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U23
16.12.2019

Fabian Otte: Vielgereister Torwartexperte

Er war in den USA, in England, in den Niederlanden, in Neuseeland und ist nun im Kraichgau. U23-Torwarttrainer Fabian Otte hat das Fußballspielen immer schon mit dem Reisen und dem Kennenlernen neuer Kulturen verbunden. Bei der TSG möchte der 29-Jährige nun heimisch werden – und seinen Doktor machen.

Es war irgendwann in der Saison 2014/15, Fabian Otte stand als Torwart im Kader des Regionalligisten Sportfreunde Lotte, als er für sich eine Entscheidung traf. „Ich war die klare Nummer zwei hinter Benedikt Fernandez. Da habe ich dann gemerkt, dass ich nicht die nächsten Jahre in der vierten, fünften oder, wenn es gut läuft, vielleicht sogar dritten Liga spielen will.“ Zeitgleich las er das Buch des ehemaligen Leiters Internationale Beziehungen bei der TSG, Lutz Pfannenstiel. „Das fand ich echt cool. Auf allen Kontinenten mal gespielt zu haben.“ In Otte wuchs eine Idee und das Reisefieber.

Seinen ersten Kontinent außerhalb des europäischen hatte der Torhüter damals schon hinter sich. Denn nachdem er im Nachwuchs des niedersächsischen Oberligisten FC Schüttorf ausgebildet worden war und in der A-Jugend für Preußen Münster in der U19-Bundesliga gespielt hatte, probierte es Otte zwar zwei Jahre lang in der U23 der Preußen und als dritter Torwart bei den Profis, die damals in der Regionalliga West spielten, doch den Durchbruch schaffte Otte nicht. „Trainer bei Preußen war damals Roger Schmidt“, erinnert sich Otte. „Unter ihm zu trainieren hat viel Spaß gemacht, weil er voll auf Angriffsfußball gesetzt hat. Das war super.“

Auch wenn das Training Spaß machte, zum Spielen kam der gebürtige Ochtruper, der nebenbei Sport und Englisch auf Lehramt studierte, ausschließlich bei der U23 in der Westfalenliga. Das war dem Keeper zu wenig. Ins Tor gegangen war er als Kind nur, weil er klein und dick war. Doch nachdem sein Vater mit ihm Zusatzschichten geschoben hatte, wurde er immer besser und es machte ihm zunehmend mehr Spaß, zwischen den Pfosten zu stehen.

College-Studium in den USA

Um das wieder häufiger auch im Wettkampfmodus auf hohem Niveau tun zu können und um konzentrierter studieren zu können, denn das Lehramtsstudium in Münster ließ sich mit dem Profifußball nur schwer vereinbaren, wollte Otte etwas ändern. Über eine Agentur ließ er sich für ein Collegestudium in den USA vermitteln. „Ich konnte aus rund 30 Unis auswählen und habe mich dann für die North Carolina State in Raleigh entschieden.“ Während es viele europäische Studenten eher nach Kalifornien oder New York zieht, war Otte der Stellenwert des Fußballs in seiner neuen Heimat wichtiger als die kalifornische Sonne oder das New Yorker Großstadtflair. „Die North Carolina State ist eine echte Sport-Uni. Dort gibt es ein Football-Stadion für 65.000 Zuschauer, eine Basketballhalle mit 23.000 Sitzen und auch in das Fußballstadion passen 3.000 Leute.“

Mit einem Stipendium im Gepäck begann er das Abenteuer Amerika, studierte Sportmanagement und lief für das Team der NC State in der College-Liga auf. „Die Trainingsbedingungen dort waren Wahnsinn, denn da die Sportler nichts verdienen dürfen, fließen die fetten TV-Einnahmen nahezu komplett in die Infrastruktur“, sagt Otte, dem zudem die extrem kurzen, dafür aber sehr harten Spielzeiten in Erinnerung geblieben sind. „Die Saison ging nur von August bis November, aber in dieser Zeit hatte man zwei bis drei Spiele pro Woche. Für den Rest des Jahres stand dann das Studium im Vordergrund.“

Nach dreieinhalb Jahren hatte Otte seinen Bachelor-Abschluss in der Tasche, doch ins Arbeitsleben stürzen wollte er sich noch nicht. „Ich war damals noch nicht fertig mit dem Fußball und wollte gerne weiterspielen.“ Der damals 23-jährige Torhüter bekam ein Angebot aus der Heimat, von den Sportfreunden Lotte, die nur knapp 70 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt trainieren und spielen. Doch dort saß er auf der Bank und las das Buch von Lutz Pfannenstiel.

