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AKADEMIE
22.06.2018

WM-Serie (9/13): Amadou und die Roten Teufel

Die 21. Fußball-Weltmeisterschaft zieht uns bis zum 15. Juli in ihren Bann. 32 Nationen kämpfen in Russland um den Titel. Wir fiebern mit, aber nicht nur mit der deutschen Elf. Auf achtzehn99.de präsentieren Spieler, Trainer und Mitarbeiter der TSG Akademie ihr Land. Unser U17-Spieler Amadou Onana hat gerade mit der belgischen U17-Nationalmannschaft das EM-Halbfinale bestritten. Jetzt fiebert er mit Hazard, de Bruyne und Co. mit. Aber nicht nur.

Das sagt unser Mann

Bei der Frage, welches Land er bei der WM favorisiere, tut sich der gebürtige Senegalese Amadou Onana schwer: „Natürlich habe ich zum Senegal eine besondere Beziehung. Aber in Belgien bin ich aufgewachsen und in Deutschland habe ich im letzten Jahr ein neues Zuhause gefunden. Puh, das ist nicht ganz einfach. Aber positiv gesehen, habe ich drei Chancen, mich bei der WM zu freuen.“

Onana kam in Senegals Hauptstadt Dakar auf die Welt und verbrachte seine Kindheit dort, natürlich besteht da eine besondere Verbindung zu diesem Land. „Ich liebe es, dorthin zurückzukehren, um einen Teil meiner Familie zu besuchen. Was ich am meisten mag, ist mich mit Freunden und Familie zu treffen, um einfach nur das Wetter zu genießen, zum Strand zu gehen oder Fußball zu spielen. Und dann freue ich mich natürlich immer wieder auf die senegalesische Küche.“

Zu Belgien, wo er im Nachwuchs der Top-Klubs RSC Anderlecht und SV Zulte Waregem kickte (ehe er bei der TSG zum Juniorennationalspieler reifte), hat der 16-Jährige selbstverständlich auch eine enge Beziehung. „In Belgien leben meine Eltern und meine Geschwister, und mir ist es sehr wichtig, sie regelmäßig zu sehen, weil ich noch nie so weit von meiner Familie weg war. Brüssel ist meine Stadt und es ist sehr erholsam, heimzukommen und unsere leckeren belgischen Waffeln zu genießen“, schmunzelt der Mittelfeldspieler, der in der kommenden Saison in der U19 auflaufen wird.

Belgien und Senegal – beide Teams sind zur Freude Onanas mit einem Sieg gestartet. Bei den „Roten Teufeln“ – die im Königreich je nach Region Rode Duivels (Flandern) oder Diables Rouges (Wallonien) genannt werden – bezeichnet er Eden Hazard als Vorbild. „Weil er ein Teamleader ist, die Erfahrung von vielen Spielen auf sehr hohem Niveau besitzt und in der Lage ist, in den wichtigen Momenten den Unterschied zu machen. Ich denke, er hat das Zeug zum Weltfußballer.“ In der senegalesischen Auswahl hält er es mit dem Stürmer Sadio Mané: „Ich mag seine Technik und seine Spielintelligenz sehr. Er ist ein wirklich toller Spieler, nicht umsonst stürmt er für Liverpool.“

Und wer gewinnt die WM? „Belgien hat viele Spieler, die es gewohnt sind, in großen Wettbewerben zu spielen. Das ist ein Vorteil gegenüber den letzten großen Turnieren. Ich fühle, dass Belgien eine Chance auf den WM-Titel hat“, so Onana. Im morgigen Spiel gegen Tunesien sieht er die „Roten Teufel“ klar in der Favoritenrolle, aber: „Sie dürfen den Gegner nicht unterschätzen. Bei dieser WM gab es schon viele Überraschungen. Niemand hätte zum Beispiel geglaubt, dass Deutschland gegen Mexiko verliert.“

