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SPIELFELD
24.04.2017

Matthias Bauer: Der treue Gefährte

Seit 14 Jahren bringt Busfahrer Matthias Bauer die TSG-Profis in Fahrt und sicher ans Ziel.
Eine Aufgabe mit viel Verantwortung – und eine Zeit voller amüsanter Anekdoten. Einblicke in das Wochenend-Wohnzimmer der Spieler.

Matthias Bauer dreht auf – aus dem Soundsystem dröhnt ein treibender Hip-Hop-Beat. Motivation in Clublautstärke. "Das hören die Jungs immer direkt bevor wir am Stadion ankommen", schreit er gegen den Song an. Der martialisch klingende Titel: "Ready for War". Bauer sitzt am Steuer des Mannschaftsbusses der TSG-Profis, den er schlicht "mein Auto" nennt. 502.234 Euro hat das 14-Meter-Monster gekostet. Warum so eine krumme Summe? "Nach einer lautstarken Feier-Fahrt mit der ersten Frauenmannschaft musste ich eine neue Tonanlage einbauen lassen. Die hat genau 2.234 Euro gekostet", sagt der 57-Jährige und lacht.

Eigentlich fährt Bauer aber die Bundesliga-Profis der TSG durch Fußball-Deutschland. Mit kurzer Unterbrechung kurvt er das Team seit 2003 durch sämtliche Ligen. Damals lebte er noch in Mühlheim am Main (bei Offenbach) und führte das Familien-Busunternehmen "Rita’s Reisedienst". Mit seiner damaligen Ehefrau fuhr er unter anderem für Kickers Offenbach oder Mainz 05. Trainer Hansi Flick war zu der Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Busunternehmen für die TSG, als ihm ein Bekannter "Rita’s Reisedienst“ empfahl. Und so fuhren die Hoffenheimer Profis zunächst mit einem Offenbacher Kennzeichen von Spiel zu Spiel. Später gründete der Kfz-Meister eine Zweigstelle in Hoffenheim, wo er seit 2008 auch wohnt. Er gibt zu: „Als Hansi Flick bei uns anfragte, musste ich erstmal nachschauen, wo Hoffenheim überhaupt liegt. Inzwischen habe ich mich zu einem echten Hoffenheimer entwickelt."

503-PS-Koloss mit Komfort

Wie wichtig der Mann am Steuer ist, wird manchen erst so richtig klar, wenn man begreift, was eigentlich alles passieren kann: ein brennender Lkw auf der Autobahn, Straßen-Sperrungen, ein kaputter Turboschlauch oder ein defekter Anlasser. Letzterer machte Bauer beim DFB-Pokalspiel in Chemnitz einen Strich durch die Zeitrechnung. Vor jedem Spiel fährt er mit den Zeugwarten Christian und Heinz Seyfert zum Stadion, um die Kabine einzuräumen. Im Anschluss holt er die Mannschaft am Hotel zum Spiel ab. Nicht so am 10. August 2008. Der Bus sprang nach dem Einräumen nicht mehr an – der Anlasser war hinüber. Und das 90 Minuten vor Anstoß. Bis der Notdienst kam, dauerte es. Also wurden die Spieler mit Taxen zum Spiel gefahren. „Die Fahrer haben aber gar nicht gewusst, wohin und haben sie einfach zur Kasse gefahren.“ Bauer muss lachen. Der Weg ins Stadion führte mitten durch die Fans. Mit dem Siegtor für die TSG sprang auch der Motor wieder an.

"Es darf einfach nichts passieren, eine Spielabsage ist undenkbar. Da geht es um Millionen. Deswegen werden die Fahrzeuge auch in relativ frühen Abständen erneuert", erklärt Bauer. Schon nächstes Jahr soll ein Neuer her. Dabei wirkt der "Neoplan Starliner II L" noch wie neu, hat gerade mal 133.000 Kilometer auf dem Buckel. Den 503-PS-starken Koloss ließ sich Bauer 2012 nach seinen Vorstellungen bauen. Er ist lange genug im Geschäft, um genau zu wissen, was Profikicker wollen: Komfort, guten Sound, eine anständige Kaffeemaschine, kühle Getränke und Flachbildschirme, um Fußball schauen zu können. Auch die blaue Nachtbeleuchtung passt bestens ins Hoffe-Bild. Das jetzige Modell wird natürlich nicht einfach ausrangiert, sondern transportiert dann stattdessen die U23-Mannschaft und andere TSG-Teams.

Der Marktwert seiner Spieler-Passagiere beträgt dutzende Millionen, das ist ihm bewusst, dennoch wird er nicht müde, eins zu betonen: "Mir ist jeder Passagier und jeder Mensch gleich viel wert. Ob das die 80-jährige Oma ist, ein Schüler oder eben ein Fußballprofi." Bauers Bus-Flotte besteht aus drei Fahrzeugen, die mittlerweile alle Teams der TSG überall hinbringen. Dafür hat er bei seiner Hoffenheimer Firma, dem "Matthias Bauer Personenbeförderungsunternehmen", noch zwei weitere Fahrer angestellt. Anders als auf dem Platz herrscht zwischen den Fahrerkollegen der Bundesliga-Klubs keine Konkurrenz. Im Gegenteil: "Da hilft jeder dem anderen. Wenn es Probleme gibt, ruft man sich an." Nach all den Jahren kenne man schon den einen oder anderen Schleichweg zu den Stadien, aber durch Baustellen, Sperrungen oder geänderte Zufahrten ändern sich die Anfahrtswege permanent. "Da ist es gut, die Handynummern von den Kollegen zu haben."

