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AKADEMIE
24.01.2020

Rolands Bočs: Der erste Lette im TSG-Trikot

Als Rolands Bočs vor knapp einem Jahr die Einladung zu einem Probetraining in der TSG-Akademie erhielt, nutzte der gebürtige Lette die Chance eiskalt. „Um irgendwann Fußball auf Weltniveau spielen zu können, muss man leider Lettland verlassen“, sagt der heute 16-Jährige, der die Verantwortlichen im Frühjahr 2019 überzeugte und seit Sommer – als erster Lette überhaupt – in der B-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest spielt. Der Rotschopf besticht allerdings nicht nur sportlich, sondern vor allem mit einem klaren Plan.

Als Lettland den Höhepunkt seiner Fußball-Geschichte erreichte und bei der EM 2004 Deutschland ein 0:0 abtrotzte, lag Rolands Bočs noch in Stramplern. Am 3. Juli 2003 in der Hauptstadt Riga geboren, zog die Familie bald in den nahegelegenen Badeort Jūrmala, der auch den deutschen Namen Riga-Strand trägt. Bočs wuchs mit seinen jüngeren Geschwistern einen Steinwurf von der Ostsee entfernt auf. „Weil ich als kleiner Junge gegen alles getreten habe, was auf der Straße lag, haben mich meine Eltern mit vier Jahren in einen Fußballverein gesteckt.“

Fußball spielt in der seit 1991 wieder unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik hinter Eishockey und Basketball zwar nur die dritte Geige, doch der kleine Rolands fing beim FC Jūrmala schnell Feuer. Weil er noch ausreichend Energie übrighatte, machte er nebenbei noch Judo und Schwimmen und geht, seit er zwölf ist, regelmäßig in den Kraftraum. Als er sieben war, wurde er mit seinem Team Dritter in der lettischen Meisterschaft – in einem Land, das weniger Einwohner hat als Berlin und etwas kleiner ist als Bayern, wird auch in dieser Altersklasse ein Champion gekürt.

Sein Trainer Andrejs Kolidzejs begleitete Bočs auch in den folgenden Jahren, in denen der Linksfuß sämtliche Positionen besetzte und auch mit Begeisterung Futsal spielte. Da probierte er es auch mal zwischen den Pfosten, traf dabei aber so häufig ins gegnerische Tor, dass er schnell wieder aufs Feld beordert wurde. Fußballspielen war mehr oder weniger eine spaßige Angelegenheit. Den großen Sport kannte Bočs wenn überhaupt nur aus dem Fernsehen. Sein größtes Erlebnis war, als ihm sein Lehrer eines Tages Māris Verpakovskis vorstellte. „Bei uns ist er eine Legende“, sagt Bočs über den Mann, der Lettland mit seinen Toren in den Playoffs gegen die Türkei zur EM 2004 in Portugal schoss.

Beeindruckt von Neymars Coolness und Technik

Aus dem Spaß wurde dann nach und nach doch Ernst. Ähnlich wie hierzulande, wenn sich beim Länderpokal in Duisburg die Auswahlteams der 21 Landesverbände des DFB miteinander messen, treten die vier Regionen Lettlands zur Talentshow an. 2016 lief der Linksfuß für die Auswahl der Region Semgallen auf. „Mir ist da mal ein Tor von der Mittellinie gelungen“, erinnert sich Bočs, der sich von nun an in die Notizbücher spielte. Ersten Kontakt mit Deutschland hatte er anlässlich eines Freundschaftsspiels gegen Hertha BSC, als er beim 1:1 den Treffer für sein Team markierte. „Anschließend haben wir allerdings gegen den FC Bayern München 1:6 verloren.“

In der Bundesliga kannte sich Bočs bis dahin nicht so aus, geschweige denn, dass er schonmal von Hoffenheim gehört hätte. „Die Fußball-WM 2014 in Brasilien war das erste große Turnier, das ich bewusst verfolgt habe“, sagt der Stürmer, der seit dieser Zeit großer Fan des Brasilianers Neymar ist. „Er spielt auf meiner Position und ich mag seine technischen Fähigkeiten und seine Coolness auf dem Platz.“

Vor knapp einem Jahr nahm Bočs’ Trainer seinen Schützling vor einem Spiel zur Seite und eröffnete ihm, dass ein Berater anwesend sei, der bei guter Leistung ein Probetraining in Deutschland in Aussicht stelle. „Eigentlich hatte ich mich ein paar Tage zuvor beim Futsal verletzt, daher war ich zunächst enttäuscht. Doch dann lief es sehr gut. Wir haben 8:0 gewonnen und ich habe zwei Tore geschossen. Der Berater hat mich an dem Tag in seinem Porsche nach Hause gefahren.“

Wenige Wochen später spielte Bočs in Begleitung seines Vaters im Kraichgau vor, trainierte mit der damaligen U17 und dem heutigen Trainer Danny Galm, durchlief alle medizinischen Tests und hinterließ bei seinem viertägigen Auftritt auch charakterlich einen starken Eindruck. „Ein ehrgeiziger, selbstständiger Junge, der auch über die nötigen fußballerischen Qualitäten verfügt“, so Galm.