Arbeiterfußball in England erlebt

Inspiriert von der Lektüre ging es nach einer Saison abermals weg von der Heimat und raus in die große weite Fußball-Welt. Neuseeland war diesmal das Ziel. Ein ehemaliger Mitspieler aus den USA unterhielt dort eine Fußballschule, in der Otte als Trainer arbeiten konnte. Und bei den Western Suburbs in der südwestlichen Stadt Porirua spielte der Keeper in der ersten neuseeländischen Liga, der Otte Oberliga-Niveau bescheinigt. „Die Zeit dort habe ich sehr genossen, denn die Neuseeländer sind sehr entspannte Leute und das Land ist wunderschön.“

Nach einem Jahr zog Otte dennoch weiter, denn er bekam die Möglichkeit, ein Probetraining in Schottland zu absolvieren. Das entfiel zwar, doch stattdessen erhielt er ein Angebot des englischen Amateurklubs Blyth Spartans. Der kleine Klub aus der Gegend um Newcastle wollte den deutschen Keeper verpflichten und Otte wollte zu den Spartans, denn in Newcastle gab es die Möglichkeit, ein Master-Studium in Marketing zu absolvieren.

Sein neuer Verein war ein Arbeiterklub, was Otte von Anfang an faszinierte: „Die Zuschauer waren sehr emotional. Bei Siegen wurde man tatsächlich abgeküsst, bei Niederlagen auch schon mal mit Flaschen beworfen. Aber es war echt cool, mitzuerleben, wie die Leute dort mit dem Fußball und ihrem Verein verbunden sind.“ Der Art und Weise des Fußballs war für Otte jedoch gewöhnungsbedürftig. „Dort wurde richtiger Männerfußball gespielt und zwar nicht der schönste. In den unteren Ligen in England hat jede Mannschaft ein, zwei Türme vorne und die werden dann hoch angespielt.“ Zudem machte ihm das Pensum zu schaffen: „In der einen Saison in England habe ich 55 Pflichtspiele gemacht. Das hat natürlich viel Energie gekostet.“

„Trainer zu sein ist genau mein Ding“

Nebenbei machte Otte dennoch seinen Master und war somit frei für das nächste Abenteuer. Zudem hatte er in Newcastle seine Freundin Chloe kennengelernt, die ihn seitdem begleitet. Als nächstes ging es für das Paar in die Niederlande, denn in Amsterdam konnte Otte für einen großen Sportartikelhersteller im Fußball-Marketing arbeiten. Und nebenbei lief er für den HSV Wasmeer in der sechsten Liga auf. „Das war eine ganz andere Welt als England, denn in Holland wird auch in den unteren Ligen ein gepflegter Fußball gespielt.“

Doch der Büroalltag in der Marketing-Abteilung war nichts für den Keeper und so suchte Otte nach einer Saison schon wieder die nächste Herausforderung. Und erneut kam Neuseeland ins Spiel. Über alte Kontakte erhielt er die Möglichkeit, an der Universität in Auckland als wissenschaftlicher Mitarbeiter und nebenbei als Torhüterkoordinator der Frauenmannschaften des neuseeländischen Verbands sowie als Torwarttrainer der Frauen-Nationalmannschaft zu arbeiten. Die Spielerkarriere war dadurch mit 26 Jahren vorbei, doch Otte hatte längst Feuer für das Trainerdasein gefangen. „Schon in England und den Niederlanden habe ich mich viel damit beschäftigt und fand den Trainerjob interessant. In Neuseeland habe ich dann gemerkt, dass das genau mein Ding ist. Ich habe mich viel mit Trainingswissenschaftlern ausgetauscht, um neue Impulse in das Torwarttraining aufzunehmen.“

