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SPIELFELD
21.08.2019

Schreuder: „Wir müssen uns nicht kleinreden“

Für den neuen TSG-Cheftrainer Alfred Schreuder ist es eine Premiere. Erstmals steigt der 46-jährige Niederländer auf den Turm der mittelalterlichen Burg Steinsberg in Sinsheim, um von dort über den Kraichgau zu blicken – und in der Ferne die PreZero Arena zu sehen. „Ein toller Ausblick“, schwärmt Schreuder, ehe er sich Zeit nimmt für das SPIELFELD-Gespräch über seine Kindheit, seinen Bruder Dick, seine Vorstellungen als Trainer und die Ziele mit der TSG. Immer dabei – eine gesunde Portion Mutterwitz. Während des Interviews kommt ein TSG-Fan an den Tisch, reicht ihm einen Klompen, einen echten holländischen Holzschuh, für ein Autogramm. Es sei ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund. Alfred Schreuder lächelt, malt seinen Namen kunstvoll darauf und sagt: „Mensch, hat er nur ein Bein?“

Herzlich Willkommen zurück, Alfred. Nach wenigen Wochen wirkt es so, als seist Du nie weg gewesen.

„Danke, ich fühle mich ja auch sehr wohl hier. Ich bin sehr schnell sehr eng verbunden mit Dingen, die ich mag. Ich liebe diese emotionale Nähe. Ich habe nur positive Erinnerungen an meine erste Zeit hier, an die gemeinsamen Erfolge im Trainerteam. Und den Kontakt habe ich nie verloren, mit Julian, Michi (Torwarttrainer Michael Rechner, d. Red.) oder Alex (Rosen). Mit Ajax haben wir meist sonntags gespielt – dann habe ich mir am Samstag die TSG im Fernsehen angeguckt.“

Für Außenstehende war es schwer einzuschätzen, wie groß Dein Anteil am Erfolg der Mannschaft war. 

„Ich glaube, das ganze Team hat es gut gemacht. Da kann man nicht messen, wer jetzt wie viel Prozent Anteil hat. Darum geht es auch nicht. Entscheidend ist, wie man zusammenarbeitet. Das sage ich auch immer zu den Spielern. Ein schneller Außenspieler kann nur funktionieren, wenn hinter ihm ein anderer Spieler verlässlich absichert. Da geht es um das richtige Pärchen. Arjen Robben hatte in seiner besten Zeit beim FC Bayern zum Beispiel mit Philipp Lahm einen starken Außenverteidiger hinter sich. Und so ist es auch im Trainerteam: Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen sind unerlässlich.“

Wobei Huub Stevens, mit dem Du zur TSG gekommen bist, und Julian Nagelsmann, mit dem Du später zusammengearbeitet hast, schon fast gegensätzliche Typen sind.

"Das habe ich auch als Co-Trainer so empfunden. Julian etwa hat, anders als Huub, zu Beginn sehr viel selbst gemacht auf dem Platz. Da bist du mehr im Hintergrund, analysierst viel, beobachtest und gibst Feedback. Das hat zwischen uns super funktioniert. Ich denke, ich konnte ihm helfen mit meiner Erfahrung aus vielen Profi- und Trainerjahren.“

„Man muss immer offen und ehrlich sein“

Und Du warst in der Kombination der Strenge? Derjenige, der den Spielern letztlich mitteilte, wenn sie nicht im Kader oder in der Startelf standen. 

„Damit hatte ich nie ein Problem. Das ist unser Job. Natürlich ist es menschlich immer schwer, jemandem eine negative Entscheidung mitzuteilen und zu sagen: 'Du bist jetzt nicht im Kader' oder 'Du spielst jetzt nicht, aber wir brauchen Dich.' Aber wir versuchen alle gemeinsam, das Beste für den Klub zu erreichen. Spieler müssen spüren, dass es keine Entscheidung gegen sie persönlich ist, sondern für das Team. Man muss immer klar, offen und ehrlich sein, dann funktioniert es auch.“

Aber Du bist gleichzeitig auch als Cheftrainer jemand, der Hütchen aufstellt oder ein Tor trägt.

„Das finde ich auch wichtig, weil ich glaube, dass die Arbeit auf dem Platz eine Qualität von mir ist. Warum soll ich als Cheftrainer jetzt kein Tor tragen? Wir sind ein Team. Es muss eine natürliche Autorität geben. Die Spieler müssen mir glauben, mir vertrauen – und dann ist es völlig egal, ob ich ein Tor trage oder nicht.“

„Mein Bruder Dick ist wichtig für mich“

Wenn wir von Trainern sprechen: Die TSG hat Deinen Bruder Jan-Dirk ("Dick") als Co-Trainer geholt…

„Dick ist wichtig für mich. Er ist, wenn man so will, das zweite Paar Augen in meinem Rücken. Er war selbst ja auch lange Cheftrainer (beim FC Katwijk, 3. Liga; d. Red.), aber vor allem ist er eine absolute Vertrauensperson. Ich weiß zu 100 Prozent, dass er mir sagen würde: 'Alfred, das musst Du anders machen.' Für ihn bin ich nicht der Cheftrainer. Ich bin sein Bruder. Ich kann bei ihm Dinge offen ansprechen und erwarte von ihm, dass er das auch bei mir macht.“

Er kennt Dich ja auch besonders gut.

