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SPIELFELD
02.11.2015

Niklas Süle: "Es ist ein Haifischbecken"

Niklas Süle spricht über den Weg vom 14-jährigen Schüler zum Profi-Fußballer, seinen begabteren Bruder, die Rückkehr nach dem Kreuzbandriss und seine Vorbildrolle für den Nachwuchs.

Niklas, du hast deine sportliche Zukunft im Mai geklärt – und deinen Vertrag bei der TSG bis 2019 verlängert. Die Begeisterung im Klub und bei den Fans war groß. Ist dir bewusst, dass du in jungen Jahren schon ein derart wichtiger Faktor für Team, Fans und Verein bist?

Niklas Süle: "Ich fühle mich als wichtiger Bestandteil der Mannschaft, darauf habe ich hingearbeitet. Und ich merke auch: Je älter ich werde, desto mehr nehmen die anderen Spieler von mir an – und nicht nur umgekehrt. Aber auch der Verein hat mir immer gezeigt, dass er viel von mir hält. Ich habe schon mit 17 debütiert und als 20-Jähriger trotz des Kreuzbandrisses bereits mehr als 50 Bundesliga-Spiele gemacht. Das zeigt mir, wie sehr hier alle auf mich bauen."

Wie siehst du denn die sportliche Perspektive?

Süle: "Mir gefällt, dass hier etwas langfristig aufgebaut werden soll. Wir haben ein richtig gutes Team, wollen und können hier was erreichen. Davon bin ich absolut überzeugt, auch wenn die ersten Spiele von den Ergebnissen her nicht gut waren. Wir sind eine unerfahrene Mannschaft. Das war mir bei der Verlängerung aber klar. Es geht vielleicht nicht von heute auf morgen voran, aber vielleicht übermorgen. Ich möchte ein Teil davon sein. Ich hatte andere Optionen, aber ich habe mir gesagt: In diesem Moment – ich sage nicht für immer – aber in diesem Moment ist es das absolut Richtige für mich.“

Du stehst vor einer großen Karriere im Profi-Fußball, bist U21-Nationalspieler, ein Kandidat für die DFB-Olympia- Auswahl. Hättest du Dir Deine so Zukunft vorgestellt, als du mit 14 nach Hoffenheim gewechselt bist?

Süle: "Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass ich Profi werden will und kann. Wenn du den Weg in ein Nachwuchsleistungszentrum, in eine fremde Umgebung fern der Heimat wählst, dann machst du das als 14-Jähriger nicht, wenn du nichts erreichen willst. Ich habe jeden Tag dafür gearbeitet. Talent, Glück und vor allem Wille – darauf kommt es an. Auch ich wusste nicht, ob ich Profi werde, aber ich habe alles dafür getan, es zu schaffen."

Bei deinem Bundesliga-Debüt als 17-Jähriger hast du von der damaligen sportlichen Krise profitiert...

Süle: "Klar, da war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das erste Mal bei den Profis trainiert habe ich ja schon mit 15 unter Holger Stanislawski. Der hat mich richtig gemocht. Dann kamen andere Zeiten, unter Markus Babbel war ich nicht immer dabei, unter Marco Kurz nie. Dann kam Herr Gisdol und hat zu mir gesagt: Ich brauche junge Spieler und werde Talente heranführen. Das war perfekt für mich."

Als du 2010 kamst, war die TSG ein anderer Verein. Wie hast du das Wachstum des Clubs miterlebt?

Süle: "Das ist ja das Besondere für mich hier bei der TSG. Ich bin mit Kai Herdling fast am längsten hier, obwohl das für einen 20-Jährigen ja komisch ist. Diese Entwicklung zu sehen, wie viel mehr Interesse und Begeisterung der Verein auslöst, wie dann die ganzen Zentren aufgebaut wurden – das ist großartig. Und ich fühle mich immer noch so wohl wie am ersten Tag.“

Die Nachwuchsarbeit und die technischen Möglichkeiten sind die großen Trümpfe für die Zukunft. Glaubst du, dass noch mehr Jugendspieler den Sprung in die Stammelf der Profi-Mannschaft schaffen?

