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AKADEMIE
23.05.2020

Historische Spiele (17): Rettung in letzter Sekunde

Auf achtzehn99.de haben wir in den vergangenen zehn Wochen in loser Reihenfolge auf „historische Partien“ der TSG-Akademie zurückgeblickt, die dazugehörigen Geschichten nacherzählt und sie wieder in Erinnerung gerufen. An diesem Wochenende endet diese Serie. Die vorletzte Folge befasst sich mit dem Nicht-Abstiegsspiel der U19 gegen den TSV 1860 München im Juni 2012.

Alexander Rosen saß konsterniert auf der Tribüne des in die Jahre gekommenen Seppl-Herberger-Stadions am Mannheimer Alsenweg. Gerade hatte der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der TSG Hoffenheim mit ansehen müssen, wie die U19 gegen den SV Waldhof mit 1:2 verloren hatte – und vor dem letzten Spieltag der A-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest auf einen Abstiegsplatz gerutscht war. Nun war guter Rat teuer.

Es war eine verrückte Saison. Im letzten Test der Vorbereitung hatte die Mannschaft des neuen Trainers Alfons Higl Inter Mailand mit 3:0 aus dem Dietmar-Hopp-Stadion gefegt. Und auch der Start in die Bundesliga verlief standesgemäß: drei Punkte gegen Unterhaching. Es folgten jedoch fünf Niederlagen am Stück – die bis heute längste Negativserie einer TSG-U19 – und der Sturz ans Tabellenende. Über die Wintermonate schien sich die Higl-Elf gefangen zu haben, die Top 5 lag Mitte April wieder in Reichweite, ehe drei Null-Punkte-Spiele hintereinander für eine Highnoon-Konstellation auf dem Waldhof sorgten, denn die Blau-Schwarzen lagen nur zwei Punkte schlechter auf dem ersten Abstiegsrang.

Es war also allen klar, was bei einer Niederlage blühen würde, dennoch verzichtete Higl in seiner Startformation auf die beiden Junioren-Nationalspieler Niklas Süle und Davie Selke. Und ehe sich’s die Hoffenheimer versahen, lagen sie nach einer knappen halben Stunde durch Tore von Barış Atik und Dennis Franzin 0:2 hinten. In der Halbzeit wechselte Higl Süle und Selke ein, doch zu mehr als Kenan Karamans Anschlusstreffer eine Viertelstunde vor Schluss sollte es nicht reichen.

Matchplan bei Pizza

Was für eine dramatische Situation: Mit einer Bilanz von neun Siegen und 29 Punkten stand vor dem letzten Spieltag nie zuvor und auch nie mehr danach eine Mannschaft auf einem Abstiegsplatz. In keiner der drei Bundesliga-Staffeln. Und doch drohte der Super-GAU, denn aus eigener Kraft war der Klassenerhalt nun nicht mehr zu stemmen. Der Abschied aus der Junioren-Bundesliga hätte die Nachwuchsarbeit der aufstrebenden TSG Hoffenheim um Jahre zurückgeworfen.

Am Tag nach der Niederlage warf Higl das Handtuch. Rosen übernahm kurzerhand selbst den Cheftrainerposten und ergriff zwei entscheidende Maßnahmen: Erstens, er beförderte U16-Trainer Julian Nagelsmann zu seinem Assistenten. Zweitens, er schickte die U19 in Klausur und schottete sie vom Alltagsgeschehen im Nachwuchsleistungszentrum komplett ab. Die Spieler sollten die Köpfe frei kriegen und sich tausendprozentig auf ihre Aufgabe fokussieren: Heimsieg gegen den TSV 1860 München. Sie hatten zwei Wochen Zeit.

Rosen und Nagelsmann zogen sich gemeinsam mit Co-Trainer Matthias Kaltenbach und Torwarttrainer Michael Rechner ins U23-Gebäude zurück und schauten sich Videos an. Von den eigenen Spielen und denen der Junglöwen. Ausgerechnet Nagelsmanns Jugendverein. Dann wurde Pizza bestellt. Und weitergeschaut. Und am Matchplan getüftelt.

