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SPIELFELD
08.11.2016

Schützenkönig aus dem Kohlenpott

Seit dieser Saison spielt Kerem Demirbay für die TSG und genießt das Leben in seinem neuen Wohnort Mannheim. Der 23-Jährige zeigte in der vergangenen Spielzeit herausragende Leistungen für den Zweitligisten Düsseldorf – und will sich nun in der Bundesliga durchsetzen. Das Ziel steckte er sich als Teenager und erlangte in seiner Heimat Gelsenkirchen sehr schnell regionale Berühmtheit.

Kerem Demirbay aus Herten ist ein heimatverbundener Typ. Und so lautete das Motto der Wohnungssuche nach seinem Wechsel zur TSG in etwa: "Man kann Kerem aus dem Kohlenpott holen, den Pott aber nicht aus Kerem." Die Wahl fiel auf Mannheim, für ihn quasi der Kohlenpott der Kurpfalz. Die Stadt hat einen speziellen Charme, den nur nicht jeder sofort erkennt.

Als Experte für Städte mit besonderen Vorzügen war Demirbay aber schnell überzeugt: "Die Stadt ist multikulti, es ist viel los und laut – so wie bei mir im Revier. Ich bin gern draußen und habe keine Berührungsängste oder Probleme, mich mit anderen Menschen zu unterhalten. Respekt und Ehre sind sehr wichtig für mich und wurden mir in meiner Kindheit beigebracht. Darum bin ich zu jedem freundlich, der zu mir freundlich ist."

Volle Konzentration auf die TSG

Aufgewachsen ist der 23-Jährige in Gelsenkirchen-Buer, Essen und Oberhausen. Demirbay ist sozusagen seit Kindestagen ein Liebhaber jener Regionen geworden, in denen sich Stadtleben und Industrie vermählen. Bei der Wohnungssuche hat er auch an seine Freunde und die Familie gedacht, fern der Heimat sollen sie sich heimisch fühlen. Auf das Land zu ziehen, kam für ihn niemals in Frage. "Die Leute sind bei uns zu Hause ja ein bisschen offener als hier. Wenn ich Besuch habe, sollen alle die Zeit genießen und niemand soll sich verloren fühlen."

Demirbay selbst genießt die Zeit in der neuen Heimat, zu der für ihn natürlich auch der Kraichgau zählt. Das Trainingsgelände in Zuzenhausen, der Ursprung des Klubs in Hoffenheim und die Arena in Sinsheim – der Mittelfeldspieler hat die Region kennen und schätzen gelernt. Nach rund drei Monaten bei der TSG fühlt sich Demirbay auch östlich von Mannheim "zu Hause": "Ich habe meine Wohnung und meinen Job, bin in der Mannschaft angekommen und kann mich nur noch auf mein Spiel konzentrieren. Das ist ein gutes Gefühl und sehr wichtig für mich."

Die Fokussierung auf den Fußball ist der Grundstein für die gute Form. Der Neuzugang lässt keinen Zweifel daran, dass in den Trainingseinheiten unter Julian Nagelsmann der Kopf ebenso ausgeruht sein muss wie der Körper. Der Konkurrenzkampf ist groß, das Training anspruchsvoll. Aber Demirbay genießt den Wettkampf, die Herausforderung und die Highlights an den Wochenenden. Er hat lange warten müssen, bis er sich in der Bundesliga durchsetzte und sich so seinen Kindheitstraum erfüllte.

Legendäre Urlaubsschüsse

Geld verdiente Demirbay dabei schon früh mit dem Fußballspielen – in den jährlichen Urlauben in der Türkei. Als Teenager war er regelmäßiger Gast auf der Kirmes in der Stadt Devrek, in der er mittlerweile einen Brunnen bauen ließ und regelmäßig Schuhe und Bälle spendet. Als kleiner Junge bot die Heimat seiner Eltern in der türkischen Provinz Zonguldak am Schwarzen Meer eine ganz besondere Attraktion: ein etwas anderes Fußball-Wettschießen.

