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SPIELFELD
12.01.2018

Oliver Roggisch - Titeljagd mit dem DHB in Kroatien

Oliver Roggisch sammelt fleißig Trophäen: Mit den Rhein-Neckar Löwen wurde er als Sportlicher Leiter 2016 und 2017 Deutscher Meister. Im Januar plant er den nächsten Coup – allerdings mit der Nationalmannschaft. Denn der 2,02 Meter große Weltmeister von 2007 peilt als Team-Manager der DHB-Auswahl den EM-Titel in Kroatien an. Dort geht es am Samstag für die DHB-Auswahl los.

Einen Augenblick der Ruhe gönnt sich Oliver Roggisch dann doch. Etwas abseits, im eher unaufgeregten, gemächlichen Ostfriesland. In Emden, der Heimat seiner Frau Janka, begeht der Sportliche Leiter der Rhein-Neckar Löwen den Jahreswechsel. Der 39-Jährige kann auf ein großartiges Jahr zurückblicken. Im Frühjahr verteidigten die Löwen den Deutschen Meistertitel – und mit dem jüngsten 37:23-Kantersieg gegen den Tabellenführer und Rivalen Füchse Berlin sicherte sich das Team von Trainer Nikolaj Jacobsen den Herbstmeistertitel. Oliver Roggisch hätte also gute Gründe, mit einem wärmenden Grog in der Hand, den Moment zu genießen. Doch der gebürtige Schwarzwälder hat sich für ein Leben auf der Überholspur entschieden. Bereits Anfang Januar reist Roggisch zur Handball-EM nach Kroatien. Denn der frühere Nationalmannschafts-Kapitän ist seit 2014 parallel zu seinem Job bei den Löwen als Team-Manager der deutschen Nationalmannschaft tätig. Zwei Jobs, eine Leidenschaft.

"Ich bin ja einfach noch mal von Null auf Hundert in eine komplett andere Rolle gestartet", sagt Roggisch rückblickend. Seit seinem 17. Lebensjahr stand er in der Handball-Bundesliga auf der Platte, ehe er im Jahr 2014, im Alter von 35 Jahren, seine Karriere aufgrund zahlreicher Verletzungen beendete. "Es ist schon ein wahnsinniger Unterschied, ob Du Spieler bist oder plötzlich erst als Co-Trainer, dann als Sportlicher Leiter in der Verantwortung stehst. Da musste ich mich auch erstmal freischwimmen." Er schaffte, um im Bild zu bleiben, das Gold-Abzeichen im zweiten Versuch, erfüllte sich einen lang gehegten Traum. Mit den Löwen holte er 2016 den Deutschen Meistertitel, den er 2014 in seiner Abschiedssaison beim denkwürdigen wie dramatischen Finale in Gummersbach nur um läppische zwei Tore verpasst hatte. "Die Titel im neuen Job waren dann natürlich Genugtuung", sagt Roggisch. Und zudem Bestätigung, "dass ich alles richtig gemacht habe mit dem Schritt auf die Bank".

"Sind kein Underdog mehr"

Heute sei er "das Mädchen für alles", was allein schon deshalb eine durchaus amüsante Formulierung ist, weil der 2,02-Meter-Hüne wie kaum ein anderer für den harten, zupackenden Männersport steht. Im Fußball galt für die beinharten Vorstopper einst der Ausspruch: "Kein Mensch, kein Tier, die Nummer 4." Diesen Satz hätte man sonst für Oliver Roggisch erfinden müssen. Der liebevolle Vater eines 14-monatigen Sohnes hat sich in seiner aktiven Zeit einen Namen gemacht – als der wohl beste und härteste Abwehrspieler im Mittelblock weltweit. Sein Mantra: "Man muss sich opfern und Zweikämpfe suchen, von denen man schon vorher weiß, dass sie Schmerzen verursachen." Diesen sportlichen Masochismus beherrschte niemand so perfekt wie Oliver Roggisch, der Fels. „The Rogg“ nannten sie ihn – und der Abwehrchef führte das deutsche Nationalteam mit seinem unbändigen Willen zum WM-Titel 2007 im eigenen Land.

story handball

Oliver Roggisch hat das Wintermärchen mitgeschrieben, den Hype um den Handball ebenso miterlebt wie den langsamen Abschwung. Und nun der Aufstieg zu neuen Höhen, mit den Löwen ebenso wie mit der Nationalmannschaft. Zur EM reist das DHB-Team nun als Titelverteidiger. "Wir sind kein Underdog mehr, sondern eine Mannschaft, die um Medaillen spielt", sagt Roggisch. "Die Weltspitze ist wahnsinnig eng, es kann von Platz eins bis sechs alles passieren. Wir würden schon gern das Halbfinale erreichen – und dann schauen wir mal." Als Topfavoriten dürften Frankreich und Gastgeber Kroatien gelten, dazu gesellen sich wie üblich die Spanier und Dänemark. Über deren Form dürfte Roggisch übrigens bestens im Bilde sein: Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen betreut auch die dänische Nationalmannschaft.

