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05.09.2019

Rosen: „Es geht um Glaubwürdigkeit“

Die Bundesliga legt nach dem Start in die neue Saison und drei Spieltagen ihre erste Pause ein. Seit Montag, 18 Uhr, ist auch der Transfermarkt geschlossen. Hinter Alexander Rosen, Direktor Profifußball bei der TSG Hoffenheim, liegt eine spannende und arbeitsreiche Zeit, in der er für den Klub Rekordmarken erzielt hat. Mit dem Transfer von Joelinton in die Premier League zu Newcastle United verbuchte die TSG eine Rekordeinnahme, der Transfer von Diadie Samassékou war dagegen der bislang teuerste Zugang der Klubgeschichte. Zudem stellte Hoffenheim mit knapp 120 Millionen Euro Einnahmen durch Spielerverkäufe mit großem Abstand eine interne Bestmarke auf. Acht neue Spieler kamen in der Sommer-Transferperiode 2019 in den Kraichgau.

Alex, was bedeuten Dir diese Zahlen?

„Es geht nicht darum Transferbestmarken aufzustellen, sondern gemäß unserer Philosophie mit Augenmaß jede Saison aufs Neue einen wettbewerbsfähigen und spannenden Kader zusammenzustellen. Ich denke, dass uns das in enger Abstimmung mit dem Trainer sowie den Geschäftsführern nach den Vorgaben unserer Gesellschafter auch in dieser Sommerpause wieder gut gelungen ist. Die TSG Hoffenheim trägt sich finanziell schon seit Jahren selbst, ist ein etabliertes und anerkanntes Mitglied der Liga, verfügt über eine innovative und moderne Infrastruktur, eine wachsende Zahl an Herzblutfans und motivierte Mitarbeiter, die mit Engagement versuchen, den Klub tagtäglich ein Stück weiter auf seinem Weg zu entwickeln.“

Dennoch gab es in den vergangenen Wochen medial auch kritische Stimmen, der Umbruch der TSG könnte in diesem Sommer mit den Abgängen von Schulz, Demirbay, Joelinton oder Amiri etwas zu groß ausgefallen sein.

„Zunächst ist es ein Beleg für meine These, dass die TSG mittlerweile ganz anders wahrgenommen wird. Die Aufmerksamkeit, Analysen und die lebhaften Diskussionen über unsere Aktivitäten sind eine Auszeichnung für uns. Für konstruktive Einwände von außen waren wir schon immer offen, sie bieten die Möglichkeit für Selbstreflexion und Weiterentwicklung. Dennoch wiederhole ich gerne, was ich in dieser Sommerpause schon öfter gesagt habe: Wir können die Situation realistisch und unaufgeregt einschätzen. Wie in den vergangenen Jahren sind wir unseren Grundsätzen, unserer Philosophie treu geblieben und dies mit absoluter Überzeugung. Bisher hat nämlich genau diese Linie, junge, hungrige, talentierte und entwicklungsfähige Spieler zu verpflichten, stets dafür gesorgt, dass wir unseren Fans leidenschaftliche Teams präsentieren konnten. Oftmals kamen Spieler zu uns, die nur wenige auf der Rechnung hatten, ehe sie bei uns gefördert und entwickelt wurden. Ich denke an Firmino, Volland, Uth, Demirbay, Schulz, Joelinton und viele mehr. In den vergangenen Jahren wurden wir regelmäßig zweimal für verrückt erklärt: Das eine Mal, wenn wir Spieler X geholt haben, und das andere Mal, wenn wir ihn abgegeben haben. Darüber hinaus möchte ich hervorheben, dass wir keinen Spieler mal eben so wie eine Handelsware verkaufen. Bei einem Transfer sind viele Aspekte zu beachten, nicht nur das wirtschaftliche Interesse des Klubs, sondern auch und vor allem die teilweise sehr deutlichen Vorstellungen der Spieler. Danach gilt es je nach Vertragssituation und -laufzeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht zuletzt spielen dabei auch die menschliche Seite und die Vernunft eine Rolle. Alles zusammen ergibt dann das Paket, das geschnürt wird und manchmal eben auch nicht. Die schnelle Kritik von außen kann ich teilweise nachvollziehen, aber letztlich haben nur die handelnden Personen, die in einen Transfer involviert sind, tatsächlich einen detaillierten Einblick und können Für und Wider beurteilen. Darüber hinaus ist es schlicht und ergreifend für die Finanzierung eines Klubs unserer Größenordnung, unserer Infrastruktur und der wirtschaftlichen Möglichkeiten alternativlos, diesen Weg weiterzugehen.“

