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SPIELFELD
07.03.2016

Kai Herdling: "Es gab Bessere als mich“

Kai Herdling ist das Urgestein der TSG. Im Interview erklärt der Neckarsteinacher seine Vereinstreue, schildert die Entwicklung des Klubs in den vergangenen Jahren und spricht über den langwierigen Kampf gegen seine Verletzungen.

Du bist der Spieler im Bundesliga-Kader, der mit Abstand am längsten der TSG angehört. Seit 2002 spielst du, mit kleinen Unterbrechungen, für den Club. Mit 31 musst du deine Karriere auch noch nicht beenden, aber nach so einer langen Zeit ist die Frage erlaubt, wie Du deine sportliche Laufbahn rückblickend bewertest?

Kai Herdling: Ich habe in den 14 Jahren alles kennengelernt, es gab Höhen und Tiefen. Ich hatte Rückschläge, gerade in letzter Zeit, aber genauso auch die schönen Seiten erlebt. Das alles hat mich geprägt und weitergebracht, auch als Persönlichkeit. Ich spüre eine gewisse Demut, dass ich den Job des Fußballprofis ausüben darf. Ich weiß, das ist ein Privileg und ich bin froh, dass mein Körper das mitgemacht hat. Aber das, was man den jungen Spielern heute predigt, das war mir immer bewusst: Dass es mit dem Fußball wegen einer Verletzung von heute auf morgen vorbei sein kann. Auch das hat mich geprägt.“

Was bedeutet dir diese ungewöhnliche Treue zur TSG? Und was die beiden jeweils recht kurzen Abstecher zu anderen Clubs?

Herdling: Ich werde vielleicht der erste Spieler sein, der hier seine Bundesliga-Karriere beendet. Alle, die den Bundesliga-Kader bisher verlassen haben, haben woanders weitergemacht. Ich bin hier zu Hause, hier fühle ich mich wohl, ich möchte den Verein nicht missen. Ich habe diese beiden Auswärtspartien spielen dürfen, aber auch zweimal die riesige Chance erhalten, wieder zur TSG zurückzukommen. Mir ist nach beiden Abstechern klargeworden, dass dieser Verein meine Heimat ist.

Du hast 2012 den Sprung in die USA gewagt und in der Profiliga MLS einige Monate für Philadelphia Union gespielt. Wie kam es zu dem Wechsel?

Herdling: Der frühere Bundesliga-Profi Piotr Nowak war dort Trainer und ist auf mich aufmerksam geworden. Außerdem gab es einen Kontakt von der TSG Hoffenheim in den Vorstand des Clubs. Das
Projekt Ausland hatte mir schon länger im Kopf rumgeschwirrt. Ich fand es interessant, eine neue Kultur kennenzulernen, auch die Sprache mitzunehmen. Das alles kann das weitere Leben prägen. Und dazu kam, dass meine Frau nach der Geburt unserer ersten Tochter relativ frei war in ihrer Entscheidung. Das Gesamtpaket hat einfach gepasst. Da es für die TSG und mich ein Ausleihprojekt war, konnte ich im Endeffekt nur gewinnen.

Und wie hast du die Zeit konkret erlebt?

Herdling: Auch dort habe ich Höhen und Tiefen kennengelernt. Zu Anfang bekam ich durch Piotr Nowak viel Unterstützung, doch als er entlassen wurde, konnte ich die andere Seite kennenlernen. Aber auch, dass man die Tiefen erlebt, macht das Leben lebenswert. Ich bin unheimlich dankbar dafür, dass ich nicht nur alles positiv sehen konnte, sondern auch Rückschläge überstehen musste. Das hat mich auch in meinem Wesen geprägt. Das hilft mir jetzt auch bei der Erziehung meiner beiden Kinder.

2008 hattest du noch einen kleinen Ausflug zu Waldhof Mannheim. Wie kam es dazu?

