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AKADEMIE
22.03.2020

Historische Spiele (1): Triumph im Schatten des Olympiastadions

Ein Wochenende ohne Spielberichte ist irgendwie komisch. Leider wird sich das bis mindestens Mitte April nicht ändern. Auf achtzehn99.de blicken wir daher in den kommenden Tagen in loser Reihenfolge auf „historische Partien“ zurück, erzählen die dazugehörigen Geschichten nach und rufen sie wieder in Erinnerung. Heute: Das DFB-Pokal-Finale der A-Junioren 2010 in Berlin.

Die schlechte Nachricht ereilte die Spieler beim Mittagessen im Hotel. Eigentlich hätte das Endspiel des A-Junioren-Pokals erstmals im Olympiastadion stattfinden sollen, vor dem Finale der Herren zwischen dem FC Bayern München und Werder Bremen. Die Vorfreude auf den Auftritt in Deutschlands drittgrößtem Stadion war riesig. Doch dann eröffnete TSG-Trainer Guido Streichsbier seiner Mannschaft, die er gerade noch am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park auf das Spiel eingestimmt hatte, dass die Partie kurzfristig ins nebenan gelegene Amateurstadion „Auf dem Wurfplatz“ verlegt wurde. Es hatte den ganzen Vormittag geregnet. „Wenn ihr 90 oder 120 Minuten den Rasen umpflügt, kann der DFB das große Finale absagen“, so Streichsbier. Und das wäre schlecht gewesen, schließlich wurde es in 180 Länder übertragen.

Die Enttäuschung verflog schnell, zumal die meisten TSG-Spieler sehr gute Erinnerungen mit dem Amateurstadion verbanden: Zwei Jahre zuvor hatten sieben von ihnen auf dem Weg zur Deutschen B-Jugend-Meisterschaft hier im Halbfinale die Hertha mit 6:1 bezwungen. Pascal Groß waren gleich vier Tore gelungen. Und Groß war es auch, der die TSG-A-Junioren nun am 15. Mai 2010 an selber Stelle unter strömendem Regen als Kapitän aufs Feld führte.

Für den DFB-Pokal qualifiziert hatten sich die Streichsbier-Schützlinge über den BFV-Pokal 2009 (2:1 im Finale gegen FC-Astoria Walldorf). Nach Siegen beim FC Augsburg (1:0), gegen Eintracht Frankfurt (5:1) und bei den Stuttgarter Kickers (5:0) bezwangen sie im Halbfinale im Dietmar-Hopp-Stadion den FC Energie Cottbus mit 3:1. Berlin, Berlin, … ab in die Hauptstadt!

Nico Schulz wirbelte für Hertha, Denis Thomalla traf für die TSG

Fritz-Walter-Wetter? Für Denis Thomalla kein Problem. Hoffenheims Winter-Neuzugang überlistete nach nur vier Minuten Herthas Schlussmann Marcel Lubke mit einem intelligenten Lupfer zur frühen Führung. Die Elf von Trainer René Tretschok war jedoch mit dem Jahrgang, der zwei Jahre zuvor die 1:6-Klatsche kassiert hatte, nicht mehr zu vergleichen und drückte aufs Gaspedal. Auf der linken Außenbahn der Berliner wirbelte ein gewisser Nico Schulz, der wenige Jahre später als Hoffenheimer Nationalspieler werden sollte. Mit Lennart Hartmann und Fanol Përdedaj standen zudem zwei Jungs aus dem Regionalliga-Kader auf dem Feld. Hartmann hatte bereits für die Profis in der Bundesliga debütiert und ist bis heute der jüngste Bundesliga-Spieler der Hertha. Përdedaj hatte einige Male im Olympiastadion auf der Bank gesessen. Doch die TSG hielt dagegen, es entwickelte sich ein echter Pokalfight.