Unmittelbar vor dem Transferschluss am Montag wurden Leo Bittencourt nach Bremen und Vincenzo Grifo nach Freiburg abgegeben. Zwei Akteure, die nicht alle auf der Verkaufsliste hatten.

„Die beiden Transfers sind Paradebeispiele für das, auf das ich eben hingewiesen habe. Es ist wichtig, hinter die Kulissen zu blicken. Auch wir hatten diese beiden Wechsel zu Beginn der aktuellen Saison nicht geplant. Beide Spieler haben unabhängig davon selbstverständlich einen eigenen Karriereplan. Das ist völlig normal und auch richtig. Auch wir als Klub hatten bei ihrer Verpflichtung eine Vision, wohin sich die Spieler entwickeln könnten. Dennoch kommt irgendwann auch mal eine Situation, in der alle analysieren müssen, ob es wie gewünscht läuft oder nicht. Ich kann für die TSG sagen: Leo und Vince hätten hier auch weiterhin die Chance bekommen, sich selbst zurück in den Vordergrund zu spielen, nachdem es zuvor nicht lief wie gewünscht. Insbesondere bei Vince waren vor sehr kurzer Zeit noch beide Seiten äußerst optimistisch, dass es in dieser Saison besser läuft. Noch vor wenigen Wochen beteuerte Vince uns gegenüber, dass er noch nie so glücklich auf dem Fußballplatz war und dass er sich nun endlich in ,seinem‘ Verein durchsetzen möchte. Wir waren alle sehr zuversichtlich, aber nach einer Auswechslung im DFB-Pokal und einer Einwechslung im ersten Bundesligaspiel war dieser Wille dann plötzlich nicht mehr ganz so ausgeprägt. Für Leo lief es schon in der Rückrunde der Saison 2018/19 nicht wie erhofft. Beide Spieler kamen also mit dem Wunsch auf uns zu, ihre Lage zu analysieren. Einem Wunsch, dem wir selbstverständlich nachgekommen sind. Dabei wurde recht schnell klar, dass beide die letzte Möglichkeit, den Klub noch verlassen zu können, dem Versuch, einen neuen Anlauf zu nehmen, vorziehen. Nachdem die finanziellen Parameter für uns mehr als zufriedenstellend waren, haben wir schließlich zugestimmt.“

Dennoch wird Vincenzo Grifo am nächsten Spieltag nicht im Trikot des SC Freiburg in der PreZero Arena (Sonntag, 15. September, 15:30 Uhr) gegen die TSG spielen?