Thermann trifft die Latte

Ein Problem war da aber noch. Der SV Waldhof durfte beim FC Bayern München, der bereits als Staffelmeister feststand und für den es um nichts mehr ging, nicht gewinnen. Und genau das mussten die Hoffenheimer aus ihren Köpfen kriegen. Nur das eigene Spiel stand im Mittelpunkt. „Gier auf diese drei Punkte“, stand unter anderem auf einem Motivationsplakat, das alle Spieler und Trainer vor dieser Partie unterschrieben und das an jenem 3. Juni 2012 in der Kabine hing.

Rosen änderte die Startelf auf fünf Positionen. Mit Niklas Süle und Nico Rieble, der in diesem „Schicksalsspiel“ sein U19-Debüt gab, standen zwei B-Junioren auf dem Platz, später kamen mit Davie Selke und Russell Canouse, der ebenfalls debütierte, zwei weitere hinzu. Zumindest, was die eigenen Hausaufgaben angeht, war schnell klar, dass die Hoffenheimer nichts anbrennen lassen würden. Vom Anpfiff weg war der absolute Siegeswille zu erkennen.

Als Yannick Thermann in der 13. Minute nach Hereingabe Seifedin Chabbis freistehend aus vier Metern nur die Latte traf, stand kurzzeitig zu befürchten, dass auch diese Partie so verlaufen könnte, wie viele andere in dieser glücklosen Spielzeit. Denn zu oft ließen die Hoffenheimer eine Menge guter Möglichkeiten liegen und verloren dann mit einem Tor. Doch diesmal nicht.

Die Hausherren machten weiter Druck und erspielten sich Chance um Chance. In der 21. Minute erzielte Chabbi schließlich nach einem Abpraller das verdiente 1:0 und als Kapitän Maurice Hirsch nur 180 Sekunden später auf 2:0 erhöhte, waren die Kraichgauer auf der Siegerstraße. Halbzeit. Im Sportpark Aschheim, der Heimspielstätte des FC Bayern, lag der SV Waldhof 0:2 zurück.

Waldhof kommt zurück

Im zweiten Durchgang plätscherte die Partie bei einsetzendem Regen im wahrsten Sinne des Wortes dahin. Die Information, dass die Waldhöfer in der Zwischenzeit zum 2:2 ausgeglichen hatten und zu diesem Zeitpunkt nur noch ein weiteres Tor gebraucht hätten, drang nicht auf den Rasen. In der Schlussphase schaltete die Rosen-Elf noch einmal einen Gang hoch, Ömer Yıldırım markierte auf Zuspiel Thermanns das 3:0 (72.) und legte eine Minute vor Schluss für den eingewechselten Selke auf, der per Direktabnahme zum 4:0-Endstand traf.

Nach dem Schlusspfiff erst erfuhren die Spieler vom 4:2-Sieg des FC Bayern, der später Deutscher Vizemeister werden sollte, und ließen ihrer Freude freien Lauf. „Wir haben uns zwei Wochen intensiv auf dieses Spiel vorbereitet und uns nicht mit Eventualitäten beschäftigt“, so Rosen, der noch auf dem Rasen viele Hände schütteln musste. „Die Jungs haben unsere Vorgaben sehr gut umgesetzt und während der zweiwöchigen Vorbereitung die Spannung hochgehalten. Ein Kompliment gebührt auch dem kompletten Trainerteam. Der Klassenerhalt ist eigentlich nichts, was ein Verein wie die TSG Hoffenheim feiern sollte“, so der Interimscoach. „Aber aufgrund der Anspannung der letzten Wochen und der Tatsache, dass wir es nicht in eigener Hand hatten, ist die Erleichterung nun riesengroß.“

Den Tag ließen Rosen und sein Trainerteam im Leistungszentrum in der Sinsheimer Straße mit einer kleinen Privatfeier ausklingen. Mission erfüllt. Zwei Jahre später wurde die U19 Deutscher Meister.