Erstmals kam Otte zudem mit dem Damenfußball in Kontakt. „Das Coaching mit den Frauen ist schon anders. Vor allem stellen Frauen viel mehr Fragen, warum man diese oder jene Übung macht. Das war aber eine gute Lehre für mich, weil ich mir, um auf die Fragen antworten zu können, immer sehr genau überlegen musste, welchen Sinn jede Übung hat.“ Die Reisen mit dem neuseeländischen Damenteam zu Länderspielen in Thailand, Spanien oder den USA, wo sie vor 45.000 Zuschauern spielten, machten dem Weltenbummler Otte zudem besonders viel Spaß.

Bei der TSG hospitiert und dann unterschrieben

Eigentlich hätte das Ganze noch eine Weile so weitergehen sollen, denn der deutsche Torwarttrainer im neuseeländischen Verband hatte noch zwei Jahre Vertrag und hätte die Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich und die Olympischen Spiele 2020 in Tokio begleiten sollen, doch im Sommer 2018 hieß es nach 16 Monaten schon wieder Abschied nehmen für Otte und seine Freundin Chloe.

Der Kontakt zu Profi-Torwarttrainer Michael Rechner war bereits vorher da, denn für eine Hospitation war Otte bereits in Zuzenhausen vorstellig geworden. Als Steffen Krebs dann von der U23 zu den Profis von Borussia Mönchengladbach wechselte, wollte Rechner unbedingt Otte für die Keeper von „Hoffe zwo“ haben. „Das Angebot kam für mich vollkommen unverhofft, aber das musste ich natürlich machen. Micha ist für mich der beste Torwarttrainer Deutschlands. Wenn so einer dich fragt, ob du in sein Team kommen willst, darfst du nicht lange überlegen.“

Und so ließ Otte die WM und die Olympischen Spiele mit den Neuseeländerinnen sausen, um im Kraichgau mit den Torwarttalenten der U23 zu arbeiten. „In meiner ersten Saison hatten wir gleich die spannende Konstellation, dass mit Isa Doğan und Stefan Drljača zwei Torhüter direkt aus der U19 hochgekommen sind.“ Mit seinen Schützlingen bei der TSG – in der vergangenen Saison kam später noch Sebastian Gessl dazu, in der laufenden Runde trainieren neben Drljača noch Luca Philipp und Daniel Klein unter Otte – pflegt der U23-Torwarttrainer stets einen guten Umgang. „Ich versuche auch viel mit den Jungs über andere Themen zu reden.“

Doktorarbeit zum Training mit Torhütern

Zu Doğan (mittlerweile beim türkischen Zweitligisten Adanaspor) und Gessl (heute beim österreichischen Zweitligisten SV Horn) hält Otte noch immer Kontakt, doch der Fokus liegt natürlich ganz klar auf Drljača, Philipp und Klein, in deren Einheiten wie schon in Neuseeland immer häufiger auch wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen. „Was ich in Neuseeland angefangen habe, kann ich jetzt fortführen“, sagt Otte, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln parallel zu seiner Trainertätigkeit bei der TSG seinen Doktor macht und dabei explizit die Trainingsarbeit für Torhüter untersucht.

Von Ottes Erkenntnissen profitieren dann nicht nur die U23-Keeper. Immer mal wieder steht der 29-Jährige auch beim Training der U19 oder U17 auf dem Platz des Leistungszentrums in Hoffenheim. „Durch das Eliteschultraining, das verschiedene Torhüter oft gemeinsam absolvieren, kenne ich alle Spieler. Eigentlich sind wir alle Akademie-Torwarttrainer – also für alle Torhüter zuständig. Ich habe auch schon mal das U12-Torwarttraining gemacht.“ Der Grundstein für viele weitere Jahre als Torhüterexperte bei der TSG und die Arbeit mit neuen Talenten bei der U23 ist also gelegt. Die Reisepläne hat Otte vorerst in die Schublade gelegt.

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