Fußball - Eine andere Dimension

Die Doppelrolle der Löwen-Bändiger Jacobsen und Roggisch wäre im Fußball undenkbar. Es wäre in etwa so, als würde Joachim Löw auch noch zusätzlich auf der Bank von RB Leipzig sitzen – und Oliver Bierhoff den Manager-Posten des FC Bayern bekleiden. "Nur habe ich kein Golden Goal erzielt", konterte Roggisch einst belustigt. Im Handball herrschen andere Maßstäbe. Das weiß Oliver Roggisch aus eigener Erfahrung. Regelmäßig sitzt Roggisch mit seiner Frau Janka, die bei der TSG Hoffenheim arbeitet, bei den Heimspielen in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena. "Das ist natürlich eine andere Welt und manchmal guckt man als Handballer schon beeindruckt auf die Fußballer, weil es einfach andere Dimensionen sind", sagt Roggisch.

"Das ist meilenweit von uns entfernt, egal ob in Sachen Sponsoring, Vermarktung oder TV-Präsenz." Er beklagt das nicht; er stellt nur fest. "Wir können uns da ja schließlich auch einiges abgucken." Nur das Tempo im Fußball, das fehlt ihm dann doch ab und an. "Ich bin es ja gewohnt, ein schnelles Handballspiel zu sehen, wo in kurzer Zeit unglaublich viel passiert. Da sitze ich manchmal beim Fußball und denke mir: 'Das gucken jetzt 30.000 Leute. Die könnten doch auch mal zum Handball kommen. Bei uns geht ja auch schön die Post ab'." Er schmunzelt. Er wird es nicht ändern.

Etabliert in der Region

Und er hat ja genug zu tun – beim DHB und bei den Löwen. Der Weg der Mannheimer ist dabei ein doppeltes Lehrbeispiel: im Positiven wie im Negativen. "Wir waren ja auch mal ein Verein, der unbedingt den Erfolg erzwingen wollte. Da hat man aber nicht geguckt, dass man Typen kriegt, die auch als Team funktionieren", konstatiert Roggisch. Es war die Zeit, als die Rhein-Neckar Löwen – erst 2007 aus der SG Kronau-Östringen hervorgegangen – mit hohem finanziellen Einsatz des dänischen Investors Jesper Nielsen an die europäische Spitze drängten. Das Experiment scheiterte krachend. Erst nach dessen Rückzug 2011 und der Besinnung auf Bodenständigkeit und kontinuierliche Entwicklung begann die Erfolgsgeschichte der Löwen. "Wir haben uns stetig entwickelt", sagt Roggisch. "Wir haben die Kurve bekommen von einem so genannten Retortenklub zu einem sympathischen Verein, dem jeder den Titel gegönnt hat."

Inzwischen sind die Rhein-Neckar Löwen aus der nationalen Spitze nicht mehr wegzudenken, obgleich der Klub nicht der wirtschaftliche Branchenprimus ist. "Wir sind ein Verein, wo kein Stress herrscht, wo der Druck nicht zu groß ist, sondern wir vernünftig sind in unseren Zielen", so Roggisch. "Wir zahlen nicht die besten Gehälter, sondern zu uns kommen Spieler, weil man hier in einem guten Umfeld sehr gut und ruhig arbeiten kann." Der Weg wird honoriert. Der Zuschauerschnitt in der heimischen SAP Arena liegt stabil bei rund 9.000 Besuchern. Die Löwen haben sich etabliert in der Region. Dafür sorgt auch Geschäftsführerin Jennifer Kettemann, die seit 2016 als einzige Frau im Männerhandball einen Klub führt. Die Diplom-Betriebswirtin und frühere SAP-Managerin verantwortet den wirtschaftlichen Teil, deckt die Themenfelder Finanzen, Sponsoring und Merchandising ab. Eine perfekte Symbiose. "Sie hat die Zahlen unglaublich gut im Griff und sorgt dafür, dass wir solide aufgestellt sind und weiter wachsen können", sagt Roggisch. Im Verbund mit Trainer Nikolaj Jacobsen kümmert sich der 39-Jährige dafür um die sportliche Kaderplanung.

DHB-Spiele im Öffentlich-Rechtlichen

"Sowohl mit der sportlichen als auch mit der Entwicklung der Außendarstellung kann man zufrieden sein", findet Roggisch. "Die Mannheimer Adler sind hier natürlich noch ganz anders verwurzelt und der Fußball ist ohnehin überall die Nummer 1, aber der Handball sollte schon darauf achten, dass man in der Wahrnehmung nahe dranbleibt." Schließlich drängen inzwischen auch unterklassige Fußball-Ligen ins Fernsehen. "Da müssen wir schon aufpassen, dass wir nicht an den Rand gedrängt werden."

Die Übertragungen der deutschen EM-Spiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sorgen nun immerhin wieder für bundesweite Aufmerksamkeit. Oliver Roggisch wird also auch im Januar wieder präsent sein im TV – und sein größter Fan wird vor dem Fernseher im heimischen St. Leon-Rot sitzen. "Unser Till wirft die Bälle schon wie wild durch die Gegend", erzählt Roggisch. "Aber nur Handbälle, kein Fußball." Roggisch, der einst so gnadenlose Kämpfer, lächelt milde: "Ist schon klar, dass Handball nicht alles ist im Leben."

Die Spiele im Überblick

13. Januar, 17.15 Uhr: Deutschland – Montenegro
15. Januar, 18.15 Uhr: Deutschland – Slowenien
17. Januar, 18.15 Uhr: Deutschland – Mazedonien

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