Beim Debüt gleich ein Tor

Bočs erinnert sich, „glücklich, aber auch durcheinander“ gewesen zu sein. „Aber diese einzigartige Chance, als Lette in eine deutsche Nachwuchsakademie zu gehen, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen.“ Seinen Freunden und Verwandten erzählte er zunächst nichts und lüftete das Geheimnis erst an seinem 16. Geburtstag. „Es waren 80 Leute da. Ich habe mich auf den Tisch gestellt und ihnen gesagt, dass ich am nächsten Tag nach Hoffenheim gehe.“

In der TSG-Akademie wurde der Neue super aufgenommen. „Alle waren sehr nett und hilfsbereit, die Jungs haben mir den Einstieg echt leicht gemacht“, sagt Bočs, der sich in den ersten Tagen noch wie im Urlaub wähnte: „Ich habe viel geschlafen und es war noch nicht so viel los, hinzu kam die Ruhe hier auf dem Land im Vergleich zum Großraum Riga.“ Doch dann startete die Vorbereitung, ein erstes Aha-Erlebnis gab es beim Trainingslager im Allgäu. „Wir sind in den Bergen herumgeklettert und naja, der Fußball, der hier gespielt wird, ist schon ein anderer. Schneller und einfach besser, jeder im Team kann überragend kicken.“

Dann feierte der lettische Linksfuß einen Einstand nach Maß. Im ersten Heimspiel der Saison traf die U17 auf den Mitfavoriten Mainz, die erste Hälfte blieb torlos. „Mein Vater und mein Berater waren auch da. Unmittelbar nach Wiederanpfiff rufen sie mir plötzlich zu, dass ich durchstarten soll, ich sprinte los, Armindo Sieb steckt den Ball perfekt durch und ich mache das 1:0. Was für ein Moment!“ Die TSG gewann 3:0 und übernahm die Tabellenspitze.

Rolands Bočs ist angekommen in Hoffenheim. Der Weg zum Profi ist noch sehr, sehr weit. Doch der Teenager ist bereit, sämtliche Opfer auf sich zu nehmen. „Für mich ist das wie ein Job. Ich bin zum Fußballspielen und zum Lernen hier“, sagt der ehrgeizige Neuzugang, der mit den U16-Spielern Mike Dreier und Cem Demir die zehnte Klasse des Wilhelmi-Gymnasiums besucht und gut zurechtkommt. Die Sprachbarriere ist längst überwunden, zur Not kann sein Team- und Zimmerkollege im Spielerwohnheim helfen: Nick Breitenbücher hat kasachische Wurzeln, beide sprechen auch russisch.

Mit Lettland knapp an der Eliterunde vorbei

„Natürlich fehlen mir manchmal meine Familie, meine Freunde und das Meer“, gesteht Bočs. „Aber ich fühle mich wohl. Ich will immer besser werden und habe von meiner Zukunft klare Vorstellungen, die ich hier umsetzen kann.“ In einer Art Fernstudium belegt er über das Internet auch noch zusätzliche Kurse an einer lettischen Schule. Bočs erzählt von seinen Freunden. „Die wissen alle ganz genau, was sie wollen. Einer hat mit 16 schon in eine Firma investiert und arbeitet bereits für ein Unternehmen.“

Seit der U15 ist der Neu-Hoffenheimer auch lettischer Nationalspieler, im vergangenen Jahr saß er 20 Mal im Flieger und kreuzte durch Europa. Eine schmerzvolle Erfahrung machte er in der EM-Qualifikation, die er mit der U17 Lettlands in Weißrussland bestritt. „Wir haben in letzter Minute die Eliterunde verpasst”, erinnert er sich an den hohen Ball, der in den Strafraum segelt und zum 1:0-Siegtreffer für die Gastgeber eingeköpft wird. Ein Unentschieden hätte nach dem Sieg gegen Serbien und einer Niederlage gegen Ungarn gereicht.

Nun kann er sich also voll auf Schule und Fußball in Hoffenheim konzentrieren. Derzeit steht die Galm-Elf hinter Mainz auf Platz zwei. „Mit der Mentalität, die wir bislang gezeigt haben, können wir Deutscher Meister werden“, glaubt Bočs, der seine Stärken in der Schnelligkeit, seiner Technik und im Treffen von Entscheidungen sieht, als Schwachstelle bezeichnet er hingegen die Ausdauer. Mit seiner bisherigen Ausbeute – zwölf Spiele, vier Tore, sieben Assists – ist er nur bedingt zufrieden. „Ich will mehr Tore machen.“

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