Süle: "Die Möglichkeiten für junge Spieler hier sind unglaublich, das ist einmalig. Es werden noch viele Talente hochkommen, ganz sicher. Wir haben ja auch dieses Jahr wieder drei Jungs dazubekommen (Ochs, Rapp, Gimber; Anm. d. Red.). Man sieht, dass sie sehr viel Qualität haben, auch wenn es nicht bei jedem so schnell geht. Aber die Talente werden bei den Profis integriert. Das ist auch der Weg, den die TSG gehen muss. Hoffenheim ist ein Ausbildungsverein mit super Möglichkeiten.“

Die Nachwuchsarbeit war ja auch ein Argument für dich, um mit 14 Jahren in den Kraichgau zu wechseln.

Süle: "Ich hatte ja vorher lange bei Eintracht Frankfurt gespielt, war Jugendnationalspieler. Aber ich merkte, dass ich die Doppelbelastung mit der Schule nicht mehr hinkriege. Meine Eltern hatten ja schon überlegt, mich wieder bei meinem Heimatclub anzumelden. Meine Mutter hat immer gesagt: 'Der hat nur Fußball im Kopf, der packt das so nicht.'"

Und über Darmstadt ging es in den Kraichgau.

Süle: "Ich hatte Angebote von Nürnberg, Leverkusen und Hoffenheim, habe mir alles angeschaut und war von Hoffenheim direkt begeistert. Und meine Mutter erst. Der war Fußball ja ziemlich egal, aber das schulische Konzept der TSG – das fand sie toll."

Und jetzt ist die Mama zufrieden?

Süle: "Ja, nur manchmal mäkelt sie noch, dass ich mit mehr Anstrengung auch mein Abitur hätte schaffen können (lacht). Mir war es wichtig, einen Abschluss zu haben und Profi-Fußballer zu werden. Jetzt habe ich die Schule weg, das ist natürlich das Beste. Jetzt kann ich das machen, was mir am meisten Spaß macht: nur noch Fußball spielen. Im Nachhinein hat sich alles gelohnt."

Dein Bruder Fabian hat in seinem Leben andere Prioritäten gesetzt, obwohl auch er ein talentierter Kicker war, ein Angebot für die U19 von Mainz 05 hatte. Kannst du verstehen, dass er einen anderen Weg gewählt hat?

Süle: "Natürlich, ich bewundere ihn auch für seinen Lebensweg. Er spielt ja Fußball an einem College in New York, weil er ein Sport-Stipendium bekommen hat. Ich sage nach wie vor: Technisch hatte er bessere Möglichkeiten als ich. Von der Mentalität war ich aber anders: Ich bin nicht immer feiern gegangen (lacht)."

Anders als Fabian?

Süle: "Er war viel unterwegs, hat aber auch immer klar gesagt: Ich will den Fußball gar nicht so ernst betreiben und Profi werden. Für mich sind andere Dinge wichtig. Es ist deshalb für uns beide super gelaufen, wir haben unsere Stärken genutzt. Das, was er in der Schule geleistet hat, war nicht so meins. Und dafür fehlte ihm die Mentalität, die ich beim Fußball habe. Es ist schön zu sehen, wie toll es für ihn läuft, auch wenn sein Weg in eine andere Richtung verläuft, als meiner."

Gab es denn Momente, in denen du gedacht hast, dass es auch für jemanden, der schon fast 50 Junioren-Länderspiele bestritten hat, sinnvoll wäre, ein Fernstudium neben der Karriere zu beginnen?