„Wir sind ganz eng zusammen, vielleicht so wie die Kovac-Brüder oder Ronald und Erwin Koeman, die auch zusammen auf der Trainerbank saßen. Wir haben von klein auf alles geteilt. Er ist ja nur ein Jahr älter als ich. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben den ganzen Tag draußen Fußball gespielt. Wir hatten viel Spaß – und immer immer gab‘s auch Streit und Drama.“ (lacht)

Das Talent habt Ihr geerbt, zur Disziplin wurdet Ihr erzogen.

„Ja, absolut. Unser Vater war auch zwei Jahre Profi, beim FC Wageningen. Wir lebten auf einem Bauernhof, da hatten wir immer viel Platz zum Toben und Spielen. Gleichzeitig hatten wir bis zu (Schreuder überlegt kurz und scheint zu zählen) 27 Kühe. Wir mussten da auch immer im Stall mitarbeiten. Aber das war für uns völlig normal und selbstverständlich. Wenn du frei hattest, dann gingst du erst mal Kühe melken – und danach konntest du kicken.“

Du hast dann sogar mit Dick gemeinsam erstmals das Elternhaus verlassen.

„Das stimmt. Er war 15 Jahre alt und ich 14, als wir beide zusammen auf das Fußball-Internat des PSV Eindhoven gegangen sind. Wir waren drei Jahre lang dort, ungefähr eine Autostunde von meiner Heimatstadt Barneveld entfernt. Für mich war es in dieser Phase besonders wichtig, dass Dick dabei war. Ich hatte schon etwas Heimweh.“

Wer war denn eigentlich der Bessere?

„Dick war schnell und dribbelstark, ein ganz großes Talent. Mit 16, 17 Jahren hatte er dann eine Verletzung der Patellasehne. Das hat ihn sicher zurückgeworfen, aber er hat trotzdem knapp 100 Spiele in der Eredivisie (1. Liga) auf dem Konto.“

Wie viele hast Du?

„In der Eredivisie mehr als 300 (es sind exakt 333; d. Red.), aber ich konnte ja als Sechser auch noch bis 36 spielen.“

„Wir sind sehr heimatverbunden“

Du bist in Deiner Karriere oft gewechselt, hast später als Trainer lang in Enschede gearbeitet, bei der TSG und in Amsterdam. Deine Familie aber blieb immer in deinem Geburtsort Barneveld.

„Ja, ich bin immer viel gependelt. Wir sind ja sehr heimatverbunden. Aber jetzt kommt meine Familie mit. Das war mir sehr wichtig. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Meine Frau wollte auch unbedingt mit.“

Und die Kinder?

„Unsere große Tochter ist 18, sie bleibt daheim in den Niederlanden. Die Jüngere ist 15 und unser Sohn ist zwölf Jahre alt – sie kommen mit und gehen hier auf eine europäische Schule. Dann können sie sich ihre Abschlüsse später auch in den Niederlanden anrechnen lassen.“

Dieser komplette Familienumzug war Dir wichtig.

„Absolut, als Cheftrainer geht es nicht mehr, so oft zur Familie in die Niederlande zu fahren. Wenn die Familie nicht hierher gewollt hätte, wäre ich jetzt nicht da. Meine Frau findet es aber auch sehr schön hier. So ging es mir schon in meiner ersten Amtszeit. Landschaftlich ist es hier wunderbar. Dazu kommt, dass Heidelberg traumhaft ist. Für unsere Kinder war der Gedanke umzuziehen, in ein anderes Land zu gehen, am Anfang natürlich ein bisschen schwer. Aber auch sie sind jetzt positiv. Sie fangen dann im September hier in der Schule an und werden die ersten drei Monate vor allem die deutsche Sprache lernen.“

Du selbst hast Deutsch noch in der Schule gelernt?

„Nein, hier. Als ich damals zum ersten Mal zur TSG gekommen bin, konnte ich gar nix. Ich konnte alles gut verstehen, aber ich konnte kein Wort sprechen. In den ersten zwei Wochen habe ich alles auf Englisch gemacht, bis Huub Stevens zu mir gesagt hat: 'Mach auf dem Platz alles auf Deutsch.' Nach einem halben Jahr war meine deutsche Sprache dann schon viel besser. Ich hatte viel Kontakt im Trainerteam und da immer Deutsch gesprochen. Und als nun klar war, dass ich als Cheftrainer zur TSG komme, wusste ich, jetzt muss ich wieder viel Deutsch sprechen: Ich habe dann zwar keinen Sprachkurs gemacht, aber viel telefoniert.“ (lacht)

„Es ist ein neues Selbstbewusstsein entstanden"

Und Deine Antrittspressekonferenz auch ganz selbstverständlich auf Deutsch geführt. Unter anderem hast Du gesagt, die TSG solle mutig sein.