Auf der TSG-Homepage hieß es damals: „In der Folge entwickelte sich vor den Augen von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer ein sehr gutes Spiel, in dem beide Mannschaften ihre Chancen hatten. Mark Leinau rutschte an einer gefährlichen Hereingabe des brandgefährlichen Linksverteidigers Nico Schulz vorbei (8.), und als Schulz wenig später im Strafraum nach einem Kontakt mit Manuel Gulde fiel, deutete der Unparteiische Patrick Ittrich auf den Punkt. Marco Djuricin, der österreichische Torjäger der Hauptstädter, ließ sich nicht zwei Mal bitten und verwandelte eiskalt zum Ausgleich (14.). Dies schien die Berliner zu beflügeln, die nun für kurze Zeit Oberwasser bekamen. Aber nach einer Glanzparade Daniel Lücks rissen die Streichsbier-Schützlinge die Begegnung wieder an sich.“

Es ging – trotz oder gerade wegen des schlechten Wetters – hoch und runter. Kurz vor der Pause hatte Thomalla seinen zweiten großen Auftritt. Sehenswert, wie er die Kugel an der Strafraumgrenze mit dem Rücken zum Tor annahm und per Drehschuss aus 20 Metern trocken versenkte (39.). Mit dieser 2:1-Führung ging es schließlich in die Pause.

Im Bus brachen alle Dämme, Siegerehrung im großen Oval

Das Stadion füllte sich nach und nach, auf dem Weg ins Olympiastadion schauten einige Fans noch kurz hier vorbei. Mitte der zweiten Halbzeit waren rund 3.000 Zuschauer da, die dann sahen, wie Hertha noch einmal drängte. Als Schulz über links durchbrach, warf sich ihm Lück waghalsig in den Weg (67.) und klärte auch gegen Tim Scheffler im Eins-gegen-Eins stark (74.). Glück hatten die Hoffenheimer, die das Geschehen weitgehend kontrollierten, als ein abgefälschter Distanzschuss von Patrick Breitkreuz acht Minuten vor dem Ende ans Lattenkreuz klatschte. Dann war Schluss. Auf dem Rasen wurde kräftig gefeiert. Manuel Gulde und Marco Terrazzino stimmten in den frisch ausgepackten Gewinner-Shirts den „TSG-Song" an, den sie bereits nach dem Gewinn der Deutschen B-Jugend-Meisterschaft 2008 zum Besten gegeben hatten.

„Das war mein letztes A-Jugend-Spiel und es war natürlich unser großes Ziel, es zu gewinnen", jubelte Kapitän Groß, für den die „Ära Streichsbier“ also mit einem Titel endete. „Ich habe drei Jahre unter ihm trainiert. Wir haben viel gelernt und hatten eine super Zeit.“ Für allzu viel Nostalgie war jedoch im Pokalrausch kein Platz. „Wir müssen jetzt den nächsten Schritt gehen“, so Groß. Der nächste Schritt führte den 18-Jährigen zunächst zum Feiern in die Kabine und dann direkt zur Siegerehrung – und immerhin die fand tatsächlich im Olympiastadion statt! Die wenigen Meter legte das Team im Bus zurück, der sie in die Katakomben der großen Arena beförderte, Streichsbier orchestrierte derweil mit Mikrofon in der Hand ausgelassen Jubelgesänge. Dann nahm Groß die gläserne Schale in Empfang. Das 4:0 der Bayern im großen Finale erlebten die Hoffenheimer live im Stadion, an Bettruhe war danach nicht zu denken. In einer Berliner Diskothek wurde noch lange nach Spielschluss gefeiert.

Ein Junioren-Pokal-Finale im Olympiastadion hat es auch in den Jahren danach übrigens nie gegeben. Auf der Homepage steht des DFB steht zwar beim Finale 2010 als Austragungsort „Olympiastadion Berlin“. Wer dabei war, weiß es allerdings besser.

TSG 1899 Hoffenheim - Hertha BSC 2:1 (2:1)
Hoffenheim: Lück – Lensch (70. Hirsch), Gulde, Neupert, Szarka – Bellanave (84. Alex), Groß, Schäfer, Ammann – Thomalla, Terrazzino (89. Sökler).
Hertha: Subke – Brown Forbes (26. P. Breitkreuz), Përdedaj, Neumann, Radjabali-Fardi – Leinau, Schünemann (46. Gottschick), Hartmann (64. Brecht), Schulz – Scheffler, Djuricin.
Tore: 1:0 Thomalla (4.), 1:1 Djuricin (14., Strafstoß), 2:1 Thomalla (39.). Zuschauer: 3.000. Schiedsrichter: Patrick Ittrich (Hamburg). Karten: Gelb für Groß / P. Breitkreuz.
Berlin, Stadion auf dem Wurfplatz, 15. Mai 2010

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