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SPIELFELD
26.03.2018

Thomas Gomminginger: Blick in die Zukunft

Selbst für die besten Talente ist der Weg in den Profi-Fußball unberechenbar. Obwohl es mittlerweile jeder vierte Spieler aus der TSG Akademie schafft, einen Profivertrag zu bekommen, bleibt der sportliche Durchbruch ungewiss. Die TSG Hoffenheim legt größten Wert darauf, dass junge Spieler eine Bildungsgrundlage erhalten, falls aus der Profikarriere nichts wird. Eine der wichtigsten Personen für diese Aufgabe ist Thomas Gomminginger.

Thomas Gomminginger kennt sich aus mit dem großen Fußball. Der gebürtige Heidelberger war Profi des VfB Stuttgart und stand mit den Weltmeistern Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald in einem Kader. Parallel zu seiner weiteren fußballerischen Laufbahn beim VfR Mannheim und beim SV Sandhausen schloss er an der Universität Mannheim ein BWL-Studium zum Diplom-Kaufmann ab. Danach arbeitete er als Führungskraft in der Immobilienwirtschaft, in der Industrie bei ABB, bei der Deutschen Bahn – in dieser Zeit absolvierte er zudem ein Zweitstudium zum Immobilienökonom – und in der Zentrale einer großen Bank in Frankfurt. Der heute 52-Jährige suchte dann nach 15 anspruchsvollen Jahren in Konzernstrukturen einen Weg, um wieder eine bessere Work-Life-Balance zu finden. Er gab letztlich seinen gut dotierten Spitzenjob auf, und nutzte die Chance, um in den Fußball zurückzukehren.

Am 1. Juli 2008 begann Gomminginger bei der TSG Hoffenheim – zwei Monate nach dem Aufstieg in die Bundesliga, den er beim 5:0-Triumph gegen Fürth im Dietmar-Hopp-Stadion live miterlebte. Die TSG hatte entschieden, dass er genau der richtige Mann war, die neu eingerichtete Stelle eines Teammanagers U23 in Personalunion mit der Funktion eines "Laufbahnbegleiters" zu verbinden, die damals für die Bundesliga noch Modellcharakter besaß. "Da ich selbst mal DFB-Juniorennationalspieler und Jungprofi war, weiß ich, was sich in diesem Alter in den Köpfen der Jungs abspielt und wie ihre Prioritäten aussehen", erklärt Gomminginger. "Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass man sehr wohl neben dem Fußball durchaus einen vernünftigen Schulabschluss oder gar ein zeitlich gestrecktes Fernstudium voranbringen kann, wenn man seinen Tagesablauf gut strukturiert." Das von der Dietmar Hopp Stiftung bzw. vom Verein "Anpfiff ins Leben" unterstützte Ziel, jungen Spielern, denen letztlich der Sprung in den großen Fußball verwehrt bleibt, mit einem entsprechenden Schulabschluss und weiteren Unterstützungsangeboten zumindest eine gute Startposition für den beruflichen Weg zu ermöglichen, wird somit auch konsequent im Übergangsbereich zum Herrenfußball weitergeführt.

Lebenshilfe für angehende Profis

Auch seine Rolle als Teammanager geht weit über die eines Organisators der Regionalliga-Mannschaft hinaus. Denn beim Übergang in den Herrenfußball unterstützt er die externen Neuzugänge und die eigenen U19-Spieler, die in diesem Alter zumeist aus einem Internat, einer Gastfamilie oder von zuhause ausziehen, bei den nächsten Schritten in ein eigenverantwortliches, selbständiges Leben. Hierzu gehört die Suche nach der ersten eigenen Wohnung mit einhergehenden Themen wie Mietvertrag, Kaution, Dauerauftrag, Stromvertrag oder Einwohnermeldeamt. Hinzu kommen aber auch andere wichtige Dinge, die gerade junge Fußballer als Berufsanfänger tangieren: Gehalts- und Prämienabrechnung, Lohnfortzahlung im Verletzungsfall, elementare Versicherungen, das Spektrum "Sparen, Anlegen und Vorsorgen" oder die erste Steuererklärung.

