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SPIELFELD
23.10.2017

Fritz Odenwald: "Fußball hält mich jung"

Fritz Odenwald ist 84 Jahre alt und verpasst kaum ein Spiel seiner TSG.
Mit dem Fan-Bus 1 reist er jede Saison mehr als 10.000 Kilometer. Sein Wunsch für die Zukunft: am Ball bleiben.

Es gibt im Umfeld der TSG wohl keinen Zweiten, der auf so eine lange Karriere als Fußballer und Fan zurückblicken kann wie er: Fritz Odenwald ist 84 Jahre alt und schreibt seine eigene Fußballgeschichte jede Woche um eine Episode weiter. Platz 4 in Reihe 6 und Block H kennt nur ihn. Seit der Eröffnung der Rhein-Neckar-Arena im Januar 2009 saß hier niemand anderes als Fritz Odenwald. Er verpasst so gut wie kein Spiel der TSG, weder in Sinsheim noch auswärts. Auch hier hat er seinen Stammplatz: Fan-Bus 1, direkt hinter dem Fahrer. "Wir machen jedes Jahr 18.000 Kilometer", sagt der Neckargemünder. Der TSG Hoffenheim reist er schon seit der Regionalliga hinterher. Inzwischen kenne er in Deutschland wohl jedes Stadion, scherzt Odenwald.

Die Leidenschaft packte ihn schon früh: 1947 begann er seine Karriere als Jugendspieler. Ab 1951 kickte der damals 18-Jährige fünf Jahre lang für seinen Heimatverein, die SpVgg Neckargemünd. Seine Position: "Linker Läufer, also Wasserträger für die Stürmer. Heute nennt man das Sechser", erklärt Odenwald. Mit seinem Team schaffte er es bis in die Landesliga. Später wechselte er zur SpVgg Neckarsteinach. Zu den eigenen Auswärtsspielen war der junge Odenwald damals oft mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Manchmal auch mit dem Bus. "Wenn wir in Rockenau gespielt haben, musstest Du halt von Eberbach noch eine halbe Stunde laufen."

Die 50er - "Eine völlig andere Zeit"

Odenwald staunt über all die Fußballstatistiken, die Google auf Suchbefehl ausspuckt, doch er hat sein eigenes Fußballgedächtnis, das weit in eine Zeit zurückreicht, die die meisten von uns nur als flirrende Schwarz-Weiß-Bilder im Fernsehen kennen. Der gelernte Schreiner kann sich noch lebendig an die Fußballwelt der 50er Jahre erinnern: "Eine völlig andere Zeit. Damit wir uns den Eintritt zu Spielen in Mannheim leisten konnten, haben wir Pfandflaschen gesammelt. Mit 50 Pfennig warst Du ein König." Zu der Zeit spielten drei Mannheimer Vereine in der Oberliga, der damals höchsten Klasse: VfR Mannheim, SV Waldhof Mannheim und der VfL Neckarau.

"Unsere Region war damals schon etwas verwöhnt. Neben Mannheim gab es noch das Südweststadion in Ludwigshafen mit einer Kapazität von bis zu 90.000 Menschen. Die Nationalmannschaft oder der 1. FC Kaiserslautern kickten dort öfter." Anfang der 50er fuhr er mit Freunden nach Ludwigshafen zu einem Länderspiel. Es hatte die ganze Nacht geregnet, die Feuerwehr war mit Wasserschiebern auf dem Platz im Einsatz, "da haben wir halt mitgeholfen, damit das Spiel beginnen konnte". Eine seiner ersten Auswärtsfahrten führte ihn nach Basel. Bei der Weltmeisterschaft 1954 reiste er zum Halbfinale Deutschland gegen Österreich. "Wir haben 6:1 gewonnen, wenn ich mich recht erinnere." 63 Jahre ist das her. Er täuscht sich nicht.