„Ich rede eigentlich nicht über Verträge, mache hier aber gerne eine Ausnahme, da dieser besondere Inhalt der Vereinbarung ohnehin kein Geheimnis mehr ist und wir uns ohne lange Diskussionen zwischen den Klubs diesbezüglich geeinigt haben. Ich kann den Unmut einiger Außenstehenden, vor allem natürlich derer, die dem SC Freiburg die Daumen drücken, durchaus nachvollziehen. Aber niemand kennt die Entwicklungen der vergangenen Wochen und kann sie entsprechend beurteilen. Ich kann versichern, dass diese Art der Vereinbarung einer speziellen Situation geschuldet ist, die bei uns weder in der Vergangenheit Usus war, noch in der Zukunft sein wird. Trotz der teilweise heftigen Kritik würden wir in diesem konkreten Fall wieder genauso handeln, denn es geht hier auch ein Stück weit um Glaubwürdigkeit und um eine Haltung gegenüber bestimmten Verhaltensweisen. Es bleibt für mich ein Rätsel, wie sich eine Sichtweise innerhalb von nicht einmal zwei Wochen um 180 Grad drehen kann - von der glücklichsten Phase auf dem Fußballplatz bis zu einem mit Nachdruck forcierten Wechsel. Ich habe eine hohe Meinung von Vince, sowohl als Mensch als auch als Kicker und die Verantwortlichen des SC Freiburg um Christian Streich, Jochen Saier, Klemens Hartenbach und Oliver Leki schätzen wir über alle Maßen. Aber für uns war es ausgeschlossen, dass Vince unter diesen Umständen, nur zwölf Tage nach seinem Wechsel, in Sinsheim mit dem SC Freiburg gegen uns aufläuft. Mit Verlaub und großem Respekt möchte ich darauf verweisen, dass uns Spieler verlassen haben, die in der TSG-Historie starke Spuren hinterlassen haben - da reicht bereits ein Blick auf unser letztes Spiel gegen Leverkusen, in dem wir mit Volland, Amiri und Demirbay auf gleich drei der größten Spieler unserer Bundesligageschichte getroffen sind. Bei keinem dieser Spieler haben wir auch nur eine Sekunde über eine vergleichbare Vereinbarung nachgedacht, sodass mich Andeutungen, diese Klausel sei einer Angst geschuldet, eher schmunzeln lassen. Ich betone noch einmal, dass es uns hier um Glaubwürdigkeit und auch um eine Haltung bzw. Verantwortung gegenüber unseren eigenen Fans geht und damit wollen wir es auch belassen.“

Die TSG ist mit vier Punkten aus den ersten drei schweren Spielen in die Saison gestartet. Wie schätzt Du den Auftakt ein?

„Vor der Saison wurde ich von vielen gefragt, ob das Programm mit Frankfurt, Bremen und Leverkusen nicht wirklich heftig sei zum Auftakt. Und ja, das war es. Aber wir haben uns gut verkauft und bereits einen Zähler mehr auf dem Konto als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. Ich bin vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass viele Spieler bei uns aufgrund von Verletzungen noch keinen Rhythmus haben, damit zufrieden. Wir befinden uns in der Aufbauphase und haben noch viel Luft nach oben. Und auch hier wiederhole ich mich gerne: Diese Mannschaft ist voller Perspektive und sie braucht Zeit, zusammenzuwachsen. Diese Zeit wird sie erhalten. Wir haben hoffnungsvolle Spieler gefunden, die sich und die TSG weiterentwickeln. Das geht nicht mal eben binnen weniger Wochen. Natürlich bleiben wir ehrgeizig, aber wir haben eben auch Geduld. Hinzu kommt, dass Leistungsträger wie Andrej Kramaric ganz oder im Fall von Ishak Belfodil und Benni Hübner in den ersten Wochen teilweise fehlten beziehungsweise noch nicht auf Topniveau sein können. Wir sind frei von übersteigerten Erwartungen und voll fokussiert auf die Entwicklung unserer Jungs. Alfred Schreuder und sein Trainerteam arbeiten täglich intensiv mit der Mannschaft daran, Schritt für Schritt zu wachsen. Das ist ein Prozess. Darüber hinaus etablieren wir innovative Wege und sind gesellschaftspolitisch auf Gebieten, die sehr zentral sind, engagiert. Wenn ich dieses Zusammenspiel sehe, die konzentrierte Arbeit und das gedeihliche Miteinander im Klub betrachte, macht mir das große Freude.“

 

 

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