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SPIELFELD
16.01.2017

Nadiem Amiri: "Ich hasse es, zu verlieren"

Nadiem Amiri hat es aus der achtzehn99 AKADEMIE den Profi-Kader geschafft und sich 2016 in der Bundesliga etabliert. Der in Ludwigshafen geborene Mittelfeldspieler ist aber er selbst geblieben – und wohnt noch zu Hause bei seinen Eltern. Im SPIELFELD-Interview blickt er auf die Höhepunkte seines Jahres 2016 zurück und spricht über den Wendepunkt in seiner Karriere.

Du hast 2016 den Durchbruch in der Bundesliga geschafft und bist U21-Nationalspieler geworden. Hast du das Jahr schon einmal Revue passieren lassen?

Nadiem Amiri: Noch nicht so richtig, da alles so schnell ging. Aber natürlich hat man zwischendurch auch immer mal Momente, in denen man zurückblickt und denkt: "Ist das wirklich alles passiert?" Insgesamt war es ein Jahr mit vielen Höhen und einigen Tiefen, wie meinen Verletzungen. Aber das Positive überwiegt natürlich extrem.

Was waren Deine Höhepunkte?

Amiri: Als Erstes ganz klar der Klassenerhalt. Dass wir uns nach dieser schlimmen Saison noch gerettet haben, war einfach nur verrückt. Für mich persönlich zudem meine Tore in Frankfurt und Ingolstadt, die ganz wichtig waren, dass wir in der Bundesliga geblieben sind. Ich habe nun fast 50 Bundesligaspiele gemacht und kann sagen, dass ich mich etabliert habe. Jetzt muss es aber natürlich auch so weitergehen.

Gab es einen Gegenspieler, der Dich besonders beeindruckt hat?

Amiri: Kein bestimmter, aber das letzte Spiel gegen die Bayern war natürlich schon krass. Vidal, Thiago, Alonso – das ist schon hart, was da im Mittelfeld auf einen zukommt. Das war das schwerste Spiel meines Lebens. Ich bin nur gerannt, das war eine wichtige Erfahrung.

Bist Du vor solchen Duellen noch ehrfürchtig, da du nun gegen Spieler antrittst, die du früher im Fernsehen bewundert hast?

Amiri: Das ist für mich immer noch besonders. Vor allem Alonso war früher ein Idol, auch an der Playstation bei Fifa habe ich immer mit ihm gespielt. Und dann steht er plötzlich auf dem Platz vor mir, wir führen Zweikämpfe und klatschen danach ab. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, finde ich es selbst Wahnsinn. Im Spiel will ich aber nur gewinnen und es ist mir egal, wer mir gegenübersteht.

Hast Du Dir auch mal ein besonderes Trikot gesichert?

Amiri (lacht): Ja, letzte Saison das von Thiago. Er ist ein unglaublicher Spieler. Ich habe erst überlegt, ob ich wirklich fragen soll. Dann habe ich es einfach gemacht und er hat mit mir getauscht. Das Trikot hat zu Hause natürlich einen Ehrenplatz, da bin ich wie jeder Fußballfan.

Diese Erlebnisse waren vor knapp eineinhalb Jahren stark gefährdet: Nachdem Du im Frühjahr 2015 schon sieben Bundesliga-Einsätze hattest, wurdest Du zu Beginn der Saison 2015/16 aus disziplinarischen Gründen zur U23 delegiert. War das ein Wendepunkt für Dich?

Amiri: Auf jeden Fall, da hat es bei mir Klick gemacht. Diese Zeit hat mir extrem weh getan, auch meinen Eltern. Sie dachten, dass alles, wofür wir als Familie viel investiert hatten, nun einfach schief laufen kann. Und das so nahe vor dem Ziel. Mein älterer Bruder und mein Cousin, der eine mögliche Karriere wegen solcher Dinge weggeworfen hat, haben mir da ins Gewissen geredet und mich wieder in die richtige Bahn geführt. In diesen Wochen wurde ich reifer und habe zu schätzen gelernt, was ich im Profi-Bereich alles habe. Das war ein Warnschuss, der extrem wichtig für mich war. Es gibt halt Spieler, die machen immer alles richtig und Jungs wie mich, die so etwas brauchen.

Was war denn eigentlich vorgefallen?

Amiri: Darüber rede ich nicht mehr. Das ist kein Thema mehr.