Mit leuchtenden Augen erzählt er von den frühen Heldentaten. "Da stand ein kleiner Junge in einem riesigen Tor aus Holz, bestimmt 17 Meter breit und 20 Meter hoch. Es war eigentlich unmöglich, nicht zu treffen. Obwohl die angekündigten 11 Meter mindestens 35 Meter waren." Pause. Demirbay lacht. Den Kopf leicht angewinkelt, den Blick zur Decke gerichtet, sprudelt es dann wieder aus ihm heraus. "Das war völlig abgefahren. Man hat umgerechnet zwei Euro für drei Schüsse bezahlt. Und wenn man drei Mal getroffen hat, bekam man fünf Euro oder eine Schachtel Kippen. Als Zwölfjähriger habe ich da schon gewonnen, und mit 17, 18 immer noch teilgenommen und geschossen."

Doch dann war der Spaß plötzlich vorbei. Der Stammgast erhielt Spielverbot. "Der Besitzer wurde irgendwann sauer. Sie hatten doch schon statt eines Lederballs einen flatternden Plastikball verwendet. Da ich immer noch getroffen habe, hat er dann zu mir gesagt: 'Du schießt hier nicht mehr, geh‘ weg.' Der war richtig sauer. Dabei habe ich mein Preisgeld immer dem kleinen Torwart geschenkt."

Der Deutschland-Reisende

Zu dieser Zeit war er in Gelsenkirchen schon ein regionaler Star. Kerem kickte damals in der Jugend des FC Schalke 04 – mit einem kongenialen Partner: Julian Draxler. "Wir haben zusammengespielt und in der Jugend alles auseinandergenommen. Immer wenn wir gegen andere Vereine gespielt haben, meinten die Gegner nur: Wir spielen gegen Julian und Kerem. Er vor mir, ich hinter ihm, da haben wir alles zerstört. Das war eine super Zeit." Doch das Duo mit vier Füßen trennte sich, Demirbay ging nach Dortmund, lehnte dort einen Profi-Vertrag unter Jürgen Klopp ab und wechselte zum Hamburger SV.

Statt beim HSV durchzustarten, wurde er zum Deutschland-Reisenden. Erst führte ihn seine persönliche Work-and-Travel-Erfahrung nach Kaiserslautern, dann nach Düsseldorf. Zweitliga-Kampf statt Erste-Klasse-Fußball. Hauen und Stechen statt Zaubern und Tricksen. Trotz des sportlichen Rückschritts blickt Demirbay zufrieden auf die Lehrjahre zurück. "Die beiden Jahre haben mir und meiner Entwicklung gut getan. Ich kam weg vom lockeren Kicken und Spielen. Da ging es richtig zur Sache, ich musste mich durchsetzen und körperlich zulegen. Das hat mir geholfen. Natürlich hätte ich meinen Durchbruch auch gern früher gehabt. Nun aber bin ich hier gelandet und sehr froh darüber."

Mit dem Erklimmen der Bundesliga-Bühne gibt sich Demirbay aber nicht zufrieden. Die Motivation ist riesig, er will es seiner Familie, seinen früheren Kritikern und vor allem sich selbst beweisen. "Ich habe lange für dieses Ziel gearbeitet und auch noch ein paar offene Rechnungen mit ein paar Leuten, die immer babbeln. Ich bin da, wo ich hin wollte und will jetzt über die Schwelle treten." Der Weg bis zum Ziel verlief dabei nicht immer geradlinig – das im Ruhrpott gesteckte Ziel verlor Demirbay aber nie aus den Augen: "Ich habe meinem Vater schon als Zehnjähriger versucht zu erklären, dass ich keine Hausaufgaben machen muss, da ich Fußballprofi werde. Das gab immer mächtig Ärger zu Hause, aber mittlerweile hat er es akzeptiert. Für mich gab es nie etwas anderes."

Spielerprofil von Kerem Demirbay >>

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