„Mutig und selbstbewusst. Nicht arrogant, aber wir müssen uns auch nicht kleinreden. Die TSG ist nur in dem Sinne ein kleiner Verein, weil das Dorf Hoffenheim klein ist. Es ist ein neues Selbstbewusstsein entstanden, natürlich auch über die beiden Teilnahmen am Europapokal.“

Was wusstest Du denn vorher über Hoffenheim?

„Ich kannte natürlich Edson Braafheid oder Ryan Babel, so wurde die Geschichte von Hoffenheim auch in den Niederlanden bekannt. Wer sich dort im Fußball auskennt, weiß auch, wer Dietmar Hopp ist und wie sich der Klub entwickelt hat, eben auch über seine sehr gute Nachwuchsarbeit. Aber nun hat die TSG schon elf Jahre Bundesliga gespielt und ihre eigene Geschichte geschrieben. Sie hat sich selbst hochgearbeitet und sich ihre eigene Identität geschaffen.“

Zur niederländischen Fußballidentität, insbesondere der Ajax-Schule, gehört das 4-3-3-System. Die TSG hat in den vergangenen Jahren zumeist mit Dreierkette gespielt. Wie lautet Dein Plan?

„Bei Ajax haben wir das auch variabel gemacht. Auf dem Spielbogen war es ein 4-3-3, aber auf dem Spielfeld dann nicht, da war es offensiv auch oft eine Dreierkette. Wir müssen immer schauen, was das Beste für die Jungs ist, welche Spieler zu welchem System passen. Am Ende ist es aber auch entscheidend, dass wir die besten Spieler auf dem Platz haben.“

Für den offensiven Part hast Du mit Kramaric, Belfodil, Bebou, Szalai, Skov oder auch Adamyan unglaublich viel Auswahl.

„Eben. Wenn man dann nur mit zwei klassischen Stürmern spielt, ist das eigentlich zu wenig. Neben einem 3-4-3 würde dann auch ein 4-4-2 mit Raute und einem nominellen Stürmer auf der 10er Position gehen. Wir wollen, egal in welcher Grundordnung, im Spiel mit dem Ball initiativ sein, dominieren. Im Spiel nach vorn haben wir ja enorme Qualität.“

„Es geht immer nur als Wir, nie als Ich“

Zugleich musst Du die defensive Stabilität wiederherstellen.

„52 Gegentore wie in der vergangenen Saison sind viel zu viel. Aber das hatte ja viele Gründe, auch personelle. Ein Benjamin Hübner etwa, der lange ausgefallen ist, ist für die Gruppe schon extrem wichtig. Er ist ein richtiger Wettkämpfer. Das spüren auch seine Mitspieler, die fühlen sich besser, wenn er da ist – und sie spielen auch besser, wenn er da ist. Er gibt der Mannschaft Vertrauen. Wenn die Elf vor dem Spiel im Tunnel steht, dann müssen Schlüsselspieler wie Benni vorne stehen, damit der Gegner sieht: 'Oh, das wird hart gegen die.' Nur Ronaldo, der kann auch hinten stehen.“ (lacht)

Die Spieler loben plötzlich die neue Disziplin. Hat da was gefehlt am Ende der vergangenen Saison?

„Wenn wir gewinnen wollen, dann zählt nur, dass wir Disziplin haben. Ohne die kannst du alles vergessen. Wenn Spieler oder auch die Trainer nachlässig werden, kann man nicht erfolgreich sein. Deshalb ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. Es geht immer nur als 'Wir', nie als 'Ich'. Wenn die Spieler sehen, der Trainer nimmt seine Aufgabe ernst und lebt es auch vor, dann überträgt sich das.“

Zum Beispiel?

„Du musst als Trainer ein guter Beobachter sein: Ich war ja selbst lange genug Profi. Spieler spüren, ob ich sehe, wenn sie etwas falsch machen – und auch etwas sage. Das hat nichts mit Härte zu tun, sondern mit Ehrlichkeit. Es geht da immer um die Basics, auf dem Rasen und außerhalb.“

„Wir müssen gierig sein“

Hast Du das Gefühl, dass die Jungs das gut umsetzen?

„Absolut. Ich habe den Jungs schon bei der ersten Ansprache gesagt, dass ich damals beeindruckt und stolz war, wie unglaublich ehrgeizig sie waren. Diese Gier habe ich versucht, auf Ajax zu projizieren – mit Erfolg. Und diese Bereitschaft, die wollen wir hier jetzt auch wieder zeigen. Wir müssen gierig sein.“

Was kann die TSG denn insgesamt erreichen in dieser Saison?

„Wir müssen bodenständig bleiben, aber uns zeigen mit unserer Identität, unserer Spielidee. Wir spielen mutig nach vorn – und werden, wenn es geht, früh attackieren. Das Einzige, was ich heute über unser Ziel sagen kann: Wir wollen einen Fußball spielen, den das Publikum liebt. Und ich habe keine Angst, sondern Vertrauen in den Verein, in meine Spieler – und in den eigenen Kopf und meine Kraft.“

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