Süle: "Dass es sinnvoll ist, ist mir klar (lacht). Aber ich habe gerade erst mit viel Schwitzen meinen Realschulabschluss geschafft. Es war natürlich mein Ziel, auch mein Fach-Abi zu machen. Nicht nur wegen der Verletzungsgefahr, sondern auch, weil die Zeit nach der Karriere ja ebenfalls wichtig ist. Aber ich musste schon in der Realschule eine Klasse wiederholen, da ich durch den Fußball 80 Fehlstunden in einem Jahr hatte. Darum dachte ich dann erst einmal: Ich habe einen Abschluss gemacht, das war mir wichtig. Aber wenn ich jetzt noch drei Jahre lang neben der Profi-Karriere mein Fach-Abitur mache, dann schaffe ich beides nicht. Jetzt bin ich Stammspieler und ganz zufrieden mit der Entscheidung. Mal schauen, was in der Zukunft passiert."

Nach deinem Kreuzbandriss im Dezember 2014 hast du fast acht Monate pausiert. Hast du Dir Gedanken gemacht, was die Verletzung im schlimmsten Fall für deine Zukunft bedeuten könnte?

Süle: "Ich habe nie darüber nachgedacht, dass mich die Verletzung stoppen könnte. Es gab nur einen Gedanken: Ich will noch stärker zurückkommen. Ich hatte auch keine Bedenken, weil mein Vater und mein Bruder schon jeweils einen Kreuzbandriss hatten und beide wieder auf den Fußballplatz zurückgekehrt sind. Mein Bruder spielt in seinem College-Team in New York sogar jedes Spiel auf Kunstrasen und hat keine Probleme. Der Zuspruch meiner Familie hat mir sehr geholfen."

Welche Rolle spielte der Club?

Süle: "Die Unterstützung von Mannschaft und Verein war wahnsinnig wichtig. Es war sehr emotional, als die Kollegen am Tag nach der Verletzung zu mir kamen, als ich auf Krücken zum Trainingsplatz humpelte. Die Hilfe der TSG war auch ein Grund, meinen Vertrag bis 2019 zu verlängern. Ich habe gesehen, dass es dem Verein wirklich wichtig ist, dass ich bleibe. Ich wurde sogar in Dietmar Hopps Hotel nach Frankreich eingeladen und konnte dort zehn Tage lang meine Reha fortsetzen." (Zur Multimedia-Reportage über Niklas Süles Comeback)

Im ersten Moment war die Verletzung sicher ein Schock. Aber hatte die Auszeit vielleicht auch positive Seiten?

Süle: "Natürlich wäre ich lieber gesund geblieben (lacht). Aber für meinen Geist und meine Erfahrung war das nicht negativ. Ich habe viel über meinen Körper gelernt, bin professioneller geworden und weiß, dass ich mich pflegen muss, wenn ich mal kleinere Blessuren habe. Darum habe ich der Verletzung sogar etwas zu verdanken."

Nun stehst du wieder regelmäßig auf dem Rasen. Welches Level hast du schon wieder erreicht?

Süle: "Körperlich bin ich wieder bei 100 Prozent. Am Anfang hat noch ein bisschen die Wettkampfpraxis gefehlt. Aber nach Tests wie gegen Leeds United habe ich mir gedacht: Die haben 90 Minuten nur getreten, aber mein Knie hat gehalten. Das Vertrauen wurde dann immer größer und auch vom Kopf her ist nun alles wieder normal. Jetzt bin ich wieder voll da."

In der letzten SPIELFELD-Ausgabe haben dich die Jung-Profis Patrick Ochs, Nicolai Rapp und Benedikt Gimber als Vorbild bezeichnet und betont, wie sehr du ihnen hilfst. Freut dich dieser Stellenwert?

Süle: "Natürlich, denn diese Rolle ist mir auch sehr wichtig. Ich hatte damals auch Spieler, die mich an die Hand genommen haben und mir gezeigt haben, wie es bei den Profis so läuft und wie man es schaffen kann. Andreas Beck hat zum Beispiel gesagt: 'Stell vielleicht mal Deine Ernährung um und mach ein bisschen Krafttraining...'"

...das hast du dir ja offensichtlich zu Herzen genommen...

