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SPIELFELD
12.11.2019

Musterschüler aus Mali

Diadie Samassékou wird eine große Zukunft prognostiziert. Der 23-Jährige gilt als eines der größten Fußball-Talente aus Afrika. Die TSG Hoffenheim lockte ihn vom Champions-League-Teilnehmer RB Salzburg in den Kraichgau.

Pünktlich auf die Minute kommt er zum Interview-Termin, zwei Trinkflaschen hält er in der einen Hand, in der anderen ein dickes Paket Autogrammkarten, die er noch unterschreiben will. Um den Ringfinger baumelt die Uhr, die er gleich über das Handgelenk ziehen möchte. Ein Bekannter begrüßt ihn mit einem etwas zu heftigen Körperkontakt, die Uhr fällt zu Boden, das Glas splittert. Diadie Samassékou blickt enttäuscht auf den zerstörten Zeitmesser. „Das ist sehr schade“, sagt er. Aber Samassékou lässt sich von dem Missgeschick nicht wirklich die Laune verderben – der 23-Jährige beginnt das Gespräch mit SPIELFELD lächelnd.

„Ich habe eine Menge vor“, sagt er. „Ich habe mich ganz bewusst für die TSG Hoffenheim entschieden. Dieser Klub ist bekannt dafür, Talente zu fördern und zu stärken. Selbst in meiner Heimat Mali weiß man das.“ Angebote anderer Klubs hat er ignoriert, RB Leipzig hätte ihn gern aus der Roten-Bullen-Zentrale in Salzburg nach Sachsen gelockt. Der österreichische Meister selbst wollte ihn unbedingt halten, auch andere Klubs hatten bei seinem Berater angefragt. Doch der Begehrte entschied für die TSG, die für ihn eine so hohe Ablösesumme zahlte wie noch für keinen Spieler vorher.

„Ich habe meinen eigenen Stil“

Auf dem Spielfeld nimmt er die Position des Sechsers ein, er ist zweikampfstark, sehr aggressiv, kann das Spiel lesen und ahnt viele Situationen voraus. Als Typ unterscheidet er sich von den übrigen zentralen Mittelfeldspielern der TSG, spielt anders als Sebastian Rudy, Florian Grillitsch oder auch Dennis Geiger. „Ich habe meinen eigenen Stil“, sagt er. „Konkurrenz zu haben, ist normal. Es gibt sie überall, man muss sich eben durchsetzen.“ Zwei Mal, in Frankfurt und in Leverkusen, jeweils als Einwechselspieler, hat er sein Können aufblitzen lassen. Selbstbewusst, ohne Scheu agierte er. Einen kleinen Erfolg konnte er mit der Mannschaft verbuchen: In den 33 Minuten, die er auf dem Platz agierte, fiel kein Gegentor: Das Zentrum war dicht.

Anfang August half er noch den Salzburgern über 90 Minuten, den Gladbacher Europa-League-Besieger Wolfsberger AC in der österreichischen Bundesliga 5:2 zu bezwingen. Nach wenigen Wochen haben ihn die neuen Kollegen schätzen gelernt, weil er ein sehr offener, umgänglicher Typ ist – und gern kommuniziert: Vier Sprachen beherrscht er. „Den Dialekt, den wir in meiner Heimat sprechen, französisch habe ich in der Schule gelernt, englisch in Österreich wegen des spanischen Trainers Óscar García und dann auch schnell deutsch.“

Sehr wissbegierig sei er, sagt César Thier, der sich bei der TSG vor allem um die Neuzugänge kümmert. Er interessiere sich für viele Dinge und stelle viele Fragen. „Ich habe schon einige Profis aus Afrika kennengelernt. Nicht viele integrieren sich so schnell von sich aus wie Diadie“, sagt Thier über den Malier, dessen Vorname sich im Deutschen übrigens „Tschadsche“ spricht. 

Sohn einer sportlichen Familie

Mali, das ist noch immer der zweite wichtige Bezugspunkt für Samassékou – neben der TSG Hoffenheim. Aus der Hauptstadt Bamako stammt er, im Viertel Faladies ist er groß geworden, als drittältester Sohn einer sportlichen Familie. Mutter Aissata spielte Basketball auf Spitzenniveau, sein ältester Bruder Drouss war Profi bei afrikanischen Klubs und ist heute der Assistent seines Beraters. Diadies jüngerer Bruder Tigué will in seine Fußstapfen treten und auch den Sprung als Fußball-Profi nach Europa schaffen. Nur Schwester Ina und Bruder Sory sind weniger sportbegeistert.