"Die jungen Spieler sind in der Regel so stark auf ihre angestrebte Profikarriere fokussiert, dass sie sich wenig Gedanken über einen Plan B im Kopf machen. Aber man weiß nie, ob schon mit 23 oder 24 alles vorbei ist. Es kann eine schwere Verletzung dazwischenkommen, die einen aus der Bahn wirft oder die enorme Konkurrenz sorgt dafür, dass ich nicht in die nächste Altersstufe übernommen werde oder keinen neuen Vertrag mehr erhalte", schildert Gomminginger das Ausgangsproblem.

"Die Jungs, die in der Junioren-Bundesliga spielen, denken zum Teil, sie hätten schon viel erreicht. Aber den Übergang zu den Profis schaffen nur wenige." Der Traum platzt manchmal schneller, als man denkt. Nicht erst dann, schon früher sind Gomminginger und die bei der TSG beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von "Anpfiff ins Leben" zur Stelle. "Bei der Ausarbeitung eines Plan B stehen wir zur Seite. Bei dem einen ist zunächst ein Berufs- oder Studienorientierungsverfahren angebracht, andere wechseln in der Region nach Walldorf oder Neckarsulm um weiter auf hohem Amateurniveau zu spielen und möchten dazu eine berufliche Ausbildung machen oder nehmen mit der erworbenen Hochschul- oder Fachhochschulreife das Angebot wahr, mit einem Vollstipendium als Fußballer an einer US-amerikanischen Universität zu studieren.

Lob für die junge Generation

Er ist auch bei den U23-Vertragsgesprächen dabei, zumal er die jeweiligen Verträge auch ausfertigt. "Ich kenne die Laufzeiten und weiß, was die Jungs verdienen. Ich achte zum Beispiel dann auch bei der Wohnungssuche darauf, dass die Mietkosten maximal ein Drittel des monatlichen Nettoeinkommens betragen. So kommt man relativ schnell mit weiteren Themen ins Gespräch", sagt Gomminginger. Zudem steht er als Teammanager ständig mit ihnen in Kontakt. Was im Profibereich auch aufgrund der höheren Anforderungen, (z.B. wegen DFL, NADA, Transfers, ausländische Spieler) und Kaderstärke auf mehreren Schultern verteilt ist, liegt bei ihm in einer Hand. "Bei der U23 ist es eine kleinere Welt, aber es ist eine umfassende Aufgabe: vom Vertragsmanagement, der Planung und Organisation des Spielbetriebes und der Saisonvorbereitung inklusive der Trainingslager, der frühzeitigen Bestellung der gesamten Teamausstattung für die nachfolgende Saison, den Prämienabrechnungen, der Budgetplanung und Rechnungsprüfung bis hin zur Unterstützung des Trainerteams und täglichen Betreuung der Spieler. Und ein ganz wichtiger Schwerpunkt ist eben die Laufbahnbegleitung."

gomminginger in story

Und Gomminginger schiebt jene an, die darauf skeptisch reagieren, dass sie sich absichern sollen für eine Zukunft ohne Fußball. "Wer nebenher noch etwas anderes macht, hat auch einen anderen Tagesrhythmus, eine andere Disziplin und mehr Verantwortungsbewusstsein als die Jungs, die bis um zehn Uhr ausschlafen, spät frühstücken und dann langsam ihre Trainingstasche für das Nachmittagstraining packen", sagt er. Die heutige Generation der 18- bis 22-Jährigen sei jedoch "viel disziplinierter als früher", dennoch stößt er manchmal an seine Grenzen: "Es gibt leider vereinzelt auch Kandidaten, die außersportlich nicht motiviert oder beratungsresistent sind. Man kann viel versuchen, aber man kann – bildlich gesprochen – den Hund nicht noch zum Jagen tragen und ihn dann noch auf das Wild draufwerfen."

