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SPIELFELD
17.08.2015

Dietmar Hopp: Kicken, Krieg und Kaugummi

Es ist die Geschichte eines Mannes, der seiner Heimat stets treu blieb: 75 Jahre Dietmar Hopp sind auch 75 Jahre Kraichgau und die Region. In einer Art Geschichtsstunde wollen wir Erinnerungen aufleben lassen – seine eigenen und die der Region. Erster Teil: die Kindheit.

Aufschwung, Wirtschaftswunder, Bilderbuchkarriere. Nichts davon war selbstverständlich, als Dietmar Hopp am 26. April 1940 in Heidelberg geboren wurde. Sein Vater Emil war Lehrer, seine Mutter wirkte als Hausfrau, mit dem jungen Dietmar als Nesthäkchen neben den älteren Geschwistern Karola, Wolfgang und Rüdiger. Eine Kriegskindheit im Kraichgau, mit all’ den Erinnerungen, die sich erst später zusammenfügen zu bleibenden, unvergesslichen Eindrücken. Der Krieg war für die Kinder dabei lange Zeit ein eher fernes Donnergrollen im Elternhaus an der Kreuzung Eschelbacher/Sinsheimer Straße in Hoffenheim, lediglich das Gelände im Wiesental diente als Ausweichlandeplatz für deutsche Kampfflieger.

Doch die Schlachten mit all ihrem Grauen erreichten 1944 auch den kleinen Dietmar. „Ich erinnere mich daran, wie mein Vater sich im Wohnzimmer eine Decke über den Kopf warf, um Radio zu hören oder sich im Schlafzimmer mit dem Radio unter eine Decke setzte, die ihm meine Mutter überstülpte. Der Anblick hat mich irritiert.“ Was der Vierjährige erst später erfuhr: Sein Vater hörte die so genannten „Feindsender“; ein Vergehen, sanktioniert mit der Todesstrafe. Eine beklemmende Erfahrung, gesteigert, als der Vater im Herbst 1944 zum Volkssturm einberufen wurde.

Der Krieg war präsent im Hause Hopp, auch wenn der Kleinste der Familie keine rechte Vorstellung hatte: „Ich habe mir die Russen, Amerikaner, Engländer und Franzosen so gar nicht richtig als Menschen vorstellen können. Ich wusste überhaupt nicht, wie die wohl aussehen.“ Entsprechend kindlich nahm er, wie viele andere seiner Generation, lange Zeit den Krieg wahr. Als die Stadt Mannheim eines Abends erneut Opfer der verheerenden Luftangriffe wurde, war Dietmar Hopp schlicht „fasziniert vom Feuerschein“, der bis nach Hoffenheim reichte. Woher sollte er auch ein Gefühl haben für das Elend, das damit einherging?

Den Tod hautnah erlebt

Denn der Alltag hieß: Morgens raus zum Spielen, da es zu jener Zeit in Hoffenheim schon keinen Kindergarten mehr gab. Und nach dem Mittagessen daheim ging es wieder hinaus, meist zu den Wiesen in der Umgebung des Bahnhofes. Allein. Unbefangen. Arglos. Bis zu jenem Tag, als er wieder draußen war, gemeinsam mit seinem ein Jahr älteren Bruder Rüdiger und dessen Freund Volker, der im gleichen Haus wohnte. Drei spielende Kinder auf dem Weg in den Wald, wie so oft, als sie ganz oben am Himmel einen winzigen Punkt ausmachten – ein Flugzeug. Er wurde größer.

600, 700 Meter waren es bis zum Elternhaus, als der Alarm kam. Instinktiv legten sich Rüdiger Hopp und sein Freund zum Schutz an einen Abhang – für Dietmar Hopp aber gab es nur den kindlichen Instinkt: „Ich wollte heim zur Mutter.“ Er rannte los, noch heute, so fühlt es der 75-Jährige, habe er „den Ruß vor Augen, der durch die Luft wehte“. Alles ist präsent. Furchtbar präsent: „Ich rannte zur Brücke, die über die Elsenz führt. Auf der anderen Seite lief ein Bauer davon. Dann hörte ich die Salve aus dem Jagdflieger, die den Bauern traf. Ich sah ihn stürzen. Am nächsten Tag kam die Gewissheit: Der Mann war tot. „Es war grausam“, sagt Dietmar Hopp. Dann schweigt er.