Die Begabung des kleinen Diadie war schon außergewöhnlich groß, als er als einer von Hunderten jungen Straßenfußballern mit elf Jahren für die JMG Akademie ausgewählt wurde, die schon einige Topstars hervorgebracht hat, wie etwa Gervinho, die Touré-Brüder oder Hertha-Stürmer Salomon Kalou. Getrennt von der Familie besuchte er das Akademie-Internat. Sein Vater Ousmane war anfangs nicht richtig überzeugt von diesem Weg. „Ich konnte ihn und meine Mutter nur umstimmen, weil ich gut in der Schule war“, erzählt er.

Samassékou wurde zu einem Musterschüler, Vorbilder gab es für ihn genug. Seydou Keita, der lange für den FC Barcelona spielte und Rekordnationalspieler des Landes ist. Mahamadou Diarra, der bei Real Madrid glänzte. Und auch Soumaila Coulibaly, der mehr als 250 Spiele in Deutschland machte, die meisten für Freiburg. Zielstrebig arbeitete der Neu-Hoffenheimer, bis er aus den vielen Talenten herausragte und 2013 mit 17 Jahren zu AS Real Bamako wechselte. Knapp zwei Jahre spielte er in Malis erster Liga und machte konstant auf sich aufmerksam.

Erfolg bei der U20-WM

Im Alter von nur 18 Jahren, fünf Monaten und 18 Tagen begann seine internationale Karriere. Er gab sein Debüt in der A-Nationalmannschaft. Mit dem U20- Team Malis rückte er ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft 2015 in Neuseeland in den Fokus. Nachdem sich die Mannschaft überraschend für die Endrunde qualifiziert hatte, belegte sie beim Turnier einen sensationellen dritten Platz und bezwang im Viertelfinale die deutsche Auswahl mit den aktuellen Bundesliga-Profis Julian Brandt, Julian Weigl, Niklas Stark und – seinem jetzigen Mitspieler – Kevin Akpoguma.

Samassékou war es, der den entscheidenden Treffer zum 5:4-Sieg nach Elfmeterschießen erzielte. Mali feierte, es war der größte Fußball-Erfolg des Landes. Und es war ein Trost in den Zeiten des seit 2012 andauernden Krieges, der im Norden des westafrikanischen Landes herrscht und bis heute die Anwesenheit ausländischer Truppen, darunter auch die der Bundeswehr, erfordert.

Samassékou war bei der Weltmeisterschaft für seine Landsleute zum Sporthelden geworden. Von den sieben WM-Spielen verpasste er wegen einer taktischen Auswechslung nur eine einzige Minute, er steuerte als Organisator vor der Abwehr zwei Tore zum Sensationserfolg von „Les Aigles“ (Die Adler) bei. „Wir waren und sind bis heute eine Mannschaft, in der sich viele seit der Akademie-Zeit kennen. Unsere Klubs sind über Europa verteilt, aber wir haben miteinander Kontakt über eine WhatsApp-Gruppe.“

Über Liefering und Salzburg nach Hoffenheim

Es folgte der nächste Schritt. Der junge Mittelfeldstratege, der mit Mino Raiola, dem wahrscheinlich bekanntesten Berater der Fußball-Szene verbunden ist, wechselte zu RB Salzburg, das ihn nach Liefering, dem Bullen-Farmteam, weitertransferierte. „Der erste Winter war hart, das war noch schlimmer, als es mir erzählt worden war“, erinnert er sich und lacht. Aber die Eingewöhnung verlief schnell. Nach einem Jahr in Liefering war er 2016 reif für Red Bull Salzburg, wo er unter dem heutigen Gladbacher Trainer Marco Rose zum Antreiber im Mittelfeld wurde und in seiner ersten Saison gleich 39 Pflichtspiele bestritt. Insgesamt hat er für die Salzburger 134 Spiele bestritten, nach der dritten Meisterschaft und der Teilnahme am Afrika-Cup mit Malis
A-Nationalmannschaft war er im August bereit zum Wechsel.

Nun will Diadie Samassékou die TSG Hoffenheim als die nächste Stufe seiner Karriereleiter nutzen.

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