"Dann begann der Zirkus"

Heute ist Odenwald etwas komfortabler unterwegs. TSG-Fanbus- Begleiter Thomas Zachler sammelt ihn vor Auswärtsspielen in Neckargemünd an der Bundesstraße 45 mit dem Auto ein und setzt ihn dort nach den Busfahrten wieder ab. Wenn es nicht allzu spät wird, holt ihn seine Frau Christa dort ab, ansonsten stellt sie ihm das Auto bereit und er fährt die letzte Strecke selbst nach Hause. Das kann schon mal mitten in der Nacht sein. Trotz seines Alters ist das für ihn kein Problem. Im Gegenteil: "Der Fußball und die Reisen halten mich jung." Besonders gerne denkt er an das Pokalspiel 2008 in Dortmund zurück, zu dem gut 80 Busse voller TSG-Fans unterwegs waren: "Das hätte man fotografieren müssen: Wir sind mit drei Bussen auf der Autobahn nebeneinander gefahren. Und hinterher 70 andere. Fast hätte man meinen können, der Krieg wäre ausgebrochen", sagt Odenwald und lacht. Die Stimmung in Dortmund sei außergewöhnlich. Vor dem Spiel hing ein großer Vorhang vor der "Gelben Wand": "Als die Spieler einliefen, fiel der Vorhang – und dann begann der Zirkus."

Ob er ein Lieblingsstadion hat? "Im Prinzip alle, in die man bequem vom Busparkplatz aus reingehen kann: Mainz, Wolfsburg, Augsburg." Aber das tollste sei das Olympiastadion in Berlin – "kein Beton, alles Naturstein". Trotz der etlichen Spielstätten, die er gesehen hat, sieht er sich nicht als Groundhopper: "Ein Stadion besuchen, wenn kein Spiel ist? Mir geht’s um den Fußball." Durch ihn und insbesondere durch die TSG habe er Deutschland erst richtig kennengelernt. "Vorher wusste ich gar nicht, wie viele schöne Städte wir haben."

"Ein ganz toller Haufen"

Odenwald ist Gründungsmitglied des Fanclubs "1899 Globetrotters", deren Mitglieder seit der Gründung am 22. Februar 2013 in Bus 1 reisen. "Wir sind ein ganz toller Haufen, jung und alt", schwärmt er. Er selbst ist der "Stammesälteste". Immer wieder fragen ihn jüngere Fans nach Fußballgeschichten von früher. Heute sei so manches nicht mehr normal. Da gehe es oft um völlig übertriebene Summen. "Wir hatten früher ein Talent bei Neckarsteinach, Lorenz Schmitt. Er hat beim VfR Mannheim gespielt. Da bekam man eine halbe Stelle in einem Industriebetrieb und 400 oder 500 D-Mark im Monat." Damals hätte eigentlich jeder Fußballer zwei Jobs gehabt. Auch die Spielweise und -qualität sei inzwischen eine völlig andere: "Die Aufbauarbeit und Jugendförderung greift – schlechte Spieler gibt es heute nicht mehr. Die sind alle gut." Einige dieser Spieler wüssten gar nicht, was so ein Fußballfan eigentlich alles auf bringen müsse, meint Odenwald. Allein die Zeit und das Geld, die für Stadionbesuche draufgingen. "Ich kann es mir leisten. Und trotzdem nehme ich mir mein belegtes Brot mit auf die Fahrten."

Seit 1996 ist Odenwald im Ruhestand. Seine Zeit nutzt er nicht nur für TSG-Spiele, sondern auch für andere Begegnungen in der Region. Man dürfe das nicht unterschätzen, auch in unteren Spielklassen gäbe es tolle und spannende Partien. "Ich picke mir die Rosinen raus, fahre zum Beispiel mal nach Bammental. Da ist man auch nach zwei Stunden wieder zu Hause." Daheim bei seiner Frau Christa. Sie selbst war schon dreimal mit dabei: München, Hamburg, Hoffenheim. Die 75-Jährige unterstützt die Leidenschaft ihres Mannes. "Ich lasse ihn gerne mal alleine. Und ich kriege den Tag hier auch rum, keine Sorge." Sie sei froh, dass er mitfahren könne. "Er soll das so lange machen, wie es geht. Aber irgendwann wird es halt auch mal vorbei sein." "Jede Wurst hat ein Ende", meint er nickend. "Aber so lange es mir gut geht, werde ich weitermachen. Und wer weiß, wenn alles gut geht, bin ich vielleicht auch noch mit 100 dabei. Hoffentlich."

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