Herdling: Ich hatte damals das Gefühl, dass es bei mir hier einen Stillstand gab. Wir waren in die Bundesliga aufgestiegen, der Konkurrenzkampf war groß. Ich habe mich gefragt, ob es richtig ist, bei der TSG zu bleiben. Waldhof startete ein interessantes Projekt. Wegen meiner regionalen Verbundenheit habe ich mich dann für den Wechsel entschieden. Aber in Mannheim hat es sich anders als erwartet entwickelt. Die TSG hatte mitbekommen, dass es nicht lief und wollte mich zurückholen. Und für mich war der Club der einzige Ansprechpartner. Dann kam ich also im Winter 2008/09 nach einem halben Jahr zurück, zum Herbstmeister der Bundesliga. Das war auch nicht ganz so schlecht.

Fast acht Jahre Bundesliga hast du bei der TSG mitbekommen, abgesehen vom kurzen MLS-Abstecher. Als du aus den USA zurückkamst, hast du gesagt, du würdest dir keine Illusionen machen, noch einmal Bundesliga zu spielen. Doch es kam völlig anders, du hast speziell unter Markus Gisdol recht viel gespielt. Wie erklärst du dir, dass es in deiner Karriere ein gewisses Auf und Ab gab?

Herdling: Da kommt viel zusammen. Ich bin so selbstkritisch, dass ich klar sagen kann: Es war auch das Talent. Es gab Spieler, die einfach besser waren als ich. Aber auch das Mentale spielte eine Rolle.
Ich war nicht in allen Phasen so stabil für den Job. In jungen Jahren war es so, dass ich dachte, mit meinem Talent schaffe ich es. Dann habe ich aber nicht immer genug dafür getan, um den Traum Profi schon früher leben zu dürfen.

Bedauerst du das aus heutiger Sicht?

Herdling: Ich bin der falsche Typ dafür, dass ich in der Vergangenheit lebe. Man macht so viele Erfahrungen im Leben, die man hinterher nicht ändern kann. Aber man kann es dann in Zukunft besser machen. Hansi Flick hat mich als A-Jugendlicher zu Hoffe geholt, er hat mir ein Stück weit den Weg geebnet. Er hat immer das Beste für mich gewollt und mir mehrmals in der Woche gepredigt, dass ich mehr machen muss. Aber damals fiel es mir schwer, das zu akzeptieren.

Dietmar Hopp hat nach deinem Tor zum großartigen 3:2-Triumph im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen im Dezember 2003 gesagt, Kai Herdling wird der erste Nationalspieler der TSG. Das geschah vielleicht aus der Begeisterung heraus, war aber auch eine Anerkennung deiner Leistungsfähigkeit. Und du trauerst wirklich nicht einer verpassten Chance nach?

Herdling: Nein, gar nicht. Ich bin dankbar dafür, dass meine Karriere so gelaufen ist, wie sie gelaufen ist. Es fehlt nichts.

Sind deine jungen Mitspieler im Kader, die aus der Jugend der TSG kommen, ehrgeiziger als du und deine Generation es vor etwa 15 Jahren waren?

Herdling: Heute ist die Einstellung der jungen Spieler anders. Wenn man die Talente sieht, die bei uns sind, und was sie investieren, dann ist das sehr gut. Sie machen nach den Trainingseinheiten noch Extraschichten im Kraftraum oder andere individuelle Sachen. Die Jungen merken, dass sie es ein Stück weit leichter haben, oben reinzurutschen. Für die Clubs ist ja zur Philosophie geworden, Spieler aus der eigenen Jugend in den Bundesliga-Kader einzubauen. Das ist sehr sinnvoll. Dabei geht es auch um wirtschaftliche Aspekte. Jeder Club braucht die von der DFL vorgeschriebenen, so genannten ‚local player’. Und wer es schafft, junge Spieler rauszubringen, kann damit gutes Geld verdienen. Diese Zielsetzung finde ich sehr positiv.

Noch einmal zu deiner früheren Zeit bei der TSG. Außer Hansi Flick hattest du mit Ralf Rangnick einen weiteren inzwischen sehr bekannten Trainer. Welche Rolle hat er für dich gespielt?

Herdling: Ralf Rangnick hat mich insofern geprägt, dass er den Fußball noch einmal auf eine andere Dimension gehoben hat, auch für mich persönlich. Seine Philosophie, seine Strategie und auch sein Gedanke, wie er Fußball gelebt hat – das war ganz anders, als wir das kannten. Er hat mich geprägt, was den Fußball betrifft, zum Beispiel das aggressive Nach-Vorn-Spielen, was dann auch Markus Gisdol mit seinem Konzept weitergeführt hat.

