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SPIELFELD
09.03.2020

Nordtveit: „Wir haben noch einiges vor“

Die kräftigen schwarzen Schuhe versinken im feuchten Boden. Kleine Regentropfen prasseln auf die gelbe Regenjacke. Mit großen Schritten steigt Håvard Nordtveit über tiefe Pfützen. Es ist still um ihn herum, nur vereinzelt knarzen Äste, während der Wind durch die winterlich kahlen Bäume streicht. Die Luft riecht nach Moos und altem Laub. Es ist ein trüber, nasser Wintertag. Der Norweger zieht die Kapuze über den Kopf mit der grauen Wollmütze. Seit frühster Kindheit zieht es den mittlerweile 29-Jährigen raus, nicht in die Stadt, sondern in die Natur. Hier findet er seine Mitte. Nordtveit setzt sich auf einen großen Stapel von Baumstämmen, seine auffällig hellbraunen Augen blitzen frech und gut gelaunt auf, als er im großen SPIELFELD-Interview offen über Freiheit, Ausbrüche aus dem nervösen Profizirkus und über seine Zukunft in der Heimat spricht.

Howie, Du hast uns mit in den Wald genommen. Wir sitzen auf einem Baumstamm, warum dieser eher ungewöhnliche Ort für ein Interview?

„Ich liebe es hier draußen. Ich bin ein Waldmensch, kein Stadtmensch.“

Das ist ungewöhnlich, stecken doch viele Außenstehende einen Profifußballer eher in die Kategorie teurer Designer-Lounges oder schicker Straßen-Cafés. Das trifft auf Dich dann wohl nicht zu?

„Ich gehe schon auch mal in ein Café, so ist es ja nicht (lacht), aber die enge Verbindung zur Natur liegt in meiner Kindheit begründet. In Norwegen sind wir bereits im Kindergarten einmal am Tag im Wald spazieren gegangen und haben dort gemeinsam gepicknickt. Ich habe als kleiner Junge viel Zeit draußen verbracht. Im Wald fühle ich mich zu Hause und gehe auch mit meinen Kindern sehr gern dort spazieren und spielen. Wir sind frei und können machen, was wir wollen. Wir angeln gerne oder gehen auf die Suche nach kleinen Tieren oder sammeln Pilze.“

Natur heißt also für Dich Erholung?

„In dem aufgeregten Fußballgeschäft Ruhe zu finden, da tut mir die Natur gut. Das ist auch im Urlaub so. Ich spüre sofort Entspannung, wenn ich in der Stille des Waldes bin oder in ein Boot zum Angeln steige. Dann kann ich loslassen, die Seele baumeln lassen, absolut abschalten. Einfach super.“

Nimm uns mal mit in die Geheimnisse des Angelns, wo liegt der Reiz?

„Auch wenn ihr es nicht glaubt, das kickt mich total. Du allein draußen auf dem Wasser. Du spürst die Kraft der Natur, musst dich komplett darauf einlassen, versuchen herauszufinden, wie sich die Fische verhalten, was sie fressen und wählst deinen Köder entsprechend aus. Es muss alles perfekt laufen. Wenn du einen Fisch am Haken hast, beginnt der Kampf. Das kann fünf Minuten dauern, aber manchmal auch eine halbe Stunde. Ich wünsche mir, dass meine Kinder die gleichen Freiheiten wie ich spüren und die Natur genauso schätzen lernen. So oft es geht nehmen wir ein Boot und fahren raus.“

Aber Deine Familie lebt noch in Norwegen …

„Das ist wahr. Wir waren am Anfang sehr viel unterwegs mit den Kindern, haben lange Zeit keine Wohnung in Heidelberg gefunden und so haben wir uns dann dazu entschieden, dass sie in Norwegen bleiben. Sie gehen alle in denselben Kindergarten und meine Eltern sowie Schwiegereltern leben in unmittelbarer Nähe. Meine Frau hat mich immer unterstützt, war zuvor immer dabei, egal, ob in London, Spanien oder Gladbach. Mit drei kleinen Kindern kann man nun natürlich nicht so viel reisen. Aber Anfang Februar waren Winterferien und die Familie hat mich eine Woche besucht. Das war großartig. Wir waren zwar nicht angeln, aber die Kinder können hier ja Elche aus nächster Nähe sehen. Jedes Mal, wenn sie in der Arena sind, suchen sie ihn und rufen begeistert: ‚Da ist er ja, unser Hoffi‘.“ (lacht)

„Ich habe viel erlebt im Fußball“ 

Ein Vater gehört zu seinen Kindern. Wirst Du nach Deiner aktiven Laufbahn wieder nach Norwegen zurückkehren?