Man merkt ihm die Erschütterung an. Die Erinnerungen der Kriegsjahre, das hautnahe Erleben von Tod, Armut und Zerstörung vergeht nicht – egal, wie erfolgreich der spätere Lebensweg verlaufen mag. Die Prägung bleibt. Ebenso wie die Erinnerung an die Tage, als plötzlich fremde Soldaten kamen. In den frühen Morgenstunden des 2. April 1945 besetzen Einheiten der 7. US-Armee den Ort. Und er, der junge Bub, riss immer instinktiv die Arme hoch – als Zeichen der Aufgabe. Die Infanteristen aber lachten nur und drückten ihm die Arme wieder runter. „Sie haben sich amüsiert.“ Doch die GI standen auch im Hof des Hauses Hopp, dort, wo die deutsche Wehrmacht beim Rückzug einfach eine Panzerfaust abgestellt hatte. Die US-Amerikaner fürchteten Unheil. Wolfgang Hopp, damals 14, der älteste der drei Söhne, musste, eskortiert von den schwer bewaffneten GI, als menschliches Schutzschild dienen beim Durchsuchen des Hauses, weil sich die Alliierten ängstigten, es könnten sich deutsche Partisanen dort befinden. „Dieses Bild meines Bruders, mit dem Maschinengewehr im Rücken; das lässt einen nicht mehr los.“

Die Geschichte seines Vaters

Der Krieg war vorüber im Kraichgau, einen Monat später, am 8. Mai 1945, auch im gesamten Land. Jener Tag, von dem in Deutschland lange niemand sagen mochte, ob es Kapitulation und Niederlage bedeutete oder eben eine Befreiung war, wie es Bundespräsident Richard von Weizsäcker 40 Jahre später stellvertretend für das deutsche Volk formulierte. Für Dietmar Hopp zumindest stellten die US-Amerikaner alles andere als eine Gefahr da. „Das waren ja keine Feinde.“ Die Besatzer waren offen, freundlich, freigiebig, die Kinder in der Region bettelten um Kaugummis oder um die faszinierende Dose in den Händen eines GI, in der man einen Schatz wähnte, und die sich dann doch nur als Schuhcreme entpuppte – eine herbe Enttäuschung.

Für die Kinder im Kraichgau barg das Erscheinen der Amerikaner zudem Abenteuer. „Wir durften bei ihnen auf dem Jeep mitfahren. Das war spannend, aufregend“, erinnert sich Hopp. Die Kinder haben eine eigene, spontane Art der Vergangenheitsbewältigung. Die Erwachsenen jedoch beglichen alte Rechnungen. Hopp weiß noch sehr genau, wie eine der ansässigen Damen eines Tages rief: „Da hocken die Nazi-Buben auf dem Auto.“ Es war die Sippenhaft für seinen Vater Emil. Er war zwar nie Parteimitglied, als Lehrer aber nicht unüblich, Mitglied der SA und in das System der Nazi-Zeit verstrickt gewesen.

Dietmar Hopp hat sich der Geschichte seines Vaters, der bei seiner Geburt bereits 46 Jahre alt war und zu dem er „kein klassisches Vater-Sohn-Verhältnis“ mehr hatte, mit seinen Geschwistern Rüdiger und Carola später eindrucksvoll gestellt. Die daraus entstandene Freundschaft mit den beiden jüdischen Brüdern Menachem und Fred, die samt ihrer Eltern aus Hoffenheim deportiert wurden, hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Dietmar Hopp beschönigt nichts, er erklärt nur: Wie sein Vater habe büßen müssen in französischer Kriegsgefangenschaft und anschließend die Familie als Bauhilfsarbeiter in Mannheim durchbrachte, weil er aus dem öffentlichen Dienst suspendiert worden war. „Er hat auch einen Preis bezahlt.“

Der Krieg war vorbei, der Hunger, der Verzicht, die Armut aber blieben. Sie waren stärker als je zuvor. Die Kinder sammelten Zigarettenstummel auf, krümelten den Tabak mühselig zusammen und verhökerten ihn, tauschten ihn ein gegen etwas Essbares. Es hat ihn, wie alle in seiner Generation, geprägt. Die Zerstörung, der Abstieg ebnete dabei auch die vermeintlichen Standesunterschiede ein. Wenn niemand etwas hat, wollen alle nach oben. Die Mangelwirtschaft hat die Sehnsucht nach wirtschaftlichem Erfolg befördert; dies gehört sicher auch zu den Erklärungsmustern für das, was später „Wirtschaftswunder“ genannt werden sollte. Die Nachkriegszeit war voller Marter, mit den Müttern, die abends mit dem kleinen, abgestoßenen Ausgabebüchlein dasaßen und so lange rechneten, bis es auf den letzten Pfennig stimmte.

Alteisen sammeln für 50 Pfennig

Es gab wenig zu verteilen, aber dafür stetig mehr Menschen, die ernährt werden mussten. Die Zuweisung von Flüchtlingen in die Region sorgte für ein starkes Bevölkerungswachstum, Bauland musste erschlossen, die Stadt ausgedehnt werden. Es war Abriss und Auf bruch zugleich. Und die Zeit, in der sich die ersten Talente zeigten, in der Ehrgeiz gefragt war, Geschäftssinn und Schlitzohrigkeit. Dietmar Hopp sammelte in jener Zeit wie viele andere Alteisen ein („Am liebsten Kupfer, aber das gab es ja kaum“) und lieferte es beim Händler ab. Als jener ihm eines Tages 80 Pfennig geben wollte, protestierte der Siebenjährige: „Das ist zu wenig. Das müssen sie wiegen. Der Händler tat wie befohlen – und plötzlich waren es nur noch 50 Pfennig. Hopp hatte sich verpokert, aber der Nachbar, Herr Streib, nickte anerkennend: „Aus dem wird mal was.“ Er hat Recht behalten – und Hopp kann heute über die Episode herzhaft lachen: „Ich glaube, der Händler hat mich damals beim Wiegen betuppt.“ Aber Dietmar Hopp hatte es zumindest gewagt.