Beim Frauenteam machten die Lautsprecher schlapp

Ob geflogen oder mit dem Bus gefahren wird, entscheidet die Entfernung. Dauern die Anfahrten zu den Auswärtsspielen länger als drei Stunden, nehmen die Kicker in der Regel den Flieger. Leverkusen sei die Grenze. "Da fahren die Jungs auch mal mit dem Zug. Generell vermeiden wir Pausen auf Autobahnraststätten. Und die musst du eben machen, wenn es länger als drei Stunden dauert. Es hat aber auch medizinische Gründe: Die Spieler sollen nicht zu lange in einer Ruheposition verharren."

So lenkt Bauer den Straßenkreuzer regelmäßig personenfrei über die deutschen Autobahnen, an Bord nur das Gepäck. Er liebt diese Fahrten: "Ich kann meine Musik hören und Pause machen, wann ich will. Das hat schon seine positiven Seiten." Erst vor Ort in Hamburg, München oder Berlin fährt er dann die TSG-Profis vom Flughafen zum Hotel, von dort zum Stadion und wieder zum Flughafen. Es geht aber auch ganz anders: Bauer erinnert sich noch bestens an den Trip, als die Lautsprecher schlappmachten. Das Frauenteam spielte 2014 in München und musste gewinnen, um nicht in der ersten Erstliga-Saison direkt wieder abzusteigen. Nach dem 2:0 für die Bayern schien alles besiegelt, doch die Kraichgauerinnen kämpften sich zurück und gewannen das Spiel noch mit 3:2. "Da war was los auf der Rückfahrt. Ich musste an der Tankstelle halten, damit die Mädels sich neue Getränke holen konnten. Die tanzten in der Polonaise aus dem Bus", erzählt Bauer und grinst. "Im Bus haben sie die ganze Zeit geschrien: 'Matze, mach lauter!' Irgendwann war es dann zu viel für die Lautsprecher."

"Eine Riesengaudi"

Bei den Herren geht es in der Regel recht entspannt zu. "Klar, wenn die Jungs verlieren, ist die Stimmung schon mal etwas gedrückt, aber es tanzt jetzt auch keiner vor Freude schreiend durch den Bus, wenn wir drei Punkte holen. Eine Saison ist lang", mahnt er. Richtig gefeiert wurde vergangene Saison nach dem Auswärtsspiel bei Hannover 96. Trotz einer Niederlage hielt Hoffenheim die Klasse. "Auf dem Weg zum Flughafen gab es da auch mal eine Gesangseinlage. Natürlich der Klassiker: 'Niemals Zweite Liga'." Taktikbesprechungen oder andere Ansagen aber finden im Hotel oder in der Kabine statt, nicht im Bus.

Auch in den Gesprächen zwischen Bauer und Julian Nagelsmann, der schräg hinter dem Fahrer sitzt, wird nicht über Fußball gefachsimpelt. "Ich sage immer: Ich red’ dir beim Fußball nicht rein, und du mir nicht beim Busfahren", sagt Bauer und lacht wieder laut. Immer funktioniert das aber nicht. In einem der ersten Spiele unter Nagelsmann drückte Bauer an einem Bahnübergang aufs Gaspedal, da die Ampel gelb leuchtete. "Super, Matze", rief der Trainer und einen Moment später, als die Hinterachse über die Gleise bretterte, flog sein Handy im hohen Bogen durch den Bus. "Kaum lobt man dich, fängt die Scheiße an", scherzte der Trainer. "Die Stimmung ist eigentlich immer gut. Mit Julian und dem Team ist es gerade einfach eine Riesengaudi."

Nagelsmann beschreibt Bauer als "total lustig" und "völlig unerschrocken" und meint: "Er bringt uns immer pünktlich zum Stadion – auch wenn er andere Verkehrsteilnehmer mal anschreit." Bauer kommt immer an – wenn es sein muss, im Zick-Zack-Kurs. "Irgendwie geht’s immer. Notfalls Scheib’ runner, Kopp raus, Handzeichen, kurz hupen oder schreien und es läuft. Du musst halt stur sein", erklärt er seine Taktik. Sogar der Fahrer von Dietmar Hopp sei ihm schon gefolgt. "Da hieß es: Fahr’ dem hinterher, der ist immer am schnellsten", erzählt Bauer. Bei Auswärtsfahrten sei das natürlich etwas schwieriger. Da müsse man auch wissen, wann es besser sei, "zurückzuziehen". Vielleicht kommen bald noch einige internationale Auswärtsfahrten hinzu. Bauer würde sich freuen: "Für mich würde das harte Arbeit bedeuten, da bist du ja quasi die ganze Woche unterwegs. Trotzdem: Europa- oder Champions-League – das wäre schon geil!"

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