„Das ist der Plan, ich will mich noch zwei Jahre reinhängen für die TSG, aber dann war ich lange genug von meiner Heimat und Familie weg. Ich habe viel erlebt im Fußball, bin sehr froh, stolz und auch dankbar. Ohne den Sport könnte ich mein aktuelles Leben ja nicht führen. In Norwegen gehe ich dann zu meinem Heimatklub FK Haugesund und will dem Verein etwas zurückgeben. Anfangs auf dem Platz, später dann vielleicht als Vereinsverantwortlicher. Mal sehen.“

Vorher willst Du aber noch etwas mit der TSG erreichen.

„Absolut, wir wollen wieder in den Europapokal. Das ist mein persönliches Ziel und das der gesamten Mannschaft. Wir wollen wieder englische Wochen haben. Das ist ein super Gefühl.“

Klappt es schon in diesem Jahr? Wie siehst Du die Chancen?

„Wir haben bislang eine ganz gute Punkteausbeute. Es ist immer möglich, aber dahinter steckt eine Menge Arbeit. Wir haben noch viele Spiele vor uns, müssen einfach unser Bestes geben und dann wissen wir in ein paar Monaten mehr. Es kann noch viel passieren.“

„Ich versuche immer positiv zu bleiben“

Du hast Dich in dieser Saison bei der Nationalelf verletzt, direkt nachdem Du bei der TSG zum ersten Mal zum Einsatz gekommen bist. Auch in der Rückrunde hast Du das Spiel bei Werder Bremen angeschlagen verpasst, nachdem Du Dich gerade in der Startelf festgespielt hattest. Wie reagierst Du auf solche Rückschläge?

„Das ist manchmal natürlich schwierig. Gegen Bremen wollten wir kein Risiko eingehen. Wir wussten, dass wir alle Wechsel brauchen werden, da ging es nicht, dass ich vielleicht nach fünf Minuten verletzt raus muss. Ich habe auch an das Team gedacht. Akpo (Kevin Akpoguma, Anm. d. Red.) war topfit und wir haben es gemeinsam entschieden. Das Wichtigste war, dass wir die drei Punkte geholt haben. Ich versuche immer positiv zu bleiben und weiß, dass jeder seine Chance bekommt. Das habe ich über die Jahre gelernt. Ich denke nicht so viel darüber nach, dass ich verletzt bin, sondern konzentriere mich eher darauf, wieder fit zu werden. Ich bin dann lange im Trainingszentrum in Zuzenhausen, fokussiere mich auf meine Genesung, arbeite hart, aber es tut auch einfach nur gut, sich mit den Jungs zu unterhalten. Du bist auch ein Teil der Mannschaft, wenn du mal länger ausfällst. So muss das sein, ob in guten oder schlechten Zeiten. Wir sind wie eine Familie. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich nach Zuzenhausen komme und die Jungs sehe.“

Erleichtert es das, wenn man auch mal ein paar Spiele nur auf der Bank sitzt, wie es bei Dir in der Hinrunde der Fall war?

„Auf jeden Fall. Das hängt alles zusammen. Jeder Verein will jedes Spiel gegen jeden Gegner gewinnen, aber die Grundarbeit liegt im sozialen Umgang zwischen dem Spieler, dem Trainer-Team und dem Betreuer-Stab. Unsere Team-Betreuerin Ariane (Weber, Anm. d. Red.) ist zum Beispiel das erste Gesicht, das ich morgens in Zuzenhausen sehe. Sie ist immer gut gelaunt und ihr Lachen ist ansteckend. Das überträgt sich sofort auf mich. Das wäre etwas ganz anderes, wenn hier keine gute Stimmung herrschen würde. Dann würden wir wohl auch schlechter trainieren.“

Bist Du wirklich immer so positiv? Oder gibt es auch den genervten und angesäuerten Howie?

„Ich war schon als kleiner Junge so. Es wurde immer gesagt, dass ich zu viel Energie habe. Das stimmt vielleicht. (lacht) Natürlich bin ich manchmal sauer, aber das geht schnell vorbei. Das Leben ist zu kurz, um schlechte Laune zu haben. Vor allem wegen Dingen, die man nicht ändern kann. Zu denen gehört zum Beispiel auch, ob man auf der Bank sitzt oder zum Einsatz kommt. Wenn etwas nicht gut läuft, muss man das selbst verändern. Meinen Eltern haben mir da wohl einiges in die Wiege gelegt, aber auch beigebracht. Die beiden haben auch ‚Hummeln im Hintern‘, sind stets gut gelaunt und lachen viel. Ich habe mit zunehmendem Alter gemerkt, dass mir das sehr viel geholfen hat. Wenn ich, sorry, ein Arschloch wäre, wäre es härter für mich, einen Verein zu finden. So ist es eine Win-Win-Situation für alle. Ich bin nicht übertrieben positiv. Ich habe einfach gute Laune.“

Versuchst Du diese Einstellung auch an die jüngeren Spieler weiterzugeben?

