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SPIELFELD
19.03.2018

Marliese Mateja - "Hoffe". Küche. Bad.

Ordner sind das halbe Leben: Marliese Mateja sammelt seit 2004 jeden noch so kleinen Zeitungsartikel der TSG. Auf zwölf Quadratmetern vereint sie ihre Leidenschaft und ein Stück Vereinsgeschichte. Ein Fan(t)raum.

Joachim Löw, Franz Beckenbauer, Felix Magath, Lothar Matthäus, Pierre Littbarski – es ist eine recht illustre Fußballrunde, die sich da in der privaten Kabine von Marliese Mateja versammelt. Doch letztendlich sind sie nur Beiwerk. Die eigentlichen Stars dieser vier Wände spielen für die TSG 1899 Hoffenheim. "Für die schlägt mein Herz", sagt die 70-Jährige, als sie durch ihr TSG-Zimmer in ihrer Sinsheimer Wohnung führt. Auf zwölf Quadratmetern vereint sie knapp 15 Jahre Vereinsgeschichte: Autogrammkarten, Schals, Wimpel, Fotos und etliche Ordner – chronologisch sortiert.

2004 besuchte sie mit Sohn Dirk ihr erstes TSG-Spiel und war so begeistert, dass sie von da an jeden Tag die Rhein-Neckar-Zeitung und die Bild-Zeitung nach Artikeln über ihren Verein durchforstete. "Wissen Sie eigentlich, was ein Edelfan ist", fragt Mateja und definiert direkt: "Jemand, der jeden Tag jeden noch so kleinen Schnipsel über die TSG ausschneidet und abheftet." Ihr analoger TSG-Pressespiegel ist einzigartig. "Ich habe kein Handy und keinen Computer. Wenn ich was über die TSG wissen will, schaue ich einfach in meinen Ordnern nach", sagt die Hoffe-Archivarin.

Beeindruckter Bürgermeister

Seit 37 Jahren wohnt Mateja inzwischen in der Wohnung mit der etwas anderen Raumaufteilung: "Hoffe". Küche. Bad. Statt eines Vorhangs hängen sieben Fanschals vor dem Fenster und tauchen den TSG-Raum in bläuliches Licht. Sie verbringt viel Zeit in diesem Zimmer, schläft manchmal dort, schaut Fernsehen, blättert in ihren druckerschwarzen Erinnerungen oder präsentiert das Gesamtkunstwerk Besuchern. "Ich habe hier noch eine ganze Liste von Leuten, die mein Zimmer sehen wollen." Erst letzte Woche war der Sinsheimer Oberbürgermeister da. Mateja traf Jörg Albrecht durch Zufall, die beiden kamen ins Gespräch und als die Seniorin von ihrem Fan-Raum erzählte, wurde er neugierig. Eigentlich wollte er schon früher kommen, doch dann gab Matejas Backofen den Geist auf. Und sie hat eine eiserne Regel: "Wenn ich Besuch bekomme, gibt es selbstgebackenen Kuchen." Die Buttercremetorte gab es also drei Wochen später. Und Erstaunen obendrauf: "Ich habe den Mund nicht mehr zu gekriegt. Das hat mich schwer beeindruckt. Man spürt sofort, dass ihr Herz an der TSG hängt", sagt Albrecht. Aber nicht nur das Zimmer habe Seltenheitswert, auch die Herzlichkeit und Grundehrlichkeit Matejas finde man heutzutage nur noch äußerst selten. "Ich werde nie vergessen, wie sie damals mit Trikot, Schal und Fahne zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Dietmar Hopp kam", erinnert sich das Stadtoberhaupt.

Für die Person Dietmar Hopp hat Mateja sogar einen eigenen Ordner angelegt. Neben Gesundheit sei es ihr größter Wunsch, ihm einmal ihr TSG-Zimmer zu zeigen. "Wissen Sie", sagt Mateja, "der Herr Hopp kommt bei mir gleich nach dem Herrgott." Und zwar nicht nur wegen seines Engagements im Fußball, sondern auch wegen seiner Investitionen in medizinische Gerätschaften. "Ich wurde schon mit Geräten untersucht, die er finanziert hat." Nach einer größeren Operation musste sie für zweieinhalb Wochen zur Reha in die Karlsruher Region. "Dort stand kaum was über Hoffenheim in der Zeitung, aber ein paar kleine Schnipsel habe ich gefunden." Natürlich wurden auch die ausgeschnitten und archiviert. Dass ihr aus dieser Zeit die Hoffe-Artikel der Bild-Zeitung fehlen, stört sie. Matjea liebt und lebt Ordnung. Seit vielen Jahren arbeitet die gelernte Frisörin als Reinigungskraft.

"Das ist mein Leben"

Im Stadion hat sie ihren festen Platz. Seit der Eröffnung sitzt die Autogramm- und Schnipseljägerin in Block K, Reihe 24 – bei Wind und Wetter, schließlich sei sie kein "Schönwetter-Fan": "Ich bin immer da. Auch, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich bin Fan, bis ich die Augen zumach'." Spätestens eine Stunde vor Spielbeginn ist sie am Stadion, hält Ausschau nach "Promis". "Die müssen ja auch ins Stadion. Ich habe da so einen siebten Sinn." Oft ist sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nie ist sie zu schüchtern. "Bei Joachim Löw hab ich aber schon etwas weiche Knie bekommen", gibt sie zu. Aber auch der war freundlich und unterschrieb. "Nein" habe noch keiner gesagt.

mateja instory

Und so wird es immer enger an ihren Wänden. Allein die neun TSG-Autogrammsätze brauchen Platz. Auf einen weiteren Raum wolle sie ihre Fan-Leidenschaft aber nicht ausweiten. Es könne schließlich nur ein TSG-Zimmer geben. Die SPIELFELD-Ausgaben stapelt sie inzwischen unter ihrem Bett, mehr Schals, Trikots und Fotos sind akkurat im Schrank verstaut. Weggeworfen wird nichts. Und wenn das doch mal einer ihrer beiden Söhne vorsichtig vorschlägt, reagiert sie mit Unverständnis: "Was hast du gesagt? Fortgeschmissen wird hier gar nichts. Das geht doch nicht!"

Oft zieht sie einen Ordner aus dem Regal, setzt sich auf das Bett und erinnert sich. An das Heimspiel gegen den FC Liverpool: "Dass so ein Verein mal in unsere kleine Stadt kommt, war für mich etwas ganz Großes." Oder an den Spatenstich der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena, bei dem sie natürlich mit Fahne dabei war. Zum Aufstieg in die erste Liga färbte sie sich die Haare blau. Den Tag werde sie niemals vergessen. "Meine Kinder, meine Wohnung und die TSG – das ist mein Leben", meint sie. "Mit einer Weltreise können Sie mir keine Freude machen." Mateja blättert sich durch ihr Leben mit der TSG. Manchmal, sagt sie, komme es vor, dass die Rhein-Neckar-Zeitung auf der Vorder- und Rückseite über die TSG berichtet. Einerseits freut sie sich zwar über den Lesestoff, andererseits stellt sie das vor ein Problem. Um keinen der TSG-Texte zu zerschneiden, geht sie dann zur Geschäftsstelle und lässt sich ein zweites Exemplar geben. Das klappt eigentlich auch immer. Und wenn doch mal jemand nachfragt, stellt Mateja eine Gegenfrage: "Wissen Sie eigentlich, was ein Edelfan ist?"

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