Du bist das Urgestein der TSG, die einen nach wie vor einzigartigen Aufstieg im deutschen Fußball hingelegt hat. Wie siehst Du die Entwicklung?

Herdling: Sie war einzigartig, aber sie war auch rasant schnell, ganz besonders unter Ralf Rangnick. Wir sind 2008 aufgestiegen in die Bundesliga, nachdem wir zwei Jahre durchmarschiert waren. Dann kam der Wahnsinnserfolg mit der Herbstmeisterschaft. Da schoss die Erwartungshaltung in der ganzen Region, aber vielleicht auch die im Verein, auf ein ganz anderes Niveau. Das Komplettpaket musste aber erst wachsen, und das hat gedauert. Aus der Jugendakademie kamen die ersten Spieler wie Niklas Süle erst 2012/13 in den Profikader. Es gab Entwicklungen, die der Verein erst einmal machen musste. Deswegen gab es vielleicht auch einmal das Tal, in dem wir unseren Weg etwas verloren hatten.

Meinst Du, dass die TSG zu schnell gewachsen sein könnte?

Herdling: Ich glaube, dass die TSG auf allen Ebenen gewachsen ist und damit Schritt gehalten hat, was in der Bundesliga nötig ist. Aber so etwas braucht vielleicht auch Zeit, damit es sich nach dem Wachstum noch festigt. Das ist eigentlich ein ganz normaler Anpassungsprozess.

Was hat sich während Deiner Karriere geändert: Ist das Business rauer oder unpersönlicher geworden? Ging es früher kameradschaftlicher zu?

Herdling: Da gab es auch einen normalen Anpassungsvorgang. In dem Moment, in dem ein Klub in der Bundesliga spielt, ändern sich die Erwartungen. Der Markt öffnet sich, er ist nicht mehr nur regional. Damals hat man sich nach Spielen im Klubhaus getroffen und noch ein Bierchen getrunken. Aber es ist doch klar, dass das nicht mehr geht. Die Spieler, die nun zur TSG kommen, stammen aus anderen Regionen und anderen Ländern. Alles ist professioneller und so muss es auch sein. Fankontakte im Klubhaus gibt es auch bei keinem anderen Bundesligisten mehr. Wichtig ist es doch, dass unsere Region in der Bundesliga vertreten ist. Die TSG hat keine große Stadt im Rücken, aber eine ganze Region. das ist etwas Besonderes in der Bundesliga. Das sollten wir pflegen, es ist genau das Projekt, dass wir betonen sollten. In dem Punkt sind wir anders als die anderen Bundesligisten.

Wie empfindest Du Deine Stellung in diesem besonderen Klub?

Herdling: Grundsätzlich ist es so, dass hier Menschen arbeiten, die unheimlich dankbar sind und es wertschätzen, wenn einer lange hier ist. Und andererseits ist es so, dass ich diesen Menschen auch dankbar bin, dass ich bisher so lange hier sein durfte. Es ist also eine beiderseitige Wertschätzung vorhanden. Ich glaube, ich werde bei der TSG auch in Zukunft nie Probleme bekommen.

Du hast auch eine spezielle Verbindung zum Hauptsponsor SAP. Kannst Du sie einmal beschreiben?

Herdling: Ich habe eine Berufsausbildung bei der SAP gemacht. Herr Oswald, der dem Vorstand angehört, hat mir damals sehr geholfen, als ich bei der SAP zum Bürokaufmann ausgebildet wurde, aber auch in meiner weiteren Entwicklung. Wenn ich ihn oder Dietmar Hopp bei Spielen im Stadion treffe, dann begrüße ich sie natürlich. Ich bin ihnen sehr dankbar.

Hast Du damals nach der Schule gewusst, dass es gut ist, neben dem Fußball einen Beruf zu lernen?

Herdling: Mein Vater hat Druck gemacht, dass ich die Ausbildung mache. Mein Daddy war alte Schule. Seine Vorschrift war, wenn du die Ausbildung nicht durchziehst, kannst du den Fußball vergessen. Ich musste sie machen, sonst hätte es Feuer gegeben. Aber ich war meinen Vater sehr schnell dankbar dafür, dass er damals darauf bestanden hat. Außerdem bin auch gern einer, der über den Tellerrand schaut.