Der Weg nach Russland

Die Belgier haben sich in ihrer zugegebenermaßen nicht ganz so starken Gruppe mit der erwarteten Dominanz durchgesetzt. Die Bilanz von neun Siegen und einem Unentschieden sowie 43:6 Toren unterstreicht, dass die Roten Teufel gegen Griechenland, Bosnien und Herzegowina sowie die „Fußball-Zwerge“ Estland, Zypern und Gibraltar nicht die geringste Mühe hatten. Beim 6:0 im Oktober 2016 in Gibraltar erzielte Christian Benteke nach 7,5 Sekunden das schnellste Tor in der Geschichte der WM-Qualifikation – und das, obwohl Gibraltar Anstoß hatte. Der Stürmer von Crystal Palace wurde allerdings nicht in den WM-Kader berufen.

BEKANNTE NAMEN

Ein gutes Jahrzehnt war Belgien von der Bildfläche verschwunden und scheiterte von 2004 bis 2012 in der WM- und EM-Qualifikation jeweils krachend. Doch dann wuchs eine „Goldene Generation“ heran und gefühlt wöchentlich poppte irgendwo ein neues Talent auf, dessen Name zwar nicht wie früher sofort als „belgisch“, also wallonisch oder flämisch, identifiziert werden konnte, aber einen belgischen Pass hatte. Vincent Kompany (einst Hamburger SV, heute Manchester City) war der erste, es folgten weitere Hochkaräter, die nach und nach in der Premier League landeten und für Furore sorgten: Eden Hazard (Chelsea), Kevin de Bruyne (City), Marouane Fellaini oder Romelu Lukaku (beide Manchester United), um nur die Bekanntesten zu nennen.

Ebenfalls in der Premier League spielt Thibault Courtois (Chelsea), der die starke belgische Torhüter-Tradition nahtlos fortführt – und vor ein paar Jahren um ein Haar in Hoffenheim gelandet wäre, dann aber durch die Abiturprüfung rasselte und in Genk bleiben musste. Stattdessen kam damals sein Genker Teamkollege Koen Casteels, der wie Courtois im aktuellen Kader steht, in den Kraichgau.

2014 gingen die Belgier nach zwölfjähriger Abwesenheit folgerichtig erneut als Geheimtipp in ein WM-Turnier, erreichten prompt das Viertelfinale und haben sich längst wieder unter die Top-Nationen gemischt. In der FIFA-Weltrangliste stehen sie sogar auf Platz drei – nur Brasilien und Deutschland sind besser.

Der spanische Trainer Roberto Martínez, der 2016 überraschend die Nachfolge von Marc Wilmots antrat, hat nun die Aufgabe, diese Ansammlung an Top-Spielern auch entsprechend weit zu bringen. Das Spielermaterial ist da: Mit Toby Alderweireld, Jan Verthongen, Moussa Dembélé (alle Tottenham) und Nacer Chadli (West Bromwich) stehen ihm vier weitere Premier-League-Akteure zur Verfügung und auch Thomas Vermaelen (FC Barcelona), Dries Mertens (SSC Napoli) und Thomas Meunier (Paris St.-Germain) stehen bei Welt-Klubs unter Vertrag. Keine schlechte Quote für ein Land mit knapp 11 Millionen Einwohnern.

WM-Historie

Bei der ersten WM 1930 in Uruguay war Belgien als eine von nur vier europäischen Nationen am Start, fuhr aber nach nur zwei Spielen ohne Punkt und Tor wieder nach Hause. Die Partie Frankreich gegen Mexiko (4:1) gilt zwar als offizielles Eröffnungsspiel, doch das 0:3 der Belgier gegen die USA wurde zeitgleich 2,5 km Luftlinie entfernt ausgetragen und war somit das zweite WM-Spiel überhaupt.