TSG 1899 Hoffenheim – TSV 1860 München 4:0 (2:0)
Hoffenheim: Penz – Yıldırım, Süle, Toljan, Rieble (82. Schorr) – Diebold (87. Walter) – Thermann (76. Canouse), Charrier (72. Selke), Hirsch – Karaman, Chabbi.
München: Aulbach – Lüders, Denz, Rech, Kurzweg – Pledl, Köppel (80. Baumgartner) – Motz (46. Scherzer), Kapeller (64. Bartnick), Hack (46. Weigl) – Karger.
Tore: 1:0 Chabbi (21.), 2:0 Hirsch (24.), 3:0 Yıldırım (72.), 4:0 Selke (89.). Zuschauer: 950. Schiedsrichter: Boris Reisert (Rödermark). Karten: Gelb für Weigl.
Sinsheim, Dietmar-Hopp-Stadion, 3. Juni 2012

Historische Spiele

1 | Triumph im Schatten des Olympiastadions | U19: TSG Hoffenheim – Hertha BSC 2:1 | Finale DFB-Junioren-Pokal 2010

2 | Ein Meistertitel zum Geburtstag | U16: TSG Hoffenheim II – VfB Stuttgart II 3:2 | Entscheidungsspiel um die B-Jugend-Oberligameisterschaft 2013

3 | Das eingelöste Versprechen | U19: TSG Hoffenheim – SV Werder Bremen 3:1, 2:0 | Halbfinals um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2016

4 | Meisterstück in Walldorf | U23: FC-Astoria Walldorf – TSG Hoffenheim II 0:1 | Entscheidender Sieg zum Aufstieg in die Regionalliga 2010

5 | Rapps goldenes Händchen gegen City | U19: TSG Hoffenheim – Manchester City 5:2 | Sieg im ersten Youth-League-Gruppenspiel 2018

6 | Im Fernduell die Nerven behalten | U15: TSG Hoffenheim – SC Freiburg 3:1 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2016

7 | Schmerzhaftes Treffen mit einem späteren Weltstar | U19: FC Schalke 04 – TSG Hoffenheim 3:1 | Finale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2015

8 | Meisterfeier auf dem Halberg | U15: SV Wehen – TSG Hoffenheim 2:3 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2013

9 | Pokalfight gegen Grifos Pforzheimer | U19: 1.CfR Pforzheim – TSG Hoffenheim 4:7 n.V. | Sieg im BFV-Pokal-Finale 2011

10 | U17 triumphiert nach „Tennismatch“ | U17: TSG Hoffenheim – Borussia Dortmund 6:4 | Finale um die Deutsche B-Junioren-Meisterschaft 2008

11 | Internationales Glanzlicht der U14 | U14: Hertha BSC – TSG Hoffenheim 2:4 | Europafinale des Premier Cups in Berlin 2017

12 | Die legendäre Regenschlacht | U19: TSG Hoffenheim – Real Madrid 4:2 | Youth-League-Viertelfinale 2019

13 | Zwei spätere Weltmeister im Gmelin-Stadion | U19: TSG Hoffenheim – FC Bayern München 1:3 | A-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest 2006/07

14 | Nervenschlacht gegen die Knappenschmiede | U19: FC Schalke 04 – TSG Hoffenheim 0:1, 0:0 | Halbfinals um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2014

15 | Zehn Tore und Happy End gegen Leipzig | U19: RB Leipzig – TSG Hoffenheim 2:3, 2:3 | Halbfinals um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2015

16 | Herzschlagfinale an der Silbergasse | U19: TSG Hoffenheim – VfB Stuttgart 1:1 | Letzter Spieltag A-Junioren-Bundesliga 2017/18

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