Dabei war die Freude groß, als du Deinen Profi-Vertrag unterschrieben hast. Zu Hause sind Tränen geflossen…

Amiri: Ja, bei mir und meinen Eltern. Das ist ja normal: Sie haben mich jahrelang überall hingefahren. Und ich habe dem Fußball alles untergeordnet. Dann erhält man den ersten Vertrag, das ist ein wahnsinniges Gefühl. Für mich war es das Schönste auf der Welt, meine Eltern so stolz und glücklich zu sehen. Es ist ein Traum, ihnen nun etwas zurückgeben zu können. Dafür, dass sie mein ganzes Leben für mich da waren und meine Profi-Karriere dadurch erst ermöglicht haben. Ich möchte ihnen irgendwann noch mehr zurückgeben. Aber erstmal auch hier noch einmal: Danke Mama, danke Papa.

Ein weiteres Geschenk für sie ist sicherlich, dass du noch zu Hause bei ihnen in Mannheim wohnst und sie dich regelmäßig sehen. Wirst du in der Mannschaft dafür aber manchmal aufgezogen?

Amiri (lacht): Von manchen der Jungs natürlich. Aber das interessiert mich nicht. Für mich macht es keinen Sinn, mir hier eine eigene Wohnung zu suchen, das wäre unnötig. Ich bin gern bei meiner Familie und freue mich auch, dass meine Eltern und mein Bruder immer im Stadion sind.

Bekommst Du danach Tipps von ihnen oder musst dir auch mal Kritik anhören?

Amiri: Von meinem Vater schon. Als ich im Frankfurt-Spiel Kopf-an-Kopf mit meinem Gegenspieler stand, hat er mir gesagt: "Gut, dass du stehen geblieben und nicht umgefallen bist. Sei ein Mann und mach keine Faxen auf dem Platz." Meine Mama hat eher Angst, dass ich mir weh tue, wenn mich einer foult. Aber wenn wir verloren haben, wissen meine Eltern, dass ich sauer bin und gleich in mein Zimmer gehe, wenn ich nach Hause komme, und allein sein will.

Wann sind Deine Eltern aus Afghanistan nach Deutschland gekommen?

Amiri: Sie sind vor fast 30 Jahren vor dem Krieg geflüchtet und haben sich hier wirklich etwas aufgebaut. Meine Mutter hat fast 20 Jahre in einem Altenpflegeheim gearbeitet. Jetzt kann sie es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Mein Vater hat eine eigene Firma,einen LKW-Handel, da arbeitet auch mein Bruder. Die Idee mit den LKW hatte meine Mutter. Beide haben zu Beginn bei Burger King gearbeitet, dann hat mein Vater nebenbei ein paar Autos verkauft und meine Mutter meinte: Warum keine LKW. So hat das angefangen…

Ist der Zusammenhalt in Deiner Familie deshalb so groß, weil Ihr Euch alles hart erarbeitet habt?

Amiri: Wir hatten einen schwierigen Weg und wissen, wo wir herkommen. Egal wieviel Erfolg und Geld man hat, man muss immer bodenständig bleiben. Denn so schnell wie es nach oben ging, kann es auch wieder nach unten gehen. Ich habe von meinen Eltern gelernt, nie aufzugeben und hasse es, zu verlieren. Ich bin ein Kämpfer. Das ist auch bei meinem Vater so: Wenn er nichts verkauft, kommt er nach Hause und redet nicht viel.

Im Hotel Mama zu wohnen ist bestimmt schön und bequem. Hast Du denn keine Lust auf eine eigene Wohnung?

Amiri: Kein bisschen. Es ist vielleicht nicht ganz normal, noch zu Hause zu leben, aber es gibt ja immer ein paar besondere Sachen, sonst wäre es ja langweilig. Und insgesamt bin ich auch völlig frei. Ich könnte auch eine Freundin mit nach Hause bringen. Meine Eltern wissen, dass sie mir vertrauen können und ich keinen Blödsinn mache. Auch wenn das früher anders war (lacht).

Erzähl doch mal …

Amiri: Wir haben als Kinder immer auf dem Bolzplatz in Mundenheim gespielt. Das war ein richtiger Steinplatz mit Staub und Dreck. Wir haben nur gezockt. Doch manchmal sind wir auch einfach ein bisschen in der Innenstadt unterwegs gewesen und meine Eltern haben im Auto das ganze Viertel nach mir abgesucht. Aber der Bolzplatz war unser Treffpunkt, da habe ich viel gelernt, was mir heute noch hilft. Der Untergrund des Bolzplatzes hat ja niemanden gejuckt, wir wollten nur spielen. Und wer dort gelernt hat, hat auf dem Rasen keine Probleme mehr. Man sieht es den Spielern bei uns aber auch an, wo sie herkommen. Manche spielen halt sauber und manche, wie ich oder Kerem Demirbay, ein bisschen mehr mit Beinschüssen und so.