Süle: (lacht) "... ja, allerdings. Und jetzt möchte ich jemand sein, der die jungen Spieler heranführt. Weil ich ja selbst noch jung bin, weiß ich genau, wie es für mich war. Für junge Spieler ist es nicht immer einfach. Man ist unter Druck, es geht ja auch um viel Geld. Dann bekommt man mal eine Ansage vom Trainer. Da braucht man Spieler, die einem helfen. Denn das Wichtigste in so einem Bundesligaklub ist, Stärke zu zeigen. Wenn Du nicht an Dich selbst glaubst, glaubt niemand an Dich. Wir sind zwar ein Team und verstehen uns wirklich super, letztendlich musst du aber an dich glauben und auf dich gucken. Denn der Profi-Fußball ist schon ein Haifischbecken und nicht immer einfach zu verarbeiten."

Ist das ein großer Unterschied zur U19?

Süle: "Das kann man gar nicht vergleichen. Hier bei den Profis zählt nur Fußball. Man geht auf den Platz, macht seinen Job, will am Wochenende spielen und muss deshalb immer 100 Prozent abliefern. In der Jugend habe ich auch mal mit weniger Ehrgeiz trainiert, wenn ich vorher eine Fünf in der Schule bekommen habe und schlecht drauf war. Dann gab es Ärger vom Trainer, man war sauer und am nächsten Tag war es wieder gut. Aber das hier ist mein Job, da gibt es keine Ausrede. Wenn Du nicht funktionierst, setzt der Trainer dich auf die Bank. Das ist ein Konkurrenzgeschäft, auch wenn es nur als Team funktioniert."

Gibt es auch ein sportliches Vorbild?

Süle: "Ich habe kein Idol, weil ich ja mein eigenes Ding machen möchte. Aber es gibt natürlich Spieler, an denen man sich orientiert, bei mir vor allem Jérôme Boateng. Er ist schon derjenige, zu dem ich aufschaue. Darum hat es mich auch umso mehr gefreut, dass er sich bei mir gemeldet hat, als ich mich so schwer verletzt habe. Ich lag im Krankenhaus und hatte plötzlich eine SMS von Jérôme Boateng. Da bin ich kurz ausgerastet, das war schon ein Riesending für mich."

Gibt es auch einen Club, der Dich besonders beeindruckt?

Süle: "Manchester United ist ein Traum, seitdem ich mit zwölf Jahren bei einem Austausch dort war und bei einem Ausflug, auf den Rasen gehen durfte. Ich bin schon ein bisschen verliebt in das Stadion. Insgesamt ist England natürlich reizvoll, weil die körperbetonte Spielweise zu mir passt. Das wäre schon cool, aber jetzt habe ich meinen Vertrag hier ja erst mal verlängert."

Und genießt Du die dörfliche Ruhe des Kraichgau?

Süle: "Eigentlich bin ich eher ein Stadtmensch, obwohl ich in Sinsheim lebe. Mein Bruder lebt in New York, da denkt man manchmal: Ich muss eigentlich auch was erleben und unternehmen. Aber dadurch, dass ich hier viele Freunde aus der Jugend und der Schule habe, wollte ich hier in Sinsheim wohnen bleiben und nicht nach Heidelberg ziehen. Und hier kann ich vor dem Training auch länger schlafen (lacht)."

Oder länger Playstation spielen.

Süle: "Ja, eigentlich täglich (lacht)."

Beim Spiel Fifa 16 bist Du eines der größten Talente, mit besseren Werten als etwa Jonathan Tah oder Julian Draxler. Achtest Du auf die Stärken Deines Avatars?

Süle: "Ja klar – und dieses Jahr ist er echt gut (lacht). Gerade nach meiner Verletzung hätte ich nicht damit gerechnet. In meinem ersten Jahr bei Fifa hatte meine Figur Stärke 61, jetzt 78. Das hat mich schon krass gefreut. Jetzt kann ich wenigstens mit mir selbst spielen, ohne mich immer aufzuregen, dass ich so schlecht bin. Im Karrieremodus bekommt der Playstation-Süle mittlerweile auch immer Angebote aus England."

Manchester United?

Süle: "Im Moment noch eher Southampton (lacht)."

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