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SPIELFELD
29.01.2016

Rosen: "Haben alles in der eigenen Hand"

Alexander Rosen ist seit April 2013 Direktor Profifußball der TSG. Im Interview für das TSG-Monatsmagazin SPIELFELD spricht der gebürtige Augsburger, der selbst Profispieler war, über seinen Lebensweg und die individuelle Verantwortung der TSG-Spieler, dem Verein den Klassenerhalt zu sichern. Auszüge gibt es zur Veröffentlichung von SPIELFELD auf achtzehn99.de

Herr Rosen, hätten Sie als Manager den Spieler Alexander Rosen verpflichtet?

Alexander Rosen: Bis zum Niveau der 2. Bundesliga wahrscheinlich schon, als Erstligist wohl eher nicht. Meine Laufbahn startete zwar als U21-Nationalspieler mit einigen Bundesliga-Einsätzen recht vielversprechend, aber die Zeit war eine andere und bei mir hat es einfach nicht für das Top-Niveau gereicht. Als junger Kerl will man so etwas nicht ganz wahrhaben. Da ist dann der Trainer schuld oder eine bestimmte Verletzung oder irgendein anderer Umstand – Ausreden gibt es viele, aber letztlich setzt sich am Ende dann doch die Qualität durch, wenn eine gewisse mentale Stärke bei einem Spieler ebenfalls vorhanden ist.

Mentale Stärke ist momentan auch bei der TSG gefragt. Wie muss die Mannschaft mit der Situation im Abstiegskampf umgehen?

Rosen: Alle müssen sich auf die Situation einlassen und jeder muss kapieren, dass er für die Situation mitverantwortlich ist. Wir sind das, wofür wir selbst bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Diese Erkenntnis gibt eine unglaubliche Kraft, denn sie führt zu einer selbstbestimmten Entscheidungsfreiheit und bedeutet zugleich das Ende der Opferrolle, das Ende des Lamentierens und das Ende der Schuldzuweisungen. Wir haben alle Chancen unsere Ziele zu erreichen, wenn wir aktiv, selbstverantwortlich und motiviert gemeinsam unseren Weg gehen. Wir dürfen die Macht über das Ergebnis oder über unsere Leistung nicht an andere oder an bestimmte Umstände abtreten, denn dadurch gelangen wir in eine passive Rolle und das bringt uns keinen Schritt nach vorne.

War das ein Faktor für den Verlauf der Hinrunde? Dass nach den knappen Niederlagen gegen Bayer und Bayern und nach den späten Gegentoren lange das Gefühl bestand, gar nicht so schlecht zu sein?

Rosen: Es hat sicherlich zu diesem trügerischen Gefühl beigetragen, dass es eigentlich doch gar nicht so schlecht läuft. Wir wurden nie schwindelig gespielt und haben oft nur knapp verloren. Auch wenn wir selten unser Niveau erreicht haben, hätten wir mit ein bisschen Fortune ohne weiteres sechs Punkte mehr haben können, ohne wirklich besser zu spielen. Aber das haben wir eben nicht. Es ist wie es ist und nicht mehr zu ändern. Und das ist dann auch kein Zufall, das muss man auch annehmen. Ich glaube, wir haben viele Spieler, die schon konstant auf einem höheren individuellen Leistungsniveau gespielt haben als in der Vorrunde der laufenden Spielzeit. Auch schon hier bei uns im Trikot der TSG. Aber das Gefühl, ja eigentlich besser zu sein, ist brandgefährlich. Die Vergangenheit zählt in unserer Situation nichts und auch der Konjunktiv ist ein schlechter Ratgeber. Ich sage es nochmal: es geht nur mit Selbstverantwortung, hoher Eigenmotivation, Vertrauen und harter Arbeit – und jeder hat an jedem Tag die Möglichkeit diesen Weg für sich zu wählen.

Sprechen Sie mit den Spielern über ihre Verantwortung für den Club?