Du hast auch noch ein Studium als Sportfachwirt absolviert.

Herdling: Als ich 25 war, habe ich das angefangen, aus Lust neben dem Beruf des Fußballprofis noch etwas zu machen. Es war ein Fernstudium an der IST in Düsseldorf. Und ich war zudem zweieinhalb Jahre Co-Trainer von Frank Fröhling bei der U15 hier im Verein.

Nun noch einmal in die aktuelle Zeit: Nach der Saison 2012/13 mit der Relegation, ist in dieser Saison wieder eine heftige Krise eingetreten. Glaubst Du daran, dass noch alles ins Lot kommt?

Herdling: Wir sind immer noch auf einem guten Weg. Der Verein hat ein gutes Konzept und eine super Jugendarbeit mit vielen Talenten. Leider lief es in dieser Saison nicht optimal. Aber wenn man einen absoluten Leistungsträger wie Roberto Firmino verkauft, verkraftet das ein Club nicht so leicht. Vieles ist dann richtig unglücklich gelaufen.

Du hast auch gesagt, dass Fußball ein Kopfspiel ist, dass oft das Mentale entscheidend ist.

Herdling: Man kann doch Borussia Dortmund als Beispiel nehmen. Es kann doch keiner erzählen, dass die Spieler in der Hinrunde der vorigen Saison nichts mehr konnten oder Jürgen Klopp plötzlich ein schlechter Trainer geworden wäre. Das war alles ein Kopfproblem. In der Rückrunde hat der BVB dann ja auch die Kurve bekommen. Man kann im Fußball meist weder das extrem Negative noch das extrem Positive genau begründen. Man muss einfach immer daran glauben, dass man es packen kann. Und natürlich braucht man Erfolgserlebnisse.

Ist Borussia Dortmund also ein Vorbild?

Herdling: Man kann die Einstellung, die diese Mannschaft in der Krise entwickelt hat, ganz klar als Vorbild nehmen. Es gibt so viele Beispiele im Fußball, wo Klubs plötzlich unerklärlich unten stehen. Chelsea ist eine der besten Mannschaften in Europa und kommt unten nicht weg. So trifft es auch die Großen. Und genau so hat es uns getroffen. Aber da kann man sich wie Dortmund rauskämpfen.

Mit einem Abstieg willst Du nicht aufhören. Stammt der Satz von Dir?

Herdling: Ja, das habe ich gesagt. Und das wird auch nicht passieren. Meine aktuelle Situation empfinde ich auch deswegen als undankbar, weil ich der Mannschaft in der schwierigen Lage nicht helfen kann, egal was ich mache. Diese Phase schmerzt mich unheimlich, am Knie und im Kopf.

Hoffst Du, noch einmal eingreifen zu können und sei es als guter Sparringspartner im Training?

Herdling: Mein erstes Ziel ist es, wieder gesund zu werden. Nach der Verletzung, die ich mir durch einen Schlag auf das Knie beim Training im Februar 2015 zugezogen habe, musste ich lange in der Reha arbeiten. Es war extrem hart, aber es lief ganz gut. Doch nach einem Testspiel vor ein paar Wochen hat das Knie doch wieder reagiert. Es ist leider eine schwere Verletzung am Knorpel, dritter oder vierter Grad. Jeder Fußballer weiß, was das bedeutet. In der Reha versuche ich alles, um wieder auf den Platz zurückzukehren. Ob das Knie dann hält, ist die zweite Frage. Es kann sein, dass es dann darum geht, ob ich überhaupt noch einmal Sport machen kann.

Hoffen wir das Beste für Dich. Kannst Du aber damit rechnen, weiter für die TSG arbeiten zu können, dann eben mit einer anderen Aufgabe?

Herdling: Ich habe die Rückendeckung, dass ich mir darüber keine Gedanken oder sogar Sorgen machen muss. Ich bin in dieser Sache im engen Austausch mit dem Verein.

Kai Herdling und die TSG Hoffenheim werden also weiter zusammengehören?

Herdling: So ist es.

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