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28.02.2018

Kerem Demirbay: Glücklich auf dem Weg zurück

Kerem Demirbay schaut im Hoffenheimer Trainingszentrum in Zuzenhausen aus dem Fenster und beobachtet seine Mannschaft beim Training, ehe er sich zum Gespräch mit achtzehn99.de setzt. Der Ball, die Mannschaft, das Training auf dem Platz - all diese Dinge fehlen dem 24 Jahre alten Mittelfeldspieler, der sich Anfang Februar im Bundesligaspiel der TSG bei Hertha BSC schwer verletzte. Und dennoch ist er gut gelaunt, positiv und blickt nach vorne. Dass das nach der Partie in der Hauptstadt nicht immer so war, gibt er später zu...

Demirbay war am 21. Spieltag in Berlin nach einer Oberschenkelverletzung, die ihn zu Jahresbeginn ausbremste, in die Startelf der TSG zurückgekehrt. Es sollte eine kurze Rückkehr werden. Eine, die abrupt und schmerzhaft endete; nach nur 17 Minuten. Demirbay verletzte sich in einem Zweikampf mit Jordan Torunarigha am Sprunggelenk. Im Olympiastadion und an den TV-Geräten war sein Schrei deutlich zu hören. "Ich wusste sofort, dass es etwas Schlimmes ist", sagt er rückblickend und ergänzt: "Ich habe ebenso wie die Ärzte und Sanitäter im Krankenwagen und später auch im Krankenhaus mit einem Bruch gerechnet." Glücklicherweise bestätigte sich dieser erste Verdacht nicht. Außenband-Ruptur und Syndesmoseanriss lautete die Diagnose. Der Offensivspieler weiß, dass es ihn schlimmer hätte treffen können, dass er Glück um Unglück hatte. Und dennoch waren die ersten beiden Wochen nach der Verletzung schwierig.

Nach der Behandlung in Zuzenhausen sei er täglich nach Hause gekommen und habe sich vor den Fernseher gesetzt, habe Serien geschaut und sonst nichts gemacht, erinnert sich Demirbay an Momente, die er nicht noch einmal durchleben will. Seine Frau holte ihn aus diesem Tief. "Sie kennt mich und wusste genau, dass sie mich erst einmal in Ruhe lassen musste", sagt Demirbay. Er trug einen Spezialschuh und ging an Krücken, war genervt von der Situation. Als er wieder Auftreten konnte und unter Schmerzen erste Schritte machte, schritt seine Frau ein. "Sie hat mich geschnappt und mir deutlich gemacht, dass die Verletzung nicht das Ende der Welt sei", so Demirbay. Ein verbaler "Arschtritt, den ich gebraucht habe", gesteht er wenige Wochen danach.

Volle Unterstützung der TSG

"Meine Frau hatte Recht und ich begann nachzudenken, mich mit der Verletzung auseinanderzusetzen und wieder nach vorne zu blicken", sagt Demirbay. Er begriff, dass er die Vergangenheit nicht ändern konnte, sondern den Blick in die Zukunft richten musste. Auf seine Reha. Auf seine Rückkehr auf den Platz. Knapp vier Wochen nach dem Schock arbeitet er hart für sein Ziel, noch in dieser Saison wieder für die TSG auf dem Rasen zu stehen. Dem Fuß geht es deutlich besser. Die Stabilität kehrt zurück. Auf dem Anti-Schwerkraft-Laufband 'Alter G' kann Demirbay wieder joggen. Bis er gegen einen Ball tritt, wird noch einige Zeit ins Land gehen, aber Demirbay ist bereit, sich zu quälen und Vollgas zu geben. Mit voller Unterstützung der TSG.

kerem instory

"Ich spüre, dass alle im Verein hinter mir stehen, dass sie meinen Weg zurück beobachten", sagt Demirbay und betont, dass ihm das sehr gut tut. Besonders viel Zeit verbringt der 24-Jährige aktuell mit Reha- und Athletiktrainer Otmar Rösch, der ihn täglich unterstützt. "Oti ist für mich eine ganz wichtige Person. Er macht einen überragenden Job und wir können immer komplett offen miteinander sprechen. Er zeigt mir unterschiedliche Wege auf und wir gehen da gemeinsam durch. Er schafft es immer, dass ich mit Freude an die Arbeit gehe, dass ich positiv bin und bleibe. Ich glaube, dass ist für den Heilungsprozess enorm wichtig."

Spieltage sind schwere Tage

Seine Teamkollegen sieht er in der Kabine. Auch sie fragen, wie es ihm geht, welche Fortschritte er macht. Eine Tatsache, die beim gebürtigen Hertener unterschiedliche Emotionen hervorruft. Zum einen freut ihn das Interesse der Kollegen, weil es zeigt, "dass sie mich schätzen und dass sie mich so bald wie möglich wieder dabei haben wollen", zum anderen führen ihm die Nachfragen vor Augen, dass "ich aktuell nicht helfen kann und davon auch noch ein gutes Stück entfernt bin." Unter der Woche in der Kabine versucht Demirbay dennoch, seinen Teil zum Erfolg des Teams beizutragen. "Mit einem Spruch oder einem Gespräch kann ich zumindest für gute Laune sorgen und mich einbringen", ist sich Demirbay sicher.

Ganz anders am Spieltag, wenn er seine Jungs von der Tribüne aus sieht. Wenn er nicht helfen kann. Wenn er gefühlt meilenweit weg ist. "Das sind die schwierigsten Momente, weil ich überhaupt keinen Einfluss habe. Ich wäre so gerne bei den Jungs auf dem Platz", sagt er. Der Confed-Cup-Sieger meistert auch diese Momente, behält den Kopf oben und lässt sich nicht verrückt machen. Nicht nur, weil Rösch immer für ihn da ist, weil seine Teamkollegen viel mit ihm sprechen und der Klub als Ganzes hinter ihm steht, sondern vor allem auch, weil er privat glücklich ist. Dieses Glück hilft ihm, die Verletzung einzuordnen. Es gibt mehr im Leben als Fußball.

Als Bald-Papa im Familienglück

Am Montag hat er geheiratet. "Im ganz kleinen Kreis. Es waren nur die engsten Familienmitglieder und Freunde da. Wir waren nicht einmal 20 Personen und alles war, wie wir uns das vorgestellt haben", sagt er. Demirbay ist ein Familienmensch und erklärt: "In schwierigen Situationen ist es wichtig, dass man sich auf Menschen verlassen kann, die einen schätzen und lieben". Er nennt vor allem seine Frau, die in Kürze das erste gemeinsame Kind, einen Sohn, zur Welt bringen wird. "Ich freue mich sehr, dass ich Vater werde und kann es kaum erwarten, dass unser Sohn hoffentlich gesund auf die Welt kommt. Dieser Gedanke ist ebenso wie die Hochzeit eine tolle Ablenkung von der Verletzung. Es zeigt, dass Fußball bei weitem nicht alles ist und hilft mir, mit der Situation umzugehen.“

Demirbay genießt das private Glück. Es gibt ihm Kraft. Kraft, an seiner Rückkehr zu arbeiten. Er will zurück auf den Platz. "Wir haben noch wichtige Spiele in dieser Saison und ich will ein Teil davon sein", sagt er und lacht, ehe er noch einmal nach draußen blickt. Der Platz hat sich geleert, die Einheit ist zu Ende, die Spieler sind in der Kabine. Dort geht Demirbay nach dem Interview auch hin. Mit erhobenem Kopf und bester Laune - zu seinen Jungs, denen er bald wieder helfen will.

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