„In dieser Saison gab es ein Heimspiel, wo Baumi (Christoph Baumgarter, Anm. d. Red.) eine Torchance vergeben hat. Es wäre sein erstes Profi-Tor gewesen. Nach dem Spiel sehe ich ihn in der Kabine und frage ihn, wie es ihm geht. Er hat gesagt, dass er das Tor machen muss und sich ärgert. Dann habe ich ihm klargemacht, dass es jetzt vorbei ist. Du kannst es nicht mehr ändern. Du bist in die Position gekommen, dass Du ein Tor erzielen kannst. Das ist das Wichtigste. Die Tore kommen irgendwann automatisch. Ich versuche immer zu helfen. Das war auch schon in Gladbach so. Mahmoud Dahoud hatte seinen Durchbruch in der Bundesliga und ich war nur noch Ersatzspieler. Dann hat er mich gefragt: Wie kannst Du so positiv sein, obwohl Du so wenig spielst?“

„Im Endeffekt ist es nur Fußball“

Und Deine Antwort?

„Ich habe gesagt, dass es viel zwischen Erde und Himmel gibt. Man muss nicht sofort traurig sein. Im Endeffekt ist es nur Fußball. Das muss man immer sehen. Vielleicht läuft Dein Leben besser, wenn es auch auf dem Rasen gut läuft, aber es ist eben nur Fußball. Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Man sieht an dem Tod von Kobe Bryant und seiner Tochter, wie nebensächlich Sport werden kann. Man kann sich nicht vorstellen, wie sich das für die Familie anfühlen muss. Das ist der Horror. Wir können alle sehr froh sein, dass es uns so gut geht. Ich habe drei gesunde Kinder und eine tolle Frau. Worüber soll ich mich beschweren?“

Du hast als junger Spieler aber auch einen Blitzstart hingelegt und bist mit 17 Jahren zum FC Arsenal gewechselt.

„Das war schon heftig. Ich habe mit 16 Jahren in der zweiten norwegischen Liga debütiert. Arsenal hat mich dann ein Jahr lang beobachtet und an einem Sonntag kam mein Berater zu mir und sagte, dass Arsene Wenger ins Stadion kommt. Ich konnte das nicht glauben. In der Kabine hatten wir dann eine Besprechung und einer meiner Mitspieler hat gesagt, dass er Arsene Wenger gesehen hat. Ich war ganz nervös. Wenger, einer der bekanntesten Trainer der Welt, war in meiner kleinen Heimatstadt in Norwegen. Das war unglaublich.“

Und Du wurdest verpflichtet, aber in der ersten Zeit auch häufig verliehen und kamst bei den Profis nicht zum Einsatz.

„In England ist es völlig normal, dass man ausgeliehen wird. Die beste Ausleihe war vermutlich nach Nürnberg (2009-10; Anm. d. Red.). Ich habe gemerkt, dass ich mehr von Deutschland und der Bundesliga erleben will. Im Winter 2011 gab es dann die Möglichkeit, mit 21 Jahren zu Borussia Mönchengladbach zu wechseln. Gladbach lag auf dem 18. Platz. Mit Lucien Favre ist uns dann noch der Klassenerhalt gelungen und wir sind durchgestartet, bis in die Champions League gekommen. Das war der Wahnsinn. Die Fußballkarriere ist wie ein Kreislauf. Ich glaube, dass man erst am Ende der Karriere sieht, was man alles gemacht hat. Die fünf Jahre in Gladbach waren mein Durchbruch, ich habe mich auf höchstem Niveau etabliert. “

Wie blickst Du denn auf Deine bisherige Karriere zurück? Würdest Du etwas anders machen?

„Ich habe immer zu mir selbst gesagt, dass ich nicht sagen will, dass ich etwas hätte anders machen sollen. Ich habe immer alles gegeben und glaube, dass ich das Maximum in meiner Karriere rausgeholt habe. Wenn ich jetzt schon zurückblicken soll, dann kann ich sagen, dass es eine super Zeit war. Und das wird auf keinen Fall anders werden in den fast zweieinhalb Jahren, die ich noch bei der TSG bin. Wir haben noch einiges vor.“

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