Bis in die 1970er Jahre fristete Belgien sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene ein Mauerblümchendasein, ehe erste Erfolge im Europapokal (RSC Anderlecht, Club Brügge) die erste „Goldene Generation“ ankündigten. Tatsächlich waren die „Roten Teufel“ bei der WM 1982 in Spanien eine Art Geheimtipp, der durch die zwei Jahre zuvor errungene Vize-Europameisterschaft (1:2 gegen Deutschland) so geheim gar nicht war. Und doch schienen die Belgier in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht ganz angekommen: Im Eröffnungsspiel jener WM, das sie durch einen Treffer von Erwin Vandenbergh gegen Titelverteidiger Argentinien 1:0 gewannen, bezeichnete der Kommentator des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens die Belgier hartnäckig als „Niederländer“. Was daran gelegen haben könnte, dass die herausragenden Spieler jener Elf aus Flandern, also dem niederländischsprachigen Teil des Landes, kamen, wie eben Torschütze Vandenbergh, Jan Ceulemans, Kapitän Eric Gerets, Franky Vercauteren oder Guy Vandersmissen. Nicht zu vergessen der grandiose Keeper Jean-Marie Pfaff, der nach der WM zum FC Bayern München wechselte, sich gleich in seinem ersten Spiel in Bremen (0:1) ein kurioses Ei ins Netz legte und Jahre später seinen Bekanntheitsstatus durch eine fragwürdige Doku-Soap über sein Leben, eine Art belgische „Osbournes“, aufpolierte.

Belgien scheiterte in der Zwischenrunde an Polen, trumpfte dann aber vier Jahre später in Mexiko groß auf, als es nach dramatischen Siegen gegen die Sowjetunion und Spanien bis ins Halbfinale vordrang. Hier unterlagen die „Roten Teufel“ dem späteren Weltmeister Argentinien bzw. zwei Geniestreichen des großartigen Diego Maradona mit 0:2. Die große Entdeckung dieses Turniers war ein Wallone mit italienischen Wurzeln: Vincenzo Scifo prägte anschließend jahrelang das Spiel der belgischen Nationalelf.

Bis 2002 blieben die Belgier schließlich WM-Dauergast und machten im Achtelfinale 1994 der DFB-Auswahl in Chicago das Leben schwer (3:2), doch der Stern der 80er Jahre begann allmählich zu sinken. 2002 erreichte ein in die Jahre gekommenes Team um den ehemaligen Schalker Marc Wilmots erneut die K.o.-Runde und hielt gegen den späteren Champion Brasilien sogar lange mit, unterlag aber schließlich mit 0:2. Anschließend versanken die „Roten Teufel“ in der Bedeutungslosigkeit – bis 2014.

Fakten

Verband
KBVB/URBSFA | Koninklijke Belgische Voetbalbond / Union Royale Belge des Sociétés de Football-Association [Königlicher Belgischer Fußballverband]

Gründung
1895

Spitzname der Nationalmannschaft
Rode Duivels / Diables Rouges („Die Roten Teufel“)

WM-Teilnahmen
12 | 1930, 1934, 1938, 1954, 1970, 1982, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002, 2014

Größter WM-Erfolg
Halbfinale 1986

WM-Duelle gegen Deutschland
1934, Achtelfinale, Deutschland – Belgien 5:2
1994, Achtelfinale, Deutschland – Belgien 3:2

Trainer
Roberto Martínez (seit August 2016)

FIFA-Weltrangliste
3.

Große Klubs
RSC Anderlecht, Club Brügge, Standard Lüttich

Aktueller Meister / Pokalsieger
Club Brügge / Standard Lüttich

Einwohner (Weltrangliste)
11,3 Millionen (79.)

Fläche
30.528 km2 (Verhältnis zu Deutschland 1:11,5)

Termine
Mo., 18.06., 17 Uhr: Belgien – Panama 3:0
Sa., 23.06., 14 Uhr: Belgien – Tunesien [Moskau]
Do., 28.06., 20 Uhr: England – Belgien [Kaliningrad]

Alle Zeiten MESZ.

Weitere Teile der WM-Serie

1 Russland [Nick Breitenbücher]
2 Marokko [Yanis Outman]
3 Island [Lukas Petersson]
4 Serbien [Marjan Petković]
5 Schweden [Filston Mawana]
6 Japan [Patrick Hey]
7 Portugal [Gilson Pereira]
8 Nigeria [Benjamin James]

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