Paradebeispiel Robin Szarka

Wie wichtig es ist, nicht nur an Fußball zu denken, verdeutlicht er am Beispiel der TSG-Mannschaft, die 2007/08 deutscher B-Jugendmeister wurde. "Wenn man schaut, was aus dieser Meistermannschaft geworden ist, stellt man fest, dass mehr als die Hälfte der Spieler heute in der Oberliga, tiefer oder überhaupt nicht mehr spielt. Manuel Gulde, Marco Terrazzino und Pascal Groß wurden Profis", sagt der Laufbahnbegleiter und verweist auf das besondere Beispiel Robin Szarka, der im Sommer 2016 von Energie Cottbus zur TSG zurückgekehrt ist. 2013 beim legendären Sieg im Bundesliga-Finale in Dortmund wurde der heute 26-Jährige für Sebastian Rudy eingewechselt, setzte sich später aber nach drei Erstligaeinsätzen nicht im Profikader durch. In Cottbus spielte er danach zwei Jahre als Stammspieler in der 3. Liga, aber das füllte ihn nicht aus. "Er hat gesagt, er will nicht mehr in der 3. Liga tingeln". Dann gehe er lieber in die Regionalliga und studiere parallel.

Szarka gibt nun als älterer Führungsspieler der U23 seine Erfahrung an Jüngere weiter, studiert in Heidelberg im Präsenzstudium auf Lehramt und darf auch mal in Abstimmung mit dem Trainerteam bei einer Trainingseinheit fehlen. "Mit 29 hat er wohl sein Studium abgeschlossen. Dann war es für ihn der bessere Weg, als später mit Anfang 30 fast 15 Jahre nach dem Abitur in der dritten Liga ohne neuen Vertrag, Ausbildung und finanzielle Unabhängigkeit dazustehen", sagt Gomminginger.

Berufswechsel nie bereut

Er selbst hatte vor mehr als 30 Jahren ein ähnliches Motiv. "Bei mir war es damals die Erkenntnis, dass es dauerhaft für die Bundesliga nicht reicht. Dazu kamen einige negative Erfahrungen, sodass ich mich nicht mehr nur vom Fußball abhängig machen wollte", erzählt er aus seinen Jahren beim VfB Stuttgart, der ihn 1985 vom SV Sandhausen geholt hatte. "Es war dennoch eine sehr lehrreiche Zeit. Ich war unter anderem im Europapokal in Moskau und auch beim DFB-Pokalfinale in Berlin dabei und habe zwölf Bundesligaspiele bestritten. Aber ich hatte in nur zwei Jahren auch vier Trainer. Wie da früher teilweise junge Spieler behandelt wurden, das erzähle ich besser nicht."

Gomminginger weiß eben sehr exakt, wovon er spricht. Aber um einmal genau zu erfassen, wie viele in der TSG Akademie ausgebildete Junioren im Profibereich ankommen, erstellte er mit Terence Träber, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Nachwuchsleistungszentrums, die im vorigen Monat im SPIELFELD veröffentlichte Analyse über die Karriere-Verläufe. Dass im Durchschnitt 20 Prozent der Jungen bei einem Verein der ersten bis dritten Liga unter Vertrag genommen werden, ist aufgrund der hohen Ausbildungsqualität der TSG ein Wert, der deutlich über denen anderer Klubs liegt. "Es ist im Fußball zwar in vielen Vereinen besser geworden, aber oft ist es immer noch so: Fällt jemand aus dem System, muss er gucken, wie er weiterkommt, wenn er keinen sportlichen Wert mehr hat." Selbst einige Bundesliga-Profis beenden ihre sportliche Laufbahn mittellos, viele haben sogar mehr Schulden als Vermögenswerte. Und es gibt nicht wenige Profis, die trotz einer längeren Karriere später arbeiten müssen, weil sie eben nicht zu den Spitzenverdienern gehörten.

Zum Modell Hoffenheim gehört eben auch die Beschäftigung mit denen, die den Ausleseprozess nicht überstehen. Deswegen erhalten die 80 Prozent, die absehbar nicht Profi werden, eine ebenso intensive Zuwendung wie die besten Talente. "Es gibt auch einige, die melden sich später und bedanken sich bei uns. Ich verfolge die meisten, die bei uns waren, teilweise über Jahre", sagt Thomas Gomminginger, der seinen eigenen Berufswechsel keine Minute bereut hat und heute noch so viel Freude bei der TSG hat wie am ersten Tag. "Ich habe ein sehr gutes Arbeitsumfeld in einer spannenden, emotionalen Branche mit einem vielfältigen Job, der mich ständig mit jungen Leuten zusammenbringt." Aus dem Fußball-Profi ist ein Profi für angehende Profis geworden.

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