Rosen: Natürlich. Jeder muss sich dieser Situation stellen. Niemand anderes als wir selbst ist für diese Hinrunde verantwortlich. Jeder muss das kapieren und es selbstkritisch formulieren, auch wenn es durchaus wehtun kann zu sagen: ‚Ich bin dafür verantwortlich, dass wir hinten stehen.‘ Wenn sich jeder dessen aber wirklich bewusst ist, kommen wir wie eingangs schon erwähnt aus der Passivität wieder in die Position des aktiven Handelns. Das ist eine wichtige Grundlage, um Situationen zu ändern. Dadurch kommt jeder Einzelne in eine selbstbestimmende Rolle des Anpackens und Gestaltens. Und daraus resultiert Stärke statt Schwäche, auch wenn dieses Eingeständnis zweifelsohne zunächst einmal ein schmerzhafter Prozess sein kann.

Ist das eine Philosophie, die Sie versuchen, auf die Mannschaft zu übertragen?

Rosen: Es ist nach meinem Verständnis eine grundlegende Führungsaufgabe die Selbstverantwortung hervorzuheben. Es gibt vor jeder Situation verschiedene Entscheidungsmuster. Ich muss diese Entscheidungen treffen, die kann mir niemand abnehmen. Und anschließend darf man nicht in Lethargie verfallen und darüber grübeln, was wohl hinter einer anderen Türe verborgen gewesen wäre. Das gilt aber nicht bloß für mich als Manager, sondern auch für den Trainer- und Betreuerstab und die Spieler.

Ist es in dieser Situation sinnvoller, den Druck auf die Spieler zu erhöhen oder den Druck abzubauen?

Rosen: Ich bin überzeugt davon, dass jeder weiß, worum es geht. Die Tabelle lässt da auch keinen Interpretationsspielraum zu, sie zeigt aber auch, was alles möglich ist: sechs, sieben Mannschaften kämpfen da unten um den Klassenerhalt. Wir sind im Winter vom letzten Startplatz ins Rennen gegangen, haben alle Chancen und sind nicht auf andere angewiesen. Wir haben alles in der eigenen Hand – auch diese Erkenntnis darf uns Kraft geben.

Spüren Sie aufgrund der Situation selbst Druck, den Sie mit nach Hause nehmen?

Rosen: "Ich bin ehrgeizig. In den vergangenen fünf Jahren ging es für mich bei der TSG fast nur in eine Richtung: nach oben. Und das in einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit. Ich bin der jüngste Sportliche Leiter in der Bundesliga und war zuvor auch schon der jüngste Nachwuchsleiter. Beinahe alles verlief positiv, es gab bislang kaum gravierende Rückschläge, obwohl die Startvoraussetzungen im April 2013 alles andere als einfach waren. Natürlich gab es mal eine schlechte Phase, aber keine wie im vergangenen Jahr über einen längeren Zeitraum. Natürlich geht das nicht spurlos an mir vorbei, dafür steckt zu viel Herzblut in meiner Arbeit. Aber es ist eine ganz wichtige Kompetenz im Umfeld der Bundesliga, Druck regulieren zu können und damit umzugehen. Man darf sich positiv wie negativ nicht permanent mit der Wahrnehmung von außen beschäftigen. In unserer Zeit ist es eben so, dass alles gerne in Extremen dargestellt wird. Es gibt kaum neutrale Berichterstattung oder Sichtweisen, es geht immer auch um die emotionale Ebene. Sich zu hinterfragen ist wichtig, aber sich plötzlich alles schlechtreden zu lassen ist unsinnig. Ich achte darauf, mir immer bewusst zu sein, aus welchen Gründen wir welche Entscheidungen zum jeweiligen Zeitpunkt getroffen haben. Wichtig ist es zudem, sich außerhalb des Jobs Regulationsmechanismen anzueignen. Bei mir funktioniert der Stressabbau zum Beispiel durch körperliche Aktivität und durch Dinge, die Freude machen: Zeit mit der Familie und Freunden.

