereitet und auch mental präpariert sein. Mir gefällt diese Mentalität, sie tut mir gut."

Belfodil ist glücklich mit dem Schritt zur TSG. Zwar sieht er einige seiner zahlreichen Vereinswechsel durchaus kritisch, in den vergangenen Jahren hat sich seine Karriere aber nach Wunsch entwickelt: Abu Dhabi, Lüttich, Bremen, Hoffenheim – es ging stets bergauf für den früheren französischen Junioren-Nationalspieler, der mittlerweile 17 Länderspiele für Algerien absolviert hat. Momente wie sein Treffer zum 1:0 gegen Manchester City – "der beste Augenblick meiner Karriere" – die Spiele gegen Olympique Lyon, wo er in der Akademie ausgebildet wurde, oder der Doppelpack als Einwechselspieler beim 3:3 in Dortmund haben Eindruck hinterlassen. Belfodil weiß um die speziellen Vorteile seines Klubs für Spieler wie ihn: "Wir spielen immer offensiv und kommen immer zu Chancen. Darum ergeben sich für mich immer Momente, in denen ich mich zeigen kann – egal ob ich im Sturm, dahinter oder Außen spiele."

Ehrlichkeit ist Trumpf

Aus diesem Grund würde er es begrüßen, wenn seine Odyssee vorerst ein Ende findet. Seine Frau ist mit beiden Kindern mit nach Heidelberg gezogen, das ältere Kind besucht eine französische Schule. Doch Ishak Belfodil hat gelernt, dass man nie weiß, was passiert – "im Leben nicht, und im Fußball schon gar nicht". Darum hält er auch nichts von den in der Bundesliga weit verbreiteten Treueschwüren. Ehrlichkeit ist Trumpf, auch wenn offene Worte nicht immer Anklang finden. "Ich fühle mich hier sehr wohl, bin gern bei der TSG und würde gern lange bleiben. Andererseits versuche ich schon mein ganzes Leben lang, nach oben zu kommen und mich zu verbessern. In diesem Geschäft trifft Business auf Leidenschaft. Es ist normal, dass man sich mit jedem Angebot auseinandersetzt. Die Fußball-Romantik habe ich schon lange verloren."

Auch das ist ein Grund, warum ihm die Trips nach Élancourt immer wieder guttun. Hier, wo alles anfing, wo der Fußball stets unbeschwert gespielt wurde, kickt er noch immer mit alten Freunden. Es sind wichtige Momente für Belfodil, derer er sich in den Stadien oftmals besinnt. "Früher ging es nur um Spaß. Jetzt ist es ein Beruf, man verdient Geld damit und es ist alles ernster geworden. Doch ich will jede Sekunde mit dem Ball genießen. Ich versuche, das beizubehalten und denke oft an die kindliche Leidenschaft zurück. Denn wenn man Spaß hat, spielt man besser. Freude ist die Basis des Erfolgs."

 

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