Wer spielt denn besonders sauber?

Amiri: Sebastian Rudy. Er ist der sauberste und eleganteste Spieler, den ich kenne. Bei ihm ist jede Bewegung perfekt. Ich bin halt eher ein Schlitzohr, aber ich liebe es, Straßenfußballer zu sein. Im Winter zocke ich auch wieder mit den Jungs aus meiner Kindheit, dann ist alles wie früher: Wir gehen in eine Soccerhalle und niemand will verlieren, es hagelt Beinschüsse und es geht um die Ehre. Da werde ich auch schnell sauer, wenn es nicht läuft.

Deine Freunde hatten vielleicht eine etwas andere Kindheit als Du. Hat Dir etwas gefehlt, weil Du dem Fußball alles untergeordnet hast?

Amiri: Ich bin so aufgewachsen, das war normal für mich. Ich bereue wirklich nichts. Und im Herzen bin ich ja immer noch ein Kind und der gleiche flachsige Typ mit der großen Klappe wie früher. Aber ich weiß mittlerweile, wann ich erwachsen sein muss.

Wie war es denn damals nach der A-Jugend, bei den Profis mit zu trainieren und charakterstarke Typen wie Eugen Polanski neben sich zu haben?

Amiri: Vor Eugen hatte ich immer schon extrem Respekt. Wenn er was sagt, dann mache ich das auch. Er ist ein absoluter Leader, da muss man einfach zuhören. Sandro Wagner auch, obwohl es am Anfang ein bisschen schwer war mit ihm und seiner Art. Aber wenn man ihn dann kennenlernt und weiß, wie er ist, merkt man, dass er ein super Typ ist, der alles nur tut, um erfolgreich zu sein. Er will der Mannschaft immer helfen.

Ist dir klar, dass Spieler wie Eugen Polanski und Sandro Wagner es in deinem Alter wesentlich schwerer hatten?

Amiri: Ich sitze im Bus schon seit zwei Jahren neben Eugen, da macht er mir die Unterschiede schon klar. Wir müssen vielleicht mal die Trikotkiste aus dem Bus schleppen, er musste damals aber die Schuhe von den anderen Spielern putzen. Das kann ich mir ganz ehrlich niemals vorstellen. Wenn einer zu mir sagen würde: "Putz meine Schuhe!", würde ich das niemals machen, auch wenn das einige vielleicht nicht so gern hören. Aber es ist heute auch anders als früher: die Typen und die Abläufe. Wir putzen höchstens mal die Schuhe von anderen, wenn wir eine Wette oder beim Lattenschießen verloren haben. Aber das bedeutet andersrum ja nicht, dass wir nicht genauso hart arbeiten oder weniger Respekt haben als die Generation vor uns.

Trainer Julian Nagelsmann verkörpert auch eine neue Generation. Du bist unter ihm mit der U19 Deutscher Meister geworden. Hat er sich seitdem verändert?

Amiri: Überhaupt nicht. Außer, dass er noch besser geworden ist. Er ist für mich ein extrem wichtiger Trainer. Seit er mein Coach wurde, ging es für mich bergauf. Auch wenn er mich zu taktischer Disziplin erzieht, lässt er mir Freiheiten. Wenn ein Trainer versucht, mich zu ändern, bin ich nicht mehr ich und kann keine 100 Prozent mehr bringen. Aber Julian kennt mich so gut, dass er weiß, wie er mich nehmen muss. Da kann ich auch mal einen "Beini" probieren. Und ich versuche natürlich, das Vertrauen zurückzuzahlen. Das ist ein extremer Ansporn.

Was sind deine sportlichen Ziele für das Jahr 2017?

Amiri: Ich möchte eine starke Rückserie mit der TSG spielen und somit meine Chancen verbessern, bei der U21-EM dabei zu sein. Das wird bei dem starken Kader extrem schwer, aber ich werde alles geben und möchte natürlich irgendwann auch für die A-Nationalmannschaft spielen. Aber das ist noch weit weg.

Dein Kumpel Leroy Sané, mit dem du auch zusammen in den Urlaub geflogen bist, spielt nun bei Manchester City, einem absoluten Top-Klub. Gibt es einen Verein, von dem du träumst?

Amiri: Wer keine Träume hat, kann nichts erreichen. Aber ich spreche mit Leroy natürlich über solche Sachen. Mein größter Traum in meinem Fußballer-Leben ist aber allgemeiner: Ich möchte Champions League spielen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann das: Diese Hymne auf dem Platz zu hören.

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