Während der Hinrunde gab es Kritik an den Zu- und Abgängen…

Rosen: Es wurde kritisiert, dass wir nach den Einnahmen durch den Firmino-Transfer nicht mehr Geld ausgegeben haben. Die Bilanzen der vergangenen Jahre waren alles andere als positiv. Unser Lizenzspielerkader ist nicht überteuert, aber im Verhältnis zum Umsatz eben nicht durch Erträge aus Ticketing, Sponsoring und Merchandising finanzierbar. Bei den Kosten für den Kader liegen wir in der Liga zwischen Platz zehn und zwölf, beim Umsatz aber im letzten Drittel. Da herrscht also ein Missverhältnis. Um uns diesen Lizenzspieleretat leisten zu können, müssen wir Transfererlöse erzielen. Und wenn wir wie durch den Verkauf von Firmino außergewöhnlich viel Geld einnehmen, werden damit auch die Bilanzen der Vorjahre begradigt. Darüber hinaus ist das eine klare Vorgabe unserer Clubführung, die ich zu 100 Prozent mittrage. So bewegen wir uns auf dem Markt seit drei Jahren und werden das auch weiter tun.

Kapitän Pirmin Schwegler hat in der vergangenen Ausgabe des SPIELFELD den großen Umbruch in der Mannschaft thematisiert. Würden Sie es noch einmal so machen?

Rosen: Jede Personalentscheidung muss unter der Berücksichtigung der jeweiligen Hintergründe differenziert bewertet werden: Das Alter und die Einsatzzeiten eines Spielers, wirtschaftliche Gesichtspunkte oder die Vertragskonstellation im Hinblick auf Laufzeit und Vergütung. Bei vielen Beobachtern gab es einen gefühlten Umbruch, weil Spieler gegangen sind, die schon sehr lange dabei waren. Näher betrachtet – wenn wir die Vorrunden der Spielzeiten 2014/15 und 2015/16 übereinanderlegen – ist der faktische Umbruch aber gar nicht so groß. 2014 spielten wir die zweitbeste Hinserie der Vereinsgeschichte mit 26 Punkten. Da haben in 15 von 17 Spielen immer acht oder neun Spieler in der Startformation gestanden, die jetzt noch im Kader sind. Firmino und Beck sind als unangefochtene Stammspieler weg, ansonsten hat mal ein Modeste, mal Salihović oder Schipplock gespielt, Abraham aber zum Beispiel in diesem Zeitraum nie von Beginn an. Wir haben also genug Spieler bei uns, die ihre Qualität schon nachgewiesen haben. Dazu kamen Schmid, Vargas, Schär, Kurányi und Kadeřábek. Irgendwann muss ein Verein Veränderungen vornehmen, um die nächste Phase vorzubereiten. Das trifft jeden Bundesligisten. Es gilt zwischen dem gefühlten und dem tatsächlichen Umbruch zu unterscheiden.

Hannover hat in der Winterpause groß eingekauft. Die TSG dagegen hat sich zurückgehalten.

Rosen: Zwischen Aktivität und Aktionismus ist oft nur ein schmaler Grat. Wir lassen uns auch nicht von anderen treiben. Wir legen klare Parameter an: Der Spieler muss uns helfen und zu uns passen. Alles andere wären Alibi-Aktionen. Transfers im Winter vorzunehmen, ist sehr komplex. Und Platz 18 strahlt auch nicht den größten Reiz aus, da zuckt mancher schon zusammen.

Wie beurteilen Sie das Risiko, Ádám Szalai an den direkten Konkurrenten Hannover abzugeben?

Rosen: Das ist immer eine Frage der Alternative und der Angebote. Was macht man mit einem Spieler, der kaum zum Einsatz kam, zwölf Mal nicht im Kader war und ein gewisses Budget blockiert? Wenn er gehen will und der Trainer nicht mit ihm plant, muss eine Entscheidung getroffen werden. Bayern kann einen Spieler dann einfach auf der Tribüne sitzen lassen, wir nicht. Die Gefahr, dass ein Spieler den man verleiht oder verkauft, egal wann und egal wohin, gegen seinen Ex-Club trifft, besteht doch immer. Da sind wir wieder bei der Eigenverantwortung: Wir müssen auf uns schauen! Es kommt darauf an, wie wir punkten.

Im Abstiegskampf 2013 waren schon einige der aktuellen TSG-Profis dabei, Sie haben die spektakuläre Rettung selbst erlebt. Huub Stevens ist ohnehin sehr erfahren. Ist das ein Pluspunkt für die Rückserie?

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Das komplette Interview gibt es im TSG-Monatsmagazin Spielfeld. Das Magazin liegt im Fanshop an der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena aus und kann über achtzehn99.de abonniert werden.
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