Und der Fußball? War die ganze Zeit über Ablenkung und Freude zugleich. Vor allem der neun Jahre ältere Bruder Wolfgang (der 1960 tödlich verunglückte) war ein ambitionierter Kicker, spielte in der badischen Jugendauswahl. Dietmar Hopp sehnte sich nach dem Fußball; die Erinnerung ist präsent, auch knapp sieben Jahrzehnte später: „Zu Weihnachten 1947 bekam ich einen Gummiball“, erzählt der heute 75-Jährige. „Er war nicht ganz rund, aber er war der helle Wahn. Ich habe den Ball den ganzen Abend an die Wand geschmissen und Torwart gespielt. Das war das allergrößte Glücksempfinden, das man sich vorstellen kann.“ Auch, weil es so unerwartet kam; er hatte sich erst gar nichts gewünscht: „So vermessen wäre ich nicht gewesen.“ Dietmar Hopp wusste sehr wohl, welche Mühen es gekostet haben musste, den Ball zu organisieren. „Es gab ja nichts. Ich weiß gar nicht, wo meine Eltern den hergebracht haben.“ Der Ball aber, welch‘ Pointe, blieb nicht lange in seinem Besitz. Es war, aus damaliger Sicht, ein Drama. Dietmar Hopp erinnert sich exakt: „Es war im Frühjahr, wir kickten wie so oft. Der Ball flog über den Wagen eines Bauern und wir suchten die andere Seite ab, wo Hauswände standen. Schnell war klar, dass der Bauer den Ball gefangen hatte. Als wir ihm dann hinterher rannten und ihn stellen wollten, hat er mit der Peitsche nach uns geschlagen.“ Die kindliche Trauer war groß, zum Trost gab es einen Ersatzball: „Der war noch weniger rund, aus Fahrradschläuchen zusammen geflickt“, lacht Hopp. „Er ist auch geflogen, aber er war nicht wie der erste Ball.“ Weil nie etwas so schön sein kann wie beim ersten Mal.

Das erste Spiel in Knickerbocker

So erinnert man sich stets an das allererste Gefühl. Das Rad, das sich Dietmar Hopp 1953 vom selbstverdienten Geld kaufte, nur einen Tag nach der Konfirmation seines Bruders. „Rüdiger kaufte sich von den Geldgeschenken ein schwarzes Rad, wirklich hübsch, aber meins war hellgrün. Noch schicker.“ Die gängige Brüderrivalität galt auch im Hause Hopp. Egal, ob es um das Rad ging, oder darum, wer nach dem abendlichen Regenguss mehr Weinbergschnecken sammelte, um sie zur Sammelstelle zu bringen und zu Geld zu machen. Dietmar Hopp hatte offenbar nicht immer das Nachsehen. Nur beim Fußball musste er sich lange gedulden. Seine Mutter hatte ihm das Kicken im Verein untersagt, nachdem sich Bruder Wolfgang eine schwere Knieverletzung zugezogen hatte, die seine Karriere jäh beendete. Es war nicht verhandelbar.

Bis zu jenem Tag, der inzwischen als Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland gilt. Der 4. Juli 1954: das Fußballspiel, das alles veränderte. Im Berner Wankdorf-Stadion traf Helmut Rahn nicht nur zum 3:2 im WM-Finale gegen die vermeintlich unschlagbaren Ungarn, stemmte Fritz Walter nicht nur den „Coupe Jules Rimet“ in den regnerischen Himmel, es war der Moment, als sich eine ganze Nation ihrer selbst wieder gewahr wurde. Der Tag, an dem es für einen Moment keinen verlorenen Krieg, keine Not, keinen Hunger mehr gab. Auch für Dietmar Hopp, den 14-jährigen Knaben änderte dieser Tag alles. „Es gab kein Halten mehr“, sagt er noch heute schwärmerisch. „Ich wollte auch Fritz Walter sein.“ Und so marschierte er zur TSG Hoffenheim, machte sein erstes Spiel, in der uralten Knickerbocker seines Bruders, die er auftrug. Nach heftigen Protesten musste er zumindest nicht mehr Rüdigers Schuhe auftragen. „Ich hatte dann doch deutlich größere Füße.“ Es war das Derby gegen Dühren, es endete 1:1. Die Hose riss. Der Fußball aber ließ Dietmar Hopp nie mehr los.

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